Thema: Robert.

  1. #1
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    Robert.

    Gestern regnete es auch schon. Die Welt wirkt grau und leer.'Tschernobyl-Wetter' nannte mein Vater sowas immer. Als er noch lebte, versteht sich.
    Ein paar wenige Stufen hinab, zur S-Bahn-Station. Da stehen sie auch schon, die Leute; ausdruckslos wartend, wie das in Deutschland so üblich ist. Ich tu es ihnen gleich. Gruppenzwang.
    Nach geschätzten 3 Minuten warten kommt die Bahn endlich, bleibt stehen, und öffnet ihre Pforten die ins Innere des
    urbanen Transportgeräts führen. Ein Schritt hinein, kurz umgeschaut - die gleichen leeren ausdruckslosen Gesichter - und schon sitze ich gegenüber eines alten Rentnerpaares.
    Ich mache es mir bequem. Das Paar blickt mich argwöhnisch an. Ich schau hinaus aus dem Fenster, obwohl es nun, da die S-Bahn in Fahrt kommt und sich ihren Weg durch die unterirdischen Tunnel bahnt, nichts zu sehen gibt, außer Schwärze.
    Nur selten lasse ich meinen Blick schweifen, sorgsam darauf bedacht, keinen zu lange anzuschauen.
    Endlich hält die Bahn an meinem Zielort. Aufstehen, aussteigen, beim laufen richtung Treppe Gesprächsfetzen
    aufschnappen; ein Mann mit ungepflegten langen Haaren - wohl Student - der einer angewidert schauenden jungen Frau erklärt, dass er S-Bahn fahren sehr mag, auch wegen der 'Selbstmordmusik'. Glockenspielartige Musik erschallt von irgendwo, wahrscheinlich von einem Handy. Was auch immer.
    Schnell hoch. Ab zur Straßenbahnstation. Dort die gleiche Warteprozedur absolvieren. Straßenbahn kommt. Ich befördere mich ins Innere und setze mich. Bevor die Straßenbahn ihre Türen schließt und wegfährt, steigt ein fragwürdiger Typ ein, mehrere Regenschirme unter seinen Arm geklemmt, und fragt laut, ob jemand Regenschirme kaufen möchte. Niemand reagiert.
    Die Türen schließen sich, die Bahn fährt los. Der Regenschirmmann bleibt stehen, eine Hand an der Haltestange, und nickt ständig mit dem Kopf.
    An der nächsten Haltestelle steigen zwei weitere dubiose Gestalten ein.
    Einer der Männer hat einen kleinen Klapptisch unter einem Arm, und einen Laptop unter dem anderen. Der zweite Kerl hält ein altmodisches Festnetztelefon in seinen Händen. Kurios.
    Der Klapptischmann stellt den Klapptisch mitten in der Straßenbahn auf, platziert seinen Laptop darauf, und meint, dass
    der Telefontyp sein Telefon dort neben den Laptop stellen soll, was dieser dann auch macht.
    Nun ergreift der Klapptischmann das Wort. Wir sollen Teil ihrer Widerstandsbewegung werden, es gäbe dann auch Sex und Drogen für Alle. Okay. Was auch immer.
    Plötzlich bedrohlicher Lärm von draußen. Luftschutzsirenen kreischen. Wie im Krieg. Die Bahn bleibt stehen. Verwirrung.
    Ein Trupp schwerbewaffneter Soldaten stürmt überraschend die Bahn; einer von ihnen sagt, es sei alles in Ordnung, keine Panik.
    So vergehen einige Minuten die mir unendlich lang vorkommen. Erschrockene verwirrte Gesichter überall.
    Regenschirmmann, Klapptischmann und Telefonmann sind seit ihrer spektakulären Auftaktsaktion völlig inaktiv. Scheinen wohl ihr Pulver verschossen zu haben und sind nun zur völligen Passivität verdammt.
    Die Soldaten schreiten die Bahn ab, tuscheln kurz miteinander, dann verlassen vier der fünf Soldaten die Bahn.
    Alle Türen bis auf Eine, durch welche die Soldaten kamen und gingen, sind geschlossen.
    Der verbliebene Soldat bleibt mitten auf dem Gang zwischen den Sitzen stehen, und blickt sich herrscherisch um. Eine
    Frau, die unbemerkt hinter ihm von ihrem Sitz aufstand, versucht an ihm vorbei zum Ausgang zu kommen.
    Der Soldat bemerkt das, droht ihr lautstark, sie dürfe die Bahn nicht verlassen
    Die Frau hört nicht auf ihn, versucht es dennoch; der Soldat schlägt ihr unvermittelt ins Gesicht. Keiner der Fahrgäste
    rührt sich zunächst. Auch ich bleibe völlig passiv. Höre die Frau schluchzen.
    In diesem Moment steht ein junger Mann, ca anfang zwanzig, von seinem Sitzplatz auf, und schreitet auf den Soldaten zu. Fragt ihn was das soll. Doch der Soldat droht auch ihm mit Schlägen.
    Ich starre gebannt.
    Der junge Mann lässt sich davon scheinbar nicht abschrecken, versucht erneut den Soldat zur Rede zu stellen; dann
    schlägt der Soldat zu, doch der Mann weicht ihm geschickt aus. Und nochmal.
    Nun sagt der junge Typ laut:
    "Mein Name ist Robert Henschel."
    Alle schweigen.
    "Ich wurde geboren in Frankfurt am Main..." in diesem Augenblick versucht der Soldat erneut Henschel zu attackieren,
    doch scheitert abermals.
    "Ich besuchte das Lessing-Gymnasium, und...", wieder Attacke, wieder Fehlschlag,
    "...und machte eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Nach nur einem Jahr brach ich...", nun droht der Soldat ihm mit seiner Waffe, was Henschel jedoch nur mit einem müden Lächeln quittiert und unbeeindruckt weiterspricht:
    "...nach nur einem Jahr brach ich die Ausbildung ab, um mich endlich um die Probleme kümmern zu können, welche mich am Erreichen meiner wahren Ziele hindern."
    Alle Fahrgäste schauen gebannt und völlig perplex auf Robert Henschel, wissen nichts mit all dem anzufangen; ich denke einfach gar nicht darüber nach. Die Wut des Soldaten hingegen scheint langsam einer art Verzweiflung zu weichen. Seltsam.
    "Diese Probleme sind... Menschen wie er." Henschel zeigt mit dem Finger auf den Soldaten, welcher nun irgendwie
    tatsächlich verängstigt wirkt.
    "Leute wie er sind der Grund, weshalb man sein Ziel nicht erreicht, weshalb man einen Kampf zu kämpfen hat. Leute wie ihn gillt es zu bekämpfen!"
    Zaghafter Applaus von einigen Leuten; ich gehöre nicht dazu, wüsste nicht warum.
    "Also steht auf, Leute. Lasst euch nichts gefallen!"
    Zustimmende Rufe, lauter werdender Applaus. Ein paar Leute stehen auf.
    Der Soldat indes scheint fast körperlich zu leiden, steht nicht mehr aufrecht, sinkt in sich zusammen.
    "Er hier..." wieder zeigt er auf den Soldaten.
    "Er ist nicht wie wir! Das könnt Ihr wohl klar sehen! Unser Feind, das ist er!"
    Spontane Jubelrufe.
    Einige Leute schreiten auf den am Boden knienden Soldaten zu, und gruppieren sich um ihn herum; schreien ihn an, wie eine Horde wilder Affen.
    Immer lauter, immer aggressiver; absurd.
    Der Soldat hingegen, mittlerweile auf allen Vieren kriechend, scheint nun zu jammern. Klagelaute, die dem Jaulen eines
    Hundes ähneln.
    Ich bleibe noch immer sitzen. Ernte dafür ein paar böse Blicke, wie mir scheint.
    Robert Henschel steht nun auf einem der Sitze, breitet die Arme in einer theatralischen Geste aus, und ruft mehrmals:
    "Sprengt die Ketten!"
    Leute stimmen ein, fast die ganze Straßenbahn schreit "Sprengt die Ketten!".
    Fast alle, außer ich. Wieder böse Blicke; diesmal eindeutig.
    Der Soldat, welcher nun keine Ähnlichkeit mehr hat mit dem herrscherischen Frauenschläger der er eben noch war, sammelt seine letzten Kräfte, hebt den Kopf, und ruft mit weinerlicher Stimme:
    "Ihr wisst doch gar nicht, was das bedeutet!"
    Ich jedenfalls weiß es wirklich nicht.
    Geändert von fantfant (22.02.2013 um 16:41 Uhr)

  2. #2
    Jazemel Guest
    hallo fantfant,

    dass die kurzgeschichtenrubrik weniger gut besucht und kommentiert ist, als die gedichterubriken, ist leider standard, aber dass du so gar keine kommentare auf deine kurzgeschichten bekommst wundert mich dann doch.
    ich mag an deinen geschichten diesen einen schritt zur seite, vom normalen zum surrealen und dass oft das surreale element nicht so abgehoben ist, dass es nicht doch wahrscheinlich sein könnte.

    an dieser geschichte gefällt mir, dass der verlauf beinahe in einem kammerspiel endet. der enge raum des straßenbahnwagons, die sich herauskristallisierenden persönlichkeiten des erzählers und roberts.
    die geschichte beginnt gut mit szenen, die jeder kennt, so oder ähnlich erlebt hat, vertrautes terrain also. der alltägliche trott, der aber auch eine sicherheit bietet und diese wird dann gesprengt.
    etwas eigentlich unfassbares bricht über die leute in der straßenbahn herein, durch gewalt und von jetzt auf gleich zerbricht die scheinbare sicherheit. finde ich sehr gut gestaltet, auch, weil keine erklärung geliefert wird, warum niemand die bahn verlassen darf.
    ein kriterium wäre vielleicht, warum der soldat sich so leicht aus dem konzept bringen lässt, nur weil seine schläge ins leere gehen. bei einem soldaten erwartet man eigentlich auch eine waffe, welche die drohung unterstreicht./unterstützt.
    aber wenn man bedenkt, dass es immer wieder geschieht, dass leute auf offner straße, in bahnen o.ä. zusammengeschlagen werden, ohne dass jemand hilft und sich niemand muckst, ist es soweit nicht von der realität entfernt.
    den regenschirmmann finde ich im plot sehr stimmig und war aber bei den beiden männern mit laptop und telefon eine weile am schwanken, ob das nicht eine nummer zuviel der skurilitäten wäre, aber im gesamtbild, dass diese beiden vertreter einer wie auch immer gearteten widerstandsbewegung lapidar gesagt die klappe halten und den hintern zukneifen, das hat dann doch wieder etwas.

    was mir aber besonders gefallen hat ist der schluss. das aufzeigen (ob nun beabsichtig oder nicht) wie tyrannei aus vermeindlich guten motiven entstehen kann, wie ausgrenzung funktioniert und mitläufertum. und das alles in eine kurzgeschichte verpackt.

    eins noch.... schreiten....einmal schreitet robert ein anderes mal schreiten einige leute aus der bahn und das wort passt so gar nicht. die braut schreitet zum altar, oder der papst auf den balkon, aber ansonsten ist diese unnatürliche, gespreizte art des gehens eigentlich nicht teil des bewegungsablaufs und passt nicht zur szenerie. das würde ich abändern.

    ich hab deine geschichte gerne gelesen und mich damit beschäftigt und wenn ich wieder ein zeitfenster habe, kommentiere ich noch weitere von dir, also bitte nicht löschen.


    gruß,

    jazemel

  3. #3
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    Danke fürs lesen und kommentieren.
    was mir aber besonders gefallen hat ist der schluss. das aufzeigen (ob nun beabsichtig oder nicht) wie tyrannei aus vermeindlich guten motiven entstehen kann, wie ausgrenzung funktioniert und mitläufertum. und das alles in eine kurzgeschichte verpackt.
    Nicht bewusst beabsichtig, träumte die Geschichte mehr oder weniger tatsächlich so :e

    eins noch.... schreiten....einmal schreitet robert ein anderes mal schreiten einige leute aus der bahn und das wort passt so gar nicht. die braut schreitet zum altar, oder der papst auf den balkon, aber ansonsten ist diese unnatürliche, gespreizte art des gehens eigentlich nicht teil des bewegungsablaufs und passt nicht zur szenerie. das würde ich abändern.
    Schon. Wie gesagt, finde sie selbst Schreibmäßig nicht gut. Der Traum war nur so seltsam und ausführlich, dass ich ihn notieren musste. Sollte es irgendwann noch richtig überarbeiten.

    Gruß

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