Aethers Reim‘

Heut bist du fünfundneunzig Jahre,
die Augen blind und ohne Haare.
Du zurrst im Rolli hin und her
ich sage dir: Ich kann net mehr.

Denk ich an dich, du greise Schachtel,
schabt‘ ich den Kalk ab mit ner Spachtel.
Es wird mir klar mit Magenstich:
seit Jahren schon: Ich hasse dich!

Du würdest frech den Himmel erben
und denkst du müsstest niemals sterben.
Gern würd ich deiner Mutter schreiben,
dich Balg retourwärts abzutreiben.

(Klar, die beglückt nun seit Dekaden,
als Fraß die Würmer, Käfer, Maden.)
Auch schaff ich‘s nicht mich zu verrenken,
um dich im Bad mal zu ertränken.

Dazu ist mein Gebein zu müde,
auch wär ein Mord so spät zu rüde.
Viel besser ist‘s auf jeden Fall,
man quält dich hier im Pflegestall.

So bin nur ich heut Gratulant
mit einer Lilie in der Hand.
Ich sag kein Wort, weil du bist taub
stell hin die Vase mit Verlaub.

Vergangen lang, doch sicherlich,
gab’s einen Tag, da liebt' ich dich.