1. #1
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    mauerblümchen

    sprayen uns eure betonrasen
    mit eigenen geboten und parolen
    bunt.

    sprengen mit schriftblüten
    zementmärkte und trotzig gelb
    wie löwenzahn asphalt.

    ziehen euch risse in die glattgeleckten
    mauern: freeclimbing
    in der trabantenstadt -

    du fühlst erst, dass du lebendig bist,
    wenn du weißt, dass du hart fällst,
    wenn du fällst.

    also fällst du nicht.
    so einfach ist das

    leben.





    (c) goSenkind
    Kleingeist, dem Reimkleid eingeschweißt,
    verneint, wem dreist Gedeih verheißt,
    die Reimfreiheit, die keimt. Denn meist
    bleibt Feind, der deren Sein beweist.


    (c) gossenkind

  2. #2
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    ui. noch kein kommentar? nun, so richtig drive bekommt der text für mich erst ab der dritten strophe, dafür da aber richtig. hier steckt für mich der eigentlich tiefsinn und kern drin:
    [...]freeclimbing
    in der trabantenstadt -

    du fühlst erst, dass du lebendig bist,
    wenn du weißt, dass du hart fällst,
    wenn du fällst.

    also fällst du nicht.
    so einfach ist das

    leben.
    das liest sich nicht nur in der dargestellten trabantenstadtszenerie treffend, es lässt sich auch so wunderbar als allegorie auf die leistungsgesellschaft übertragen.
    die ersten zwei strophen wirken auf mich bemüht und etwas sehr stereotyp. ich denke, du wolltest hier so ein bild von urbanität evozieren. bei mir zündet das irgendwie aber nicht.

    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  3. #3
    Anjuleanga Guest
    Liebes Gossenkind,

    Auch ich empfinde die letzte Strophe in einer gewisseen Inkongruenz zu den ersten. Doch ging es mir dabei komplett anders. In den ersten drei Strophen sehe ich noch das Mauerblümchen, welches die schöne heile Welt kaputt macht, wie widerspenstiges Unkraut in seinem wilden Dasein umgeben von einer fragwürdigen Ästhetik. Der Sprayer, der Aktivist, der Rebell, der Unbeugsame, geboren in der spiessbürgerlichen Umgebung. Angedeutete Bilder , die im Kopf konkret werden. Bis hierher sehr prägnant.
    Und dann sieht man plötzlich Jonny, den Asphaltcowboy, wie immer an die Mauer gelehnt, die Lebensweisheit der Straße in den halbgeschlossenen Augen aufblitzend, ein letzter, lässiger, schmallippiger Zug aus der Filterlosen, eine Karrikatur seiner selbst, mit knarzender verrauchter Stimme.,, Hör zu man, was ich dir jetzt sage, sage ich nur einmal, ist das klar?! Du bist tot! Mausetot! Und du fühlst erst, dass du lebendig bist, wenn du weißt, dass du hart fällst. Vergiss also alles, was man dir vorher erzählt hat! Erst wenn du fehlst, mein Junge, fällst du nicht auf. Fälle niemals Mauerblümchen, hörst du. So einfach ist das mit dem Leben und nicht anders." Und mit den letzten Worten fällt die verbleibende Glut und wird mit dem Stiefelabsatz zermalmt.
    Die Lebensweisheit der letzten Strophe mag noch so richtig sein, einmal ausgesprochen kommt sie ausgesprochen altklug daher. L.G.A.

  4. #4
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    hallo, anjuleanga und kajn k.,


    intereSant, wie sich eure lesarten unterscheiden. das ist, was lyrik zu einer der spannendsten kunstgattungen macht neben der abstrakten malerei, find ich.
    ja - der bruch zwischen den einleitenden strophen, die erstmal das bild des settings malen, und der eigentlichen aussage der in diesem lebensraum befindlichen ist gewollt. so wie ja auch der titel ganz anders aufgefaSt werden kann und dem text kontrapunktuell gegenübersteht.

    als lebensweisheit war da eigentlich nichts gemeint. zumindest nicht als bewuSt solche geäuSerte. sehr wohl aber vermutlich als eine gezwungenermaSen früh erworbene - und die bestmögliche, die du in einem solchen rahmen "erwerben" kannst. wie anders willst du dich in solchen ghettos ohne grün und einer lebenssituation ohne rechte erfüllung lebendig fühlen als als grenzgänger an der gefahr - und sogar die musste dir noch selbst schaffen? wenn du dir nix leisten kannst, was dir abwechslung oder input verschaffen könnte, suchst du dir in der wüste eben deine eigenen herausforderungen und deinen eigenen lebensinhalt. einen, den du fühlen kannst. und wenn eigentlich mangels zukunftsperspektive einerlei ist, was du aus dir machst und mit deiner zeit anstellst, willst du wenigstens fühlen, daS dein dasein irgendeinen zweck hat. und wenns nur der des überlebens ist. das dann aber bitte hautnah und von der intensität her potenziert.

    so, wie kinder sich ihre herausforderungen suchen, an denen sie wachsen können im spiel, suchen jugendliche, die gar nicht wirklich kind sein durften, die auch. grenzen ausloten, weil grenzen auch halt bedeuten. das meinte ich eigentlich. ist vielleicht zu psychologisch für manchen - ist aber das, was läuft. vandalismus ist auch nix anderes als grenzen auszureizen und eigentlich zu hoffen, es werden auch mal von irgendwem welche gesetzt - um halt zu fühlen.
    und nicht hart zu fallen, weil man sich selbst ausreichend halten konnte, ist das ganze halt-fühle-spielchen auf der psychischen ebene.

    altklug ist da nicht wirklich was. wenn überhaupt "klug", dann in gewisser weise nah am erkennen von einer (möglichen) eSenz, die "leben" ausmacht. allerdings kein bewuStes.

    wenn das als altklug ankommt und als weises sprücheklopfen von knallharten asphaltcowboys, kann ich das wohl nicht ändern. entfernter aber könnte die lesart nicht sein. der johnny is halt extrem oberflächlich und realitätsfern als bild und klischee-vorstellung einer ghettojugend. käme mir nie in den sinn.
    natürlich werden solche "sprüche" in johnny-tonfall geäuSert. sie meinen aber was anderes. und das kann man auch hören, wenn man weiS, was eigentlich gesagt werden will und warum das nur so geht. sich bloS nich verletzlich zeigen! mit gefühlen fällste nämlich auffe schnauze. die welt um dich macht zu und weist dich ab. warum also solltest du aufmachen? du willst sie gar nich brauchen und brauchst se aber doch.

    wenn das gedicht erst im wesentlichen teil zündet, kann ich damit gut. ich persönlich mag texte, die sich erst im verlauf "entfalten" und nicht gleich loswummern.

    auf jeden fall danke euch beiden für die kommis, die ich als sehr informative rückmeldungen lese.


    lg

    goSenkind
    Geändert von gossenkind (03.04.2012 um 18:10 Uhr)
    Kleingeist, dem Reimkleid eingeschweißt,
    verneint, wem dreist Gedeih verheißt,
    die Reimfreiheit, die keimt. Denn meist
    bleibt Feind, der deren Sein beweist.


    (c) gossenkind

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