Thema: Hopfenklopfen

  1. #1
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    Hopfenklopfen

    Saunett nach Dali

    Oh! Zieht der Wahnsinn
    kühn der Wunderlampe Pfropfen.
    Die Ohren hören
    wundersames Hopfenklopfen.
    Im Schlaf gegoren
    fallen nächtlich träge Tropfen.
    Die Leitung, altersundicht,
    lässt sich nicht mehr stopfen.
    Ist gar noch andres drin
    als nur die Hopfentropfen?

    Der Wahn im Sinn ist schaumgeboren,
    selbst Wunderlampen schämen sich im Möchtegern.
    Ich stopf mir Hopfen in die Ohren,
    verdrücke mich zum allerfernsten Stern.

  2. #2
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    Liebe Medusa,

    dem Saunett nach Dali fehlen meines Erachtens nach noch zwei wichtige Zeilen:


    ...
    und schick den schrägen Ohrenhopfentoren
    Tränentropfen für die Ohren.


    Das Oh! am Beginn ließ mich schon schallend Ohrenhopfentränen vergießen.

    Liebe Grüße Dir und Deinen Ohrenhopfentoren
    Eremit
    -------------------------------------------
    Weh denen, die dem Ewigblinden
    Des Lichtes Himmelsfackel leih'n!
    Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
    Und äschert Städt' und Länder ein. (F. Schiller)

  3. #3
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    Lieber Eremit .

    Als "Toren" bezeichnest du also ernsthafte Dichter? Na warte, ich krieg dich noch .

    Sagt nicht die Rubrik deutlich genug, dass es sich hier um ein zum Nachdenken zwingendes und zum Philosophieren geradezu nötigendes Werk handelt?

    Deine beiden Verse übertreffen natürlich die Tiefe, die Trauer und die Düsternis des Inhalts um ein Vielfaches; herzlichen Dank für deine beseelte Rückmeldung.

    Viele liebe Grüße und trockne bitte deine Tränen,
    Medusa.

  4. #4
    Sanssouci Guest
    Liebe Medusa!

    Ich bin tief beeindruckt von diesem, deinem Werk. Hier ist wieder einmal Großartiges von dir zu lesen.
    Meine Lieblingsstelle:
    Der Wahn im Sinn ist schaumgeboren,
    selbst Wunderlampen schämen sich im Möchtegern.


    Es grüßt dich ein sorgenfreier Sanssouci

  5. #5
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    Liebe Medusa,
    in diesen Versen spürt man auf Schritt und Tritt die hopfenleichte Heiterkeit eines von handwerklichem Können getragenen Wunderlampengeistes, einer Zauberin der Poesie, die dem Betrachter auf unvergleichbare Weise den Sinn des Wahns in die Ohren tropft.
    Ich bin beeindruckt und sende Dir liebe Grüße!
    Galapapa

  6. #6
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    Liebe Medusa,

    Dieses Gedicht von hoher lyrischer Qualität regt zum Nachdenken an. Die Frage ist: Was will der Dichter hiermit sagen.
    Ist es nicht dies, was Lyrik wirklich ausmacht? Die Frage nach dem Sinn und Sein?
    Wie weit sind unsere Gedanken schaumgeboren und welche Wunderlampen ( ich vermute, Du meinst die Gedanken, den Geist) sind nicht den Irrungen der äußeren Eindrücke ausgesetzt?
    So lässt sich auch der erste Vers erklären:
    Wird der Pfropfen der Verblendung gezogen, bleibt zumeist aus purer Verzweiflung nur noch das Hopfenklopfen. Die nächtlichen Tropfen könnten eine direkte Folge davon sein. Ganz offensichtlich erzählst Du hier auch von gewissen anderen Substanzen, auf die hier aber nicht näher eingegangen wird.
    Ich erkenne dieses Stück als tragisches Schicksal des Menschen der, von seiner Verblendung befreit, sich in suchterzeugende Substanzen flüchtet um damit der realen Welt zu entfliehen (allerfernsten Stern ).
    Interessant finde ich, dass sich dieses Saunett nach Dali auch bei anderen Autoren findet. Ich vermute, dass es sich hier um kosmische Turbulenzen handelt, sozusagen in Vorbereitung auf den 21. Dezember 2012.

    Ich grüße Dich mit nachdenklichen Gedanken,
    Klatschmohn
    ©Klatschmohn
    Überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus. Alexander v. Humboldt

  7. #7
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    Guten Morgen zusammen,
    meine Tränen fließen unaufhaltsam beim Lesen eurer Kommentare; euer Verständnis rührt mich zutiefst.


    Lieber Sanssouci,
    ja, genau diese beiden Verse waren mir eine Herzensangelegenheit; sie vertiefen mein Anliegen und spiegeln meine seelische Verfassung.
    Ich danke dir ganz herzlich.
    Viele liebe Grüße,
    Medusa.


    Lieber Galapapa,
    Oh! Dein großes Lob zu meiner Kunst trocknet meine Tränen. Und ja, ich zeige Wege auf und verdichte in diesem Trauerspiel auch ein wenig Hoffnung, Zuversicht und Heiterkeit, wenn auch sehr verhalten. Denn unsere Wirklichkeit ist düster.
    Ich danke dir.
    Herzliche Grüße,
    Medusa.


    Liebe Klatschmohn,
    Du hast dir viele Gedanken gemacht und sie treffen alle mein Befinden. Es ist wunderbar, solch wohl durchdachte Kommentare zu lesen. Dein tiefes Vertändnis ist Balsam für meine geschundene Seele. Mein Wunsch, mich mitzuteilen, meine Gefühle offen zu legen und dein Zuspruch machen uns zu Schwestern im Geiste.
    Herzlichen Dank.
    Viele liebe Grüße,
    Medusa.
    Geändert von Medusa (03.04.2012 um 19:16 Uhr)

  8. #8
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    hallo medusa
    das ist eine würdige fortsetzung der beschreibung von (un-)dichters nächlichen nöten, wie sie hans plonka mit "blähungen" eröffnete. im ernst, der spass ist gross.
    aber ich habe zwei fragen:
    1. wie ist es möglich, dass hier "galapapa" dein gedicht lobt und gleichzeitig auf gedichte-eiland für dasselbe gedicht von dir gelobt wird? seid ihr ein autorenpaar oder was?
    2. sollte sich die erste frage befriedigend beantworten lassen, könntest du mir vielleicht noch erklären, warum so ein tröpfchengedicht lyrik bedeutet, "mein geburtstag" von monique aber nicht? machen es die paar reime denn um so viel lyrischer?
    lg wilma27

  9. #9
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    Liebe Wilma .

    Zuerst zu deinen Fragen:

    1. Du bist sehr aufmerksam in den Foren unterwegs aber nicht genug; such mal noch ein bischen weiter - schließlich ist bald Ostern .
    2. Ist es so schwer zu erkennen, dass dies hier, einschließlich der Rubrik und der Kommentare, totaler Blödsinn ist? Lyrik? Aber selbstverständlich ! Selbstherrlichkeit in den Antworten wirst du allerdings nicht finden!

    Die "Fortsetzung" bestimmter Werke ist nicht beabsichtigt und wenn du Kritik heraus liest, dann ist sie allgemein, nicht gezielt.

    Dein "großer Spaß" beim Lesen freut mich sehr.
    Herzliche Grüße,
    Medusa.
    Geändert von Medusa (04.04.2012 um 14:10 Uhr)

  10. #10
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    Hallo medusa!
    Bin heute als Gastkommentator wieder mal vor Ort!

    Die Vertriebsstrategie dieses Textes scheint ja bemerkt worden zu sein und trägt schon jetzt dicke Tomaten an den Zweigen

    doch nun zur Lührrig des Textes:

    Ein "Saunett" nach Dali...eine Art proklamatischer Hinweis auf die surrealistischen Welten...
    Eingeleitetet mit einem sechshebigen Jambus ...also auch hier wieder die Ignoranz gegenüber dem eigentlich angezeigten Fünfheber, eines sonettüblichen fünfhebigen Endecassillabo.
    Die weitere Metrik zeigt ganz offensichtlich wie sich nach und nach - zwar noch jambisch gehalten - eine Rhythmusverschiebung ergibt, die man am besten in der Langzeilenschreibung erkennt und als progressive Wahnetablierung bezeichnen könnte:


    Oh! /Zieht der Wahnsinn /kühn der Wunderlampe Pfropfen.
    Die Ohren hören /wundersames Hopfenklopfen.
    Im Schlaf gegoren /fallen nächtlich träge Tropfen.
    Die Leitung/, altersundicht,/lässt sich nicht mehr stopfen.
    Ist gar /noch andres drin/ als nur die Hopfentropfen?

    Der Wahn im Sinn ist schaumgeboren,
    selbst Wunderlampen schämen sich im Möchtegern.
    Ich stopf mir Hopfen in die Ohren,
    verdrücke mich zum allerfernsten Stern.

    Ich möchte auf das Adjektiv "gar" in Z5 der Langzeilenversion hinweisen, daß anscheinend keine Zustandsbezeichnung eines Brathänchens sein soll.
    Der Text erscheint zweiteilig - enspringt aber ein und dem selben Wahn.
    Die versteckten Aufforderungen: wieder einmal einen Urologen aufzusuchen (Z3und Z4) - siehe Kommentar von Galapapa - könnten auch eine erotische Grundlage - in Gestalt starker Triebaufwallungen - haben.
    ...hygienisch...nun ja -aber das ist ein andere Sache...
    Auffällig ist das Reimchaos...Binnenseereime, die Hopfen/Tropfen/klopfen Zeilen stopfen.

    Ich lese aus dem Text starke Sympathien zu Dali heraus und eine gewisse Abkehr aus der Strenge der Realität- und nicht zuletzt die Bestärkung triebhaft zu bleiben, assoziativ zu schreiben und Geduld zu haben bis all dies ordentlich zu nächtlichen Versbergbesteigungen vergoren ist (siehe Z3)...ob dann von der nächtlichen Zugspitze Träume oder Schäume bleiben...ja das wäre dann die Frage.

    man könnte hier meckern wie man wollte - der Wahnsinn hat System!
    Genau wie bei Dali und den Surrealisten - solcherlei kulturvollen Wahnsinn sollte man an lauten Plätzen lesen - ähnlich wie Bonduells Texte.
    Eine sich inhaltlich verjüngende Fabel auf die korumpierten Lyrikcodes der Neuzeit!

    Ich gebe der Verfassung zu bedenken, daß Eremitens Vorschlag in etwas dalisierterer Form in den Wahnwitz eingesponnen werden könnte.

    Grüße aus meinen Lach- und Dachstübchen im Taunusgebirge
    gitano
    Geändert von gitano (03.04.2012 um 18:52 Uhr)

  11. #11
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    Hopfenklopfen

    Liebe Medusa,

    ein Gedicht das zum Nachdenken anregt und zu Gedanken inspiriert. Habe darauhin auch gleich das Gedicht "Der Hopfentrunk" (Humor/Pantum) geschrieben. Trotz der humorvollen Darstellung hast Du hier hier doch eine Tiefe in der Hopfendichtung die auch herausgelesen werden kann. Das Bier, seine Bedeutung und Wirkung ist ein gutes Thema dass hier gut in die Leser tropft.

    LG Hans
    Geändert von Hans Plonka (03.04.2012 um 18:30 Uhr) Grund: Ergänzung
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  12. #12
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    Lieber Gitano, sehr verehrter Herr Gastkommentator .
    Ich möchte auf das Adjektiv "gar" in Z5 der Langzeilenversion hinweisen, daß anscheinend keine Zustandsbezeichnung eines Brathänchens sein soll.
    Ich lach mich kaputt! Allerdings: du scheinst den Ernst des Werkes nicht ganz verstanden zu haben .

    Dein Kommentar ist sehr umfang- und äußerst lehrreich. Du wirfst Fragen auf, die es wert sind, intensiv bedacht zu werden. Sehr erfreulich, dass du das System im Wahn hervor hebst, denn genau das ist der Kern!
    Ich gebe der Verfassung zu bedenken, daß Eremitens Vorschlag in etwas dalisierterer Form in den Wahnwitz eingesponnen werden könnte.
    Eine gute Idee, mal schauen, was sich machen lässt .

    Vielen lieben Dank für deinen wunderbaren Kommentar.
    Herzliche Grüße,
    Medusa.


    Lieber Hans .

    Wie ich lese, gefällt dir der „tiefere Sinn“ des Hopfentropfenwerkes. Jeder Tropfen, der in einen Leser tropft, bleibt vorhanden, hoffentlich auch ohne Pfropfen .

    Lieben Dank für deinen lustigen Kommentar.
    Ich grüße dich herzlich,
    Medusa.

    Geändert von Medusa (04.04.2012 um 07:26 Uhr)

  13. #13
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    Liebe Medusa,
    das ist wirklich ein wunderbares Werk und passt wirklich zu meinem "Saufgedicht"
    Dass du hier etwas mehr vom dichterischen Können verstehst, ist sicher klar.
    Auch ich habe lachen müssen, zwar nicht gleich "Hopfentropfentränen" weinen, dennoch lachen
    Eine weitere (oder vlt mehrere) schöne (fast!) Sauforgien wünsche ich dir und auf dein Wohl!
    Prost, P.
    Bitte beachtet die Grundregeln!

    Hilfreiche Themen: Lyrisches Lexikon der Nachteule, Gedicht- und Strophenformen (Unterforum), Metrikfragen (Unterforum)

    Kommentar gewünscht? >>> Guckst du hier

    (wahrscheinlich unvollständiges) Werkeverzeichnis: Auf den Spuren der Krimikatze

  14. #14
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    Hallo Medusa und alle Mitgehopften,
    mit sehr viel Spaß habe ich verfolgt, wie es unseren hopfenseeligen Versen in den letzten Tagen ergangen ist.
    Ich finde das stundenlange Pollieren der Rohfassung hat sich gelohnt, denn offenbar scheint es auf viele Leser wie aus einem Guss zu wirken. Und wir haben es geschafft, durch diesen gemeinsamen Schliff, dem anfangs nahezu sinnfreien Werk Leben einzuhauchen. Ich war erstaunt und erfreut in welche Tiefe sich einige Interpretationen von "Nichteingeweihten" vorgewagt haben. So viel ernsthafte Auseinandersetzung würde man sich für manches seiner Gedichte, die einem am Herzen liegen, nur wünschen.
    Was wir vor allem geschafft haben das Forenleben ein wenig neu zu beleben.

    Was bleibt ist in jedem Fall ein gutes Gesamtfeeling

    gehopfte Grüße an alle Mittäter und Gönner vom Herbstblatt

  15. #15
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    Hallo zusammen .
    Ich glaub, ich muss allmählich den "Knoten" lösen: Unser Drittes Berliner Dichtertreffen gipfelte zu vorgerückter Stunde in diesem Gedicht. Acht Dichter waren mit ein oder zwei Versen daran beteiligt. Wir haben es in drei Foren gepostet und uns gegenseitig mit Kommentaren hoch gejubelt. Sowohl die Rubrik als auch unsere Kommentare waren albern und absoluter Blödsinn; wir haben uns köstlich amüsiert! Niemand soll sich angegriffen oder gar verunglimpft fühlen.

    Liebe Peggy .
    Dass dieses "Kunstwerk" nicht allein auf meinem Mist gewachsen ist, habe ich oben schon erklärt. Ich gebe dein Kompliment hinsichtlich unseres "dichterischen Könnens" gerne an die anderen Poeten weiter .
    Mich freut es sehr, dass dir unsere Gemeinschaftsarbeit gefallen hat und danke dir herzlich für deinen Kommentar.
    Mit lieben Grüßen zum Osterfest,
    Medusa.


    Liebes Herbstblatt .
    Als "Mitgehopfte" bist du natürlich bestens informiert .
    Ich meine auch, dass sich das Schleifen und Polieren gelohnt hat, das Ergebnis klingt in der Tat sehr gut. Zwei "dalistisch bereinigte" Verse (ich zitiere Gitano) fehlen noch, dann sind wir komplett .
    Die Kommentare der Nichteingeweihten waren wirklich sehr komisch. Ich gehe davon aus, dass sie uns die Blödelei nicht lange übel nehmen.
    Viele liebe Grüße an dich und dein Herzblatt,
    Medusa.
    Geändert von Medusa (05.04.2012 um 22:56 Uhr)

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