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    Schiller - Die Bürgschaft

    Friedrich von Schiller

    Die Bürgschaft
    (1798)

    Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
    Damon, den Dolch im Gewande:
    Ihn schlugen die Häscher in Bande,
    »Was wolltest du mit dem Dolche? sprich!«
    Entgegnet ihm finster der Wüterich.
    »Die Stadt vom Tyrannen befreien!«
    »Das sollst du am Kreuze bereuen.«

    »Ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereit
    Und bitte nicht um mein Leben:
    Doch willst du Gnade mir geben,
    Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
    Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
    Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
    Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen.«

    (Das ganze Gedicht findet Ihr unter folgendem Link: Die Bürgschaft)

    Schillers „Die Bürgschaft“ zählt zu meinen Lieblingsgedichten; schon als Kind hat es mich nicht nur seiner schönen rhythmischen Sprache, sondern auch wegen seiner spannenden Handlung beeindruckt. Doch wenn ich bereits als Kind das Gedicht ohne weiteres verstehen konnte, warum mache ich mir dann heute im gereiften Mannesalter die Mühe, es für interessierte Leser dieses Forums zu „interpretieren“? Versteht es sich denn nicht von selbst? Ich tue dies, weil ich denke, daß Schillers Idealismus sich in „Die Bürgschaft“ besonders schön aufzeigen läßt. Dies deutlich zu machen und dazu noch die Tragweite dieses Denkens für unsere moderne Zeit aufzuzeigen, ist die Absicht dieser Interpretation.

    Schiller hat die Geschichte von Damon und seinem in dem Gedicht ungenannten Freund sowie dem Tyrannen Dionys nicht erfunden, sondern weitgehend von der „Fabulae No. 257“ des Hyginus Mythographus (2. Jh. nach Chr.) übernommen. Dort heißen die beiden Freunde Möros und Selinuntius. (Interessierte können in wikipedia unter dem Eintrag Die Bürgschaft die Geschichte sowohl in Latein als auch in der Übersetzung von Friedrich Schmidt (1827) im Detail nachlesen).

    Dionys (Dionysios I, 430 – 367 v. Chr.) ist ein Tyrann in Syrakus, der seine Gegner auf grausame Art und Weise hinrichten läßt. So auch Damon, der ihn vergeblich erdolchen wollte. Er soll dafür ans Kreuz genagelt werden. Damon möchte zuvor jedoch noch die familiäre Pflicht erfüllen, seine Schwester zu verehelichen, und bittet den Tyrannen dafür um drei Tage Aufschub. Als Bürgen für seine versprochene Rückkehr bietet er ihm seinen Freund an. Dionys ist damit einverstanden, bedeutet Damon aber, daß der Freund den für ihn zugedachten Kreuzestod sterben müsse, sollte er nicht rechtzeitig wiederkommen. Damon erledigt alsbald seine Aufgabe und macht sich auf den Weg zurück nach Syrakus, um den Freund auszulösen. Auf dem Weg dorthin hat er es mit extremen Widrigkeiten wie Sturm, Regen, Hitze und einem Raubüberfall zu tun. Im letzten Augenblick schafft er es dennoch, auf dem Richtplatz anzukommen, der Freund ist gerettet, und Dionys, von der Treue Damons zutiefst beeindruckt, bittet die beiden Freunde, ihn als dritten in ihrem Bunde mitaufzunehmen.

    Schillers Idealismus zeigt sich in dem Gedicht besonders deutlich an der Stelle, als Damon auf dem Weg nach Syrakus seinem Hausverwalter Philostratus begegnet und dieser zu ihm sagt:


    »Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
    So rette das eigene Leben!
    Den Tod erleidet er eben.
    Von Stunde zu Stunde gewartet' er
    Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
    Ihm konnte den mutigen Glauben
    Der Hohn des Tyrannen nicht rauben
    Darauf entgegnet ihm Damon unbeirrt:

    »Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht,
    Ein Retter, willkommen erscheinen,
    So soll mich der Tod ihm vereinen.
    Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,
    Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
    Er schlachte der Opfer zweie
    Und glaube an Liebe und Treue
    „Der Hohn des Tyrannen“: das erinnert an die dritte Strophe, in der es heißt:

    Da lächelt der König mit arger List
    Und spricht nach kurzem Bedenken:
    »Drei Tage will ich dir schenken;

    Der „König“ glaubt nicht an das Gute. Für ihn ist es das Geschwätz von Idealisten, das sich in der Realität aber niemals bewährt. Dort ist, so denkt er „arglistig“, jeder sich selbst der nächste. Damon will ihm den Triumph jedoch nicht gönnen. Kann er schon für den Freund nichts mehr tun, so möchte er doch für die Idee von „Liebe und Treue“ sterben. Nur wenn bewiesen wird, daß es diese Idee tatsächlich gibt und sie mehr gilt als das eigene Leben, kann man an sie glauben. Das vorgelebte Beispiel hat so erziehende Wirkung.

    Und in der letzten Strophe gibt sich der „König“ in dem Wettstreit geschlagen:

    Und blicket sie lange verwundert an.
    Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
    Ihr habt das Herz mir bezwungen;
    Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn -
    So nehmet auch mich zum Genossen an:
    Ich sei, gewährt mir die Bitte,
    In eurem Bunde der dritte!«

    Schiller hat persönlich einiges für seinen Idealismus riskiert, hat konsequent nach ihm gelebt und gehandelt und ist damit nach wie vor ein großes Vorbild. Dies war auch der Grund, weshalb er von seinen Zeitgenossen wie ein „Superstar“ gefeiert wurde; die mysteriösen Umstände seines Todes, zusammen mit den späteren aus seiner Familie lassen jedoch vermuten, daß er sich damit nicht nur Freunde geschaffen hat.

    Der Lebensauffassung des Tyrannen Dionys steht diejenige Damons gegenüber. Dionys glaubt an die Macht und ist davon überzeugt, daß letztendlich nichts stärker ist als die Angst vor dem Tode. Man kann sein Leben riskieren, um an die Macht zu kommen, nicht aber um ein Versprechen einzulösen bzw. für die Idee der Treue. Damon hingegen denkt, daß der Glaube an das Gute (Liebe und Treue) die bessere oder höhere Lebensweise ist, die, wenn sie konsequent vorgelebt wird, die Menschen zu ihr bekehrt. Dies geschieht auch deshalb, weil die Idee des Guten gottgewollt und somit ein Weg zu einem höheren Menschsein ist. In Schillers Gedicht – im Gegensatz zur historischen Quelle – zeigt sich dies an der Stelle, als Damon in Strophe 9 sich verzweifelt in die Fluten des Flusses wirft, um ihn bei Todesgefahr zu durchschwimmen:

    Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
    Und wirft sich hinein in die brausende Flut
    Und teilt mit gewaltigen Armen
    Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.
    In Strophen 12 und 13 betet Damon, bei glühender Hitze und dem Verdursten nahe, zu Gott und bittet ihn um Hilfe, und siehe, da hört er plötzlich in der Nähe eine Quelle rauschen und ist ein weiteres Mal durch „höhere Gewalt“ gerettet.

    *

    Wie sieht es heutzutage mit Schillers Idealismus aus? Können wir uns vorstellen, daß ein „Tyrann“ (heute heißt es „Schurke“) seinen gescheiterten Attentäter gegen das Pfand eines Freundes für einige Zeit freiläßt, nur um der Welt zu beweisen, daß es keinen Idealismus gibt? Die heutigen „Schurken“, welcher Couleur auch immer, denken viel zu pragmatisch, um sich für Fragen von Weltanschauungen und ihrer Glaubwürdigkeit zu interessieren.

    Läßt sich des weiteren ein Schurke durch ein beeindruckendes Beispiel zum Guten bekehren? Unwahrscheinlich, zumal er durch Ideologie und Propaganda ohnehin denkt, daß er das Gute vertrete.

    Andererseits denke ich, daß sich nach wie vor die Menschen durch ein Beispiel der Standhaftigkeit und der Treue zum gegebenen Wort beeindrucken lassen und solche Menschen auch zu würdigen und zu schätzen wissen.

    Als Beispiel fällt mir da der in unseren Breiten wenig bekannte Camillien Houde (1889 – 1958), viermaliger Bürgermeister von Montréal, ein, der sich vehement gegen die Einführung der Wehrpflicht (Zwangsrekrutierung) in Kanada (vor allem im Québec) aussprach und deshalb ohne Gerichtsurteil vier Jahre (1940 – 1944) in ein kanadisches Konzentratrionslager (camp de concentration à Patawawa) gesperrt wurde. Als er im August 1944 nach Montréal zurückkehrte, wurde er von der Menge jubelnd empfangen, man hieß ihn „Mr. Montréal“ und wenige Montate später war er wieder Bürgermeister.


    Daß Kanada im 2. Weltkrieg von Anfang an mit von der Partie war, geschah weniger aus weltanschaulichen ("Kreuzzug gegen das Böse"), denn aus wirtschaftlichen Gründen, denen sich viele der Spitzenpolitiker nicht verschließen wollten. So stieg dank der Rüstungsaufträge das Wirtschaftswachstum in den vier Jahren von 1940 – 1944 um 500%, sank die Arbeitslosigkeit von 9 % (1939) auf 0,6 % (1944).

    Kann man sich vorstellen, daß ein deutscher Politiker für seine Überzeugung oder für sein Versprechen in einem Arbeitslager in Sträflingskleidung vier Jahre Holz hacken würde, "nur" um vielleicht deutsche Soldaten aus Kriegen herauszuhalten, die uns nichts angehen?

    Angesichts 53 getöteter und 200 verwundeter deutscher Soldaten in Afghanistan kann man sich solch eine Frage durchaus einmal stellen, oder nicht?

    Friedrich Schiller, und davon bin ich überzeugt, hätte aus seiner Überzeugung mit Sicherheit kein Hehl gemacht.

    Mit lieben Grüßen an alle Schillerfreunde

    Friedrich

    Geändert von Friedrich (14.05.2012 um 22:41 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Friedrich,

    auch ich mag das Gedicht und zähle es zu meinen Lieblingsgedichten (auch wenn es nach heutige Lesart einige Inversionen hat und man, um den Text als gereimt zu lesen teilweise ein Schwabe sein muss). Dennoch hat es m.E. gegen Ende einen Logikfehler, die ich bei einer Interpretation hervorheben würde. So "sichert" Dionys Damon zu, am Leben zu bleiben, wenn er zu spät käme, aber er meint der Tyrann "schlachte lieber der Opfer zweie/ und glaube an Liebe und Treue".

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
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  3. #3
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    Ob es solche Politiker gibt? Keine Ahnung.
    Aber sich opfernde Menschen gibt es immer wieder, selbst ohne Verwandtschaft.

    Max(imilian) Kolbe:

    Vor der Zeit der Machtergreifung und auch noch während der Diktatur Hitlers betrieb er eine rege Missionsarbeit. 1941 wurde er verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo er für einen Mithäftling in den Hungerbunker ging.


    Das nur in aller Kürze.
    Später mehr zur "Bürgschaft" (eine meiner Lieblingsballaden).

    LG
    Barbarossa

  4. #4
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    Zitat Zitat von Friedrich Schiller
    Schiller hat persönlich einiges für seinen Idealismus riskiert, hat konsequent nach ihm gelebt und gehandelt und ist damit nach wie vor ein großes Vorbild. Dies war auch der Grund, weshalb er von seinen Zeitgenossen wie ein „Superstar“ gefeiert wurde; die mysteriösen Umstände seines Todes, zusammen mit den späteren aus seiner Familie lassen jedoch vermuten, daß er sich damit nicht nur Freunde geschaffen hat.
    kannst du das bitte etwas erläutern! von einer derartigen verschwörungstheorie lese ich das erste mal und im kontext zu deiner rezeption der "Bürgeschaft" scheint es ja sehr wichtig zu sein.

    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  5. #5
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    Hallo Nachteule,

    schön, einem Schillerfreund zu begegnen!

    Dennoch hat es m.E. gegen Ende einen Logikfehler, die ich bei einer Interpretation hervorheben würde. So "sichert" Dionys Damon zu, am Leben zu bleiben, wenn er zu spät käme, aber er meint der Tyrann "schlachte lieber der Opfer zweie/ und glaube an Liebe und Treue".
    Der "Logikfehler" ist nur scheinbar, und selbst wenn es tatsächlich einer wäre, so wäre dies verzeihlich, denn die Begegnung mit Philostratus dient Schiller dazu, eine wesentliche Aussage zu machen.

    Der Weg zurück nach Syrakus ist ein Wettlauf gegen die Zeit, den Damon, als er seinem Hausverwalter begegnet, schon verloren zu haben scheint. Bislang konnte man glauben, es ginge vornehmlich darum, den Freund auszulösen, um Wort zu halten und um ihn nicht für etwas büßen zu lassen, das ein anderer getan hat. Mit den Worten "... und glaube an Liebe und Treue" geht es dann um mehr. Wie hätte das Schiller anders vermitteln sollen?

    Damon kann Dionys nicht von seiner Idee von Liebe und Treue überzeugen, wenn er, zurückkehrt nach Syrakus, ihn an sein Versprechen erinnert. Darüber hinaus glaubt Philostratus nicht, daß Dionys Wort halten würde. Auf diese Weise wären die beiden Antipoden, Damon und Dionys, nämlich auf der gleichen ehrenhaften Ebene: jeder hält Wort.

    Schiller ist Dramatiker. Er hat den Ausgangstext dramatisch meisterhaft inszeniert, etwas, das mich schon als Kind gefesselt hat. Dazu gehört nicht nur die Rettung im allerletzten Augenblick, etwas, das vorher nahezu unmöglich schien, sondern auch der Vorausblick auf das Ende, der Glaube an Liebe und Treue. Bei Hyginus stellt sich dies als natürliche Konsequenz von selbst ein, bei Schiller wird es beabsichtigt.

    Lieben Gruß

    Friedrich


    Hallo Barbarossa!

    Danke für Dein Interesse. Max Kolbe war gewiß ein ehrenwerter Mann, der konsequent an seiner Auffassung von "Liebe und Treue" festhielt und bereit war, dafür auch die Konsequenzen zu tragen.

    Ich nahm Camillien Houde auch deshalb als Beispiel, weil er eine gewisse Parallele zu Schiller aufweist, der in seinem Drama Kabale und Liebe (1783; 2. Akt, 2. Szene) den von seinem ehemaligen Landesfürsten, Herzog Karl Eugen von Württemberg, praktizierten "Soldatenhandel" anprangerte, den Verkauf deutscher Soldaten an kriegführende Nationen wie z.B. England. Sein Dichterkollege Christian Friedrich Daniel Schubart thematisierte dies bereits 1774 und wurde deshalb vom Herzog für zehn Jahre in der Bergfestung Asperg eingekerkert, und zwar, wie bei Camillien Houde auch, ohne gerichtliches Urteil. Soviel zum Mut Schillers und einiger seiner Zeitgenossen!

    Lieben Gruß

    Friedrich


    Hallo Kajn Kokosknusper,

    kannst du das bitte etwas erläutern! von einer derartigen verschwörungstheorie lese ich das erste mal und im kontext zu deiner rezeption der "Bürgeschaft" scheint es ja sehr wichtig zu sein.
    Todesursache, Begräbnis und die Umstände um Schillers Schädel sind bei genauer Betrachtung höchst sonderbar. Warum entsorgt man die Leiche eines "Superstars" wie Friedrich Schiller in einer Nacht-und-Nebelaktion? Warum bekam er kein ordentliches Begräbnis, so daß man heute wüßte, wo seine Gebeine sind? Warum gibt es einen Obduktionsbericht, der ein Krankheitsbild enthält, den kein Mensch überhaupt überlebt haben kann?

    Ich möchte hier auch aus Zeitgründen nicht allzu ausführlich werden. Am Schluß noch ein Gedicht von Konrad Ferdinand Meyer, dem das Begräbnis Schiller höchst seltsam anmutete.


    Schillers Bestattung

    Ein ärmlich düster brennend Fackelpaar, das Sturm
    Und Regen jeden Augenblick zu löschen droht.
    Ein flatternd Bahrtuch. Ein gemeiner Tannensarg
    Mit keinem Kranz, dem kargsten nicht, und kein Geleit!
    Als brächte eilig einen Frevel man zu Grab.

    Die Träger hasteten. Ein Unbekannter nur,
    Von eines weiten Mantels kühnem Schwung umweht,
    Schritt dieser Bahre nach. Der Menschheit Genius war's.

    Entstehungsjahr: vor 1883

    Lieben Gruß

    Friedrich

  6. #6
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    Hallo Friedrich,

    Damon kann Dionys nicht von seiner Idee von Liebe und Treue überzeugen, wenn er, zurückkehrt nach Syrakus, ihn an sein Versprechen erinnert. Darüber hinaus glaubt Philostratus nicht, daß Dionys Wort halten würde. Auf diese Weise wären die beiden Antipoden, Damon und Dionys, nämlich auf der gleichen ehrenhaften Ebene: jeder hält Wort.
    Das Zitat von dir ist nur Exemplarisch ausgewählt.
    Schiller brachte mich an der Stelle eher ins Zweifeln. Und je öfter ich das Gedicht lese, je stärker werden die Zweifel (und ich kenne es auswendig). Begründung: Wort zu halten ist das brutalste, dass der Tyrann in diesem Fall tun kann. Angedeutet wird dies schon in S3V1 "Da lächelt der König mit arger List". Was ist das schlimmste, dass man einem Menschen antun kann? Genau, man gibt ihm die Schuld an dem Tod eines geliebten Menschen. Das ist kein Idealismus, sondern üblich. Zusätzlich hätte er das Vertrauen der Bevölkerung, das Dionys sicher wäre. Und auch ein Tyrann braucht das Vertrauen, dass man sich auf sein Wort verlassen kann. Der nur, wenn man dem Wort des Tyrannen vertrauen kann, weiß man auch, dass man gekreuzigt wird, wenn er es sagt. Verstehst du, was ich meine?

    Warum gibt es einen Obduktionsbericht, der ein Krankheitsbild enthält, den kein Mensch überhaupt überlebt haben kann?
    Hat Schiller ja auch nicht... (Sorry... )

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
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  7. #7
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    Hallo Nachteule!

    Der nur, wenn man dem Wort des Tyrannen vertrauen kann, weiß man auch, dass man gekreuzigt wird, wenn er es sagt. Verstehst du, was ich meine?
    Offengestanden: nein!

    Warum gibt es einen Obduktionsbericht, der ein Krankheitsbild enthält, den kein Mensch überhaupt überlebt haben kann?
    Hat Schiller ja auch nicht... (Sorry... )
    Hier habe ich mich mißverständlich ausgedrückt. Ich wollte sagen, daß es bei diesem Krankheitsbild nicht möglich war, überhaupt am Leben (gewesen) zu sein. In Schillers Sektionsprotokoll heißt es:

    „Die rechte Lunge mit Pleura (Rippenfell) von hinten nach vorne und selbst mit dem Herzbeutel ... so verwachsen, dass es kaum mit dem Messer separat zu trennen war. Die Lunge war faul und brandig, breiartig und ganz desorganisiert. Auf der rechten Seite alle Därme mit den Peritonäum (Bauchfell) verwachsen. Das Herz stellte einen leeren Beutel dar und hatte sehr viele Runzeln, war häufig ohne Muskelsubstanz. Diesen häutigen Sack konnte man in kleine Stück zerpflocken. Die rechte und linke Niere in ihrer Substanz aufgelöst und völlig verwachsen.
    Der obduzierende Arzt Dr. Huschke schrieb am 19.5. an den Weimarer Herzog Carl August:
    „Bei diesen Zuständen muß man sich wundern, wie der arme Mann so lange hat leben können".
    Ich denke, man muß sich vielmehr wundern, daß man diesem schauerlichen Obduktionsbericht auch heute noch vielerorts Glauben schenkt. Ich frage mich zudem, warum Dr. Huschke Schiller - ohne Einwilligung seiner Familie - überhaupt obduziert hatte und das noch dazu in Schillers Haus? Warum "zerpflockte" er auch des Dichters Herz?

    Wer sich mit Schillers Tod und Begräbnis beschäftigt, begegnet vielen Rätseln und Ungereimtheiten, und da bin ich weder der erste noch der einzige, bei dem dies der Fall ist. Allerdings möchte ich in diesem Faden dieses Thema nicht weiter ausdehnen, da es vom eigentlichen Thema zu sehr wegführt.

    Lieben Gruß

    Friedrich

  8. #8
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    Hallo Friedrich,

    Zitat Zitat von Frieder
    Zitat Zitat von ich
    Der nur, wenn man dem Wort des Tyrannen vertrauen kann, weiß man auch, dass man gekreuzigt wird, wenn er es sagt. Verstehst du, was ich meine?
    Offengestanden: nein!
    Ein Politiker, der nicht macht, was er sagt, verliert an Glaubwürdigkeit. (Und ein Tyrann ist soetwas ähnliches, wie ein Politker) Und das ist das Wichtigste. Und glaubwürdig ist auch wenn er damit versuchen will, Macht aufzubauen oder zu halten. Wenn der deutsche Staat sagt, dass ein Taschendiebstahl verboten ist, aber die Taschendiebe nicht festnimmt, weil sie einen festen Wohnsitz haben, dann interessiert das irgendwann keine Sau mehr. Wenn er sagt, dass ist legal, aber jeden hinter Gitter bringt, dann interessiert auch irgendwann keine Sau mehr, was er macht. Die Reaktion ist ja eh Willkürlich. Konsequenz ist bei der Erziehung das Nonplusultra. Und seine Bürger zu in Grenzen zu weisen ist Erziehung. Wenn der Tyrann also sagt, ich erlasse dir die Strafe, macht es aber nicht, verliert er die Kontrolle über sein Volk, dass ihn ja sowieso nicht mehr zu respektieren scheint. Und wer, wie Schiller, in einem absolutistischen Staat aufgewachsen ist, der weiß das. Ebenso wie der Herrscher. Jetzt verständlich?

    Hier habe ich mich mißverständlich ausgedrückt. Ich wollte sagen, daß es bei diesem Krankheitsbild nicht möglich war, überhaupt am Leben (gewesen) zu sein. In Schillers Sektionsprotokoll heißt es:
    Das kommt jetzt ohne meine Smileys anders rüber...
    Egal. Warum sollte man in einem Obduktionsbericht übertreiben, wenn selbst für Zeitgenossen ersichtlich ist, dass er das nicht solange überleben hätte können? Warum sollte Dr. Huschke Schiller obduzieren, wenn er etwas zu verbergen gehabt hätte?
    Schiller galt ja zeitlebens als schwächlich. Warum soll er das nicht wegen einer starken Erkrankung gewesen sein und stattdessen ein starker Mensch?
    Aber du hast recht, damit schweifen wir ab.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
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    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
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  9. #9
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    Hallo Nachteule,

    es hat etwas länger gedauert, um auf Deinen Beitrag zu antworten; ich hoffe, Du schaust trotzdem noch einmal rein.

    Vielen Dank für die Erläuterung Deiner Argumentation; ich habe allerdings schon vorher verstanden, was Du meinst. Mein "offengestanden: nein" galt eigentlich Deinem verqueren Satz. Er müßte, um Sinn zu ergeben, mit "Nur dann ... " beginnen und nicht mit "Der nur ...".

    Deine Argumentation ist ein politisches Kalkül, das sich durchaus bewähren kann, das aber nicht zwingend notwendig ist.

    Wenn der Tyrann also sagt, ich erlasse dir die Strafe, macht es aber nicht, verliert er die Kontrolle über sein Volk, dass ihn ja sowieso nicht mehr zu respektieren scheint.
    Ein Tyrann kontrolliert sein Volk nicht mit vertrauensbildenden Maßnahmen wie das Halten eines gegebenen Wortes, sondern mit der Angst; aus diesem Grunde setzt man Tyrannei gerne auch mit "Schreckensherrschaft" gleich. In der antiken Vorlage zu Schillers "Die Bürgschaft" lautet der erste Satz:

    Als in Sicilien der höchst grausame Tyrann Dionysus herrschte und seine Bürger qualvoll hinrichtete, wollte Möros (Damon) den Tyrannen tödten.
    Und nur deshalb "lächelt der König mit arger List", weil er sich sicher ist, daß keiner gegen den Schrecken (Terror) angehen kann; daß keine Überzeugung, kein Glaube, keine Liebe so stark ist wie die Angst vor einem qualvollen Tod. Dionys könnte zu seinem Wort stehen und Damon die Strafe erlassen, muß es aber nicht. Er könnte durchaus wieder einmal für sein Volk ein "Exempel statuieren" und den Schrecken weiter lebendig erhalten. Auch das ist eine Art von Erziehung.

    Darüber hinaus ist es ja durchaus nicht selbstverständlich, daß selbst in Demokratien Wort gehalten wird. Adélard Godbout wurde 1939 Premierminister für die Provinz Québec mit dem Wahlversprechen, nur Freiwillige oder Berufssoldaten in den Krieg nach Europa zu schicken, änderte jedoch später seine Meinung und sah zu, daß Camillien Houde ohne Gerichtsverhandlung für dasselbe Versprechen für vier Jahre in ein KZ gesteckt wurde.

    Im Grunde ist das alles jedoch für die Wertschätzung von Schillers schönem Gedicht von untergeordnetem Rang. Wichtig für seine Bedeutung ist für mich, daß darin Schillers Idealismus erscheint. Die letzte Zeile der Fabel Nr. 257 lautet:

    Der König ließ sie (Damon und seinen Freund) vor sich führen und bat sie, daß sie ihn in ihre Freundschaft mitaufnehmen möchten, und schenkte dem Möros das Leben.
    Die "Bekehrung" des Tyrannen ereignet sich hier zufällig, bei Schiller geschieht es beabsichtigt und notwendigermaßen. Dies zeigt sich in der von ihm eingefügten Szene mit Philostratus. So wenig wie das Volk sich dem großartigen Eindruck von "Liebe und Treue" auf dem Richtplatz entziehen kann (bei Hyginus unerwähnt), so wenig gelingt dies auch dem Tyrannen. Und um diese Erziehung zum Guten durch das mutige Beispiel geht es Schiller. Diese Absicht gilt es zu verstehen und ihren Wert richtig einzuschätzen. Dies gelingt nicht, wenn man Damon als nicht mutig begreift, weil er, dem politischen Kalkül eines Tyrannen vertrauend, sich nach Syrakus begibt, im Glauben, es könne ihm nach dem Tode seines Freundes nichts mehr passieren.

    Auch Dir im schönsten Schillerschwäbisch:

    a guats Nächtle

    Friedrich

  10. #10
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    Hallo Frieder,

    Ich hoffe, du kannst mir ob der Länge den verqueren Satz verzeihen...

    Deine Argumentation ist ein politisches Kalkül, das sich durchaus bewähren kann, das aber nicht zwingend notwendig ist.

    Wenn der Tyrann also sagt, ich erlasse dir die Strafe, macht es aber nicht, verliert er die Kontrolle über sein Volk, dass ihn ja sowieso nicht mehr zu respektieren scheint.
    Ein Tyrann kontrolliert sein Volk nicht mit vertrauensbildenden Maßnahmen wie das Halten eines gegebenen Wortes, sondern mit der Angst; aus diesem Grunde setzt man Tyrannei gerne auch mit "Schreckensherrschaft" gleich. In der antiken Vorlage zu Schillers "Die Bürgschaft" lautet der erste Satz:

    Als in Sicilien der höchst grausame Tyrann Dionysus herrschte und seine Bürger qualvoll hinrichtete, wollte Möros (Damon) den Tyrannen tödten.
    Und nur deshalb "lächelt der König mit arger List", weil er sich sicher ist, daß keiner gegen den Schrecken (Terror) angehen kann; daß keine Überzeugung, kein Glaube, keine Liebe so stark ist wie die Angst vor einem qualvollen Tod. Dionys könnte zu seinem Wort stehen und Damon die Strafe erlassen, muß es aber nicht. Er könnte durchaus wieder einmal für sein Volk ein "Exempel statuieren" und den Schrecken weiter lebendig erhalten. Auch das ist eine Art von Erziehung.
    Ja, da ist schon politisches Kalkül dabei, das nicht unbedingt nötig ist, aber hilfreich. Ich verstehe auch deine Argumentation, doch verstehe ich "und spricht nach kurzem Bedenken" so, dass er sich Gedanken über die Folgen macht. Wenn er aber meint, "ist eh egal, was ich mache, weil ich ja auch einfach machen kann, was ich will" dann muss er nicht überlegen. Vielleicht bin ich aber auch hier zu idealistisch... Ich hoffe, dass ich deswegen nicht nach Mannem fliehen muss...*ih* Ich schreibe ja auch...

    Die "Bekehrung" des Tyrannen ereignet sich hier zufällig, bei Schiller geschieht es beabsichtigt und notwendigermaßen. Dies zeigt sich in der von ihm eingefügten Szene mit Philostratus. So wenig wie das Volk sich dem großartigen Eindruck von "Liebe und Treue" auf dem Richtplatz entziehen kann (bei Hyginus unerwähnt), so wenig gelingt dies auch dem Tyrannen. Und um diese Erziehung zum Guten durch das mutige Beispiel geht es Schiller. Diese Absicht gilt es zu verstehen und ihren Wert richtig einzuschätzen. Dies gelingt nicht, wenn man Damon als nicht mutig begreift, weil er, dem politischen Kalkül eines Tyrannen vertrauend, sich nach Syrakus begibt, im Glauben, es könne ihm nach dem Tode seines Freundes nichts mehr passieren.
    Ja, die letze Zeile ist die Verbindung von Anfang und Ende, die alles gut macht. Aber ich bin der Meinung, dass er ja durch die ganzen Probleme so viel auf sich genommen hat, um sein Versprechen zu halten, Mut bewiesen hat. Das würde die Aussage sogar noch etwas erweitern. Eine bloße Rettung des Freundes wäre ja auch heldenhaft...

    Wenn i mi nimmer meld, dann nur, weil i nix neus mehr zum sage hab.

    Grüßle
    Nachteule
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    (Der Buchstabe)
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  11. #11
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    @All

    Ich möchte hier niemanden direkt ansprechen, da Jenes hier meine Meinung und sowieso nur mein Eigengespräch ist.
    Titel:“Bürgschaft“

    Ist sowieso der rote Faden, das Kernstück des Ganzen.

    Zitat:

    Da lächelt der König mit arger List
    Und spricht nach kurzem Bedenken:
    “Drei Tage will ich dir schenken.
    Doch wisse: wenn sie verstrichen, die Frist,
    Eh du zurück mir gegeben bist,
    So muß er statt deiner erblassen,
    Doch dir ist die Strafe erlassen.

    A:

    Im Inneren des Wüterichs scheint auch ein Kampf stattzufinden.
    Wieso gibt er drei Tage, wenn er sich nicht komplett sicher scheint, dass es a. keine Liebe,b. Treue gibt. Es ist mehr oder weniger ein „Test“ (innere Test) der seine tyrannischen Ausschweifungen bestätigt sehen möchte.

    Die nachfolgenden Strophen, beschreiben nur Umstände.

    Zitat:

    Und blicket sie lange verwundert an;
    Drauf spricht er: “Es ist euch gelungen,
    Ihr habt das Herz mir bezwungen,
    Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn –
    So nehmet auch mich zum Genossen an.
    Ich sei, gewährt mir die Bitte,
    In eurem Bunde der dritte.

    A:

    der Innere Kampf des vermeintlichen Wüterichs, scheint beendet zu sein. Das Positive, in ihn, was laufend rebelliert hat, hatte die Oberhand gewonnen. Es gibt sie doch, die Treue, die Liebe.

    Zitat:“ So nehmet auch mich zum Genossen an.“


    Ja, ich glaube das ist der Kern des Gedichtes.
    Geändert von horstgrosse2 (07.06.2012 um 07:22 Uhr)

  12. #12
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    461


    Dionysios von Syracus


    Hallo horstgrosse2,

    vielen Dank für Deinen Beitrag zu dem Thema. Besseres, als daß ein "Eigengespräch" nach der Lektüre von Die Bürgschaft stattfindet, kann ich mir - oder sagen wir besser noch - kann sich Schiller nicht wünschen.

    Im Inneren des Wüterichs scheint auch ein Kampf stattzufinden. Wieso gibt er drei Tage, wenn er sich (nicht) komplett sicher scheint, dass es a. keine Liebe, b. Treue gibt.

    Da hast Du recht. Der "Wüterich" weiß, daß es so etwas gibt, nur glaubt er nicht daran, haßt es womöglich und will sich darüber lustig machen; so etwas nennt man "Zynismus". In seinem Vierten Ästethischen Brief schreibt Schiller:

    Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen, idealistischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechselungen überein zu stimmen die große Aufgabe seines Daseins ist.
    Schiller glaubt fest daran und möchte die Menschen zu diesem "idealistischen Menschen" durch sein persönliches Beispiel und durch die seiner Kunst dazu erziehen. Das Problem dabei ist das Nützlichkeitsdenken (Utilitarismus) und die Furcht. Im Zweiten Ästhetischen Brief heißt es:

    Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen.
    Dionys reduziert das Volk auf seine Nützlichkeit und profitiert in selbstherrlicher Weise davon; deswegen ist er ein "Tyrann". Die "idealistische Anlage" in jedem einzelnen ist ihm dabei gleichgültig. Das Mittel, sich dabei durchzusetzen ist die Furcht. Dazu sagt Schiller:

    Man könnte den Menschen zum halben Gott bilden, wenn man ihm durch Erziehung alle Furcht zu benehmen suchte. Nichts in der Welt kann den Menschen sonst unglücklich machen, als bloß und allein die Furcht.

    (14. März 1801 an seinen Sohn Ernst)
    In seiner Schrift Vom Erhabenen sagt uns der Dichter:

    Groß ist, wer das Furchtbare überwindet. Erhaben ist, wer es, auch selbst unterliegend, nicht fürchtet.

    In diesem Sinne fragt es sich, ob Damon nicht nur ein Beispiel für Größe, sondern sogar für Erhabenheit ist?
    Festzuhalten ist, daß das idealistische Denken uns frei macht vom Nützlichkeitsdenken. Dieses ist weder schön in seiner subjektiven (Tyrann) noch in seiner objektiven Form (nützliche Idioten).

    Der Innere Kampf des vermeintlichen Wüterichs, scheint beendet zu sein. Das Positive, in ihm, was laufend rebelliert hat, hatte die Oberhand gewonnen. Es gibt sie doch, die Treue, die Liebe.

    Stimmt!

    Liebe Grüße

    Friedrich

  13. #13
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    Sep 2012
    Beiträge
    20
    Hallo Friedrich,

    was du über Schillers die Bürgschaft sagst finde ich richtig. Schiller kann aber nicht nur Idealist gewesen sein, er war auch Realist. Wenn man an die Figuren seiner Dramen denkt, dann kann es gar nicht anders sein: Er hatte einen sehr realistischen Blick für die Menschen. Aber mit Idealismus du meinst ja auch mehr seinen moralisch hohen Anspruch, denke ich.

    Es gibt einen (meiner Meinung nach) sehr guten Aufsatz über die Bürgschaft im Internet auf der Seite "Dichterwerkstatt" des Poesie-Vereins "Dichterpflänzchen". Es ist eine Art Kurzgeschichte über die Entstehung des Gedichts mit vielen interessanten Hinweisen.

    Zum Beispiel, dass die Bürgschaft in Balladenform im Grunde die Kernaussage von Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung darstellt, wonach der freie Staat nicht durch Gewalt (Revolution/Dolch) erreicht werden kann, sondern durch die Veredelung des Charakters der Bürger (durch Kunst/Treue des Freundes).

    Und dann wird ganz interessant erzählt, dass die Fabel von Schillers Bürgschaft ganz ursprünglich von dem Tyrannen Dionys aus Syrakus erzählt wurde und geschichtliche Ereignisse erzählt, die sich damals abgespielt haben und wo der bekannte Philosoph Platon der Bürge für seinen Freund Dion sein musste. Platon hatte ja auch das Ziel einen besseren Staat zu schaffen, wie Schiller, besonders als er jung war. Was so alles in dem Gedicht steckt!

    Ich finde es gut, dass du die Bürgschaft hier im Forum kommentiert hast. Es ist eines meiner Lieblingsgedichte und ich wollte ein wenig von meinem Senf dazu geben.

    lg Kim
    Geändert von kim (11.10.2012 um 20:04 Uhr)

  14. #14
    Registriert seit
    Sep 2008
    Beiträge
    461
    Hallo Kim,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Das Interesse an Schiller und vor allem an seinem Gedicht Die Bürgschaft ist groß; das zeigen die vielen, vielen Hits zu dem Thema. Die Interessenten kommen wohl zum größten Teil von außerhalb dieses Forums, was allerdings nicht von Nachteil für dieses ist, werden jene so doch auf es aufmerksam.

    Schiller kann aber nicht nur Idealist gewesen sein, er war auch Realist.

    Das war er mit Sicherheit. Der uns geläufige Gegensatz von Idealist und Realist wurde von jenen definiert, die selbst keine Idealisten sind. Nach ihnen ist der Idealist eine Art Spinner, der in "Idealen" schwebt, die Welt mit ihnen verwechselt und deshalb ständig auf den "harten Boden der Realität" zurückgeholt werden muß, bzw. von "Realität eingeholt" wird. Idealist = Träumer, Spinner, Phantasten.

    Tatsächlich ist der Gegensatz von Idealist und "Realist" jener, wie er in der Bürgschaft dargestellt wird: Dionys auf der einen Seite, Damon auf der anderen. Für Damon stehen die "Ideen" von "Liebe und Treue" höher als der eigene Vorteil, höher als das eigene Leben; und das macht den Unterschied aus.

    Man sagt, Miguel Cervantes' Roman Don Quijote sei der erste moderne Roman gewesen, bzw. der Beginn der Moderne in der europäischen Literatur. Die Moderne beginnt damit, daß man den mittelalterlichen Idealismus lächerlich macht und den Ritter zu einem komischen Kauz, der von dem "realistischen" Landvolk aus der Mancha wegen seiner Besonderheit kräftig verprügelt wird. Ich habe hierzu einmal ein Gedicht hier eingestellt: Don Quijote. Der Faden dazu ist teilweise ein wenig verworren; hilfreich für das Verständnis der Thematik ist die Nummer 7.

    Was Deinen Verweis zu dem Werk in Dichterpflänzchen betrifft, so ist der Beitrag sehr lesenswert, zumal er sich mit Platon und der Zeit des Dionys II von Syrakus beschäftigt. Wer sich für Platons "idealistische" Alternative zur Tyrannenherrschaft eines Dionys interessiert, dem sei die Lektüre von Platons siebenten Briefs empfohlen. Man findet einen Kommentar hierzu in wikipedia.

    Vielen Dank nochmals für Deinen Kommenar und

    liebe Grüße an alle Schillerfreunde

    Friedrich

  15. #15
    Registriert seit
    Oct 2012
    Ort
    In einer untergehenden Stadt am linken Nierrhein
    Beiträge
    4
    Austen

    Hallo Friedrich,
    als Schülerin war habe ich dieses Gedicht auch sehr beliebt und auswendig gelernt. Beziehungsweise auswendig lernen müssen. Lange Jahre war ich begeistert von diesem Gedicht. Die ideale die Schiller in diesem Gedicht aufzählt, vertritt haben lange auf mich gewirkt. Nicht in meinem persönlichen Leben aber als Vorbild für den vielleicht »guten Menschen«! In diesem Falle verkörpert durch den Freund Dianos. Es hat auch in der heutigen Zeit, einige Interessenten haben es aufgezählt, immer wieder Menschen gegeben, die sich für eine gute Sache eingesetzt haben. Ob sie bereit gewesen wären dafür zu sterben ist eine andere Sache. Ich darf in dieser Hinsicht einmal auf die historische Figur von Dietrich Bonhoeffer hinweisen. Es wird immer Menschen geben, die für eine gute Sache gestorben sind. Doch es waren immer Einzelne niemals die Masse. Das hat uns die Geschichte, die mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausnahmslos zu Ende ging, gezeigt. Die Politiker von heute können wir nicht mehr mit den Politikern von vor der Zeit des Zweiten Weltkriegs oder der letzten Jahrhunderte vergleichen. Die Aufgaben der damaligen Persönlichkeiten waren doch in einem ganz anderen Rahmen zu betrachten als die Politiker der modernen Zeit. Sie denken und handeln anders. Dennoch ist der Idealismus von Schiller, der auch noch heute für die Deutschlehrer zum Vorbild genommen wird dieses Gedicht zu lernen und zu interpretieren, genaus "modern" wie in vergangenen Zeiten. Wir müssen das Gedicht immer in seiner Zeit und in seinem Konsens betrachten. Beides hat sich in der modernen Zeit geändert. Trotzdem lieber auch ich dieses Gedicht.

    Einen freundlichen Gruß

    Austen
    Geändert von Austen (13.10.2012 um 19:33 Uhr)

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