1. #1
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    Es spukt in meinem Herzen



    Es spukt in meinem Herzen,
    in unbewohnten Räumen,
    da kichern die Gespenster
    und rasseln mit den Träumen.

    Aus den Bildern an den Wänden
    klettern Geister früher Jahre,
    selbst der Spuk aus Kindertagen
    steigt von seiner morschen Bahre.

    Und im Ballsaal der Verdrängung
    flackern ungezählte Kerzen.
    Man tanzt zu Strauß am Cembalo –
    es spukt in meinem Herzen.

    Grell geschminkte Nachtgestalten
    fordern mich zum Walzertanz.
    Ein Schwein im grünen Seidenkleid
    spielt Harfe mit dem Ringelschwanz.

    Ich schwebe im Zweivierteltakt
    zur VI. Rhapsodie von Liszt,
    solange bis der Morgentau
    dem Vollmond auf die Glatze pisst.

    Nun fließt die Farbe von der Wand,
    die Gäste scheiden träge hin.
    Es spukt in meinem Herzen nachts,
    weil ich das Schloss der Geister bin.

    *

    Geändert von EvaAdams (04.10.2012 um 13:01 Uhr)
    EvaAdams

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  2. #2
    Derolli Guest
    Liebe EvaAdams,

    auch mir imponieren deine Zeilen sehr, des Klanges wegen. Besonders angetan hat es mir das Ende, aber nicht weil ich denke, dass hier ein Geisterschloss reimt (als Gegenbeispiel könnte man da z.B. S4 V1+2 anführen - Gebäude können ja wohl kaum Tanzen, also Stehblues vielleicht, aber Walzer?!), sondern weil du hier mit treffenden Worten, die Ohnmacht schilderst, eben weil das Schloss es nicht aussuchen kann, ob die Geister in ihm hausen, welche ein Heimgesuchter hat.

    Liebe Grüße

    Derolli
    Geändert von Derolli (18.06.2012 um 08:58 Uhr)

  3. #3
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    Hallo Anjuleanga und Derolli,

    ich freu mich über alle Maßen, dass ihr meinen Text hier würdigt. Lange trug ich eine unfertige Version mit mir herum, bis ich ihn endlich vollenden konnte. Etwas skuril war meine Absicht. Schön, dass @Derolli die Ohnmacht dahinter erkennt - wer kann sich seine Geister schon aussuchen?

    Vielen Dank euch beiden und beste Grüße
    EvA
    EvaAdams

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  4. #4
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    Hi, EvaAdams -

    auch mir gefällt das ausgesprochen gut.
    Ich war sofort in dem Gedicht zuhause, weil ich Ähnliches kenne.
    Ich stimme Derolli zu - gegen diese Geister ist man machtlos. Gut nur, wenn sie harmlos bleiben!
    Die Tänzer stehen vor meinem Auge und die Musikanten ebenso.
    Einzig das pisst. mißfällt mir sehr.
    Sehr originell, sehr ungewöhnlich, sehr gut!


    LG
    Barbarossa



    PS
    Mach doch bitte Deinen Briefkasten leer!

  5. #5
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    Hi Barbarossa,

    ich kann verstehen, dass dich "pisst" stört.
    Für mich ist es aber ein "Ausrutscher", den dieser Text nötig hat.

    Danke für das Prädikat originell - das freut mich ganz besonders.

    Liebe Grüße
    Eva
    EvaAdams

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  6. #6
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    Wortgewandt und stilsicher mit einem guten Bogen ins Schwarze getroffen. Ich steh ja auf runde Sprache und handfeste Metrik. Da bekommt man Lust auf mehr.

    Das "pisst" ist auch für mich grenzwertig, aber passt einigermaßen hinein - es zerstört das Gedicht nicht.

    Alles in allem mit ich hellauf begeister

    Beste Grüße, Balu
    Geändert von BaluDerTanzbaer (27.09.2012 um 12:22 Uhr)
    „Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.“
    - Dostojewski

  7. #7
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    hallo eva adams
    ich hab da noch was:
    wenn der vollmond uns auf die glatze pisst, pissen wir zurück (oder lassen es den morgentau tun). da bin ich voll einverstanden.
    neben kichernden gespenstern, tanzenden schweinen und strauß am cembalo (igitt!) erträgt es durchaus einen pissenden morgentau.
    das problem ist allenfalls, dass grosse teile des restgedichts diesen spielerisch-fröhlichen stil nicht zu kennen scheinen.
    so weit mein einstehen für die poesie in der poesie. vielleicht versteht's der eine oder andere.
    lg wilma27

  8. #8
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    Hi ihr Zwei,

    @Balu,

    ich freu mich, dass du deine lyr. Tatzen in meine Richtung gelenkt hast - und dass du mir den Kraftausdruck verzeihst. Merci.

    @wilma,

    ich weiß was du meinst. Der Inhalt ist mag ambivalent erscheinen: Kindheitsdrama und absurde Bilder. Aber für meine schwarze Seele passt es durchaus zusammen. Schön, dass du hier warst - und eine Runde Walzer mit mir gedreht hast *bararabambam - dam dam".

    Es grüßt euch herzlich
    EvA
    EvaAdams

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  9. #9
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    Hei EvA,

    ich habe dein Gedicht schon mehrfach gelesen, weil es mir von seinen Bildern her sehr gut gefällt. Strophe 2 finde ich besonders gelungen und der Schluss ist originell.
    Dass sich in einer Strophe immer nur zwei Verse reimen, habe ich bisher immer vermieden, aber ich muss sagen, deine Reimform gefällt mir, man hat ja auch viel mehr Möglichkeiten, sich präziser auszudrücken.

    In Strophe 3 komme ich ins Stocken, mich wundert, dass sonst niemand etwas dazu bemerkt hat.

    Und im Ballsaal der Verdrängung
    flackern ungezählte Kerzen.
    Man tanzt zu Strauß am Cembalo
    es spukt in meinem Herzen.


    Cembalo wird ja auf der ersten Silbe betont, was nicht so recht zu Verdrängung passen will, wo sind die X-Meister?

    Aber dies ist nur ein kleines und unbedeutendes Staubkorn, dein Gedicht ist und bleibt toll, ich werde es bestimmt noch öfter lesen.

    Liebe Grüße
    Sidgrani
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