Thema: An die Fichte

  1. #1
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    An die Fichte

    Im lichten Walde, ab von Gestank und Lärm
    da lebt die Fichte lang schon auf großem Fuß.
    Die grüne Krinoline wölbt sich
    viellagig rund um den strammen Körper.

    Geschmückt mit Flechten jeglicher Art und Form
    und Silberschuppen, streckt sie den langen Hals
    der Schwerkraft Jahr für Jahr entgegen.
    Nimmt sich die Zeit und Geduld zu wachsen.

    In weitem Umkreis krallt sie die Wurzeln fest,
    in weicher Erde, ebenso oft im Fels.
    Und Moose streicheln sie und Gräser
    kitzeln sie zwischen den rauen Zehen.

    Oh, Schwarzwaldfichte, machst mir ein grünes Bett,
    wo Ruhe findet flüchtigkeitsmüder Sinn.
    Hier unter deinen Röcken will ich
    schlummern und träumen, von Moos bewachsen.

    Zu deinen Häupten rufen die Krähen „kraa“.
    An deinem Bauche klettert ein Kleiber rauf
    und runter, guckt in deine Ritzen.
    Weit in der Ferne: Alarm beim Schwarzspecht.

    Dein Duft betört mich: würzig nach frischem Harz.
    Die Erde dreht sich langsamer als zuvor.
    Ein Käfer macht die Vesperpause.
    Bald wird es Zeit, wieder heim zu gehen.
    Geändert von kaspar praetorius (30.05.2012 um 13:24 Uhr)

  2. #2
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    Hi wilma,

    deine Fichte ist kein Text bei dem man schnell "drüberfliegt". Man muss sich schon einlassen auf die knorrige Sprache, die das Bild sehr gut untermauert. Ein wenig erinnerten mich die einzelnen Verse an Wurzelfüßchen, von denen jedes auf seine eigene Reise geht. Du hast dies verstärkt, indem du keine Reime benutzt hast - so geht alles in alle Richtungen, wie die Fichtenwurzeln.

    Mich stört nur eine Kleinigkeit, nämlich dass du in S2V2 13 Silben hast, anstatt dem üblichen Muster von 11-11-9-10 zu folgen. Ich weiß, das klingt jetzt sehr pingelig - ich hoffe du verzeihst.

    Habe sehr gerne hier mit dir am Stamm der Fichte gehorcht.

    Lg EvA
    EvaAdams

    (c) Mein Werkverzeichnis: Unterm Feigenbaum = überholungsbedürftig, aktuelles bitte unter Profil nachsehen


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  3. #3
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    hallo eva adams
    danke fürs lesen, die rückmeldung und den hinweis (korrektur s.o.).
    es heißt, diese reimlose form definiere sich über strenge silbenzahl (also danke fürs nachzählen) und pathos (was ich wohl mit "knorrige sprache" nicht ganz erfülle... wobei ich nicht recht spüre, was denn daran knorrig sei.).
    die übereinstimmungen, die du zwischen inhalt und form ausmachst, finde ich spannend.
    lg wilma27
    Geändert von kaspar praetorius (30.05.2012 um 13:33 Uhr)

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