Thema: Requiem

  1. #1
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    Requiem

    Im Gedenken an meinen Onkel Uwe Christian Müller

    Ich dachte noch: Ein guter Tag zum Sterben.
    Der Himmel blau, die Welt in klarer Ordnung
    und schicksalhaft der Ruf des Regenpfeifers.
    Es galt, die Gunst der Stunde auszunutzen
    und das hast du geschafft, obwohl das Ende
    von selber kam, so wie die Nächte kommen.

    Ich sehe all die fernen Orte vor mir,
    die du so liebtest; schmecke die Gewürze
    und Reize Asiens auf der Zungenspitze,
    wenn ich im Geiste deinen Namen forme.
    Und mehr noch: Spüre dich in meiner Nähe,
    wie ich das Fernste manchmal in mir spüre,
    wenn sich des Tages blaue Schleier lüften
    und erste Sterne in die Nacht erblühen.

    Wer sagt, dass nicht ein Teil von dir im Regen,
    im Kreislauf aller jener freien Formen,
    endlich zuhause ist; wer kann es wissen?
    Mir ist, als klänge noch im Fall der Tropfen
    ein Widerhall von deinen letzten Worten,
    die nicht mehr über deine Lippen wollten.

    Denk nicht, du hättest schließlich doch verloren.
    Das Leben lässt sich nicht mit Uhren messen
    und will nicht ausgefranste Lumpen tragen.
    Ein einzig schöner Tag mit deinen Lieben,
    im Einklang mit dem weltlichen Gefüge,
    ist mehr Gewinn als Nichtmehrsein Misere.
    Und diesbezüglich warst du reich an Tagen,
    wenngleich die letzten etwas fade schmeckten.

    Doch trotzdem aßest du mit großen Bissen
    und stopftest in dich bittersüßes Leben.
    Es ist wohl wirklich so, dass im Erkennen
    des eignen Endes erst der Wert der Dinge
    im rechten Licht erscheint. War das ein Segen?
    Vielleicht, doch sicher nur ein Teil der Wahrheit.

    Zu Vieles rennt im Gleichschritt um die Wette,
    als dass wir mit Bestimmtheit sagen könnten,
    was augenblicklich unser Handeln leitet.
    Es ist auch einerlei, denn jede Einsicht,
    die wir dem Geiste mühsam abgewinnen,
    wird überrollt von dem, was in uns schlummert:
    Der Drang, den eignen Willen durchzusetzen,
    auch wenn es fraglich ist und alles kostet.

    Doch dies ist wenig für dich von Bedeutung,
    denn alle Last des Denkens, jede Sorge,
    ist endlich nun von deinem Haupt genommen.
    Du bist jetzt Stein und Wind und stilles Wasser,
    in dem sich schemenhaft Gesichter spiegeln.
    Das muss genügen - kehre nicht zurück.
    Geändert von Glasbleistift (11.04.2013 um 23:03 Uhr)
    Dass Du bist, genügt. Ob ich nun wäre,
    lass es zwischen uns in Schwebe sein.
    Wirklichkeit ist wahr in ihrer Sphäre;
    schließlich schließt das ganz Imaginäre
    alle Stufen der Verwandlung ein.

    Rainer Maria Rilke

  2. #2
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    @Glasbleistift



    Ich hebe mal Dieses auf, das lag auf dem Grunde.
    Reimlos, doch voller Farbe der Phantasie. Man kann richtig in den Bildern schwelgen.
    Fazit:
    Eine strenge Metrik wurde durchgezogen, trotz fehlender Reime.
    Die Metapher hier, sind ganz nach meinem Geschmack, eins A.

    Zitat, ohne Worte:“ Wer sagt, dass nicht ein Teil von dir im Regen,
    im Kreislauf aller jener freien Formen,“

    (Bin ich froh, das ich dieses Gedicht vorm versinken aufgehalten habe. )
    Sorry, war etwas überschwänglich, aber gerecht.


    By, schönes WE.

  3. #3
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    Hallo horstgrosse2,

    entschuldige bitte, dass ich nicht auf deine lieben Worte eingangen bin. Ich war mir sicher, ich hätte dir schon geantwortet.

    Jedenfalls danke ich dir für die Beschäftigung mit diesem Werk, welches mir ganz besonders am Herzen liegt.

    Grüße vom Glasbleistift
    Dass Du bist, genügt. Ob ich nun wäre,
    lass es zwischen uns in Schwebe sein.
    Wirklichkeit ist wahr in ihrer Sphäre;
    schließlich schließt das ganz Imaginäre
    alle Stufen der Verwandlung ein.

    Rainer Maria Rilke

  4. #4
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    Auch wenn es egal ist, hier ist falsch zugeordnet worden:

    Du bist jetzt Stein und Wind und stilles Wasser,
    in dem sich schemenhaft Gesichter spiegeln.
    Das muss genügen - kehre nicht zurück.

    Das "kehre nicht zurück" hebt alles auf was du vorher geschaffen hast. Vielleicht würde es so besser passen:

    Du gehörst jetzt zu Stein, Wind und Wasser
    in denen sich still Gesichter treffen.
    Uns genügt es, dich bei Ihnen zu wissen.

    Dann ist der Wert der Dinge auch noch mal gut eingebracht worden.

    LG RS
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  5. #5
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    Hallo Robert Schulz,

    vielen Dank erst einmal für deinen Kommentar.

    Wo genau siehst du denn dort eine falsche Zuordnung?

    Auch dein Problem mit "kehre nicht zurück" will mir ehrlich gesagt nicht ganz einleuchten. Überraschende Wendung, ja, unkonventionelle Bitte, schon, aber Aufhebung alles zuvor Gesagtem?

    Was deinen Vorschlag betrifft: Abgelehnt, weil es zum einen überhaupt nicht ins Metrum passt und zum anderen auch die Aussage eine völlig neue wäre. Die Schlusszeile ist so, wie sie dort steht, für mich die Schlüsselzeile des ganzen Gedichtes.

    Aber gut, deine Lesart hat, obwohl ich sie nicht ganz nachvollziehen kann, natürlich ihre Berechtigung und ich danke dir, dass du deine Sichtweise mit mir geteilt hast.

    Beste Grüße vom Glasbleistift
    Dass Du bist, genügt. Ob ich nun wäre,
    lass es zwischen uns in Schwebe sein.
    Wirklichkeit ist wahr in ihrer Sphäre;
    schließlich schließt das ganz Imaginäre
    alle Stufen der Verwandlung ein.

    Rainer Maria Rilke

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