Thema: Diätiker

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    Diätiker

    Dick oder dünn, das ist hier die Frage.

    Eine Sache, mit der sich sicher schon jeder einmal beschäftigt hat. Es soll Wesen auf diesem Planeten geben, für die dieses Thema, ohne es überhaupt zu realisieren, zu dem zentralen, alles beherrschenden Mittelpunkt ihres Lebens geworden ist. Da kann ein halbes Kilo mehr oder weniger schon mal zu Sinnkrisen führen, gegen die 9/11 als Peanut-Problem nicht mal im Ansatz konkurrieren könnte. Es könnte leicht der Eindruck entstehen, dass der Blickwinkel für das Wesentliche auf den Schlachtfeldern von Grundumsatz, Kalorienverbrauch und Fettanteil nicht nur eine nachhaltige Trübung, sondern gar einen beträchtlichen Kollateralschaden erfahren hat. Keine Angst, die Friendly Fire Anspielung verkneife ich mir in diesem Zusammenhang.
    Aber sagen Sie das bitte nicht meinem Verleger!

    Unser Figurempfinden ist natürlich der heutigen Zeit geschuldet, in der Erfolg gerne als Produkt aus gutem Aussehen, weißen Zähnen und dem optimalen Body-Mass-Index definiert wird. Wie verschieden die Geschmäcker in den einzelnen Epochen gewesen sind, hat nicht zuletzt Rubens in eindrucksvollen Werken der Nachwelt hinterlassen. Stellen Sie sich die Gesichter der heutigen Modezaren vor, wenn sich die Lagerfelds dieser Welt nach einer Zeitreise unversehens im Zeitalter des Barock wiederfinden würden. Angesichts der im Vergleich zu heute nahezu gigantischen Flächen, die es einzukleiden gegolten hätte, wäre das aber wohl eher ein Job für Herrn Christo gewesen, der ja schon am Berliner Reichtstag unter Beweis stellen konnte, dass er Aufgaben dieser Größenordnung durchaus gewachsen ist. Andererseits wäre Herr Rubens aber auch wenig erbaut gewesen, wenn sich ihm eine Claudia Schiffer zum Beispiel als Modell vorgestellt hätte. Man kann ja nur spekulieren, aber er hätte sich bestimmt zu einem, "Na Mädchen, vielleicht isst Du erst mal was", hinreißen lassen.

    Doch verlassen wir jetzt die Ateliers vergangener Epochen und wenden uns wieder der Frage zu, wann man denn nun zu dick ist oder nicht. In diesem Zusammenhang müsste natürlich zuallererst geklärt werden, wem man denn eigentlich als zu dick erscheint: Sich oder seiner Umgebung?
    Eine wirklich objektive Betrachtungsweise eines so sensiblen Themas ist wahrscheinlich unmöglich. Doch ich finde, bei aller angemessenen Zurückhaltung, wenn beim Laufen der Hintern Beifall klatscht, kann trotz aller Subjektivität des jeweiligen Betrachters davon ausgegangen werden, dass sich Justitia stark in Richtung zu dick neigt. Alles darunter ist Ansichtssache, je nachdem wie fanatisch Sie gerade der Sekte der Diätiker angehören. Diesen möchte man fast in alter Friedensbewegungsmanier zurufen:

    "Erst wenn die letzte Diät abgebrochen, das letzte Fettburning-Workout absolviert und der letzte Appetitzügler verspeist ist, werden Ihr erkennen, dass dünn sein allein auch nicht glücklich macht!"

    Warum macht uns das Gewicht denn bloß so viel zu schaffen, wo die Formel dafür doch so einfach ist?
    Wer nur soviele Kalorien zu sich nimmt, wie er verbraucht, nimmt nicht zu. Wollen Sie also abnehmen, müssen Sie entweder weniger essen als Sie verbrauchen oder mehr verbrauchen als Sie essen. Am besten, so die einhellige Meinung der Experten, wäre wohl eine Kombination aus weniger essen und mehr verbrauchen.
    Doch genau darin liegt schon ein großes Problem für die meisten von uns, weil wir von Natur aus nun mal eher bestrebt sind, mehr in uns reinzustopfen als wir freiwillig abgeben wollen. Nun gut es gibt Menschen, die essen können, was sie wollen, ohne dabei zuzunehmen. Aber glauben Sie mir, die allermeisten von uns gehören nicht zu dieser Gattung, auch wenn wir nicht aufhören mit den Versuchen, das Gegenteil zu beweisen. Der Fachbegriff für diese spezielle Unterart lautet schlechte Futterverwerter. Zu vielen Zeiten wären solche Menschen bei der erstbesten Hungersnot elendig zugrunde gegangen. Aber heutzutage, wo der Überfluss vorherrscht in unseren Gefilden und selbst Schokolade täglich ihre viertausend Kilokalorien liefern kann, ziehen Exemplare wie jene weit weniger die mitleidsvollen als eher die neidischen Blicke derer auf sich, denen es nicht so leicht fällt, ihre Kleidergröße über Jahre konstant zu halten.
    Allen Diäten ist ja auch leider zu Eigen, dass die Gewichtsabnahme anfänglich immer recht gut klappt, der Kiloverlust aber ähnlich unserer Motivation im Verlauf des Diätzeitraums deutlich an Dynamik einbüßt. Ein Teufelskreis, der bedrohlich an Fahrt zulegen kann. Mann nimmt weniger ab, obwohl der Plan penibelst eingehalten wurde, was dazu führt, dass die Motivation flöten geht und man anfängt, den Plan immer weniger penibel einzuhalten, mit dem Ergebnis, dass einem beim täglichen Blick auf die Waage immer seltener ein "Ja!", sondern zunehmend ein " Oh mein Gott!" über die Lippen kommt.
    Was aber nicht unbedingt zum Ausdruck bringen soll, dass dem Fasten ja schon immer eine gewisse religiöse Komponente angehaftet hat.

    Erschwerend kommt noch hinzu, dass der Körper natürliche Abwehrmechanismen gegen so eine künstliche Hungersnot entwickelt hat und seinen Energieverbrauch drosselt, wenn er weniger zu futtern bekommt. Eine recht sinnvolle Angewohnheit, wie ich hinzufügen möchte, ohne die wir wohl sicher nicht überlebt hätten. Denn früher soll es schon mal Zeiten gegeben haben, in denen die Geschäfte länger als zwei Tage nacheinander geschlossen hatten und die nächste Tanke vielleicht Tausende von Kilometern entfernt war. Wenn dann nicht gerade zufällig ein Mammut im Garten gegrast hatte oder vom letzten Elfenbeinspender noch was übrig war, konnte ruckzuck Schluss sein für die Hungerhaken. Wir Dicken dagegen konnten schon mal längere Fastenzeiten überstehen und besaßen evolutionstechnisch sicher einen Vorsprung, den wir problemlos bis in unsere Zeit mit rüber retten konnten.

    Peer Dorst
    Geändert von Peer Dorst (02.06.2012 um 11:18 Uhr)

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