Thema: 144

  1. #1
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    144

    Mein Rufen bemüht sich, den Himmel zu finden,
    doch einzig der finstere Abgrund hört zu.
    Ich beuge mich tief, mich nicht länger zu schinden,
    zu suchen, im Dunklen, die ewige Ruh
    und springe, auf dass es mir diesmal gelinge,
    mit offenen Armen, geschlossenen Augen,
    die leer und erblindet zum Sehen nicht taugen,
    hinab in den düsteren Schimmer,
    mich ganz zu verlieren, doch kann nichts passieren:
    Wer suchet, der findet; Ich suche schon immer.
    Hab’s gar übertrieben und bin wie so oft
    im Tod unverhofft noch am Leben geblieben.

    So wandle ich weiter, verschlungene Pfade,
    bewachsen von Wermut und Kirschen, entlang.
    Geschmückt wie ein Götze, mit Silber und Jade,
    die kostbare Last, sie erschwert meinen Gang.
    Ich singe, so laut, dass es lauter nicht ginge,
    vom wallenden Zorne der himmlischen Götter
    der fürchterlich tobend die arglosen Spötter
    mit all ihrem albernen Hoffen
    in Trümmer zerschlage am jüngsten der Tage,
    nur jener, sie lobend, er wird nicht getroffen;
    Doch kann ich nicht loben, die göttliche Zunft,
    denn hier herrscht Vernunft und sie herrschen dort oben.

    Es wähnt sich mein Streben in formlosen Sphären,
    vermag indes nicht, meine Fesseln zu lösen.
    Wer böte sich an, einen Wunsch zu gewähren?
    Ich wünschte sie fort, die Essenz alles Bösen
    und würde, befreit von unsäglicher Bürde,
    die Freiheit des Windes noch weit überragen,
    denn länger nichts Schlechtes hätt' ich zu ertragen.
    Doch all dies bleibt nur ein Gedanke;
    Ich bleibe gefangen, muss stets um mich bangen
    erkenne nichts Echtes darin und so wanke
    ich strauchelnd umher im Versuch, nicht zu fallen,
    will Teil sein von Allen, will alles und mehr.

    Ich trete hervor, aus den kleinlichen Schatten,
    bin Licht, das im Nebel sich manifestiert.
    An Orten, die mir vormals Angst gemacht hatten,
    dort hat sich mein forschender Geist etabliert.
    Im Wesen, nicht schäbig, doch längst nicht erlesen,
    versuch ich zu wahren ein edles Gemüt;
    Nichts könnte beschmutzen, des Königs Geblüt
    und königlich streb‘ ich zu sein.
    Regierte mit Milde den Staat, die Gefilde,
    wo immer ein Nutzen und sei er auch klein,
    ich würde ihn teilen zu je gleichen Stücken,
    die Kraft meiner Brücken lüd‘ ein zum Verweilen.

    Wie lang auch ein Tempel die Zeit überdauert,
    es ist ihm bestimmt, einst in Staub zu zergehen.
    Zerfall ist ein Raubtier, das arglistig lauert;
    Das Ende gewiss, alle Zeit im Bestehen.
    In Trümmern wird’s enden, mit Weinen und Wimmern
    und schließlich Vergessen. Man baut etwas Neues,
    das bald schon entschwindet: Besitz ist nichts Treues.
    Weshalb sich noch weiter bemühen?
    Der Tod ist dem Leben von Anfang gegeben,
    die Feuer entzündet um kalt zu verglühen.
    Von Ewigkeit träumen es scheint ohne Sinn;
    Solange ich bin, will ich’s dennoch nicht säumen.

    Die Wahrheit ist weder mit Händen zu fassen,
    noch gibt es nur eine, die alles enthält.
    So nahm ich mir vor, sie frei ziehen zu lassen,
    heut find ich sie wieder, zerhackt und entstellt.
    Die Wahrheit, getrübt nur, es mangelt an Klarheit
    und plötzlich scheint alles im Zweifel verloren;
    Ein Trugbild des Geistes, von Musen geboren,
    die Grenzen, es gibt sie nicht mehr.
    Im Wandel entsteht aus dem Nichts Entität.
    Kein Sterblicher weiß es, die Köpfe sind leer
    Im finsteren Raum, den ich Wahrnehmung nenne,
    der nicht länger trenne, das Wahre vom Traum.

    Das Kind in mir reckt voll Erwartung die Hände,
    bereit und gewillt, sie sich heiß zu verbrennen.
    Selbst wenn es in Mitten der Feuersbrunst stände,
    ein Lächeln blieb noch im Gesicht zu erkennen.
    Die Flammen, sie wollen auf ewig verdammen;
    Noch throne ich oben, weit über den Dingen,
    wo Seelen wie Puppen am Galgenstrick schwingen,
    ein Liedchen vom Tod auf den Lippen;
    Gesang stimmt mich munter, ich steige hinunter,
    zu Rudeln und Gruppen, zu Herden und Sippen,
    zu brennenden Kindern, schier endlose Scharen,
    Die nie Kinder waren. Ich will nichts verhindern.

    Sie sind nicht zu löschen, die Feuer der Herzen,
    doch trotz ihrer Wärme, wie sollt es gelingen
    den Neid und den Zorn im Verstand auszumerzen,
    zu schwer scheint der Stahl der sich kreuzenden Klingen.
    Die Liebe ist, was dann am Ende noch bliebe,
    wenn Wut und Zerstörung sich letztlich entfernen.
    Und wann dies geschehe, steht nicht in den Sternen,
    die zitternde Hand ist am Zug.
    Doch wärmendes Feuer, es birgt Ungeheuer,
    was immer ich sehe, verkommt zum Betrug;
    Bald liegt Alledem kein Prinzip mehr zu Grunde,
    verbreitet die Kunde und löst das Problem!

    Die Opfer zur Tilgung der Schuld sind erbracht,
    das Blut, es tropft warm auf den fruchtbaren Boden.
    Die Meute erhebt sich im Schutze der Nacht,
    um blutleer die Wälder der Umsicht zu roden.
    Auf bleichen Gebeinen der Armen und Reichen,
    Kadavern der Kinder, dem Blut unsrer Frauen,
    dort möchte ich hausen, mein Schloss mir erbauen,
    die Welt und ihr Sterben betrachten.
    Sie wird nicht genesen, als Leiche verwesen.
    Will trinken und schmausen und alles verachten,
    und doch mir bewahren, die Liebe zum Nächsten
    als Teil meines Wegs, denn wer liebt kann erfahren.

    Erfahrung, sie wird auf die Probe gestellt,
    wo immer Entscheidung getroffen sein will;
    Und dies ist der Wille, der Dunkles erhellt,
    mal tobt er in Rage und mal ist er still.
    In Kreisen versucht er den Weg mir zu weisen,
    rotiert um ein Zentrum, das mir nicht bekannt.
    Ich folge den Bahnen als kleiner Trabant,
    gehalten von Anziehungskraft.
    Er scheint mir dabei nicht im Mindesten frei,
    doch kann ich nicht ahnen, was Willen erschafft.
    Auf seltsame Weise hält er mich gebunden,
    noch nicht überwunden, verhalt‘ ich mich leise.

    Das Brechen des Schweigens ist bar jeden Werts,
    nur scheint das, was wertlos, besonders zu reizen.
    Man hüllt sich ins Reden, als wär’s edler Nerz,
    mit Stille hingegen beginnt man zu geizen.
    Verloren das Wort ohne offene Ohren.
    Aus zu vielen Mündern erschallt es im Chor,
    nur sinnfreies Summen gelangt an mein Ohr;
    Nicht lange, schon tönt es aus allen.
    Nun, wer applaudiert, wenn bald jeder agiert?
    An Worten des Stummen, find ich dann Gefallen;
    Er muss gar nicht sprechen um alles zu sagen
    Wie könnt ich es wagen, dies Schweigen zu brechen.

    Am Ende ist vieles gesagt und gedacht,
    die Hoffnung auf mehr wächst heran und trägt Frucht;
    Noch lange nicht sind alle Schritte gemacht;
    Was einst ein Versuch war, wuchs langsam zur Sucht.
    Ich lege mein Glück in die Hände der Wege,
    die, frei noch von Spuren, zu Einsichten führen,
    bereit jeden Pfad dieser Welt aufzuspüren.
    Die Zukunft, sie steht vor den Toren.
    Wer könnt‘ von sich sagen, er würd‘ es nicht wagen?
    Der Mensch ist zur Tat in der Welt auserkoren.
    Erst wenig vollbracht, gilt es mehr zu erreichen,
    gestellt sind die Weichen, der Anfang gemacht.
    Geändert von Filtertüte (10.06.2012 um 22:48 Uhr)

  2. #2
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    GlückwunscH! Kann mich nicht erinnern außer bei Brecht solange, so gut durchdachte Stücke gelesen zuhaben.

    Besonders gefällt mir die EInstellnug zum Nebel (und Nebel heißtn umgedreht Leben):

    "Ich trete hervor, aus den kleinlichen Schatten,
    bin Licht, das im Nebel sich manifestiert.
    An Orten, die mir vormals Angst gemacht hatten,
    dort hat sich mein forschender Geist etabliert;"

    oder die Einstellung zum Besitz:

    Besitz ist nichts Treues.
    Weshalb sich noch weiter bemühen?
    Der Tod ist dem Leben von Anfang gegeben;
    Die Feuer entstehen um kalt zu verglühen.
    Von Ewigkeit träumen es scheint ohne Sinn"

    Und die Einstellung angesichts des ganzen Treibens, zwischen Abscheu und Akzeptanz:

    "Ich will nichts verhindern."

    Und nachdem die ganze RUnde zwischen Tod und Leben, Geiz und BEscheidenheit gelaufen ist, ist "der Anfang gemacht"

    Sehr gerne gelesen.
    Nichts ist alles. Alles ist nichts.

  3. #3
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    Hallo Bakunins Bart,

    Danke für deine Worte. (Vor allem der "Vergleich" mit Brecht hat mich zwei Zentimeter wachsen lassen).
    Es stecken tatsächlich einige Gedanken oder Gedankensplitter in diesem Gedicht. Ich bin nochmal etwas drübergegangen, es waren noch ein paar Rechtschreib-und Kommafehler drinne (Sind wahrscheinlich immer noch, aber die habe ich vorerst nicht entdeckt).
    Freut mich, dass du Gefallen am Text gefunden hast.

    Grüße
    die Filtertüte

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