1. #1
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    Zweierlei Leben

    Zweierlei Leben

    ©Hans Hartmut Karg
    2012

    So bin als Mensch ich voller Leben,
    Die Professur macht mir nichts schwer.
    Nah allen Gipfeln will ich streben,
    Das reizt mich – und noch vieles mehr.

    Ich bin ein Mensch, krebskrank, durchwuchert,
    Als Lehrer war mir vieles schwer.
    Nichts war bei mir wirklich gezuckert,
    Man gab mir nichts – wollte nur mehr.

    Was kostet schon die liebe Welt?
    Ich reise frei und finanziert:
    Die Fakultät zahlt ja das Geld,
    Und mir steht zu, was mir gebührt.

    Die Krankheit kostet uns gar viel,
    Die Schmerzen sind nicht auszuhalten.
    Verloren ist mein Glücksgefühl –
    Der Krebsarzt kann nur noch hinhalten.

    Ich schreibe gern ein Gutachten,
    Lass´ jeden Vortrag schön vergüten.
    Verlierer kann ich sehr verachten,
    Weil sie sich doch um nichts bemühten.

    Von einem Tag leb´ ich zum andern,
    Ein leidend´, traurig´ Christusbild.
    Ja, viele Angstgedanken wandern,
    Heben mein Endziel auf den Schild.

    Als großer Ordinarius
    Bin ich präsent auf den Kongressen.
    Weltweit erheb´ ich froh den Gruß
    Auf meinesgleichen – und das Essen.

    Schon kann ich nicht mehr sehend gehn,
    Mein Leib verweigert manches Essen.
    Und ich hab´ sie so gern gesehn:
    Die Kinder – die besonders kessen!

    Ich mache noch ein wenig Geld,
    Solange sich mein Ruf wird höhen,
    Denn Geld hat schließlich diese Welt –
    Und Gutachten lass´ i c h erstehen.

    In Armut bin ich längst gesunken,
    Krankheit trägt keinen Lebenswert.
    Da können viele Feinde unken:
    Runtergemacht bin ich ein Zwerg.

    Groß, etabliert und Referent,
    So lass´ ich alles mir bezahlen.
    Da bin ich wirklich ungehemmt,
    Mich nerven keine Skrupelqualen.

    Ich lebe leise Tag für Tag,
    Von Schmerz zu Schmerz und Therapie,
    Im Hals immer den Schmerzbelag,
    Leiden im Leib bis in die Knie.

    Mit meiner Frau geh´ ich gern wandern,
    Geordert beim Billigdiscount.
    Das Teure zahlen schon die andern,
    Billigst bleibt mein Daseinsaccount.

    Die Welt weiß nichts von meiner Not,
    Ich leide wie ein Hund.
    Mir bleibt nur noch der sichere Tod,
    Der Krebs frisst meinen Mund.

    Mir ist das alles sehr egal,
    Das Schicksal ist halt so:
    Der eine trägt Nobel am Schal,
    Der andere klebt am Klo.

    Sei mir ein wenig Nächster, Freund,
    Trage ein wenig Mitleid,
    Damit sich meine Seele bräunt,
    Zur Stärkung für das End´ bereit.

    Ich bin doch stark und sehr gesund,
    Ein Forscher ist halt so.
    Bei mir läuft wirklich alles rund,
    Da ist mein Ego wirklich froh.

    Mein Leben war nur Niederlage,
    Scheitern in den Berufsbelangen.
    Da stell´ ich bangend jene Frage,
    Ob mich ein Engel wohl wird fangen?

    Für mich war alles nur Erfolg,
    Ein Glückskind bin ich für den Gott,
    Im Status über allem Volk,
    Global vernetzt und polyglott.

    *

  2. #2
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    "Das Schicksal ist halt so:
    Der eine trägt Nobel am Schal,
    Der andere klebt am Klo."

    Sehr schöner Ausschnitt

    Kleiner Vorschlag: Zur Stärkung für die "Endzeit" statt "end bereit"

    An sich sehr direktes Gedicht, wirkt an vielen Ecken noch zu direkt, wo ein wenig Komplexität und Vielschichtigkeit nicht fehl am Platze wär. Allerdings hat diese Direktheit auch ihre Perlen, s.o..

    Polglott musste ich nachschlagen- auch eine schöne "Kante" deines Werks.

    Alles in allem eine Ode über den kranken Wissenschaftler und darüber auch über die "Objektivität" der Wissenschaft, die angesichts des Totkranken schon unmenschlich wird...

    Gern gelesen alles in allem, Gruß BB.
    Nichts ist alles. Alles ist nichts.

  3. #3
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    Lieber Dr. Karg,
    vielen ihrer Gedichte haben meiner Meinung nach keine poetische Sprache. Sie wirken wie ein Prosatext, der in eine gedichtartige Strutur gebracht wurde. Auch trotz Inversionen für die Reime und vor allem trotz den Reimen selbst wirken die Sätze sehr natürlich. Das finde ich doch überraschend, stelle ich mir nämlich sehr schwer vor. Dafür ein Kompliment!
    Allerdings wirken sie durch diese gewöhnliche Sprache auch nun ja gewöhnlich. Es fehlt etwas, das ihre Gedichte nur im Erleben besonders wirken lässt.
    LG BS

  4. #4
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    Lieber BB,
    danke für die Vorschläge - ich lasse dennoch bewusst die Begriffe so stehen.
    Besonders hat mir Dein einfühlendes Verständnis gefallen!
    Herzliche Grüße H. H. Karg

  5. #5
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    Re: Zweierlei Leben

    Lieber Blobstar,
    wunderbar gesehen und erkannt - meine Kunst!
    In der Tat ist es nicht leicht, die Balance zwischen einfacher Sprache und Dichtkunst zu gehen. Ich will ja etwas erzählen, mitteilen - und trotzdem reimen. Das gelingt mir nicht immer auf hohem Niveau!
    Herzliche Grüße H. H. Karg

  6. #6
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    Lieber Dr. Karg,
    Was mir noch aufgefallen ist:
    Das hier ´ ist ein Akzent, den sie immer anstelle des Apostrophs ' verwenden. Dies stört an den betreffenden Stellen den Lesefluss, da durch die Breite des Akzents eine unnatürlich lange Lücke entsteht. Im Vergleich:
    Da stell´ ich bangend jene Frage
    Da stell' ich bangend jene Frage
    Sie sollten darauf achten, Apostroph zu verwenden.
    LG BS

  7. #7
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    Lieber Blobstar,
    das mit der längeren Lücke hängt beim Apostroph´ damit zusammen, dass mein Programm immer eine Störung anzeigt und ich diese Anzeige vermeiden will. Ich gehe aber davon aus, dass meine Gedichte trotzdem verstanden werden.
    Herzliche Grüße und trotzdem vielen Dank für den Hinweis!
    H. H. Karg

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