1. #1
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    Was noch übrig bleibt

    Wie viel Zeit bleibt mir noch...


    Langsam, ganz langsam folgt der Tod.
    Ich erinnere mich an meine Jugend,
    den Krieg, die Armut und all die Not,
    doch auch an meine musische Tugend.

    Schleichend, so schleichend sucht er mich auf.
    Das Jetzt ist schon wieder im Später vergessen.
    Ein Rennen um Würde im verlorenen Lauf.
    Ich werde von innen her völlig zerfressen.

    An manchen Tagen geht es mir besser,
    da legt sich ein Lichtstrahl auf mein Gemüt,
    und Dasein gleicht einem ruhigen Gewässer,
    in dessen die Sonne friedlich verglüht.

    Demenz hat meinen Willen gezähmt.
    Kein Satz weicht mehr von meinen Lippen.
    Ich fühle mich hilflos und beschämt.
    Ach, lasst mich doch im Rollstuhl wippen,

    solange ich mich noch regen kann.
    Ständig gleiten die Finger durch's Haar
    wartend auf den schwarzen Mann.
    Ich hoffe, es dauert nicht noch ein Jahr.

    Müde bin ich und satt vom Leben.
    Könnte ich es selbst bestimmen,
    ich würde alles darum geben,
    dem Siechtum schneller zu entrinnen.
    Geändert von DesertFlower78 (13.10.2016 um 03:19 Uhr)
    So bin ich nur als Kind erwacht,
    so sicher im Vertraun
    nach jeder Angst und jeder Nacht
    dich wieder anzuschaun.
    Ich weiß, sooft mein Denken misst,
    wie tief, wie lang, wie weit - :
    du aber bist und bist und bist,
    umzittert von der Zeit.

  2. #2
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    Hey Wüstenblume,

    schön dich mal wieder begrüßen zu dürfen! Das ist schon eine Weile her... (Wenn man mal von dem vor drei Tagen absieht) Passiert das in Zukunft wieder öfers? Ich würde mich freuen!

    Das Metrum ist recht abwechslungsreich. Da sich das aber durchzieht, gehe ich davon aus, dass du kein festes Metrum verfolgt hast und lasse das mal so stehen.

    Ein paar kurze Anmerkungen, die aber auf persönlichen "Problemen" beruhen können und nicht unbedingt von allen so gesehen werden.
    Die erste Strophe ist reimtechnisch nicht so der Bringer. Die Reime habe ich genau so erwartet. Danach geht es aber auch steil bergauf und behält das Niveau dann auch bei. Allerdings ist die letze Strophe dann wieder nicht ganz so schön. Es endet mit zwei Assonanzen, die ich wegen der vorherigen Reime eher als unreine Reime bezeichnen würde. Aber durch den Abstand fällt das nicht so auf, wie es in der S1 der Fall ist.

    und Dasein gleicht einem ruhigen Gewässer,
    in dessen die Sonne friedlich verglüht.
    Hier habe ich ein begründbares Problem. Das "dessen" schwebt da ohne sichtbaren Bezug. Das Gemüt wäre mir zu weit weg. Vorstellen könnte ich mir "Schimmer" "Wellen" "Leben" (für den Bezug/Gegensatz zum Tod) "Fläche" etc. Das sollen nur Beispiele sein, die dich evtl. zum Nachdenken anregen.

    Der Rollstuhlvers kommt für mich komisch rüber. Ich gehe davon aus, du meinst einen alten Mann/eine alte Frau der/die in einem Rollstuhl sitzt und mit dem Oberkörper wippt. Ich sehe da eine Person (einfacher ) die mit ihrem Rolli kippelt. Dass das enorm schwer ist, kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen... Darum kommt mir ehre das Bild des Schaukelstuhls. Der zeigt aber kein Elend, das sicher dein Ziel war. Eine Idee von mir wäre "Ach, lasst mich doch den Oberkörper wippen,". Aber dann wäre auch die Fantasie notwendig das als Leser zu verarbeiten, dass dies wohl im Rollstuhl geschieht. Schwer... Also nur eine Idee, völlig ohne irgendwelche Ansprüche...

    und warte auf den schwarzen Mann
    Der schwarze Mann ist völlig Ok, nur als Idee der Sensenmann...

    und hoffe, es dauert nicht noch ein Jahr
    Hier hätte ich versucht, dass "noch" bewusst auf eine Hebung zu setzen. Das würde in meinen Augen den Wunsch etwas stärken. Nicht noch ein Jahr aushalten zu müssen.

    Das war es aber schon mit Negativem, das sowieso nur ein Hauch von Kritik sein soll, da mir das Gedicht wirklich gefällt. Darum noch ein paar positive Gedanken zu ein paar Versen:
    Langsam, ganz langsam folgt der Tod.
    Ich erinnere mich an meine Jugend,
    den Krieg, die Armut und all die Not,
    doch auch an meine musische Tugend.
    Der erste Satz gab mir das Tempo vor, in dem ich dein Gedicht lesen wollte. Langsam, ganz langsam. Gemessenen Schrittes ging ich vor und genoss dein Gedicht. Langsam, ganz langsam. Mit der Jugend, dem Krieg, der Armut, der Not und der "musischen Tugend" werden hier Gegensätze aufgezeigt, die nun mal entstehen, wenn ein Leben gelebt ist. Es gibt Schlechtes und Gutes. Das Schlechte überwiegt vielleicht an Jahren und Taten, aber das Gute an Masse.

    Schleichend, so schleichend sucht er mich auf.
    Das Jetzt ist schon wieder im Später vergessen.
    Ein Rennen um Würde - ein verlorener Lauf.
    Ich werde von innen her völlig zerfressen.
    Hier noch einmal die indirekte Bitte langsam zu lesen. Hast du wohl nicht so gemeint, aber kommst so an.
    Der zweite Vers gefällt mir besonders. Er hat das gewisse Etwas.

    Demenz hat meinen Willen gezähmt.
    Kein Satz weicht mehr von meinen Lippen.
    Ich fühle mich hilflos und beschämt.
    Ach, lasst mich doch im Rollstuhl wippen,
    Hier verstehe ich das Wippen als letze Handlung, was dadurch unterstrichen wird, das die Demenz den Willen raubt, bzw. unter seine Kontrolle bringt und beherrscht. "Du machst nichts mehr als zu wippen. Muhahaha"
    Das Bewusstsein scheint aber noch da zu sein ("Ich fühle mich hilflos und beschämt"). Dann kommt mein Problembär, der wohl nur meiner ist.

    Ich bin müde und satt geworden vom Leben.
    Könnt ich es selbst fortan bestimmen,
    ich würde alles darum geben,
    dem Siechtum schneller zu entrinnen.
    Hier die bestimmte Aussage, dem Leben ein Ende setzen zu wollen. Wer möchte kann hier den Wunsch der Sterbehilfe herauslesen. Ich glaube aber, das ist einfach der gebrochene Lebenswille, den die Krankheit mit sich bringt. Im letzen Vers wird dann noch das Elend wieder dargelegt, dass der Leser es nicht vergisst. Das Alter ist ein Siechtum! Zumindest dieses.

    Doch mein Schicksal lässt mich weiter warten...
    Und das Gedicht endet mit einer dem Tod sehnsuchtsvoll zuflüsternden Seufzer an das Schicksal. Passendes Ende.

    Ein authentisches Gedicht, das das Alter darstellt, wie es wohl wirklich ist. Mit vielen Bildern dargestellt und zum Mitfühlen geschrieben. Ich wünsche deinem LI, dass sein Wunsch nach einem natürlichen Tod bald erfüllt wird. Im Namen der Menschlichkeit...

    Auf hoffentlich baldiges wiederlesen
    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
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    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
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  3. #3
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    Liebe Nachteule,

    reichlich verspätet folgt meine Antwort auf deinen interessanten und hilfreichen Beitrag zu meinem Gedicht.
    Ich habe mich bereits per PN bedankt und möchte hier noch einmal auf mein Gedicht eingehen.

    Es ist authentisch.
    Es handelt von meinem Vater, mit den Augen, wie ich sie sehe.
    Ich habe bereits mehrere Male von seinem Zustand geschrieben, der mittlerweile weit fort geschritten ist.
    Vielleicht ist es eine Art der Verarbeitung... zu schreiben...

    Ich danke dir für deine Anmerkungen und die Zeit und Lust, die du für mich genommen hast.
    Bitte verstehe jedoch, dass ich keine Zeile in diesem Gedicht ändern möchte.

    Ganz liebe Grüsse
    von der

    Wüstenblume
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    nach jeder Angst und jeder Nacht
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    du aber bist und bist und bist,
    umzittert von der Zeit.

  4. #4
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    @Desert

    Traurig das Ganze. Ich könnt jetzt mit meiner Mutter fortsetzen, nein, lassen wir.

    Zitat:
    Demenz hat meinen Willen gezähmt.

    Ich würde“ Demenz“ streichen, ersetzen. (Zerfall)
    Alles andere kannst du lassen. Ist sowieso schon schwer genug.
    Ja, und spiel mal wieder mit uns. Tschüss.

  5. #5
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    Lieber Gedankenspringer,

    auch bei dir möchte ich mich um meine späte Antwort entschuldigen.

    Ja, es ist schwer genug.
    Es gibt verschiedene Arten der Demenz.
    Mein Vater hat die aggressivste von allen.

    Demenz wir in unserer Gesellschaft weiter drastisch zunehmen.
    Es gibt schon viele Fälle, die man innerhalb der Nachbarschaft oder des Freundes- oder Verwandtenkreises findet.
    Ich finde es furchtbar - die Vorstellung - und nun auch das aktive Miterleben über den Verlauf der Krankheit, einmal auf diese Weise enden zu müssen.
    Jeder Hauch von Würde ist fort, zurück bleibt ein vollkommen hilfloser Mensch, dessen Augen, müde und matt, doch wach genug, die letzten Worte mit Blicken zu formen...

    Ich bin noch unschlüssig, ob ich Demenz mit Zerfall ersetzen möchte.
    Es sei denn, der Leser würde hinter diesem Wort tatsächlich Demenz vermuten.
    Ich wollte es einfach deutlich machen, von was ich hier spreche.

    Auf jeden Fall hat es mich sehr gefreut, dass du dich zu meinem Gedicht geäussert hast und ich danke dir dafür.

    Liebe Grüsse und hoffentlich bis bald, ich werde versuchen, wieder öfters online zu gehen, wie es eben meine kleine Familie zulässt

    Wüstenblume
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    umzittert von der Zeit.

  6. #6
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    Dein Gedicht berührt mich sehr - in meiner Familie hat es auch den Vater 86j. nun bald, getroffen. Seit über einem
    Jahr geht es bergab, die Mutter, 85j. schaut auf ihn zuhause, aber manchmal ist sie überfordert dabei. Heute
    kam er ins Spital, er kann nicht mehr selbst essen, die Hände zittern so. Er sitzt so verloren auf einem Stuhl vor dem
    Haus. Heute nun machte er einen Schrei mit Röcheln, verlor kurz das Bewußtsein, kam wieder zu sich und
    schaute nur meiner Mutter in die Augen ohne etwas zu sagen. - Mein Bruder ist da, wenn etwas ist ....aber es ist
    alles so traurig, er ist gegangen und lebt doch. - Wenn man so hilflos enden muß, keine Kontrolle mehr über sich hat,
    das Gehirn stirbt vor dem Körper - wünschte ich einen anderen Tod für jeden Menschen, als diesen. - Man möchte
    in solchen Tagen gar nicht mehr selbst leben.
    Tieftraurig heute
    E.Chatterfield

  7. #7
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    Liebe Lady Chatterfield,

    ja, solch ein Sterben wünscht man keinem und doch ist das die Realität.
    Ich versuche, so erwachsen wie möglich damit umzugehen und auch die Furcht vor dem langsamen Tod nicht zu unterdrücken, müssen wir ihm doch alle einmal in die Augen sehen.

    Ich wünsche dir viel Mut, Kraft und Liebe, auch für deine Angehörigen - aus der Ferne sind Wünsche immer schnell formuliert - daher wünsche ich dir auch, dass du das erhältst, was du in diesen Zeiten brauchst.

    Danke, dass du mein Gedicht kommentiert hast.

    Liebe Grüsse

    Wüstenblume
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    du aber bist und bist und bist,
    umzittert von der Zeit.

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