Unüberhörbar


Der US-amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway sagte einmal: „Katzen erreichen mühelos, was den Menschen versagt bleibt, durchs Leben zu gehen ohne Lärm zu machen.“ Dem stimme ich nicht ganz zu, denn wäre Einstein um 23:43 Uhr nachts nicht auf den 75 Zentimeter hohen Afrikanischen Mahagoni Tisch gesprungen, hätte dieser nicht die rot-goldene Votivkerze, bei der man vergaß, sie zu löschen, umgeschmissen. Wäre diese Kerze nicht von dem schwarz weißen Kurzhaarkater umgestoßen worden, hätte sich das Feuer keinen Weg über den teuren Holztisch gebahnt. Das Feuer wurde größer, der verschreckte Einstein sprang aus dem Fenster der 6-stöckigen Wohnung und ließ sein Frauchen, die 56-jährige Frau Breitenstein, schreiend um Hilfe zurück. Gäbe es den Kater Einstein nicht, wäre der schreckliche Lärm, der am 19.11.2009 um 1:57 Uhr morgens verstummte und sich in Asche auflöste, nie entstanden.

~ 19.06.2010, Freitagnachmittag, Gehler Straße~

Dr. Breitenstein weicht Samira lautlos auf dem engen, düsteren Flur aus und schlendert Richtung Küche. „Im Mittelalter galt die Katze bei den Christen als ‚Teufelsnatur‘ oder ‚Dämon‘.“ Vorsichtig setzt Samira einen Fuß in die kahle Küche und lässt sich auf einen Stuhl mit abgekratztem Lack nieder. „Tatsächlich?“, seufzt sie, während sie ihre Nase vor dem bestialischen Gestank des geschimmelten Stückes Käse hinter den altmodischen Keramiktassen schützt. „In der Tat. Wollen Sie raten, an was dies gelegen haben kann?“ „Ich glaube, dass alle Parallelen zu Satan den Christen damals Angst einjagte… Und so war es eben mit den Katzen und ihrem lautlosen Gang, dem Jagen und ihrer nächtlichen Lebensweise.“ Das Wasser hört auf zu kochen. Stirnrunzelnd gießt es Herr Breitenstein in die Kanne und hängt zwei Teebeutel Pfefferminze hinein. Schließlich setzt er sich mit der Kanne in der einen, und zwei Tassen in der Anderen gegenüber Samira an den billigen Plastiktisch aus einem Supermarkt-Discounter. „Ich bin beeindruckt von Ihrer Kenntnis zu diesem Thema, Samira, Ihre Vermutung ist durchaus richtig.“ Ein kleines Lächeln huscht über Samiras reines Gesicht. „Weshalb interessieren Sie sich überhaupt für Katzen? Was fasziniert Sie an ihnen so sehr?“ Nachdenklich nimmt er sich seine Tasse und nippt vorsichtig an dem heißen Tee. Der frische Geruch der Pfefferminze liegt leicht in der Luft. „Eine weitere, sehr typische Eigenschaft von Katzen ließ die Christen im Mittelalter Katzen verfolgen, ertränken, foltern oder verbrennen.“ Interessiert legt Samira ihren Kopf schief. „Man nennt es heutzutage den Stellreflex.“ Verwundert nimmt Samira einen zu großen Schluck, verbrennt sich die Zunge und kommt leicht ins Husten. „Was genau ist denn der Stellreflex?“ Keucht sie und wischt sich mit dem Handrücken über die rauen Lippen. „Wenn eine Katze von dem 6. Stock eines Wohnhauses stürzt, sichert ihr der Stellreflex das Leben. Er bewirkt die Drehung der Katze in die richtige Landeposition. Früher warfen sie Katzen aus den Kirchtürmen der Stadt und sahen, dass jene unversehrt landeten und einfach weiterliefen. Diese übernatürliche Resistenz gegen den sicheren Tod bestätigte ihre Annahme darin, dass Katzen vom Teufel besessen sein mussten.“ Plötzlich wird die junge Psychologin aufmerksam, würgt ihren Tee schnell runter und versucht die nächsten Worte so ruhig und gelassen wie möglich auszusprechen. „Von dem 6. Stock eines Wohnhauses sagten Sie? Wahnsinn… Hat ihr Einstein das nicht auch geschafft?“
Man kann das Reißen seiner alten Wunden förmlich aufreißen hören, so still ist es in der Küche geworden. Die ersten Tränen fließen langsam über sein schmerz verzerrtes Gesicht, schnell zieht er seine Hand von Samiras weg um sie sich wütend wegzuwischen. „Ich war an dem Wochenende auf der Medizinmesse Medica in Düsseldorf. Ich war nicht zu Hause bei meiner Frau, ich ließ sie für drei Tage allein. Sie meinte, sie könnte endlich mal was nur für sich tun, Freundinnen einladen und so ein Zeug. Um 3 Uhr morgens kam dann der Anruf, dass es einen Brand gab. Das Schlimmste an der Sache ist, dass…“ Seine Stimme beginnt immer lauter zu werden, immer unkontrollierter und immer verletzter. „…die Kerze, die zum Brand führte… es war ein Geschenk zum Geburtstag. Von mir, von ihrem eigenen Mann! Paradox, wie das Symbol der Hoffnung jegliche in mir zerstörte… Hätte ich ihr nicht diese verdammte Kerze geschenkt, säße nun meine geliebte Erika vor mir, und nicht Sie!“ Wutentbrannt wirft Herr Breitenstein seine Tasse gegen die Wand, stemmt sich schreiend hoch und zieht verzweifelt an seinen schwarzen Haaren. Ohne zu zögern steht Samira auf, hält mit ihren kalten Händen das bebende Gesicht ihres Patienten fest und flüstert ihm direkt in die vom Weinen aufgeschwollenen Augen: „Martin, hören Sie mir zu! Sie sind nicht Schuld an dem Tod von Erika!“ Ihre Arme umschlingen sanft den abgemagerten Körper, behutsam streichelt sie seinen Rücken und murmelt immer wieder „Es war nicht Ihre Schuld“ in sein rechtes Ohr. Das Keuchen ebbt langsam ab, erschöpft lässt er sich zurück in den Stuhl fallen und von seiner ungewollt engagierten Psychologin Tee in eine neue Tasse einschenken. Während Samira die Scherben aufsammelt, in eine Ecke fegt und schließlich in den Mülleimer wirft, findet Dr. Breitenstein seine Stimme wieder.
„Wissen sie, Samira… Wenn Katzen von Bäumen, Dächern oder Fenstern fallen, landen sie immer wieder auf ihren Pfoten und das Leben kann weiter gehen. Sie landen immer wieder auf ihren Pfoten. Doch wenn Menschen den Boden unter den Füßen verlieren, ihn plötzlich weggezogen bekommen, fallen sie. Sie fallen ins Ungewisse, und nur die Starken finden die Kraft wieder aufzustehen. Mit dem Tod meiner Frau hat sich alles geändert … Ich bin am Fallen, Samira.“ Völlig fasziniert von seinen Worten bleibt Samira mitten in der Küche stehen, holt tief Luft und spürt, wie ihr Herz immer schwerer wird. Ein kleiner Seitenblick auf die Uhr löst ein instinktives Gähnen aus, welches sie zwanghaft zu unterdrücken versucht. Plötzlich steht Martin auf, drängt Samira Richtung Tür und öffnet diese. „Ich bin sehr müde und erschöpft von dem Tag. Am liebsten würde ich jetzt schlafen gehen. Gute Nacht, Samira.“ Und bevor Samira irgendwelche Widerworte einlegen kann, steht sie vor der verschlossenen Holztür, auf der ein kleines goldenes Schild mit den verschnörkelten Buchstaben „Breitenstein“ befestigt wurde. Sie fühlt sich schlecht, als sie die Gehler Straße hinter sich lässt und mit kleinen Schritten Richtung Auto schleicht. Heute hat sie zwar unglaubliche Fortschritte gemacht, doch es gefällt Samira gar nicht, in welcher Verfassung sie ihren psychisch labilen Patienten alleine gelassen hat. Sollte sie nochmal zurück laufen? Was würde sie jetzt machen, hätte sie Herrn Breitenstein nie kennengelernt? Kopfschüttelnd steigt sie in ihren gebrauchten Twingo und startet den Motor. Morgen ist ein neuer Tag und ein wenig Schlaf schadet beiden nicht. Mit den Gedanken beim Stellreflex von Katzen fährt sie die schlecht beleuchtete Straße entlang und bemerkt nicht mehr, wie die Lichter in dem 6. Stock des Wohnhauses in der Gehler Straße erneut angehen.

~ 20.06.2010, Samstagnacht, 0:23 Uhr ~

Die robusten Reifen des Krankenwagens heulen laut auf, als der Fahrer das Lenkrad energisch nach links reißt. Jegliche nächtliche Ruhe wird von den lauten Sirenen, die sich schon fast wie Klagelieder von Katzen anhören, gestört. „Verdammt nochmal, können die noch nicht mal dafür sorgen, dass nachts die Straßenlaternen angehen?“ Sein Partner, der rechts neben ihm auf dem Beifahrersitz hockt, starrt mit angestrengten Augen durch das beschlagene Fenster in die Dunkelheit. „Die Nächste links müsste die Gehler Straße sein.“ Ein paar Jugendliche wirbeln draußen herum und zeigen grölend mit Bierflaschen in den Händen auf den vorbei rasenden Krankenwagen. „Was ist überhaupt passiert?“ Hochkonzentriert, keine Mülltonnen in den engen Gassen umzuschmeißen nuschelt der Fahrer nur „So ein Verrückter is‘ aus dem Fenster des 6. Stockes gesprungen.“