Thema: Meyers Glück

  1. #1
    Registriert seit
    Dec 2008
    Ort
    Hamburg
    Beiträge
    129

    Meyers Glück

    Hellbachs Worte fielen wie das Fallbeil einer Gouillotine, hart und schneidend.
    „Da sind Sie ja, Meyer. Setzen.“
    Meyer ließ sich auf den Stuhl sinken. Unbehagliche Situation. Hätte er doch woanders sein können. Doch er war hier, in Hellbachs Büro, eher kleines Büro, groß genug für einen schweren Tisch aus Mahagoni. Dunkle, verschlungene Maserung. Spezialanfertigung. Zweck offenbar: Geschäftskunden beeindrucken, Untergebene einschüchtern. Die Fenster waren mit schwerer Stoffgarnitur verhängt, kein Lichtstrahl verirrte sich hierher.
    Meyer rutschte unbehaglich auf der hölzernen Sitzfläche.
    „Sie können sich ja denken, weshalb ich Sie kommen ließ.“
    Oh ja. Er, Meyer, hatte es kommen sehen. Eines Tages mußte es so kommen. Und nun war es da. Er, Meyer, wußte, was es bedeutete. Er roch es förmlich. Atmete es ein, stechender Geruch nach Schwefel, Aufopferung und Vergeudung. Und er wollte gleich loslegen, erklären, sich rechtfertigen, verteidigen, die Nüstern blähten sich, bereit zur Verteidigung – aber Hellbach, sein Chef, ließ ihn nicht. Wie alle. Wie immer.
    Meyer mußte die Worte seines Vorgesetzten einfach über sich ergehen lassen.
    „Wir haben es ja versucht mit Ihnen. Aber so finden wir nicht zueinander. Das sehen Sie doch ein. Wir haben Ihnen eine Chance gegeben – durchfüttern jedoch können und werden wir Sie nicht. Um eine Ausnahme brauchen Sie gar nicht erst betteln. Wir gewähren unseren Mitarbeitern keine Wünsche, wir sind ja auch nicht die Wunsch AG, sondern die Glücks GmbH.“
    Meyer zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Es ging um seinen Rauswurf, ja, aber wovon palaverte Hellbach noch? Meyer war verwirrt. Er konnte kaum folgen. Schuld waren diese stechenden Kopfschmerzen, Hunderttausende Ameisen schienen in seinem Kopf zu kribbeln… seit Monaten hatte er damit zu kämpfen.
    Obwohl es zu spät war, schien doch jetzt der richtige Augenblick gekommen. Sich wehren. Sich erklären. Sich rechtfertigen, wie es aus seiner Sicht war.
    Meyer sog schnell die Luft ein, die er brauchte, um endlich auszusprechen, was ihm schon lange auf dem Herzen lag. Er beugte sich vor, hob sogar ein wenig die rechte Hand – sie schwebte drei Zentimeter über seinem Oberschenkel, der gekrümmte Zeigefinger andeutungsweise auf sein Gegenüber gerichtet…
    Hellbach war schneller.
    „Hören Sie, ich will nichts hören. Ich weiß, was Sie denken. Sie denken, daß ich ein großes Arschloch bin. – Nun. Meyer...“
    Hellbach lächelte jovial.
    „Sie haben Recht. Ich bin eins. Ich sitze schließlich nicht umsonst hinter diesem Schreibtisch.“
    Meyer erschrak. Was nahm sich dieser Hellbach eigentlich heraus!
    „Wie dem auch sei, Hofer hat auf meinen Rat hin beschlossen, Sie aus dem Mitarbeiterstamm zu entfernen. Ich weiß, diese Entscheidung kommt überraschend, immerhin haben wir Sie ein Jahr lang mitgeschleift, und schieben Sie es auch bitte nicht auf die allgemeine Wirtschaftslage, wir verdienen so gut wie nie, aber jetzt, da Sie selbst bewiesen haben, daß Sie unsere Firma nicht voranbringen wollen – ja! können! – Sie brauchen gar nicht so zu stieren! es stimmt schon. Sie müssen mich nur ausreden lassen, dann wird es Ihnen von selbst klar. Sie brauchen sich jetzt auch gar nicht aufzuregen!"
    Eine heftige Abwehrreaktion ging durch Meyers Körper, er wollte aufspringen, losschreien, über den Tisch hechten und diesem Hellbach an die Gurgel, ihn erwürgen, schnell und gezielt, wie ich ihn hasse, ging es durch Meyers Kopf, wie ich diesen Hellbach doch hasse!
    "Lassen Sie uns sprechen wie zwei Erwachsene. Ich kann auch Ihre Nöte gut nachvollziehen, aber sehen Sie mich vor allem als jemand, der die Firma nach vorne bringen will.
    Das, Meyer, ist mein einziger Daseinszweck hier. Glauben Sie nicht, daß ich nicht auch persönlich betroffen wäre über die Entscheidung vom lieben Gott, die aber letztlich auch ich mittragen muß, oft genug sind wir ja nicht einer Meinung, aber in diesem Punkt schon. Daß Sie, Meyer, Eintrittsdatum 26. Februar diesen Jahres, aus dem Unternehmen zu entfernen sind aufgrund wiederholter subversiver Umtriebe, die den Bestrebungen der Glücks GmbH zuwider laufen.“
    Meyer ließ kraftlos die Schultern hängen. Wozu aufbegehren, der liebe Gott selbst hatte ja die Entscheidung gefällt über ihn, den kleinen Angestellten. Bis dahin war Meyer nicht mal bewußt gewesen, daß der liebe Gott überhaupt Kenntnis seiner, Existenz hatte.
    Wer hatte den lieben Gott eigentlich über seine Existenz informiert? schoß es Meyer plötzlich durch den Kopf. Woher sollte der all die Dinge über ihn wissen? Jemand mußte ihn doch informiert haben! Und wer sonst hätte dies sein sollen außer Regensburg, der doch überall seine Ohren hatte, Regensburg das Schwein, hauptamtlicher Denunziant und Intrigant der Glücks GmbH. Saboteur ersten Ranges!
    „Und fragen Sie jetzt nicht nach Beweisen“, fuhr Hellbach fort. „Sie selbst wissen am besten, daß ich Recht habe, das sieht man schon Ihrem Gesicht an. Immerzu versuchen Sie Ihre Meinung zu verstecken, aber ich sehe es Ihnen deutlich an. Daß Sie gar nichts verstecken können. Sehen Sie, Meyer –“ Hellbach machte eine ausladende Geste, „ich verstehe mich auf Menschen. Ich schätze Menschen ein wie lebende Seismographen. Keine Gefühlsregung, mag sie noch so abwegig sein, ist mir fremd. Auch bei Ihnen sehe ich, wie es ausschlägt. Sie sind ein kochender Vulkan. Bei Ihnen natürlich braucht es keine besondere Menschenkenntnis, man sieht Ihnen Ihre boshafte Neigung sofort an.“
    Meyer wollte lossprudeln. Doch er kam nicht dazu. Hellbach ließ ihm keine Wahl. Er mußte still sein und hören, was der dickliche Mann mit dem Schnauzer zu sagen hatte. Jedes Wort ein Nadelstich, und er spürte viele davon, so viele, daß er den Schmerz großflächig auf seinem gesamten Körper spüren konnte, besonders aber in den Unterarmen.
    Schlaff hingen seine Unterarme herunter, es kribbelte fürchterlich, während der Rest seines Körpers, jede Faser zum Bersten gespannt war.
    Wieso ausgerechnet in den Unterarmen?
    Wußte Meyer nicht.
    Dieser Regensburg, funkelte es in Meyers Augen. Das Funkeln war schwarz und drohend, es zog die ganze Welt hinab, doch Hellbach ließ sich nicht beeindrucken.
    „Es ist völlig nutzlos, Ihren grenzenlosen Selbsthaß auf mich zu projizieren“, erwähnte Hellbach beiläufig. „Sie schaden sich doch nur selbst damit. Nicht ich bin es, Sie selbst sind hier der Verantwortliche. Aber kommen wir zu Ihren sogenannten Leistungen. Halt! bleiben Sie gefälligst sitzen, solange ich mit Ihnen rede! Immerhin bin ich noch Ihr Vorgesetzter und bestimme selbst, wann ich Sie entlasse.“
    Hellbach warf einen kurzen Blick auf die aufgeschlagene Akte vor sich. Raschelte mit den Papieren, überflog Passagen. Ein leichter Windstoß kam durch das Geraschel zustande und kühlte Meyers zorngerötetes Gesicht.
    Hellbach hatte Informationen, schoß es Meyer durch den Kopf, natürlich! Er war die ganze Zeit beobachtet worden. Was wußten sie über ihn? Meyer wurde aschfahl im Gesicht.
    Hellbach hob den Kopf und lächelte Meyer an. „Nun, daß wir mit Ihrer Leistung unzufrieden sind, sein müssen, wissen Sie ja. Ich verschwende das Wort Leistung in diesem Zusammenhang bewußt, um die Diskrepanz zwischen Ihnen und den Leistungsträgern der Glücks GmbH zum Ausdruck zu bringen.
    Meyer, von Anfang an haben Sie still vor sich hingearbeitet. Sie haben die durchaus anspruchsvollen Anforderungen ohne Murren, nun ja, irgendwie erfüllt. Doch wie hätten wir wirklich zufrieden sein können? Daß wir es gerade nicht sein können, haben Sie selbst zu verantworten. Ihre Arbeitsergebnisse tragen den Makel Ihrer Persönlichkeit , Meyer, gerade das machte Ihre Arbeit und jede Zusammenarbeit von Anfang an ungenießbar.
    Die ersten drei Monate haben wir Sie dennoch durchaus schonend behandelt, Regensburg hat mir die entsprechenden Berichte geliefert. Nehmen Sie die Hände runter, ich weiß Ihre Antwort, Regensburg ist ein Leuteschinder, ich weiß das. Aber Regensburg schreibt eben auch glänzende Berichte, schauen Sie mal hier… so … prosaisch … und nie in all den Jahren habe ich den Glanz des zufriedenen Mitarbeiters auf seinem Gesicht missen müssen. Ein ausgezeichneter Untergebener der mittleren Führungsebene.
    Schaue ich mir Sie dagegen an…
    Aber gut. Ihre Leistungen. Ihre Leistungen sind durchaus… im Rahmen. Doch wie feiner Sand, der zwischen Holzbohlen durchrieselt… man findet doch immer etwas zwischen den Zeilen zu lesen. Da zum Beispiel.“ Hellbachs Finger schoß wie ein Dolch auf eine willkürlich ausgewählte Stelle der Akte nieder.
    „Regensburg schreibt bereits drei Wochen nach Ihrem Eintritt:´Herr Meyer kommt wie immer pünktlich zur Arbeit, setzt sich an seinen Platz und beginnt sofort mit dem Tagesgeschäft´.
    Meyer, Meyer, Meyer…
    Der Satz sagt schon alles, mehr braucht Regensburg gar nicht schreiben, er kennt mich, er weiß genau, wie ich seine Berichte zu deuten habe. Meyer! und das nach drei Wochen! Eine kleine Ewigkeit, um sich angemessen zu integrieren. Stattdessen sowas. Selbstverständlich habe ich mich nach diesem Alarmsignal persönlich vergewissert. Sie haben es vielleicht noch in Erinnerung, als ich Sie einige Tage später, noch im März, ansprach.
    Ich sagte ´Guten Tag´ zu Ihnen, es war kurz vor Feierabend im Fahrstuhl, Sie erinnern sich. Und was sagen Sie? Ihnen fällt nichts anderes ein als ebenfalls ´Guten Tag´ zu sagen.
    Herrgott Meyer! ist Ihnen denn in der Situation nichts aufgefallen? Hätte ich den Fahrstuhl vielleicht anhalten sollen, um Ihnen begreiflich zu machen, was da falsch läuft?
    Der Vorgesetzte hat gewisse anspruchsvolle Pflichten seinen Untergebenen gegenüber, aber den Hintern wischen muß er ihnen noch lange nicht. Zur Kernkompetenz gehört es jedenfalls nicht, nicht in den 34 Jahren meiner Laufzeit. Das wäre ja noch schöner.“
    Hellbach legte seine schweißnasse Stirn trocken, indem er ein großes, weißes Tuch darüberzog. Meyer in Schach zu halten kostete ihn sichtlich Anstrengung.
    „Man braucht nicht viel psychologisches Fachwissen, um gleich zu merken, daß Sie es mit dem Sozialen nicht so haben. Die Gegenwart von Menschen ist Ihnen einfach unangenehm. Umgekehrt ist es übrigens genauso. Sie stinken, Meyer. Ich kann es bis hier riechen, der ganze Raum stinkt schon nach Ihrem Schweiß. Widerlich, Meyer, ich sage es Ihnen mal so offen und ehrlich. Ist mir schon damals im Fahrstuhl aufgefallen. Man fängt unweigerlich an zu würgen.
    Hat Ihnen noch niemand gesagt, daß Sie stinken? Ach kommen Sie, Meyer, Tränen sind hier unangebracht. Seien Sie einmal in Ihrem Leben ein Mann! Und sehen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen rede, das bißchen Respekt sollten Sie vielleicht noch erübrigen.
    Ich fahre fort: Einige Wochen später, laut Aktenlage am 12. Mai. Sie begegnen der Frau Fröhlich ´zufällig´ im Kopierraum. Zufällig? Frau Fröhlich ist eine junge, adrette Dame, begegnet man so einer ´zufällig´ im Kopierraum? Na ich weiß nicht. Der Kopierer in der Buchhaltung war defekt, und sie mußte den aus Ihrer Abteilung benutzen.
    Jedenfalls, das Papierfach war ´zufällig´ alle, als Frau Fröhlich mit einem dringenden Kopierauftrag vom Leiter Finanzen herunterkam. Frau Fröhlich bückt sich, um Papier nachzufüllen. Sie stehen daneben, rein ´zufällig´. Und tun nichts. Gar nichts. Überhaupt nichts. Der Anblick von Frau Fröhlich hat sie vollkommen paralysiert, wie sie sich da vornübergebeugt am Kopierer zu schaffen macht. Sie stehen da und genießen die Aussicht.
    Als sie beinahe fertig ist, bieten Sie ihr schnell Ihre Hilfe an, und dabei… ganz ´zufällig´ natürlich, streifen Sie das Hinterteil der Frau Fröhlich. Diese macht vor Schreck einen Sprung in die Luft. Kein Wunder. Eine wirklich ekelhafte Angelegenheit, Meyer. Allein dafür hätte man Sie schon entlassen sollen. Es sollte Ihnen nicht entgangen sein, daß Frau Fröhlich seit zwei Jahren mit Regensburg verlobt ist. Beziehungsweise war. Und da kommen Sie daher und… ach, es ist einfach nur ekelhaft.
    Natürlich blieb uns danach nichts anderes übrig, als Frau Fröhlich zu entlassen. Diese Geschichte hätte draußen die Runde machen können, bei uns, der Glücks GmbH! Ich sage Ihnen eins, Meyer, hier werden keine Frauen schikaniert! Wir haben Frau Fröhlich mit einer großzügigen Abfindung rausgenommen, das war das mindeste, was wir in ihrer Lage tun konnten. Außerdem war sie schwanger, da wird sie das Geld sicherlich gut brauchen können.
    Aber Sie, Meyer, treten ja in jedes Fettnäpfchen.
    Weiter geht’s. Die kleineren Punkte im Juni und Juli lasse ich einmal außer acht, nur daß Sie in diesen Monaten natürlich infolge der wärmeren Temperaturen umso stärker gestunken haben.
    Regensburg schreibt:“ 18. August. Meyer erscheint wie immer seit zwei Monaten früher im Büro und bleibt oft bis in die Abendstunden. Er bewältigt das zweieinhalbfache Tagespensum im Vergleich zu seinen Kollegen. Er ist so mit seiner Arbeit beschäftigt, daß man ihn kaum wahrnimmt. Seine Arbeitsleistung ist beträchtlich und in der Ausführung vorbildlich“.
    Hellbach schmunzelte versonnen in sich hinein. Da platzte es aus ihm heraus:“Meyer! Sind Sie noch bei Trost! Ich wage in dem Zusammenhang kaum an Ihre Eltern zu denken, wie die gelitten haben müssen… oberflächlich markieren Sie das Arbeitstier, aber mit welchen Hintergedanken Sie dabei gespielt haben, dürfte spätestens an der Stelle klar sein.“
    Hellbachs Gesicht war rot wie eine Tomate. Er rang nach Luft, lockerte seine Krawatte. Wieder fuhr er mit dem Tuch über seine Stirn, tupfte die Schläfen ab. Er fixierte Meyer mit einem Blick unverholener Verachtung.
    Meyers Augen waren gerötet. Er hatte nicht geweint, wie Hellbach ihm vorgeworfen hatte. Sein Gesicht war vollkommen erstarrt, wie gefroren. Winzige graue Bartstoppeln zeichneten sich in seiner Kinnregion ab. Seit dem Hinweis auf seinen Körpergeruch hatte Meyer aufgehört zu atmen. Nein, er atmete noch. Doch er wollte es nicht riechen. Er wußte, Hellbach hatte recht. Er schwitzte leicht, besonders wenn er viel arbeitete. Die letzten Monate hatte er täglich mindestens zwölf Stunden gearbeitet. Er hatte gehofft, ja… was hatte er sich erhofft? Vielleicht einmal im Leben akzeptiert zu werden, durch die Arbeit, die er leistete?
    Wieder einmal hatte er nicht genug getan. Hellbach hatte recht. Er, Meyer, war ein Versager durch und durch. Sein Schweiß hatte ihn verraten. Er brauchte mit allem zu lange. Und wenn er so lange brauchte, fing er irgendwann an zu schwitzen. Er wäre gern noch schneller gewesen, doch er war ein sorgfältiger Mensch, der ungern Fehler machte. Niemand sollte wissen, daß Meyer Fehler machte. Darum hatte er seine Arbeit stets genau kontrolliert. Nie war ihm ein Fehler unterlaufen. Jedenfalls kein großer. Doch wenn er sich roch, konnte es durchaus vorkommen, daß er einen Fehler übersah, er war dann abgelenkt. Er mußte dann alles noch mal von vorne kontrollieren. Fehler waren Meyer verhaßt. Er haßte es besonders, wenn die anderen Fehler an ihm entdeckten. Regensburg, dachte Meyer, dieses Schwein, das bringe ich um. Er war von Anfang an gegen mich, er mochte mich von Anfang an nicht. Sein triefendes Lob… ah, wie ich es haßte! Er weiß doch gar nicht, was ich wirklich geleistet habe. Zu leisten im Stande gewesen wäre. Wenn man mich nur einmal, nur ein einziges Mal wirklich gelassen hätte. Man ließ mich nicht.
    Weil ich es nicht wert bin!
    Meyers Mund klappte auf.
    „Unterstehen Sie sich!“ schrie Hellbach. Er war aufgesprungen und beugte sich drohend über den Tisch. Die flache Hand hing wie ein Falke in der Luft, bereit hinabzustoßen und ohne Erbarmen zuzuschlagen.
    „Unterstehen Sie sich“, flüsterte Hellbach heiser. „Nie in meiner gesamten Karriere bin ich handgreiflich geworden, doch bei Gott, Meyer, bei Ihnen mache ich eine Ausnahme.“
    Meyer klappte den Mund wieder zu. Er hatte Hellbach zustimmen wollen, ihm seinen Dank aussprechen wollen. Dann wäre es vielleicht zu Ende gewesen. Sollte er unter den Tisch kriechen, ihm die Schuhe küssen? Hellbach würde die Geste sicherlich mißverstehen. Er konnte ihm nur stumm danken, darum nickte er. Meyers Augen waren glasig.
    Er hatte endlich verstanden.
    Hellbach sank in seinen schweren Ledersessel. Sein Rücken berührte die Rückenlehne. Er schnaufte vor Erschöpfung. Er faltete das weiße Tuch auseinander, legte es sich übers Gesicht. Einen Moment verharrte er so. Er zog das Tuch weg und war wieder ruhig.
    „Warum sind Sie so, Meyer? Ich verstehe das nicht. Ich, die Firma, die ganze Welt wollte es Ihnen von Anfang an leicht machen. Was bekamen wir zurück? Dank durften wir ja nicht erwarten, dafür kenne ich die Menschen zu gut. Aber Verachtung, Meyer? Ist es wirklich das, was wir verdient haben? Nie bin ich einem Menschen wie Ihnen begegnet, und ich habe viele entlassen, Meyer, viele.“
    Die Akte lag ausgebreitet auf dem Tisch, die Papiere waren bei Hellbachs Ausbruch in Unordnung geraten.
    „Wir wollen es kurz machen, Meyer. Ich sehe, es hat bei Ihnen sowieso keinen Sinn.“
    Hellbach nahm sich das zuoberst liegende Blatt aus Meyers Personalakte und überflog es. Meyer sah, daß seine Hände leicht zitterten, weil das Blatt leicht zitterte.
    „´21. September. Meyer hat seinen ihm zustehenden Jahresurlaub noch nicht genommen. Trotz mehrmaliger Aufforderung hat er seinen Urlaub für den Rest des Jahres nicht eingereicht. Trotz seines unbändigen Fleißes, seines tadellosen Verhaltens, seiner Kollegialität fängt Meyer an, mir Sorgen zu bereiten. Ich habe ihn in einem Personalgespräch gebeten, seine diesjährigen Urlaubswünsche mitzuteilen, da er seinen Urlaub ansonsten zwangsweise nehmen müsse.´“
    Hellbach klappte die Akte zu.
    „Damit hat es sich, Meyer. Sie sind entlassen. Gehen Sie, die Personalabteilung ist instruiert. Sie wird Ihnen Ihre persönlichen Gegenstände schnellstmöglich nachschicken. Ab sofort haben Sie Hausverbot.“
    Meyer stand auf. Die Worte klingelten in seinen Ohren, hallten nach. Metallisches Geräusch. Er schmeckte Blut auf der Zunge. Er hatte zu fest zugebissen.
    Wie betäubt erhob er sich, da schüttelte Hellbach resigniert den Kopf:“Meyer, setzen Sie sich bloß hin. Sie müssen das noch unterschreiben. Das unterschriebene Exemplar ist für mich“.
    Hellbach warf ihm zwei Blatt Papier rüber. Meyers Blick flackerte unruhig hin und her. Er tastete sein Jackett ab, fand jedoch nichts zum Schreiben.
    „Da, Sie Tölpel.“ Hellbach pfefferte ihm seinen Kugelschreiber gegen die Brust.
    „Sie dürfen dann gehen.“
    Meyer war fast aus der Tür, als Hellbach sagte:“Damit Sie es nur wissen. Regensburg mußte ich Sonderurlaub gewähren. Sie haben ihn über seine physischen und psychischen Leistungsgrenzen getrieben. Ich hoffe, daß er keine bleibenden Schäden davonträgt. Sie wissen hoffentlich, was Sie sind, Meyer. Eine Schande für die Menschheit.“
    Meyer schloß leise die Tür hinter sich. Er ging an der Sekretärin vorbei, die ihn keines Blickes würdigte, nur leicht die Nase rümpfte.
    Dann stand er allein auf dem langen Flur. Ein Faden Blut lief an seinem Mundwinkel hinunter. Er ging den Flur entlang, vorbei an der Galerie Bilder, auf denen die bisherigen Geschäftsführer verewigt waren. Auf einem von ihnen erkannte Meyer Hofer wieder. Er trug einen hellen Anzug und einen weißen Bart. Ernst starrte Hofer ihm mit seinen kalten Fischaugen entgegen.
    Da traf es Meyer. Er faßte sich ans Herz. Sackte zusammen. Blieb reglos liegen. Eine Blutlache bildete sich um ihn.
    Meyer hatte Glück. Eine halbe Stunde später fand ihn die Sekretärin. Sie war auf dem Weg in die Küche, um ihrem Chef einen Kaffee zu kochen. Dabei trat sie auf etwas Glitschiges, was sie in der Aufregung erst später bemerkte. Angewidert strich sie das glitschige Etwas von ihrem spitzen Absatz und warf es in den Mülleimer. Der herbeigerufene Krankenwagen fuhr Meyer derweil ins Krankenhaus.
    Nur langsam lernte er in den folgenden Monaten wieder gehen und sprechen. Doch sein Kauderwelsch war nur schwer zu verstehen. Er hatte sich infolge des Schlaganfalls die Zunge abgebissen.
    Vielleicht hätte man sie wieder annähen können, wenn man sie denn gefunden hätte.
    Geändert von skyzerot (13.07.2012 um 00:45 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Feb 2011
    Ort
    in der Südsteiermark (Österreich)
    Beiträge
    1.019
    Ziemlich spannend geschrieben, man lebt mit mit der Ungerechtigkeit, die "Meyer" erfahren hat.
    E.Chatterfield

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Glück
    Von anonymos im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 13.06.2010, 12:39
  2. So ein Glück
    Von Godo im Forum Archiv
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 12.05.2009, 08:45
  3. Glück...
    Von der captain im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 03.03.2006, 17:43
  4. Glück
    Von Astaldo im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 26.02.2006, 17:36
  5. nur ein Tag Glück
    Von KAPO! im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 21.02.2006, 18:47

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden