Thema: Wahrheit

  1. #1
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    Wahrheit

    Ich weiß, es ist irre lang - ich hoffe, ihr lasst euch nicht zu sehr von der Länge abschrecken. Ich würde mich freuen, würde es jemand komplett lesen.

    Schweigen hielt ich immer für die größte aller Lügen
    und so wollte ich mich selbst der Wahrheit immer fügen.
    Glaubte dran, dass jeder Mensch im Grund von diesem Wunsch beseelt.
    Aber wie so häufig, war auch dieses Denken weit gefehlt.
    Nun ist irren menschlich, ich will keinen feigen Vorwurf machen –
    hab grad ich ja viel zu lang geschwiegen in so manchen Sachen.
    Beseelt vom Wunsch, zu sprechen, ohne Knebel hin und her –
    oft waren die Taten, die dann folgten, ohne Sprache, leer.
    Es muss ja weiter gehen, schweigend lügen hab ich bald vergeben.
    Doch die Frage bleibt, wie man mit Wahrheit letztlich lernt zu leben.
    Man könnte sie begraben, einen Spaten tief ins Erdreich rammen,
    mit einem letzten Schwur das Unheil bis zum letzten Tag verdammen.
    Doch wie man sich auch plagt, die tiefste Grube auszuheben –
    begraben ist die Wahrheit zwar, doch immer noch am Leben.
    Man könnte sie auch leugnen, morgens, mittags, abends, das ganze Jahr,
    sich immer wieder sagen, immer wieder: ‚Nein, das ist nicht wahr!’
    Doch Wahrheit hat nun die Natur, von Grund auf wahr zu sein.
    Man stolpert eben doch an jedem Tag über den großen Stein,
    der einem dann ganz zwangsläufig auch auf dem Herzen liegt;
    der, fällt er einmal runter, einem doch noch auf die Füße fliegt.
    Man könnte alles sorgfältig auf Blumenbriefpapier notieren,
    es feierlich verbrennen und die Asche kehr’n auf allen Vieren.
    Doch wird man weiter kriechen, man kommt niemals wieder hoch.
    Die Asche ist unendlich schwer und zieht ins tiefste Loch.
    Man kann sie auch verbergen, eine Wahrheit, die andere nicht kennen;
    Man kann sie nehmen, gut verstecken und ein ganzes Leben rennen.
    Doch irgendwann wird jede Lunge aufhören, nach Luft zu gieren.
    Die Wahrheit kommt zurück ans Licht und dieses wird den Glanz verlieren.
    Man könnte ignorieren, dass sie auch nur existiert;
    könnt’ sagen, dass man sie nicht sieht, man ewig nur ins Leere stiert,
    wenn man mit Blicken sucht, versucht, sie ganz fest zu umklammern.
    Doch wird sie sichtbar mit Gewalt, allein in stillen Kammern.
    Tatsächlich glaube ich zu wissen: Es gibt nur einen Weg,
    wie man’s mit Wahrheit halten muss, wie man sie richtig trägt.
    Ich leg’ sie nun in eine Wiege, ich setze mich dazu.
    Und vorsichtig berühr ich sie und sag’, dass ich nichts tu.
    Man muss so voller Umsicht sein und scheint sie auch von außen hart -
    die Wahrheit tut nur keinen Schaden, wenn man sie behutsam wahrt.
    Ich bette sie auf meiner Akzeptanz für ihr Bestehen
    und werd’ mit ihr mit kleinen Schritten leise weiter gehen.


    '[...] Ich entschied mich daraufhin für ein Buch von Sebastian Sick im Sonderangebot über den korrekten Umgang mit dem Plusquamperfekt, das mir von einem Freund empfohlen gewesen worden war.'
    Achim Leufker

    Noch ohne erhellenden Kommentar:
    Hafen, Solitude and Burning Faces, Erste Schritte, In zwei

  2. #2
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    Hi, mir gefallen die Ausführungen über die Art und Weise, wie man versuchen kann sich die Wahrheit zu entledigen...

    Das Ende gefälllt mir auch: Fragend schreiten wir voran! (Wie es bei den Zapatisten heißt).

    Auch der Verlauf passt: Der Kampf mit ihr ist turbulent- doch der "wahre Weg" bleibt unauffällig

    Gruß, BB.
    Nichts ist alles. Alles ist nichts.

  3. #3
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    Ich danke dir sehr für deinen Kommentar, noch mehr fast für's Lesen selbst.

    Wahrheit kann sehr viel Turbulenz mit sich bringen, wie du schon sagst.
    Ich selbst hatte immer die Tendenz, auch in den unpassendsten Augenblicken ehrlich zu sein. Das kann viel kaputt machen. Aber die Wahrheit akzeptieren und mit ihr leben lernen ist nicht nur ein schwieriger Prozess sondern auch ein solcher, der mit einer gewissen Reifung einhergeht, von dem man profitieren kann und ist die Wahrheit auch noch so schmerzlich.

    Ich wünsche dir, Bakunins Bart, und allen Lesern ein schönes Wochenende.


    '[...] Ich entschied mich daraufhin für ein Buch von Sebastian Sick im Sonderangebot über den korrekten Umgang mit dem Plusquamperfekt, das mir von einem Freund empfohlen gewesen worden war.'
    Achim Leufker

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    Hafen, Solitude and Burning Faces, Erste Schritte, In zwei

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