Thema: Das Gericht

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    Das Gericht

    Ein Mann betritt einen großen Raum. An der Wand gegenüber der Tür steht ein Tisch, hinter dem ein alter Mann sitzt. Er trägt eine weiße Robe und hat einen Hammer in der rechten Hand. Der Raum ist hell erleuchtet, obwohl kein Fenster, keine Lampe oder Kerze sichtbar ist.

    Theodor: (schaut sich um) Wo bin ich hier?
    Gott:      (mit gütiger Stimme) Du bist vor deinem Partikulargericht, Theodor, hier entscheide ich über deine Sünden und              ob du für den Himmel taugst oder in der Hölle schmoren sollst.
    Theodor: Ich habe nie an Gott geglaubt. Ich erkenne das Gericht nicht an.
    Gott:      Nun, hier bin ich. Also gibt es mich. Das sollte sowieso mein erster Anklagepunkt sein.
    Theodor: Ich nehme kein Urteil von jemandem an, der zwei Menschen auf die Straße setzte, nur weil sie einen Apfel gegessen              hatten und ihnen dann auch noch mit dem Tod drohte. Das ist unverhältnismäßig.
    Gott:      Die Menschheit lebt mit dem Tod doch recht gut. Stell dir vor, es gäbe keinen Tod. Dann wäre die Erde binnen              weniger Jahre zu voll. Außerdem hatte ich es ihnen ausdrücklich (betont das Wort besonders) verboten gehabt.
    Theodor: Aber in Folge dessen befahlst du Kriege, um (spricht die Worte verächtlich aus) „dein Volk Israel“ in „das geheiligte              Land“ zu bringen. Was ist mit den Menschen, die vorher dort lebten?
    Gott:      Das war eine Jungendsünde. Hat nicht jeder junge Narr seine Lieblinge? Ich bitte dich.
    Theodor: Jugendsünde? Dein letzter Krieg, mit dem du den Israeliten ihr Land gegeben hast war der Zweite Weltkrieg.              Da warst du schon mehrere tausend Jahre alt, hattest schon einen fast 2000 Jahre alten Sohn. Das kann man beim              besten Willen nicht als „Jugendsünde“ bezeichnen. Und wer denkt an die Palästinenser? Sind das keine Kinder              Gottes?
    Gott:      Doch, aber…
    Theodor: (unterbricht) Nichts „aber“. Du bist als der Rachegott bekannt. Weißt du nicht mehr, was du Sodom und Gomorra              androhtest? Heißt es nicht in der Bibel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“? Gibt es nicht in deinem Namen die              Blutrache, welche manche Menschen heute noch bestreiten?
    Gott:      (genervt) Aber ich habe meine Meinung geändert. Dafür habe ich doch meinen Sohn auf die Erde geschickt. Er              predigte, dass, wenn dir jemand auf die eine Backe schlägt, du die andere hinhalten sollst.
    Theodor: Doch viele Jahre zu spät. Dein Sohn wird von den Juden nicht anerkannt, die Moslems nahmen sich aus jeder              Religion, was ihnen gefiel. Sich verkloppen zu lassen war nicht dabei. Außerdem unterdrückst du die Frauen. Du              Macho! Der Feminismus ist Menschgemacht. Sofern Alice Schwarzer ein Mensch ist. Nach deinem Recht darf die              Frau sich nicht scheiden lassen, ist Eigentum des Mannes. Das ist mir nicht Recht. Die katholische Frau darf noch              nicht mal ein kirchliches Amt annehmen.
    Gott:      Sie wurde doch von mir aus Adams Rippe, auf seinen Wunsch hin gemacht. Wenn du mir einen Arm gäbest, um dir              daraus ein Auto zu machen, dann gehörte es dir doch auch.
    Theodor: Eine Frau ist kein Auto. Sie ist ein lebendes Wesen mit Geist und Verstand. Manch eine schlauer als einige Männer              und genauso ein Geschöpf Gottes, wie der Mann es ist. Es gibt keine Entschuldigung für diese Unterdrückung. Oder              warum ließt du viele Frauen als Hexen verbrennen?
    Gott:      Sie haben mit ihrer Heilkunst den Glauben an die Kirche unnötig gemacht. Warum sollten die Menschen zu mir beten,              wenn sie keine Nöte hatten. Und die Krankheit ist nun mal die Größte der Nöte.
    Theodor: Unser Leben ist also nur ein Machtspielchen? Wir sind dein Spielzeug? Zum Glück weiß das da unten noch niemand.              Gegen wen spielst du denn?
    Gott:      Eine Milchstraße weiter ist Jupiter. Und er führt gerade. (verzweifelt) Das kann ich nicht zulassen.
    Theodor: Daher also der Tsunami 2004? Jupiter führte?
    Gott:      Genau. Ich darf nicht verlieren. Sonst muss ich ein Jahr lang seinen Abwasch machen. Weißt du, was der alles              frisst? Und das klebt immer an den Tellern, dass es nicht mehr schön ist.
    Theodor: Und der dreißigjährige Krieg? Lagst du da auch hinten?
    Gott:      Nein, da war mir nur langweilig. Alle stritten darum, wie man mir am besten huldigen kann, warum sollen sie das nicht              auf dem Feld entscheiden? Und die Kreuzzüge ebenfalls. (schwärmerisch) So eine Schlacht ist etwas Schönes
    Theodor: Und die Verhütung…
    Gott:      (streng) Wir sind nicht hier, um über mich zu reden. Du bist hier der Angeklagte. Also Theodor, am 13.Mai 1955 hast              du den ein Jahr jüngeren (schaut auf das Papier vor sich) Timo Lang blutig geschlagen. Wie kannst du das erklären?
    Theodor: (kalt) Das ist eine Jugendsünde.
    Gott:      Und die 50 Ameisen, die du am nächsten Tag zertrampelt hast?
    Theodor: Mir war langweilig.
    Gott:      (schaut auf seine Liste murmelt etwas legt ein Blatt zur Seite, liest das nächste, legt auch dieses zur Seite um ein              drittes zu überfliegen, legt einen ganzen Stapel weg und schaut wieder auf) Ok, du kannst in den Himmel, aber sage              ja niemandem, was du alles getan hast! (Theodor ab. Gott legt verzweifelt seinen Kopf in die Hände und seufzt.              Ruft nach kurzer Zeit) Der nächste bitte.
    Der Vorhang schließt sich.
    Geändert von Nachteule (01.08.2012 um 02:21 Uhr)
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    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

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