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    Die Zahnschmerzen des Clowns

    Kennen Sie den weltberühmtesten lebenden Gas- und Wasserinstallateur? Der weltberühmteste lebende Clown jedenfalls ist Oleg Popow, 81. Der Zeitschrift stern hat er ein Interview gegeben, Ausgabe Nr. 25 vom 14.06.2012.

    In der Rubrik „Was macht eigentlich…?“ läßt er sein Leben so ein bißchen Revue passieren. Mit ironischem Augenzwinkern verrät uns der Sohn eines Uhrmachers zeitlose Weisheiten wie “Wer ein großer Clown ist, entscheiden die Zuschauer. Das Geheimnis ist die Güte im Herzen. Davon gibt es immer zu wenig“.

    Nur wenige sind ja einfach als Mensch berühmt geworden. Ein weiterer Vorteil als Clown: man kann praktisch alles sein, zuallererst aber Mensch in seiner existenziellsten Form: traurig und komisch zugleich. Und wer könnte diese Urform menschlicher Existenz besser repräsentieren als ein Inhaber der russischen Seele.

    Wie keine andere atmet die russische Seele Melancholie auf diese zauberhaft leichte Art. Deutsche Schwermut hingegen hüstelt sich leicht zu Tode, siehe Thomas Manns Zauberberg. Was des Deutschen tuberkulös roter Auswurf, ist des Russen rote Nase.

    Es fragt der stern:“Ist es schwierig, nach einem langen Zirkusleben sesshaft zu werden?“

    Der große Pantomime Popow beherrscht auch verbal die Weltklaviatur des sanften Molltons und antwortet:“Das Leben ist niemals leicht. Früher war es schwierig, nach Hause zu kommen, heute ist es schwierig, wieder wegzufahren. Aber das ist alles vergessen, sobald ich die Manege sehe! Da verschwinden sogar Zahnschmerzen“.



    Jeder tut es *knirsch*


    Von Zahnschmerzen bin ich glücklicherweise nur manchmal betroffen. Von Melancholie schon eher, ähnlich wie Popow sagt:“Wenn ich auf dem Sofa liege und in den Himmel schaue, werde ich melancholisch“.

    Nur daß ich auf einem Zahnarztstuhl lag, als mich plötzlich etwas überkam.

    Ich hatte einen Termin zur Prophylaxe wahrgenommen. Der Zahnarzt meines Vertrauens kommt ursprünglich aus Düsseldorf und ist sehr nett, denn er bohrt nie. Jedenfalls nicht bei mir.

    Es läuft immer auf ein nettes Pläuschchen mit ihm hinaus. An jenem Tag also unterhielten wir uns zufällig übers Zähneknirschen. Er tut es, und offenbar tue ich es auch, denn er zeigte mir die typischen Abriebstellen! Daher also die gelegentlich auftretenden Zahnschmerzen!

    In einem Anflug von Traurigkeit erzählte ich ihm daraufhin, wie sich das bei meiner Ex immer anhörte... sie war nämlich die unbestrittene Zähneknirschkönigin. Ich wachte jede Nacht davon auf. Hätte ich Körner eingestreut, wäre ich mit dem gemahlenen Mehl wohl sehr reich geworden. Tja, Chance verpaßt.

    Eine Pause entstand.

    Um diese für ihn wohl peinliche Situation zu ´überbrücken´, nannte er noch andere Schwundfälle von Zahnschmelz, die er sich früher nicht erklären konnte. Frauen, deren obere Zahnleiste auf der Innenseite auf mysteriöse Art stark angegriffen war, obwohl sie mit den Zähnen gar nicht dahingelangen konnten.

    Irgendwann muß er dann wohl auf eine Studie gestoßen sein, die den abgetragenen Zahnschmelz auf übermäßiges Kotzen zurückführte. Also vorrangig bei Bulimikern auftrat.

    Man lernt doch immer wieder dazu. Und dank des Internets wissen wir:

    “Sex schenkt schöne Zähne – Je kräftiger der Speichelfluss, desto geringer der Schaden, den Säure an den Zähnen anrichten kann. Deshalb: küssen und lecken, was die Zunge hergibt! Zahnmediziner der Uni München fanden außerdem heraus, dass Liebesmangel das "Cracked Tooth Syndrome" begünstigt, das den Zahnschmelz knackt und fiese Schmerzen verursacht.“

    Weniger kotzen, mehr sexen – hach, die Welt könnte so entspannt sein. Zumindest wären wir wohl weniger zerknirscht.

    Zahnbeschwerden können jedoch ganz unterschiedliche Ursachen haben, zum Beispiel damals die DDR.



    Fällt aus wegen is nich: Zahnprobleme in totalitären Systemen…


    Den alltäglichen Zirkus kennt ja jeder. Und wo ihm ein Zelt gebaut wird, soll sogar gelacht werden.

    Popow wurde 1930 in Moskau geboren, zu einer Zeit also, als einem das Clownsein quasi in die Wiege gelegt wurde. Stalin ließ sich seit 1929 mit “Führer“ anreden und führte soeben ein paar Zwangskollektivierungen durch mit angeschlossenen Sonderprojekten wie Verschleppungen und Erschießungskommandos. Millionen Menschen gingen an der folgenden Hungersnot zugrunde.

    Soviel zu den physischen Maßnahmen des Sowjetregimes. Später in der DDR kamen solche drastischen Mittel nicht mehr zur Anwendung. Die psychischen Repressalien des realsozialistischen Terrors konnten den Menschen gleichwohl zu schaffen machen.

    "Halleluja, der Aufstand fault zwischen meinen gelockerten Zähnen. Halleluja, der Wind. Er fegt durch unsere verstaatlichten Hirne." So Thomas Brasch in seiner "Selbstkritik 2". Das Zitat ist entnommen aus “Die erfundene Wirklichkeit“, herausgegeben von Paul Watzlawick. Der Beitrag "Bausteine ideologischer "Wirklichkeiten" beleuchtet unter anderem die Verblendungsmaschinerie totalitärer Systeme und wie Menschen auf den staatlich verordneten Anpassungszwang reagieren.

    Wenn es nicht mehr reicht, in Anbetracht der angespannten Lage die Zähne zusammenzubeißen und stumm auf bessere Zeiten zu hoffen, müssen Lockerungen her. Bleiben diese aus, kann sich dies an den Zähnen bemerkbar machen. Diese Lockerungen allerdings sind dann eben nicht die gewünschten.

    Aber nicht nur staatlich bedingter Terror kann erhebliche (Zahn-)Lücken offenbaren.



    …und in der Liebe


    Wer kennt es nicht, dieses wonnige Gefühl des Verliebtseins. Ein sanfter Wahnsinn ganz eigener Art hat uns gepackt. Der Himmel hängt voller Geigen, und dabei achten wir auf nichts, das uns den Partner vorschnell madig macht.

    Nicht die menschenfeindliche Ideologie verkürzt in diesem Fall die Sicht, sondern die rosa Brille. Sie filtert so stark, daß alles möglich scheint, außer was dies schöne Gefühl vertreiben könnte.

    Die Fortpflanzung gehört offenbar dazu:

    "Verlieben dient nicht der genetischen Wahl. Vielmehr ist die Fähigkeit sich zu verlieben das aus meiner Sicht größte und schönste Rätsel der Evolution. Da dieser Zustand dem Körper eine ungeheure Anstrengung abverlangt und auch die Psyche nicht schont, läßt er sich naturgegeben nicht ewig aufrechterhalten. Drei Jahre Verliebtheit gilt als das Maximum der Gefühle, drei bis zwölf Monate als der Durchschnitt. Bei vier Jahren partnerschaftlicher Bindung liegt laut internationaler Statistik die durchschnittliche Scheidungszeit. Die Schmetterlinge im Bauch verwandeln sich wieder in Raupen. Sah der Verliebte zuvor nur das Lächeln der Geliebten, so treten die Zahnlücken, die vorher unsichtbar waren, nun deutlich zutage."

    So beschreibt es der Philosoph Richard David Precht in seinem Buch “Liebe“ auf Seite 177.

    Ähnlich erzählt Benedict Wells den Vorgang in seinem Roman “Spinner“, was passiert, wenn sich der Verliebte entliebt. Hier muß das Gebiß der schönen Miriam herhalten, doch nicht Zahnlücken sind das Problem:

    "Sie blinzelte mich über ihren Kaffee hinweg an. Ich wußte nicht, was ich anworten sollte. Aber plötzlich erkannte ich auch Fehler an ihr. Ich sah, daß ihre Eckzähne vom vielen Rauchen gelblich verfärbt waren. Und ich war mir sicher, dass man über ihre kleinen Hamsterbäckchen streiten konnte. Zudem schien sie auch ziemlich eingebildet zu sein. Ich meine, sie tat zwar so, als wäre sie bescheiden, aber sie gab damit an, bescheiden zu sein, wenn ihr versteht. Ständig lachte sie affektiert und bleckte dabei ihre gelben Zähne. Dennoch war ich noch immer bereit, großzügig über diese Fehler hinwegzusehen".

    In krassem Gegensatz dazu steht freilich folgende Geschichte, die dem Buch “Irre! Wir behandeln die Falschen“ des Psychiaters Manfred Lütz entnommen ist.

    Er berichtet von einer Frau, die sich in ihren Kollegen verliebt hat. Der behandelt sie allerdings wie Luft. Außerdem hält sie sich für häßlich, da sie eine Zahnlücke hat.

    Überhaupt enden ihre Beziehungen immer wieder tragisch und sie ist schon bereit sich umzubringen.

    In ihrer Verzweiflung sucht sie schließlich einen Psychotherapeuten auf und bittet diesen um Rat. Er läßt sich das Problem schildern und geht mit ihr zu einem Brunnen. Sie soll Wasser in den Mund nehmen und es durch ihre Zahnlücke auf einen bestimmten Punkt spritzen. Sie lernt also zu zielen.

    Später im Büro spritzt sie eben jenen bestimmten Kollegen an, und geht ohne weitere Erklärung wieder raus.

    Der Kollege wird auf sie aufmerksam, spricht sie an, sie treffen sich, verlieben sich, heiraten und zeugen schließlich mehrere Kinder, die natürlich teils mit Zahnlücken gesegnet sind.

    Hier fungiert also die Zahnlücke als rosa Brille!



    Zurück zu den Clowns


    Ob rosa, rot oder wie auch immer, mich haben Clowns nie zum Lachen gereizt. Als Kind waren sie mir unheimlich.

    Ich erinnere mich eines Zirkusbesuchs in frühester Jugend. Es war ein grauer Regentag, die Manege ein sandiger Exerzierplatz dressierter Zirkuspferde, waghalsiger Trapezkünstler und tolpatschiger Clowns samt ihren notorischen Späßen. Das Geschehen hinterließ einen eher naßkalten Eindruck bei mir, auch ständige Trompetenfanfaren und Tuschs konnten daran nichts ändern.

    In der Pause gingen wir vors Zirkuszelt. Da entdeckte ich einen von ihnen gleich neben dem Haupteingang. Er stand vor der Gulaschkanone und rauchte einen letzten Zug aus dem Zigarettenstummel, den er dann mißmutig in den Schlamm trat.

    Obwohl er noch die weiß-rote Bemalung trug, war ihm doch alles Clowneske aus dem Gesicht gefallen. Sauertöpfisch wie das Hamburger Schmuddelwetter an jenem Tag löffelte er seine in Empfang genommene Erbsensuppe. Unfreiwillig erhaschte ich so einen Blick auf die wahre Natur des Unterhaltungsgewerbes, und die war absolut unkomisch.

    Wer also berühmt werden möchte, hat es der Erfahrung nach schwer, gleich ob als Clown oder als Gas- und Wasserinstallateur.

    Wer in der Literatur verewigt sein möchte, sollte zumindest eine gut sichtbare Zahnlücke vorweisen, wahlweise gelbe Eckzähne.

    Für alle anderen gilt, daß die Berufswahl nicht allein entscheidend ist.

    Darum möchte ich zuletzt hinzufügen: wer wie Oleg Popow das Wesen des Clowns verstanden hat, kann als alles berühmt werden, auch als Mensch.

    Gerade auch mit Zahnschmerzen.
    Geändert von skyzerot (06.09.2013 um 20:04 Uhr)

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