Wenn ein Vogel aufhört, einen anderes Vogel zu lieben, dann sagt er nicht: ''Fliege jetzt tausende Kilometer in die Ferne, damit du nicht siehst wie sich die Gleichgültigkeit in meinen Pupillen anhäuft!'' Denn der Vogel ist nicht wie der Mensch, so träge; die Ferne ist für ihn das Geflacker des süßen Lichts, das die Liebe entfacht. Der Vogel sagt ihr nicht: Jetzt verstecke dich tausende abdrücke tief in die Erde, damit du am Vorabend meinen Gesang vom zarten Gutenachtlied für eine andere Liebste, die mit ihrem Schnabel in meinem Flügel liegt, nicht hörst!'' Denn der Vogel ist nicht wie der Mensch - oberflächlich; er weiß, dass sich die Herzschläge unter der Erde noch stärker aufbäumen und statt der beruhigenden Geläute des Gutenachtlieds, müsste der ganze Wald sich das Getöse aus der Erde, den der Schmerz auswirft anhören.
Darum, wenn der Vogel aufhört einen anderes Vogel zu lieben, bleibt er neben ihm, um dort in Einsamkeit zu sterben.
Doch wenn der Mensch aufhört, einen anderen Menschen zu lieben, dann weiß er vor Scham und Trübsal nicht, was er tun soll und noch weiter vor ihm davon rennend, nistet er in seinem Herzen seine Trauer ein.
Es gibt keinen kleinen Schmerz. Menschen aber lieben kleine Schmerzen. Sie sind schön, und schmerzen nicht sehr. Verliert er sie, beschafft er sich leicht Andere, noch weniger teure und weniger schmerzliche – denn der Schmerz nutzt sich mit der Erfahrung ab, doch zu viele Erfahrungen bieten sich auf dem Jahrmarkt der Gefühle umsonst an. Menschen lieben kurze Begegnungen, kurze Briefe, kleine Erlebnisse, für die sie nicht weit nach dem Sinn in den Sternen, auch nicht in zuviel beschriebenen und unbekannten Vorräumen der Seele suchen müssen.
Doch diese kleine Schmerzen dringen unbemerkt in unser, den Stacheln der Langweile preisgegebenes Fleisch ein. Sie werden in ihm unser Tod. Und wegen dieser unzähligen kleinen Leichen, die unsichtbar in uns verfaulen – kreisen das ganze Leben die Aasgeier um unsere Häuser und um unsere Stirn, verwundet durch die Vielzahl der kleinen Gerinsel, spielen die Ameisen. So wird in uns nichts zerrinnen, wenn uns die großen Schmerzen ergreifen, die durch große, ohne Warnung errungene Gründe, entstanden.
Ohne Sorgen werden wir schauen auf die Ameisen, wie sie sich nähern und auf die riesige Schar der weißhäuptigen Aasgeier, die immer mehr am niedrigen Hafen hinter unseren Türschwellen kreisen und ihnen zuflüstern:
''Freunde, ihr habt hier nichts zu suchen. Hier gibt es nichts, außer dem Bild, des verstaubten Skeletts, umhüllt mit Erinnerungen und dieses – seid sicher – ist nicht für euch! Fleisch und Blut und der süße Obstgarten des Herzens wurden von unseren kleinen Schmerzen aufgegessen, Körnchen für Körnchen – sie nagten alles ab bis zu den Knochen, bis zu diesem Loch in dem Raum, seht ihr es nicht?''
Es gibt keine keinen Schmerzen. Es gibt keine kleinen Schmerzen unter dieser Sonne.