Thema: Seitenblicke

  1. #1
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    Seitenblicke

    Seitenblicke

    Tage wie diesen gibt es vermutlich fünf bis sechs Mal in der Woche. Den Alltag wie einen Rucksack aufgesattelt mache ich mich auf den Weg. Am Morgen in den Tag. Wie immer schnellen Schrittes um die Minuten einzuholen, die sonst verfallen.
    Schon erreiche ich den ersten Meiler – die Ecke an der Straße. Hier steht sie die Frau Nachbarin. Mit Fahrrad und heute auch zwei Zöpfe. Sie hat es eilig, lässt die Räder immer wieder ein Stück nach vorne rollen. Neben ihr die alte Dame, wie immer im Juni ein Blumenkleid. Ich höre wie sie sagt, dass sie hofft dass man sich bald wieder sieht. Ich rausche vorbei, mein „Guten Morgen“ hab ich schnell noch aufgesagt. Und da sehe ich, weil ihre Augen sprachen, dass sie gar nicht weiß ob es für sie das Bald noch gibt.

    Vorne ist die Bäckerei. Die Schlange macht mir Sorge. Ich reihe mich ein und warte auf die Hausfrau. Alle Zeit der Welt. Ich könnte mit den Hufen scharren. Jetzt redet sie von ihren Kindern und die Verkäuferin lächelt dazu müde. Dann ein Seitenblick von ihr und ich sehe ihre Körperhaltung und heute kann ich es auf einmal spüren. Sie geht mit letzter Kraft und am liebsten würde sie jetzt sitzen und nie mehr stehen.

    Meine Brötchen in der Hand renn ich schnell zum Metzger. Da begegne ich dem alten Herrn. Er trägt seinen Schlapphut, die Hose voller Flecken. Er stinkt bestialisch nach einsamen Altherren-Leben. Die Tüte in der Hand setzt er sein Schneckentempo fort und ich höre ihn noch sagen. „Ja wie immer für den Hund“! Jetzt kommt die Erinnerung. Denn täglich sah ich sie zusammen ihre letzten Schritte gehen. Der Hund in einem Kinderwagen. Die Ohren hingen, die Pfoten konnten ihn nicht mehr tragen. Doch seit Wochen geht er allein. Und zwischen all den Falten im Gesicht sehe ich nun neue Trauerfurchen.

    Jetzt habe ich die U-Bahn-Treppe erreicht. Oben steht die nutzlose Jugend von heute. Smartphones in der Hand. Ich bin nicht sicher ob sie gerade telefonieren oder mit einander sprechen.
    Das dicke Mädchen lacht und der Kappenjunge zeigt ihr Bilder. Gerade gehe ich vorbei und sehe noch die Herzen fliegen. Doch das Mädchen weiß genau, dass sie ihr Ziel niemals erreichen. Denn auf den Bildern sieht sie das schöne Wesen und merkt wie seine Blicke blitzen.

    In der U-Bahn gibt es keinen Platz. Ich will keinen Atem spüren ich will keine ungeduschten Leute riechen.
    Neben mir zwei Schuljungen. Glück gehabt denk ich mir noch. Sie reden über Fußball und der Blonde meint, dass heute „Pirlo“ eine rote Karte bekommt und zwar in der dritten Spielminute. Das hat sein Vater ihm gesagt. Der andere findet diese Vorstellung toll und so schweifen sie in ihr Fußball-Leben ab. Ich steige aus und sehe ganz verklebte Wimpern. Und dicke Ringe unter den Augen. Er hatte eine schlimme Nacht. Tränen über Tränen, weil er es seinem Vater nicht recht machen konnte.

    Das Büro ist jetzt erreicht. Mein Kopf voll von allem was ich sah, spürte und hörte. Mein Kollege bittet mich um fünf Minuten. Ich blicke nicht auf. Ich höre nicht, dass seine Stimme zittert.
    Ich muss mich an den Bildschirm krallen. Schnell vergessen.
    Der Posteingang ist voll und ich werde hier gebraucht.
    Geändert von question (03.07.2012 um 18:59 Uhr) Grund: Absätze eingefügt- verbesserungsvorschläge übernommen

  2. #2
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    Hallo question,

    deine Geschichte gefällt mir sehr.
    Ein paar kleine Anmerkungen hätte ich aber :


    vermutlich fünf und sechs Mal
    klingt irgendwie komisch für mich „fünf, sechs Mal“, oder „fünf oder sechs Mal“ klänge für mich richtiger....

    die Ecke an der Straße.
    Könnte man ev. auch anders schreiben, viell. die erste Straßenecke...

    Mit Fahrrad und heute auch zwei Zöpfe
    Zwei Zöpfen?

    Die Räder? Das Rad klänge für mich besser (auch wenn das Fahrrad 2 Räder hat...)

    Die Ohren hängen, die Pfoten können ihn nicht mehr tragen.
    das würde ich in die Vergangenheitsform bringen

    na ja das war es auch schon, deine Schreibe ist für mich etwas Gewöhnungsbedürftig, aber als ich mich erst mal eingelesen hatte konnte ich dir gut folgen. Viell. könnte man ein paar klare Absätze reinbasteln...


    liebe Grüße Susi
    Susi`s Sammlung

    Wie das Wetter ist mein Leben
    viel Regen, wenig Sonnenschein.
    Und all die ungelebten Träume,
    müssen Regenbogen sein.

  3. #3
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    Hallo Susi,

    danke fürs Lesen und für die Anmerkungen die ich größtenteils übernehemen werde. Du hast recht, es gibt schon noch einiges abzurunden. Werde in jedem Fall noch ein paar Absätze einfügen.
    Mit den "zwei Zöpfen" meinte ich die Frisur der Frau. Findest du das zu irreführend?

    Es freut mich trotzdem, dass die die Geschichte an sich gefallen hat. Kannst du mir noch sagen an welchen Stellen es zu gewöhungsbedürftig war und wo es dir schwer gefallen ist dich einzulesen?

    Ganz lieben Dank und
    viele Grüße
    question
    Geändert von question (02.07.2012 um 12:32 Uhr)

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