1. #1
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    Pappel und Birke

    In dieser Nacht, bei dem Gewittersturm,
    Schlug eine Pappel um, die ich geliebt.
    Sie wollte sich dem Wind nicht beugen.
    Nun liegt entwurzelt sie, dient uns zum Zeugen,
    Dass nie des Winds sie Sklave war; es gibt
    In ungezähltem Maß ihn wie den Wurm.

    Dagegen jene Birke bog den Nacken,
    Servil, wie es nicht bodentiefer ging.
    Sie hat die Winde höflich eingeladen,
    Hing all ihr Leben doch am seidnen Faden.
    Und weiter lebt sie als ein Kümmerling,
    In ihren Zweigen aber hausen Schnacken.

    (Parabel)
    Geändert von Smarty (02.07.2012 um 22:09 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Smarty,

    mit Interesse habe ich Dein Naturgedicht gelesen. Das ist ja eine hübsche Variante zu La Fontaines Fabel "Le chêne et le roseau", die Eiche und das Schilfrohr. Nur dass in der Fabel die Eiche noch etwas größer, fester, männlicher herauskommt als das zarte Schilfrohr, das sich nun eben wirklich unter jedem Windhauch biegen kann. Der Charakterlich Starke ist unverbiegbar unter den Strömungen der Zeit, und kommt um, der charakterlich Schwache passt sich an, dreht sein Fähnchen nach dem Wind und bleibt am Leben. Soviel zur Bedeutung der Fabel, die ja vielleicht auch die Bedeutung Deines Gedichtes sein soll.

    Nun möchte ich aber einige sprachliche Anmerkungen machen. Dazu ist ja doch wohl auch eine Kritik da.

    In dieser Nacht, bei dem Gewittersturm,
    Schlug eine Pappel um, die ich geliebt.
    Sie wollte sich dem Wind nicht beugen.
    Nun liegt entwurzelt sie, dient uns zum Zeugen,
    Dass nie des Winds sie Sklave war; es gibt
    In ungezähltem Maß ihn wie den Wurm.
    Ich würde schreiben: beim Gewittersturm,
    etwas hölzern klingt der Vers: "dass nie des Winds sie Sklave war..." hier zwängt wohl das Versmaß einen Satz in ein Korsett, das überhaupt nicht "lyrisch" ist.
    "es gibt
    In ungezähltem Maß ihn wie den Wurm." Der logische Bezug ist schwer herzustellen: "Ihn" = Wind, und vom "Wurm" war bislang nicht die Rede.

    Dagegen jene Birke bog den Nacken,
    Servil, wie es nicht bodentiefer ging.
    Dieser Satz ist schön, ist sehr gelungen und treffsicher in der Aussage.

    Das Ende des Gedichtes leidet ein wenig darunter, dass das Bild von der "servilen Birke" nicht stimmig ist.
    Hing all ihr Leben doch am seidnen Faden.
    Und weiter lebt sie als ein Kümmerling,
    In ihren Zweigen aber hausen Schnacken.
    Warum hängt das Leben der Birke, im Unterschied zur Pappel, am "seidenen Faden"? Und warum lebt sie als "Kümmerling" weiter. Alle Lieder, die im Volksmund die Birken besingen, haben von dem prächtigen Bild dieses Baumes eine ganz andere Auffassung.

    Und das letzte Wort sollte man vielleicht noch orthographisch verbessern, wenn du gestattest: Schnaken schreibt man nur mit k.

    Soviel zu Deinem Text.
    Herzliche Grüße
    Hans Werner

  3. #3
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    Lieber Hans Werner,

    es handelt sich hier nicht um eine Fabel, deren Handelnde ja immer Tiere sind, sondern um eine Parabel. Die von mir beabsichtigte Aussage hast du gut erkannt.

    "Bei dem Gewittersturm" brauche ich aus metrischen Gründen.
    "Dass nie des Winds sie Sklave war" ist gerade eine sehr lyrische Form, wir sind den Genitiv bloß nicht mehr gewohnt.
    "Es gibt in ungezähltem Maß ihn wie den Wurm." - Hinweis darauf, dass die meisten sich sklavisch verhalten, das ist so häufig, wie es Regenwürmer gibt - also ein Vergleich.
    Das Leben der Birke hängt genau wie das der Pappel "am seidenen Faden" (Metapher), weil der Wind ihr Leben bedroht, also eine nachgeschobene Begründung für das servile Verhalten, während sich die Pappel ja gegen den Wind stemmt.
    Ein verletzter Baum bietet allerlei Getier Platz, und es ist abzusehen, dass er keine lange Lebensdauer haben wird.
    Schnaken oder Schnacken, beides ist lt. Duden möglich.

    Herzlichen Dank fürs Befassen mit dem Gedicht. Gruß, Smarty

  4. #4
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    Hallo Smarty,

    Schnaken oder Schnacken, beides ist lt. Duden möglich.
    Bist Du Dir da wirklich sicher?

    Gruß
    Hans Werner

  5. #5
    Longshanks Guest
    Hallo Smarty

    Dass nie des Winds sie Sklave war; es gibt
    wir sind den Genitiv bloß nicht mehr gewohnt
    In meinen Augen ist das keine Sache des Genitivs sondern eine deftige Satzumstellung. Ich finde sie etwa so unschön, wie sie dir anscheinend gefällt.

    dient uns zum Zeugen
    Diesen Satzteil kann man derb missverstehen.
    müsste mE "dient uns als Zeuge" lauten

    Schnacken hab ich auch noch nie als Schnaken geschrieben gesehen. Aber wenns der Duden sagt.

    Gruß

    Longshanks

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