Thema: August 1929

  1. #1
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    Lightbulb August 1929


    Janz stille is jetz die Destille, der Zille jing für imma weg.

    Wie kahl der Tisch, wo malta alle, den Abschaum und den letzten Dreck.
    Wir saßen atemlos und sahen, wat Sache war, janz still und stumm
    und liebten ihn für seine Linien, die liebevoll und jar nich krumm.
    Wenn griffa nämlich zu sein Griffel, begriff selbst Käsekopp jenau,
    det dit Kritik war, janz direkter, an die, wo lebten nich int Grau.

    Der hörte hin, ließ sich nich stören, jehörte schon zut Inventar
    uff Hinterhöfe, wenn der Winter schon hinter jede Türe war.
    Denn brachta Kohlen, Holz und Braten, janz bratfrisch für dit Weihnachtsfest,
    jing imma, wurde mal wat schlimmer, int Zimmer, half ooch bei Jebrest.
    Den Luden rückta uff de Buden, die Kruden drohta mit Jewalt,
    de Armen nahma inne Arme, der war wat wie ne Lichtjestalt.

    Jetzt sitzta uff de Wolke Sieben und sieht nach uns aus Himmelshöh,
    Kiekt runter, grinsend, leider stumme, jeduldig druff uff sein Milljöh.




    Noch ein Lichtstrahl aus dem E-Werk
    :
    http://www.gedichte.com/threads/1730...673#post840673



    Geändert von Medusa (09.07.2012 um 14:29 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Medusa,

    das Zille-Milljöh hast Du ganz hervorragend getroffen. Seine Zeichnungen entstehen - dank Deiner anrührenden Zeilen - wieder lebhaft vor meinen Augen - und der Berliner Dialekt ist bei diesem Thema ja wohl ein Muss!

    LG Xenia

  3. #3
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    Deine Volksverbundenheit ist echt Wahnsinn, wie du aus jeder dir genehmen Persönlichkeit den Rest Würde rausquetscht um zu glänzen im Licht dieser Herolde Kritik war das wohl auch was er trieb, aber in erster Linie wohl doch Widerstand, obwohl das natürlich zu hart wäre für solch ein sich selbst das beste Zeugnis ausstellende "Werk".

    LG RS
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  4. #4
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    Liebe Medusa,

    ich wusste gar nicht, dass Zille nicht nur das Elend und Leben der Berliner bevölkerung dokumentiert, sondern auch aktiv geholfen hat, Das ehrt ihn sehr und Du hast es uns noch ins Gedächnis gerufen.
    Ich finde Dein Zillegedicht mit seinen Alliterationen und den Langversen sehr stimmig und super gelungen. Das war gewiss nicht ganz einfach.
    Der Rhytmus ist superkorrekt mit unbetontem Auftakt, klingender Kadenz, Zäsur, unbetontem Auftakt und stumpfer Kadenz.
    Respekt! Liebe Grüße,
    Klatschmohn
    ©Klatschmohn
    Überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus. Alexander v. Humboldt

  5. #5
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    Thema 1929

    Liebe Medusa,

    auch wenn mir das Milieu und der Dialekt nicht so vertraut ist, so kann ich es anhand Deiner Dichtkunst gut nachempfinden. Es liest sich flüssig mit schönen Reimen und die Alliterationen machen das Gedicht noch besser in der Betonung. Ein Dialektgedicht, dass eine besondere öffentliche Würdigung verdient.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  6. #6
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    Liebe Xenia .

    Ich schreibe hin und wieder Gedichte in Berliner Mundart. Hier musste sie sein, ist geradezu zwingend!
    "dank Deiner anrührenden Zeilen". Ja die Zeichnungen sind in der Tat anrührend und komisch zugleich. Zille hat einen Mittelweg gefunden.

    Ich freue mich sehr, dass dir sowohl der Inhalt als auch die Mundart dieses Gedichtes gefallen. Lieben Dank für dein Lob.

    Herzliche Grüße,
    Medusa.



    @RS:. LG M.



    Liebe Klatschmohn .

    Mir war es auch neu. Aber wenn ich sowas schreibe, dann muss ich recherchieren, damit mir kein Leser Unwahrheit vorwerfen kann. Bei meinen Nachforschungen stieß ich auf ein hoch interessantes Büchlein, in dem alle seine Unterstützungen und Hilfen akribisch dokumentiert sind.

    Nee, es war nicht ganz einfach, diese neuen Erkenntnisse ins Versmaß mitsamt Alliterationen zu zwängen, aber vollständig sollte es schon sein. Es freut mich sehr, dass dir das Gedicht gefällt.

    Herzliche Grüße,
    Medusa.



    Lieber Hans .

    Danke, dass ich dich ein wenig für die Berliner Mundart erwärmen durfte . Hier habe ich mich sehr zurück gehalten - du kennst meine Stammtischgedichte? Da geht die Post ab!

    Herzliche Grüße und lieben Dank für dein schönes Lob,
    Medusa.

  7. #7
    Derolli Guest
    Liebe Medusa,

    das hast du wunderbar hingemundartet. Viel mehr noch als der Dialekt, gefällt mir, dass du mit mehrfachen Binnenreimen arbeitst, ohne dass diese erzwungen klingen:
    Den Luden rückta uff de Buden, die Kruden
    das gefällt mir ausnehmend gut. Auch diese Reime sind stark:
    Kritik war, janz direkter,
    Gerade weil nicht ganz sauber, entfalltet dieser Reim einen besonderen Zauber a auf er, dass klappt in meinem eigenen Dialekt prima.
    Auch wenn die Thematik eigentlich eine ernstere Natur hat, so wirkt das Gedicht durch seinen Aufbau und den Dialekt, doch irgendwie lustig. Mir gefällts!

    Liebe Grüße

  8. #8
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    Guten Morgen Derolli .

    Eigentlich sind die Alliterationen nach dem germanischen Langvers verteilt (da gibts nur drei). Als Beispiel die erste Zeile:
    Janz stille is jetz die Destille, der Zille jing für imma weg.
    Alle anderen Binnenreime oder Alliterationen haben sich ergeben und sind nicht wirklich beabsichtigt; nicht alle Verse sind so klar wie V1 .
    Ich hatte versucht, End-, Binnenreime und Alliterationen unter einen Hut zu bringen. Das gefiel mir nicht, ich empfand es als überladen und entschied mich für die ollen Germanen .

    Mich freut es sehr, dass dir die leichte Komik meiner Verse nicht entgangen ist. Wenns um Zille geht, muss es erlaubt sein .

    Vielen lieben Dank für deinen Kommentar und dein schönes Lob.
    Herzliche Grüße,
    Medusa.






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