1. #1
    Registriert seit
    Aug 2010
    Ort
    Köln
    Beiträge
    2.066

    Sonett über die Beschleunigung

    Sonett über die Beschleunigung

    Wie doof und abgebrüht und zynisch ich
    oft fand, was du zu unsrer Liebe sagtest,
    und dass bei kleinstem Zwist du laut beklagtest,
    mit uns gings heute und auch künftig nicht.

    Trotzdem verstand ich, dass du mir misstrautest,
    ich weiß doch, deine Seele ist ganz wund.
    Ich selbst gab dir zum Zweifeln manchen Grund,
    bis du mich endlich, wie ich bin, verdautest.

    So muss ich mich für deine Wut bedanken,
    obwohl sie mir das Herz oft eingeschnürt,
    du gabst dich, wie du bist, und ohne Schranken.

    Die Heftigkeit hat uns dazu geführt,
    dass wir noch tiefer ineinander sanken.
    Inzwischen bin ich sowas von gerührt.
    Geändert von Michael Domas (20.07.2012 um 17:27 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    im Hier und Jetzt
    Beiträge
    209
    Hallo Michael,

    ein schönes Beispiel dafür, wie zwei Menschen aneinander wachsen und gerade durch bestehende Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten, und letztlich deren Bewältigung, zu einer tieferen Zweisamkeit gelangen konnten.
    Hier gefällt mir besonders die Fähigkeit des LI zur Selbstreflexion (begründetes Misstrauen), aber auch die Einfühlung in das LD (ich weiß doch, deine Seele ist ganz wund) mit der einhergehenden Erkenntnis, dass die Wut (der Spiegel) des LD das LI bzw. die Beziehung als Ganzes nur weitergebracht, weiter vorangetrieben hat. Das Bedanken für die Wut hat mich berührt. Auch die Verletzlichkeit des LI wird spürbar (obwohl sie mir das Herz oft eingeschnürt), und möglicherweise war die Wut auch mit zynischen Elementen durchmischt (Wie doof und abgebrüht und zynisch ich oft fand) (wobei Projektionen, wie immer, nicht ausgeschlossen werden können). Das LI scheint jedoch (du gabst dich, wie du bist, und ohne Schranken) sehr direkt und ehrlich, aber auch impulsiv (Wut, Heftigkeit) zu sein.

    Die Heftigkeit hat uns dazu geführt/dass wir noch tiefer ineinander sanken lässt insgesamt auf eine recht stürmische, leidenschaftliche Beziehung schließen, was ja nicht schlecht sein muss, sofern sich die Beteiligten nicht zerstören, was ja hier offensichtlich nicht der Fall ist. Im Gegenteil sagt mir auch der Titel, dass es sich hier um eine positive Beschleunigung, um forciertes inneres Wachstum handelt.

    Einzig der letzte Vers scheint mir nicht so gelungen, das sowas enthält eine leicht ironische Komponente – zumindest wirkt es auf mich so.

    Formal hab ich hier einen Metrenfehler entdeckt:

    bis du mich endlich, wie ich bin, anschautest.
    xXxXxXxXXxx(X)

    Des Weiteren missfällt mir die Assonanz ich/nicht in S1. Auch hätte ich mir in einem Sonett das Schema ABBA ABBA in den Quartetten gewünscht.

    Wie doof und abgebrüht und zynisch ich
    oft fand, was du zu unsrer Liebe sagtest,
    Dieses Enjambement sagt mir auch nicht so zu (V1 wirkt etwas skalpiert ). Zudem ist 'ich fand das doof etc.' Alltagssprache. Sicher gewollt, passt jedoch mMn nicht zur übrigen Wortwahl in diesem Gedicht.

    Trotz der kleinen Unzulänglichkeiten gern gelesen.

    Was mich hier so berührt hat, ist die inhaltliche Gestaltung.


    Liebe Grüße
    Yoa

  3. #3
    Registriert seit
    Aug 2010
    Ort
    Köln
    Beiträge
    2.066
    Liebe Yoa,

    für Deine einfühlsame Interpretation kann ich mich nur bedanken, besser könnte ich meine Intention nicht ausdrücken. Danke auch, dass Du Dir dann noch die Arbeit gemacht hast, Dich mit den „kleinen Unzulänglichkeiten“ zu beschäftigen.

    Inzwischen bin ich sowas von gerührt
    Das sowas ist (diesmal) nicht ironisch gemeint, ich spreche es soowas aus und meine damit eine Steigerung bis hin zur Fassungslosigkeit. Freilich ist es Alltagssprache, aber die benutze ich ja ganz gerne in meinen Gedichten als Gegengewicht zu meinem Hang zum Pathos oder (noch schlimmer) zum Prätentiösem. Doof kam mir deshalb zupass.

    S2Z4
    bis du mich endlich, wie ich bin, anschautest.
    anschautest zu betonen, ist zugegeben naheliegender, aber m.E. nicht unbedingt zwingend. Ebensowenig wie das strenge ABBA ABBA für Sonette, man darf sich da nicht verheben. (Aber Du hast es ja erfolgreich und eingängig in Deiner „Winteridylle“ angewandt )

    Danke, Yoa

    Michael

  4. #4
    Registriert seit
    May 2010
    Ort
    Raum Münster
    Beiträge
    97
    Moin,
    der umfassenden Interpretation von Yoa ist nicht mehr viel hinzuzufügen, viele meiner Gedanken und Kritikpunkte sind dort erfasst. Einige kleine Gedanken noch:
    Statt "anschautest", über dass ich wegen der Betonung auch gestolpert bin, könntes du vielleicht "verdautest" dichten? Das würde auch stilistisch sehr schön passen, finde ich: denn dein Gedicht hat durch die umgangssprachlichen Wendungen etwas augenzwinkerndes, dem "du" gegenüber Vertrautes, Liebenswertes. Es wird dadurch anschaulich, warum die beiden immer noch miteinander ihren Weg gehen, warum die Streitereine beschleunigend wirken, würzend, und nicht zu Trennung und Ablehnung führen.
    Wenn ich etwas ändern würde daran, dann ist es der Titel. Ich würde das "Sonett" weglassen, man sieht ja, dass es ein Sonett ist. Einfach nur "Beschleunigung" würde doch reichen, oder etwas reißerischer: "Brandbeschleuniger".

    So long,
    Mumpitz
    Wer nach dem Ende des Regenbogens sucht darf die Welt nicht schwarzweiß malen.
    aus: Andreas Gers, Ein Lümmel mit nur Un im Sinn, Cenarius Verlag Hagen

  5. #5
    Registriert seit
    Feb 2006
    Ort
    Im Herzen des Vogtlandes
    Beiträge
    5.505
    @michael

    Denkfehler, Zitat:

    bis du mich endlich, wie ich bin, anschautest

    bis du mich endlich, wie ich bin, anschautest.
    x X x Xx, X x X, XxX
    Warum?
    Komma hinter“bin“ = Senkung
    Richtig ist (ohne an)Schautest Xx
    Aber anschautest
    ANschauTEST,(AN schau test) kommt von anschauen. Wir können hier wieder Metrik philosophieren stimmts Yoa?
    Silbe „An“ wird hier stärker betont wie „schau“. Und Silbe „en „ist hier neutral.

    misstrautest ist ok. xXx


    Return:
    Ich glaube da musst du umändern. Der Rest ist ok, gut verständlich.

  6. #6
    Registriert seit
    Aug 2010
    Ort
    Köln
    Beiträge
    2.066
    Ihr Lieben,

    da gibt's hinter Yoas Kritik an anschautetst jetzt also kein Vertun mehr, danke Horst, für Deine Deutlichkeit. Aber misstrautest ist zwar witzig, doch missverständlich und kommt in S1 ja schon mal vor.
    Jedoch verdautest, Mumpitz, da wär ich nicht drauf gekommen, danke! Es passt zu dem „Augenzwinkernden“, das das Gedicht haben soll, ich übernehme es. Die Titeländerung allerdings muss ich mir noch überlegen, obwohl auch „Brandbeschleunigung“ passt. (Dass es ein Sonett ist, sieht man erst, wenn man's anklickt. Im Titel ist es Werbung – hoffe ich.)

    Liebe Yoa,
    ich habe noch nachzutragen, die Assonanz ich/nicht in S1 kann ich natürlich nicht mehr ändern, ohne eine neue S1 zu schrieben. „V1 wirkt etwas skalpiert“ ? Aber das ich wird betont, als wolle das LI darauf hinweisen, wie subjektiv ist, was es schreibt. Das ehrt es, hoff ich

    Michael

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Sonett über einen mir unbekannten Zustand
    Von Schreibfan im Forum Diverse
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 06.05.2017, 20:25
  2. Sonett über Scheitern
    Von Willbec im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 17.05.2008, 20:33
  3. Freies Sonett über die missglückten Flitterwochen
    Von Tiresia im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 09.09.2007, 19:52
  4. Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 25.08.2006, 02:15
  5. Sonett über eine Lebensuhr
    Von Schwarzer Turm im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 14.01.2006, 21:21

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden