«Die Treppe»
oder
«Der Irrsinn»
oder
«Warum nicht einfach beides?»
oder
«Wenn ich mich recht entsinne, dann lieber nur der Irrsinn»



Ja, die Geschichte von der Treppe wird wahrlich schön fein und hinreißend, wird ein Prachtexemplar ihrer Gattung, völlig unabhängig davon, was letztere denn eigentlich für eine sein wird. Aber allertragischsterweise wird es sich nicht heute, nicht an diesem Abend ereignen, an dem ich beginnen werde, die Geschichte zu entwerfen von der Treppe, auf der ein Mann abbog und plötzlich verschwand. „Hihi“ macht Es sodann nämlich auch, wendete auf dem Absatz kehrt und verlief sich leise kichernd hinter Buchseiten, die nach Süßholz und Moschus rochen. Das Lesezeichen hatte Es gestohlen, sollte Es doch glücklich werden, Ihm lief keine Menschenseele hinterher.
Und was machte Es? Das bleibt die Frage, weiß es doch auch keiner, Es war sozusagen der Baum, den keiner umfallen hörte und von dem jeder leugnete, ihn angesägt zu haben für Brennholz, war es doch ein so angenehmer Herbst an diesem Januarmorgen. Bücher scheinen, sieht man sie sich so in der Hand an, kein absonderlich gutes Versteck zu sein, aber dem ist ganz und gar nicht so. Haben Sie sich schon einmal daran erinnert, eine Stelle aus irgendeinem gottbeliebigen Roman wieder lesen zu wollen, zu welchem Zwecke auch immer? Als ob, ich bitte Sie, Sie diese Stelle jemals wiedergefunden hätten! Zu Hunderten blicken die Seiten allesamt gleich drein, verschwörerisch hört man ihr Rascheln und mit unterdrücktem Grinsen versichern sie doch, nichts gesehen zu haben.
Es versteckte sich jedoch nicht nur in einem Buch, nein, was Ihm offen stand, das war eine ganze Bibliothek. Man stelle sich die Massen an Seiten vor! Abertausende, eine Bevölkerung in sich bildeten sie, man könnte einen Turm zum Himmel aus ihnen bauen und verächtlich in einem Dutzend Sprachen den Babyloniern auf den Kopf ausspucken, laut lachend in der dünnen Luft der Stratosphäre. Und um der Unkenntnis um zwölf verschiedene Sprache Abhilfe zu schaffen, befand sich mit Sicherheit auch mehr Material als ausreichend in der Bibliothek.
Wie sollte man vorgehen, um Es zu finden? Buch für Buch durchblättern, es zur Drohung anlesen und aus reiner Boshaftigkeit die letzten fünfundzwanzig Zeilen laut, mit klarer Stimme in den Raum rufen? Ein Buch, dessen Ende man kennt, ist wie ein Krieg, der verloren bevor angefangen. Es wusste das, deshalb ließ Es das auch nicht zu. War ich kurz davor, eine Seite doch gleich in Brand zu stecken, zeigte Es sich, hüpfte auf und ab in einem ein paar Meter entfernten, verstaubten Regal und kugelte sich ob meines gehetzten, mehr als unfreudig schauenden Blickes. Kam ich hinüber gesprungen, war Es längst über alle Berge und Wälder und Seen und Ozeane, die in den bereits achtlos auf den Boden geworfenen Büchern mit der Hingabe von Schriftstellern wohl aus Berufung bis ins kleinste Detail beschrieben wurden, nicht ohne den Gedanken an stille, klare Schönheit und melancholische Vergänglichkeit hervorzurufen.
Ich war zuweilen die Katze, Es der Räuber, war Es seines Diebesgutes überdrüssig, wurde Es selbst zum Gendarm und ich lief durch buttermessergroße Mäuselöcher davon vor kunstvoll geschwungenen Peitschenhieben. Es mochte so eine ganze Ewigkeit, wenn ich mich recht entsinne, noch eine halbe länger gedauert haben, ein Ende fand es wohl letztendlich niemals. Die Türen dieser Bibliothek bleiben von innen verriegelt, keiner wird uns beide stören und uns bleiben Zeit und Raum und deren Veränderung erspart; wie schön war es doch, darum zu wissen. Die Treppe? Na, die kann warten, es ist doch auch nicht Sinn und Zweck der Übung des Herabsteigens, sich plötzlich in Luft aufzulösen, womöglich noch sauerstoffarme. Nein, nein, da mögen noch viele Menschen drauf hinabgehen, bewusst der Tatsache, dass sie sich glücklich schätzen können, sie nicht hinaufzufallen.