1. #1
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    Mein Bräutigam

    Wir hatten im Februar 1945 bei dem großen Angriff auf Dresden alles verloren und waren in die Sächsische Schweiz geflüchtet. Im Örtchen Naundorf fanden wir Unterkunft in einer Baracke. Mehrere solcher Behelfsheime waren am Ortsrand für Flüchtlinge bereitgestellt worden. Notdürftig richteten wir uns ein. Ich weiß nicht, wie meine Mutter mit drei kleinen Kindern diese schwere Zeit meistern konnte. Mein Vater war noch bei der Wehrmacht und später dann im Westen.

    Ich war damals acht, meine Schwester zehn und mein Bruder zwei Jahre alt. Aber wir Kinder machten aus allem das Beste und freuten uns, wenn wir im Sommer gemeinsam Pilze und Beeren suchen, im Wald Holz sammeln, im Herbst auf den abgeernteten Feldern Ähren klauben und Kartoffeln stoppeln konnten. Zudem genossen wir die Wanderungen in die schöne sächsische Bergwelt.

    Im Winter gab es viel Schnee und wir rodelten mit Begeisterung einen nahen Hang hinab, denn wir hatten wunderbarerweise einen Schlitten irgendwoher ergattert. Wir befreundeten uns mit anderen Flüchtlingskindern aus den Nachbarbaracken und feierten gemeinsam unsere Geburtstage, auch wenn es statt Kuchen nur Marmeladenbrote gab.

    Nicht weit von unserer dürftigen Behausung standen schöne Häuser, die vom Krieg verschont geblieben waren. Es dauerte nicht lange, bis ich Bekanntschaft machte mit den dortigen Bewohnern. Besonders Peter hatte es mir angetan. Er war, wie ich, acht Jahre alt und stolzer Besitzer eines Blechautos, mit dem man richtig fahren konnte. Das war damals etwas ganz Besonderes. Peter kam mir vor wie ein reicher Großgrundbesitzer mit Villa, Park und Auto.

    Jeden Tag lauerte ich darauf, dass er bei uns vorfahren würde. Wenn er kam, war ich glücklich.
    Er mochte mich auch, denn er bezeichnete sich immer als mein Bräutigam. Artig brachte er mir kleine Geschenke mit, ein paar Nüsse oder einen Apfel, um unsere Freundschaft zu besiegeln.

    Ein Jahr später zogen wir in den Westen. Peter versprach mir, mich später dort zu besuchen. Ich fragte mich nur, ob das mit dem Blechauto wohl klappen könnte. So ein bisschen Hoffnung hatte ich schon.

    In den folgenden Jahren gingen viele liebe Briefchen hin und her. Peter unterschrieb noch lange mit „Dein Bräutigam Peter“. Oft erzählte er von seinem ständig nagenden Hunger und wie er sich schon jetzt auf die Hochzeitstorte freue. Wenn er mich besuchen sollte, müsste ich ihm freilich einen Motor und Benzin schicken. Mit der Hochzeit wollte er noch ein bisschen warten, bis die Ernährungslage etwas besser würde.Einmal berichtete er über die beißende Winterkälte, im Wohnzimmer nur 14 Grad. „Habt Ihr auch genug Holz, damit meine Braut nicht frieren muss?“

    Allmählich wurde ich älter und vernünftiger. Die Hoffnung starb und die Briefe blieben bald ganz aus.

    60 Jahre später habe ich versucht, noch einmal Kontakt aufzunehmen zu meinem „Bräutigam“.
    Es gelang mir, Peter aufzuspüren und sogar mit ihm zu telefonieren. Er wurde Professor in Dresden und ist viel in der Welt herumgekommen. Über sein Leben in der DDR hat er ein Buch geschrieben, ich komme darin nicht vor. Bis heute hat er sein Versprechen, mich zu besuchen, nicht eingelöst. So bleibt mir nur die schöne Erinnerung, wenn ich die Briefchen, die oftmals auf Papierfetzen, fast unleserlich, alle aufbewahrt wurden, in einer gemütlichen Stunde hervorhole und schmunzelnd an meinen frühen Verehrer denke.

  2. #2
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    Wie schön, sich an Menschen zu erinnern, wenn das Herz dabei mitgespielt hat. Nun hatte ich, der in der Nähe des Tegernsee´s
    1943 evakuiert wurde auch Schulfreundinnen, denen ich als jungen Bengel sehr zugetan war. Mit denen, die noch leben habe ich heute noch tel. Kontakt. Bei mir (Jahrgang 1932) kam es später, als ich nach dem Kriege 1952 in den Polizeidienst eintrat und in München ein Mädchen kennenlernte, die ich sehr gerne mochte. Sie hieß "Margot S" und kam aus Ilmenau in Thüringen.
    Obwohl ich sehr glücklich verheiratet bin, denke ich heute noch sehr oft an sie. Wir haben uns aus den Augen damals verloren.
    Nicht im Streit, sondern weil jeder in seiner beruflichen Situation und mit dem Aufbau seiner Existenz so engagiert war, das für
    das Private nicht mehr viel übrig blieb. Deshalb kann ich Deine sehnsüchtigen Erinnerungen sehr gut verstehen.

    Liebe Grüße
    almebo
    Lieber ein eckiges Etwas,
    als ein rundes Nichts.

  3. #3
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    Liebe Ingeborg,

    Der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal (1623 - 1662) sagte einmal:

    Le cœur a ses raisons, que la raison ne connaît pas.
    Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt.
    Da begegnet eine Achtjährige ihrem "Bräutigam" und kann ihn ihr Leben lang nicht mehr vergessen, obwohl man sich über sechzig Jahre lang nicht mehr gesehen hat. Ja, es geht sogar so weit, daß die "Braut" nach dieser langen Zeit mutig die Initiative ergreift, und ein Wiedersehen anbahnen will. Doch leider vergebens, denn es bleibt bei einem Telefonat; und dennoch verlieren die alten Briefe nicht an Wert.

    Möglicherweise ist es auch besser so, denn dadurch wird der Bräutigam auch nicht "entzaubert". Für die Geschichte wäre es natürlich äußerst interessant gewesen, wie sich diese Wiederbegegnung gestaltet hätte. Wie sieht Peter nun aus, worüber spricht er, wie verhält er sich; ist er noch der "alte"? Vielleicht wollte Peter das nicht riskieren und er wollte so in Erinnerung bleiben, wie er vor sechs Jahrzehnten einmal war. Vielleicht hat er die Erinnerung an seine "erste große Liebe" auch ganz anders aufbewahrt als seine Braut.

    Ich denke, Hermann Hesse, dessen 50. Todestag am 9. August sein wird, hätte Dich bestimmt gut verstanden. Er schrieb einmal, daß die Erinnerungen an die Erlebnisse der ersten zehn Lebensjahre besonders tief sind, und er selbst war ja ein Meister darin, diese bis ins kleinste Detail in seinen Erzählungen und Romanen wiederzubeleben.

    Warum eine "harmlose" Begegnung im Kindesalter für jemanden eine Art Juwel wird, das er lebenslang mit unterschiedlicher Intensität im Herzen trägt, weiß wohl niemand zu sagen. Aber irgendwie ist es doch etwas Schönes, das nicht jedem zuteil wird. Die meisten Menschen, denen man im Leben begegnet, sind einem doch mehr oder weniger gleichgültig. Und da gibt es jemanden, der für einen bestimmt gewesen wäre, gibt es eine Geschichte, die keine werden durfte, weil sie durch die äußeren Umstände abgebrochen wurde.

    Was in der Realität aus diesem hoffnungsvollen Beginn geworden wäre, hätte es die räumliche Trennung und die politischen Schranken nicht gegeben, weiß auch niemand zu sagen, doch in der Einschätzung und Vorstellung dessen, unterscheiden sich die Geister. Diejenigen, die an die Liebe glauben, stellen sich sicherlich eine andere Fortsetzung vor, als diejenigen, die darin skeptisch sind.

    Gerne gelesen!

    Mit lieben Grüßen

    Friedrich

  4. #4
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    Hallo, almebo und Friedrich.
    danke für euern netten Beitrag zu meinem Text. Es ist schön, so viel Verständnis und Interesse zu finden. Danke!

    Liebe Grüße von Ingeborg

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