Das war mir noch nie begegnet!
Ein Mensch, der niemals lächelte!
Vielleicht glauben Sie mir ja nicht!
Unglaublich genug ist es ja, ein Mensch, der niemals lächelte!
Sicher denken Sie, nein, das war sicher nur einer von diesen Tagen.
Werden abwinken.
Hat doch jeder mal!

Aber hören Sie, ich beobachte diese Frau seit Langem schon!
Niemals habe ich sie erwischt.
Nicht der leiseste Hauch, kein kleinster Anflug eines Lächelns.
Anfangs war es reine Neugier gewesen.
Später hatte sich meine Phantasie eine traurige Geschichte um sie zusammengereimt.
Sie litt unter einem Geheimnis.
Einem dunklen Fleck in ihrer Vergangenheit.
Irgend etwas würde sich offenbaren.

Aber die Zeit verging und verging.
Und eigentlich sah sie auch nicht traurig aus, sie lächelte einfach nur nicht.
Keine noch so komische Situation,
nicht der humorvollste Witz,
nicht der charmanteste junge Mann.
Nichts und niemand konnte ihr ein Lächeln entlocken.

Klar, im Märchenbuch meiner Nichte hatte ich wohl darüber gelesen,
die Geschichte der Prinzessin, die nicht lachen konnte.
Aber hier?
Und jetzt?
Wir waren doch nicht im Es war einmal…!

Lachen ist ein angeborenes Ausdrucksverhalten, hatte ich nachgelesen.
Das war kein Märchen.

Lange Monate hindurch gab ich die Hoffnung nicht auf.
Versuchte es auf die eine, und auf die andere Art.
Holte Rat ein von Freunden, Bekannten, ja selbst Psychologen konsultierte ich.
Nichts half.
Kein Vorschlag fand den Ausweg, die Lösung.
Die Tür zum Lächeln blieb verschlossen.

Aus den Blühten der Kastanienbäume in unserer Straße
wurden stachelige Wurfgeschosse
und später welke Blätter.
Und auch meine Hoffnung welkte, jemals ein Lächeln auf ihrem Gesicht zu erhaschen.

Mit sinkender Hoffnung wuchs meine Wut.
Mir selbst verging das Lachen.
Wie konnte sie wagen, nicht zu lächeln!
Wie konnte sie mir den Anblick ihrer weißen Zähne verweigern!
Und die hochgezogenen Mundwinkel, die ein Gesicht so sehr veränderten!

Heute versuche ich nicht mehr, sie zum Lachen zu bringen.
Spüre mildes Interesse.
Beobachte sie still, wenn ich ihr zufällig begegne.
Und ertappe mich ab und an bei einem Lächeln.