Thema: Rot

  1. #1
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    Exclamation Rot

    Er hielt meine Hand, fuhr zärtlich die bläulich schimmernden Adern nach, die sich unter meiner Haut abzeichneten. „Susan“ Sein Kopf beugte sich nahe an meinen, bis sich unsere Stirne berührten.
    „Ich liebe dich, mehr, als alles andere “ flüsterte er. Ganz leise und sanft.
    Sein Kuss schmeckte süß, voller Leidenschaft und Wärme. Dies war einer der intensivsten Berührungen meines Lebens. Und eine der letzten. Er schob meine langen Haare beiseite, schob meinen Top-Träger nach unten. Ich schloss die Augen und erwartete seine weichen Lippen auf der Haut, doch nichts passierte.
    „Was ist das“ presste er zwischen zusammen bebissenen Zähnen vor. Seine Augen funkelten gefährlich. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Mit angespanntem Kiefer und zusammengezogenen Augenbrauen saß er steif da.
    Ich blickte an mir herunter und entdeckte einen lila-bläulichen Fleck auf meiner Schulter, so groß wie eine Pflaume.
    Langsam begriff ich, was er denken musste und ich fing an zu lachen. „Solltest du jetzt denken, das wäre ein Knutschfleck, irrst du dich. Ich habe neben dir niemanden, bin wahrscheinlich nur wieder gegen den Türrahmen gelaufen.“
    Doch jetzt wurde er erst richtig sauer.
    „Willst du mich verarschen? Hältst du mich für dumm? Ich weiß, wie ein Knutschfleck aussieht! Ich bin dein Freund, du hast nicht das Recht, irgendjemandem sonst deinen Körper zu geben.“
    Was redete er da? Als wäre ich ein Stück Fleisch, das man besitzen kann.
    Und überhaupt war das alles lächerlich! „Tom, niemand außer dir hat mich in letzter Zeit angerührt! Red’ dir doch nichts ein.“
    „Verdammt, lüg’ mich nicht an!“ Er war aufgesprungen, baute sich bedrohlich vor mir auf und packte mich unangenehm fest am Arm.
    „Du machst mir Angst! Lass mich los.“
    Er stieß mich angewidert von sich, sein Gesicht vor Eifersucht und Zorn verzehrt.
    Ich stolperte zurück und spürte einen dumpfen, unerträglichen Schmerz. Dann wurde alles schwarz.

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    Sie liegt da, die Beine und Arme von sich gestreckt, den Kopf unnatürlich verdreht. Ich knie mich neben sie und tätschle ihr die Wange. „Hey, ich kann dir vielleicht verzeihen.“ Ich muss nett klingen, sie muss bei mir bleiben. Ich brauche sie. Meine Wut schlucke ich runter, sie ist ein Miststück.
    Mein Miststück.
    Ihre Augen sind immer noch geschlossen, ich will sie aufrichten.
    Plötzlich spüre ich etwas Warmes an meinen Fingern, die sich unter ihren Kopf geschoben haben.
    Ich ziehe die Hand hervor. Rot. Warm. Flüssig. Es läuft meine Arme herunter, alles ist voll damit. Mein Blick fällt zurück auf Susan, unter ihr breitet sich langsam eine dunkle Pfütze aus. Der Teppichboden saugt sich voll. Nimmt eine andere Farbe an. Ein feiner Geruch von Eisen hängt in der Luft. Meine Hand wandert zu ihrer, fühlt nach dem Puls. Fühlt nichts. Keine Schläge. Stille. Ich habe meine Freundin umgebracht. Susan ist tot, ich kann es nicht ändern.
    Mein Herzschlag geht nicht schnell. Ich bin ruhig, sie hat es verdient. Wahrscheinlich ein Genickbruch, die Tischkante war im Weg.
    Wenn sie nicht mich will, soll sie niemanden haben. Ich liebe sie, aber sie hat mich verletzt, gedemütigt. Jetzt hat sie ihre Strafe bekommen. Einen letzten Kuss auf die harten, langsam kalt werdenden Lippen. Dann hole ich das Telefon und rufe einen Notarzt. Er wird ihr nicht mehr helfen können.

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    „Ich muss noch meinen Kühlschrank füllen, aber dann könnt ihr heut Abend gerne kommen“ sagt Leonie und greift nach ihrem unordentlich über den Stuhl geworfenen Mantel. „Okay, dann bin nachher“ Sie lauscht noch einen Moment der Stimme, die aus ihrem Handy dringt, dann legt sie mit einem „Ich freu mich auch“ auf. Was soll ich heute bloß für die beiden kochen, für Tom ist ja sogar ein gutes Lammsteak zu schäbig, denkt Leonie genervt und schließt die Wohnungstür hinter sich ab.
    Das waren noch Zeiten, als Susan und ich Singles waren und uns Samstagabend Pizza und Schnulzen-Filme rein gezogen haben.
    Irgendetwas stört sie an dem Neuen ihrer besten Freundin. Tom tut immer, als wäre er die Freundlichkeit in Person, ist charmant und hilfsbereit. Doch auf sie wirkt das alles aufgesetzt und falsch.
    Nie würde sie auf die Idee kommen, Susan von ihren Gedanken zu erzählen. Denn ihre Freundin schien glücklich mit einem Mann zu sein. Und das war sie das letzte Mal in der neunten Klasse, wenn sich Leonie recht erinnert. Sie schiebt die Gedanken beiseite und versucht sich ganz auf den Einkauf zu konzentrieren, um nichts zu vergessen.

    Das Essen steht auf dem Tisch, der Wein ist aus dem Keller geholt und die Wohnung aufgeräumt worden. Was fehlt, sind die Gäste. Leonie kaut auf ihrer Unterlippe herum und beobachtet eine Fliege, die mit leisem Summen durch die Wohnung fliegt.
    Die Beiden sind doch sonst immer pünktlich, denkt sie und läuft nervös zum Fenster. Niemand ist zu sehen, nur vereinzelte Blätter wehen an der Scheibe vorbei.
    Leonie blickt auf die Uhr, es ist schon eine halbe Stunde seit der vereinbarten Zeit vergangen. Etwas kann da doch nicht stimmen. Mit dem Telefon in der Hand lässt sie sich auf das Sofa fallen und wählt die ihr so gut bekannte Nummer.
    Sie hört das Tuten, doch es nimmt niemand ab. Noch ein Punkt, der sie stutzen lässt.
    Dann meldet sich eine Stimme:
    „Dies ist die Mailbox von Susan Kolfer, ich bin zurzeit leider nicht erreichbar, sie haben aber die Möglichkeit, nach dem Signalton eine Nachricht zu hinterlassen. Ich werde mich dann sobald wie möglich melden. Danke!“


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    Ein Klingeln. Laut. Schrill. Abstoßend. Ihr Handy. Ich lasse es in ihrer Hosentasche. Nie habe ich verstanden, wofür sie es braucht. Ich bin immer bei ihr. Sonst muss niemand die Möglichkeit haben, sie zu jeder Zeit erreichen zu können. Ein weiterer Ton steigt ein, gibt die Melodie des Todes vor. Die Sirenen werden durchdringender.
    Wieder wallen Gefühle in mir auf. Ich hasse Susan für das, was sie getan hat. Sie lässt mich allein in dieser Welt, in der jeder mein Feind ist.
    Susan war anders. Und im Grund genommen doch so gewöhnlich. Enttäuschend. Die Geräusche sind verstummt. Es ist still, die Ruhe vor dem Sturm. Ich werde Susan nicht aufgeben. Muss ihr folgen, egal wohin. Auch in den Tod. Sie gehört mir, ich werde ihr noch eine Chance geben. Ein bitteres Lachen steigt meine Kehle hinauf und findet seinen Weg ins Leben. Susan hat es nicht verdient, aber ich bin gütig. Werde sie ein letztes Mal begnadigen, von ihrer Schuld befreien. Denn sie ist mein Mädchen.

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    Irgendetwas stimmt doch nicht, denkt Leonie und versucht das unangenehme Gefühl, das in ihr aufsteigt zu unterdrücken. Bestimmt ist alles in Ordnung, sie haben nur die Verabredung vergessen. Sie zieht sich warm an, wirft sich einen Wollschal um die Schultern und tritt hinaus in die Kälte. Ein beißender, eisiger Wind weht ihr die Haare ins Gesicht und eine feine Gänsehaut bildet sich auf ihren Armen.
Leonie setzt ihre Kapuze auf und macht sich auf den Weg zur Bahnstation. Während sie in ihre Gedanken vertieft die Straße entlang trottet, nimmt sie aus den Augenwinkeln etwas Rotes war. Ohne lange zu überlegen sprintet sie los und erreicht den Bahnsteig, auf dem ihr Zug eingefahren ist. 
"Zurück bleiben bitte" hört sie schon, die Türen beginnen sich zu schließen, aber mit einem letzten Sprung schafft sie es noch ins Innere des Wagons und atmet erleichtert auf.

    Mit einem Rütteln setzt die Bahn sich in Bewegung und Leonie schließt müde die Augen. Sie denkt, der Tag wäre jetzt schon zu Ende. Dabei hat das Wichtigste sie noch nicht ereilt.





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    Eine letzte Erinnerung an das erste Treffen. Susan im roten Kleid. Ein Farbtupfer im grauen Alltag. Ihr Lächeln. In dieser Welt werde ich es nicht mehr sehen können. Verdammt, wieso musste sie auch so töricht sein? Meine Beine hängen in der Luft. Nur eine Bewegung weg von ihr. ich lasse mich fallen. Keine Lebensgeschichte. keine Kindheitserinnerungen. Nur ihr zartes Gesicht. Vermischt mit dieser bitteren Pein. Mein Ende hier. Doch der Anfang wird wieder kommen.

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    Als Leonie vor dem Haus ihrer Freundin steht, packt sie die nackte Angst. Ein Krankenwagen steht vor der Tür, zwei Polizeiwagen fahren ein und das Gelände ist großräumig abgesperrt. Sie versucht sich zu beruhigen. Es geht gar nicht um Susan, mit ihr ist alles in Ordnung, redet sie sich ein. Ein kalter Schauer läuft ihren Rücken hinunter, als sie einen Wagen erblickt, der gerade um die Ecke biegt. Lang und Schwarz. Der Vorbote des Todes. Jemand fasst sie an der Schulter.
    „Sind sie eine Familienangehörige oder enge Bekannte von Susan Kolfer, oder Tom le Claire?“ Leonie blickt in das faltige Gesicht eines Polizisten, sie nickt Sein Ausdruck bekommt etwas Entschuldigendes.
    „Könnten sie bitte mitkommen, wir brauchen ihre Personalien.“ Sie kann sich nicht rühren, in ihrem Kopf geistert nur eine Frage herum.
    „Was ist passiert?“
    Der Mann legt ihr eine Hand auf die Schulter.
    „Es tut mir leid.“

    Geändert von Linacf (26.05.2013 um 18:34 Uhr)

  2. #2
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    Hallo.
    Ich habe das mit gemischten Gefühlen gelesen. Zuerst einmal wirken die verschiedenen Typographien nicht gut zusammen. Ich denke, man muss die 3 Sichtweisen nicht so klar von einander trennen, ein bisschen Intelligenz darf man dem Leser schon zutrauen - er wird das auseinanderdröseln.
    Dann ist Leonie zu stark dafür, dass sie so spät eingeführt wird. Die wartende Freundin müsste den Rahmen bilden. Dass sie nicht auch aus der Ich- Perspektive erzählt wird, ist nicht nachvollziehbar. Im ersten Leonie- Block ist ein ganzer Absatz doppelt.

    Schade, dass Tom so platt charakterisiert wurde. Wie ein totaler Psychopath. Wer sich so verhält wie er, hat ein Vorleben, ist schon einmal betrogen und sehr verletzt worden.
    Vielleicht haben Susan und Tom Drogen genommen, die enthemmend wirken. Schließlich haben sie eine Verabredung zum Essen, also warum fangen sie an, herumzuknutschen?
    Der Name Le Claire passt irgendwie gar nicht. Dann gibt es so Kleinigkeiten wie "sein Gesicht vor Eifersucht und Zorn verzehrt" und es muss "verzerrt" heißen.

    Insgesamt ist die Idee gut, die Spannungsführung nicht. Die Charaktere können besser ausgearbeitet sein, man kommt an Tom nicht ran, man kommt an Leonie nicht ran und Susan ist ja schon tot.
    Leonie denkt zu oft "da kann doch was nicht stimmen". Es sind Kleinigkeiten, mit denen man diese Geschichte aufpeppen könnte. Vorschlag zur Struktur:

    1. zuerst die Personen einführen (3 Perspektiven) und erklären, wie sie zueinander stehen (Leonie und Tom mögen sich nicht) und erzählen, dass alle sich gleich treffen werden
    2. die beiden, die nie zu spät kommen, geraten in einen Streit
    3. die wartende Freundin macht sich Sorgen (Susan ist noch nicht tot oder wir wissen es nicht)
    4. Tom geht doch ans Handy, sagt dass sie 30 Minuten später kommen, versucht, Susan wiederzubeleben
    5. Leonie wartet jetzt schon seit 1,5 Stunden. Tom geht nicht mehr ans Handy. L. geht los.
    6. Tom ruft den Notarzt erst jetzt und begeht Selbstmord
    7. L. kommt am Haus von S+T an

    Dann hat man mehr Überraschungen und Wendungen.

    LG, 101010

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