Ich bin Anwalt, emotionslos und eiskalt. Vollmacht,

Vorschuss, dann Vergleich. Mit der Sutane quatsche

ich die Richter weich. Doch Aktenberge, Protokolle

und Beschlüsse, in den Papierenstecken viele harte Nüsse.

Und ständig ändern sich die Gesetze, Termindruck,

es ist nur noch eine permanente Hetze.



Ich bin Steuerberater, blick nicht mehr durch. Ständig

ändert sich das gottverdammte Steuerrecht, Mandanten

schimpfen, ihnen wird schlecht. So viel Papier, so

viele falsche Zahlen, ich bin genervt und leide Qualen.



Ich bin Ingenieur, baue Autos, Software und Maschinen,

möglichst komplex und kompliziert, das sich der Nutzer

darin verirrt. Er flucht, fängt laut zu schreien an:

"Ich blick nicht durch, da muss der Fachmann ran."



Ich bin Facharbeiter, auf einen grünen Zweig komme ich

nie, Kosten, Abgaben und Steuern zwingen mich und meine

Familie in die Knie. Inflation und Kaufkraftschwund,

ein Sklave bin ich, ein armer Hund.



Ich bin Leiharbeiter, arbeite zum halben Lohn. Bin ich

blöd? Ist das gerecht? Aussteigen werde ich, das weiss

ich schon, wenn ich nicht krieg den doppelten Lohn.



Ich bin Arzt, zu Minisätzen klopfe und horche ich im

Akkord an Alten, Kranken und Lahmen. Habt mit mir

doch mal Erbarmen.



Ich bin Patient, der Krebs hat mich erwischt, im

Akkord geleierte Trostsprüche von Pfaffen brauche

ich nicht. Die letze Ölung sollen diese Hinterweltler

sich doch selber geben, bald steig ich aus, aus diesem

gottverdammten Leben.



Ich bin Unternehmensberater, blöffe mit Grafiken und

Sprüchen. Doch viele Kunden meinen, "Gelesen, gelacht

und gelocht" - Ein Folgeauftrag, kommt er noch?



Ich bin Finanzbeamter und genau so gierig wie die

Banker. Penibel wühle ich in Akten und Papieren,

manchmal lass ich mich auch schmieren. Das bringt

Geld, nur leider bin ich ein sehr unbeliebter Held.

Ich bin ein kleiner mieser Bürokrat, halb Mann,

halb Schreibtisch, ich brauche dringend ärztlichen Rat.



Ich bin Politiker, knicke ein bei Lobbygruppen, will

das mich alle wählen, Machterhalt und Wählerstimme ist

das was für mich zählen. Ich werde beschimpft und

attackiert, Eier und Tomaten fliegen. Ich sehe schwarz

und habe Angst vor Rot, ohne Leibwächter wäre ich

längst tot.



Ich bin Journalist, knallige und krawallige Sensationen

sind meine Stärke. Mit Übertreibungen und Provokationen

gehe ich zu Werke, Schmuddelkram, Sexklatsch, Tratsch,

Mord und Gewalt, steigende Auflagen sind gut fürs Gehalt.

Wahr ist es selten, was ich schreibe, ein Tagelöhner bin ich,

ich saufe und leide.



Ich bin Rentner, lebe einsam und verlassen, mein Lebenslicht

wird bald verblassen. Vorsorge und Rente waren ein schlechter

Deal, und die harte Arbeit, das war alles viel zu viel. Ob man

mich findet, wenn mir etwas passiert? Ist auch egal, ich

bin frustriert.



Ich bin Schüler, Qualifizierungen, Prüfungen und Kurse,

das ist mir alles viel zu viel. Ich steige aus ihr Streber,

ihr, ihr Prüden, ich will leben, am Strand, im Süden.

R.O.