Thema: Träume

  1. #1
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    Träume

    Wie ein Rinnsal hat es angefangen,
    ist gewachsen mit dem steten Fluss,
    mit dem starken Wollen und dem Muss,
    immer angetrieben vom Verlangen.

    Jugend wollte neue Pfade finden,
    öde Wirklichkeit erzwang den Weg,
    wurde ihrer Träume Sakrileg
    und begann das Leben zu entrinden.

    Will nicht länger mit den Fluten treiben,
    wenn ich auch nur Wassertropfen bin,
    will entsteigen zu den Wolken hin,
    in den Lüften meine Zeit vertreiben.

    Was ich glaubte ist im Nichts verflossen,
    was ich träume schwebt im leeren All,
    gläsern leuchtend wie ein Bergkristall,
    stumm in Seelensteine eingeschlossen.

  2. #2
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    O ein Gott ist der Mensch,
    wenn er träumt,
    ein Bettler, wenn er nachdenkt

    (Friedrich Hölderlin, Hyperion)


    Hallo Galapapa,

    Dein Gedicht Träume fand ich per Zufall, und ich nehme es als Anlaß, mich einmal wieder bei Dir zu melden.

    Wenn ich es recht verstehe, so war das LI in seiner Kindheit und Jugend von einem immer stärker werdenden Traum - oder auch von Träumen - beseelt und wollte einen neuen Weg für sich gehen. Die Wirklichkeit hat es jedoch gezwungen, einen anderen, ungeliebten Weg zu gehen und hat seine Träume zerstört. In Strophe drei blickt das LI resigniert auf sein enttäuschendes Leben zurück und will wieder von vorne beginnen, nämlich sich der Wirklichkeit entheben, um in luftigen Höhen zu träumen. Doch inzwischen sind die Träume anders als in der Jugend, sie sind nicht (mehr) realisierbar, denn der Glaube daran fehlt. Das LI träumt also nicht mehr von der Zukunft, sondern von Schönem, das in seiner Seele ruht, und dort wie von einem Panzer umschlossen ist.

    Das Hölderlinzitat von oben kam mir beim Lesen von Träume in den Sinn. Hölderlin verbindet Träumen mit "Gottsein", weil jenes mit "Begeisterung" zu tun hat (dies folgt auch im weiteren Verlauf des Zitats). Sodann kommt hinzu, daß Hölderlin seine Kreativität eben diesem "Träumen" verdankt. Dichten bedeutet doch, aus dem "Nichts" etwas Schönes zu schaffen, und damit haben wir eine Parallele zu Gott in Genesis 1 und dessen Kennzeichnung des Menschen als "Ebenbild Gottes". Ich schreibe Dir dies, weil ich denke, daß das Schöne, das versteckt in Deiner Seele ruht, ein Recht darauf hat, "ans Licht" zu kommen, das heißt Gedicht zu werden. Darüber hinaus wäre das Träumen dann nicht mehr nur eine "Flucht vor der Realität".

    Sodann einige sprachliche Anmerkungen.

    und begann das Leben zu entrinden.
    Das Leben ist wie ein Baum, dem man die Rinde wegschält mit der Folge, daß er verkümmert oder abstirbt. Ganz originell gedacht, doch irgendwie gefällt mir das Wort "entrinden" nicht.

    Will nicht länger mit den Fluten treiben,
    Will nicht länger mit im Strome treiben, fände ich besser.

    wenn ich auch nur Wassertropfen bin,
    Die Betonung auf "auch" gefällt mir nicht.

    In der vierten Strophe nach "glaubte" und "träume" bitte ein Komma.

    In den letzten beiden Zeilen erscheint mir "funkelnd" besser als "leuchtend", da jenes geheimnisvoller und weniger aufdringlich ist. Sodann würde ich "in Seelensteinen eingeschlossen" schreiben.

    Lieber Galapapa,
    ein schönes Gedicht, das mich zum Denken angeregt hat.

    Ich hoffe, Du guckst noch regelmäßig bei uns rein und entdeckst meinen Beitrag.

    Mit lieben Grüßen

    Friedrich

  3. #3
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    Hallo Friedrich,
    danke für Deinen Kommentar und Deine Hinweise und Vorschläge und vielen Dank auch für Dein Lob!
    Es ist wahrhaftig lange her, dass wir uns hier getroffen haben; auch bin ich nicht mehr regelmäßig in diesem Forum, so dass meine Antwort etwas auf sich warten ließ, was mir leid tut.
    Deine Deutung meiner Verse hat mir gefallen und befindet sich auch sehr nahe an dem, was ich mit dem Text ausdrücken wollte.
    Zentraler Gedanke war hier der Wunsch, aus dem ständigen Mitgenommenwerden von der Realität ausbrechen zu können und dabei den einen oder anderen Traum retten zu können und das, obwohl diese Träume inzwischen keine reale Bedeutung mehr für das lyrische Ich haben.
    Längst sind sie von den Zwängen zu jenen Kristallen gepresst, zu Stein, eben diesen Seelensteinen geworden.
    Darin steckt mehr eine Erkenntnis als eine Resignation wenn hier auch eine tiefe Enttäuschung zum Ausdruck kommt.
    Ich glaube aber, dass dies eine Enttäuschung ist, die jeder früher oder später erfährt.
    Aus dem Hölderlin-Zitat lese ich heraus, dass unser Verstand sehr begrenzt ist, so dass man beim Nachdenken allzu schnell mit Nichts und ohne Ergebnis dasteht. Unsere Phantasie dagegen, der Motor unserer Träume, scheint der Ausgleich zu sein, ist scheinbar grenzenlos und vermag einem tröstend vorzugaukeln, auch die unendlichen Weiten des Alls beherrschen zu können.

    Zu Deinen Vorschlägen möchte ich Dir sagen:
    Mit dem Entrinden hatte ich eher gemeint, dass das Wesentliche, das entscheidende Innere des Lebens im Sinne von schälen freigelegt und erkennbar wird.
    Der Begriff ist gebräuchlich, wenn auch in anderem Sinne und es ist wohl auch ein Stück weit Geschmacksache, dies so auszudrücken. Ich will deshalb bei diesem Begriff bleiben.
    Ähnlich ist es bei "mit dem Strom schwimmen". Ich wollte das Mitgerissensein ausdrücken und deshalb erschienen mir die Fluten ausdrucksstärker. Das Mitschwimmen ist doch eher ein aktiver Vorgang und "Fluten" erschien mir hier auch klanglich passender.
    Letzteres gilt auch für den Begriff "leuchtend".
    Ob man sagt "in Seelensteine eingeschlossen" oder "in Seelensteinen" kommt nur auf den Standort des Betrachters an, so dass beides richtig sein kann. Hier meinte ich: "...was ich träume, ist in Seelnesteine eingeschlossen...".
    Die Kommata hätte ich gern in Deinem Sinne verbessert wie auch den 2. Vers der 3. Strophe umgeschrieben, allein ich habe inzwischen keine Berechtigung mehr dazu.
    Vielleicht lässt sich das ja noch ändern.
    Vielen Dank nochmal für Deine Gedanken zu meinem Text und herzliche Grüße an Dich!
    Galapapa

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