Thema: Schamschaum

  1. #1
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    Schamschaum

    Mir fiel auf, dass ausnahmslos alle Menschen, mit denen ich mir die Zähne bürstete, ihre Zähne länger bürsteten als ich es tat. Dies ließ mich die Frage stellen, ob ich ein aussergewöhnlicher Kurzbürster war, oder ob meine Mitbürster das Bedürfnis hatten vor mir anzugeben.
    Möglich ist allerdings auch, dass ich mich meiner Bürstmethode schämte und daher meinen Bürstgang, wenn ich ihn gleichzeitig mit anderen vollzog, auf ein Mindestmaß an Zeit reduzierte, gerade soviel, dass ich nicht abstoßend unhygienisch erschien.
    Der Schaum lief mir die Mundwinkel herunter und das war peinlich. Ich hatte diesen Schaum auf den Namen -Schamschaum- getauft. Augenscheinlich war dies aber nur ein Problem, wenn ich mit anderen gemeinsam bürstete. Mit mir alleine musste ich mich des Schaums nicht schämen.
    Ausserdem bemerkte ich, dass mich eine merkwürdige Form der Beklommenheit, der Unheimlichkeit umfing, wenn ich des Nachts auf der Toilette saß oder vor ihr stand, wobei ich prinzipiell das Licht ausließ.
    Nach genauerer Überlegung würde ich diese Unheimlichkeit als Gefühl der Ausgeliefertheit beschreiben. Es war die Möglichkeit, dass im Dunklen jemand schweigt und jeden Moment attackieren könnte. Jedoch bereitete mir dies eine positiv aufwühlende Aufregung, sodass ich mich wie ein Actionsoldat fühlte. Dies ging so weit, dass ich mir Personen in die Dunkelheit hineinimaginierte, mit starrem Blick für den Kick.
    Durch die zeitlich nahegelegenen Feststellungen dieser zwei Aspekte kam mir der Gedanke, ich könnte sie in einer interessanten Idee vereinigen.
    Ich begann also mir im Dunklen die Zähne zu putzen und dabei beschlich mich jedes Mal dieses wundersame Gefühl der Ausgeliefertheit, der zwei Augen im Rücken. Exzellenterweise verlor der Schaum in diesen Momenten jedes Recht auf die Betitelung -Schamschaum-, ja, er lief mir geradezu in Strömen aus dem Munde, in einer ekstatischen Erfüllung, hinein ins Phrenetische. Mit einer solchen Intensivierung hatte ich freilich nicht gerechnet, bei Gott.
    Während dieser Bürstgänge ließ ich mich total auf die beschriebenen Empfindungen ein und meist dauerte es ungefähr eine Stunde mit der Bürste im Munde, bis ich genug hatte.
    Mittlerweile ergeht es mir, wenn ich mir die Zähne mit anderen bürste genauso und die mitbürstende Person hört auch immer vor mir mit ihrem Bürstgang auf. Mein Problem ist behoben.

  2. #2
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    Hi, Trubadix -


    das ist sehr originell und - welch eine Wohltat! - in gutem Deutsch geschrieben.
    Eine Kurzgeschichte, wie sie sein sollte: Knapp, ab der ersten Zeile Interesse erregend, der Phantasie Raum lassend und dennoch Bilder erzeugend.
    Lediglich zwei Stellen/Formulierungen stören mich etwas:

    dass ausnahmslos alle Menschen, mit denen ich mir die Zähne bürstete, -

    ich denke doch, daß Du eine Zahnbürste und nicht Menschen zum Zähnebürsten genommen hast.
    Besser:

    dass ausnahmslos alle Menschen, in deren Beisein ich mir die Zähne bürstete

    besser formuliert wäre, zumindest nicht mißverständlich und unwillkürlich an Riesen und Liliputaner denken läßt.

    Das andre Problem für mich:
    der Ausgeliefertheit

    Den Ausdruck kenne ich nicht. Mir ist nur das Ausgeliefertsein bekannt.
    Aber vielleicht hinke ich den neuen Bezeichnungen hinterher.

    Ich habe die Geschichte gern gelesen (hab - mit Verlaub - selbst einige gaaaanz kurze Kurzgeschichten hier eingestellt)
    und vielfach interpretiert, denn sie kann als Metapher für so Manches stehen.
    Auch der Titel ist raffiniert!

    LG
    Barbarossa

  3. #3
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    Schön, dass dir meine Geschichte zusagt, Barbarossa.

    Zu deiner Kritik bezüglich der Formulierungen:
    Ich habe den ersten Satz absichtlich so ,,missverständlich´´ geschrieben. Ich finde das ehrlich gesagt witzig und bin mit deiner Assoziation sehr zufrieden.
    Zweiteres ist dann wohl ein Neologismus. Was ich in Ordnung finde.

    Ich danke dir für dein aufmerksames Lesen.

    Gruß,
    Trubadachs

  4. #4
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    Hai Trubadix!

    Musste erst mal Neologismus nachsachlagen.
    Diese Unsicherheit am Anfang, die doch am ende zu einer eigenen Stärke wird, kommt für mich hier gut rüber.

    Grüße von der Meowe aus dem Leuchtturm.

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