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    Faust. Noch unvollendet.

    Nun, es ist nicht wirklich meine Art, allzu unvollendete Werke zu posten, doch arbeite ich an diesem hier doch schon recht lange und hätte gerne etwas Kritik und ihresgleichen hierzu, sofern sich jemand dazu bereiterklärt^^

    Ähm, wobei gesagt werden sollte, dass diese hier stehende Version schon nicht mehr ganz so aktuell ist, hab ich inzwischen doch schon größere Veränderungen vorgenommen... Ich hab den ersten Akt verlängert, den zweiten Akt verkürzt und ganze Szenen entfernt und bin gerade dabei das gesamte bisher vorhandene Werk in Versen neuzufassen...




    Faust

    Ein noch unvollendetes Trauerspiel in ? Aufzügen

    Wenn Marlowe, Lessing, Goethe, Grabbe, Lenau und Vischer
    den Stoff Faustens aufgreifen konnten, dann kann ich das wohl auch.

    ^.^


    Faust, dessen Seele und Drang

    Die Seele ist des Menschen leid'ges Glück,
    darum verliert nur jenes Kleinod nicht,
    denn ist sie fort, kommt sie niemals zurück
    und das Tier übersteht das Greinen nicht.
    Doch du mein lieber Faust, warst allzu blind
    und kanntest weder Preis noch Gegenwert
    und gabst sie fort, das arme Waisenkind
    und hast euch zwei das ew'ge Heil verwehrt.

    Doch schenkte dir um diesen sel'gen Preis
    dein eig'ner ach so teuflisch dreister Geist,
    fernab von Müh' und auch fernab von Fleiß,
    so manchen allzu welterschütternd Zwist.
    Nun war dies alles nicht des Teufels Schuld,
    denn diesem war dies herzlichst einerlei,
    du jedoch folgtest gar dem großen Kult
    von Wissen, Weltenmacht und Zauberei.

    Mein allerliebster Faust, dich zog es fort
    von dem einst so weisen Menschenleben,
    hin zu so manchem trügerischen Ort,
    um dort nach dem Göttlichen zu streben
    und ebendessen Drang treibt dich voran,
    treibt dich in manche ach so tiefe Schlucht,
    treibt dich in deinen Tod, dich armen Mann
    und niemals hilft dir auch die Weltenflucht.



    Bisherige Personen

    JOHANNES FAUST, Doktor
    KAISER des Kaiserreiches
    KAISERIN, seine Gemahlin
    BITTERSÜSS, deren Sohn
    HERZHAFT, deren Tochter
    REDEVIEL, des Kaisers Berater
    REDEMEHR, des Kaisers Berater
    PAPST, Heiliger Vater
    CAMERLENGO des Papstes
    UBERTINUS, Mönch
    SEVERINUS, Mönch
    REMIGINUS, Mönch
    KARDINAL im Kirchenstaate
    BOTE am Hofe des Kaisers
    ERSTER KUNDSCHAFTER
    ZWEITER KUNDSCHAFTER
    ERSTER GARDIST
    ZWEITER GARDIST




    FEUERGEIST, Salamander
    WASSERGEIST, Undine
    ERDGEIST, Gnom
    LUFTGEIST, Sylphe
    MEPHISTOPHELES, teuflischer Geist
    VITZLIPUTZLI, teuflischer Geist
    POLÜMOR, teuflischer Geist
    ASMODEUS, teuflischer Geist
    ASTAROT, teuflischer Geist
    AUERHAHN, teuflischer Geist
    HARIBAX, teuflischer Geist
    MEGÄRA, teuflischer Geist
    BLUTBEGIER, Dämon
    TODESLUST, Dämon
    SCHATTENSPIEL, Dämon
    IRRLICHT
    AELLO, Harpyie
    OCYPETES, Harpyie
    PODARGE, Harpyie
    KELAINO, Harpyie
    DRACHE
    PHÖNIX


    Vorspiel

    Nacht; FAUST in seinem Studierzimmer vor einem Bücherschrank


    FAUST Hier stehe ich nun, ich allzu armer Mann
         und komme ganz und gar nicht mehr voran,
         sind es doch noch so viele Bücher und Schriften
         und Wunder und Zunder verheißende Zeilen,
         welche meinen weisen Drang dazu anstiften,
         durch ihre ach so vielen Worte stolz zu eilen!
         Doch, so sehr es mich auch drängen mag,
         alle bis in alle Ewigkeit und den nächsten Tag
         bis auf den Letter zu studieren und auch lesen,
         werde ich zuvor gar noch dahin verwesen,
         ist es doch die Zeit in jedes Menschen Leben,
         von welcher wir gar niemals reichlich haben!
         Was habe ich auch für all die and‘ren Dinge
         in meinem wahrlich schnöden Erdenleben
         so viel kostbar, gar unbezahlbar Zeit gegeben?
         Gleich einem neugebor’nen Schmetterlinge,
         welcher ausbrach seine Welt zu kunden,
         verfing ich mich, in frühen Kindheitsstunden,
         schon in des Wissens spinngebauten Fängen
         und jenseits von Bitten und auch Drängen,
         blieb ich dort, durch meinen eig’nen Willen
         und ließ mich selbst, bis an den heut’gen Tag,
         von der Mutterbrust der Spinne stillen!
         Alles wollte ich wissen und alles vermag
         ich beinah auch zu wissen und zu können,
         doch um welchen allzu schnöden Preis
         ließ ich mir die Ungewissheit gönnen,
         dass ich in meiner Welt so vieles weiß?
         Hier stehe ich nun, ich allzu armer Tor,
         und bin noch älter als Methusalem zuvor!
         Ich bin ehrenwerter Doktor und Magister
         und stehe am Beginne allerhand Register,
         auch weiß ich mehr, als jeder and‘re Wicht,
         doch blieb mir das Leben stets verborgen!
         Ich liebte nie und lachte gar schon länger nicht
         und stattdessen bin ich dafür reich an Sorgen!
         Doch, auch wenn das Wissen mich regiert,
         so sind es doch Liebe, Lust und Leidenschaft,
         nach denen es mich nun in später Altersschaft
         gar endlos herz- und geistverzehrend giert!
         Nun sei dem, wie’s aus immer wollen mag,
         denn bald kommt schon mein Jüngster Tag
         und so werde ich nun nie und nimmer
         erblicken des Lebens freud’gen Schimmer,
         der aller wahren Jugend geisterfüllend wirkt
         und so manches, teu‘res Weltenrätsel birgt!
         Aber ach, wenn ich doch nur meine Jugend
         wieder mein liebstes Eigen nennen könnte
         und mir in dem Besitze ebenjener Tugend
         so manches wildes Abenteuer gönnte!
         Doch wird es nie und nimmer dazu kommen,
         lässt mich das Wissen dem nicht frommen,
         sondern gar nur die Vernunft bedenken.
         Nun, wenn die Vernunft mir feindlich ist,
         so werde ich mein Leben gar umlenken
         und dank einer allzu gar verbot’nen List,
         ohne ebenjene Last von nun an walten.
         Einst sprach ich mit einem meiner Zöglinge
         von uns‘res Gottes allmächtigem Walten
         und das die Magie eines ebenjener Dinge
         sei, welche ihn zu alle dem befähigte
         und uns’re ach so große, wunderbare Welt
         in ihrem tiefsten Inneren zusammenhält.
         Bis zu dem heut’gen Augenblick beschäftigte
         mich die Magie in irgendkeinster Weise,
         doch steh‘ ich bald in Todes kaltem Kreise,
         wenn ich mein eig‘nes Schicksal nicht abwende
         und mich nicht bald dem Göttlichen zuwende!
         (er nimmt ein großes Buch aus dem Schrank)
         Dieses Buch ist eines ebenjener Bücher,
         welche ich vor dem Kirchenfeuer rettete
         und eingekleidet voller bunter Tücher
         unter meinem liebsten Kissen bettete.
         Von Magiern mit Ziegenblut geschrieben,
         steht auf ebenderen Häuten jeder Spruch,
         mit denen sie ihr’n Schabernack betrieben
         und ebenjenes sehr verbot’ne Zauberbuch
         findet sich gar nun in meinen alten Händen
         und wird mir nun zum Eigennutze dienen.
         (er blättert während dem Sprechen im Buch)
         Welchen Spruch sollte ich zuerst anwenden?
         Den von dem Schwarme schwarzer Bienen,
         den von den fliegend Zauberkappenaffen
         oder gar den weltenschändend Pfaffen?
         Ach, was sind derer auch so viele, viele Zeilen
         und würde mich die nervend Zeit nicht eilen,
         so würd‘ ich jede Formel zweimal sprechen.
         Doch sei’s dem wie’s auch immer wollen mag,
         es nähert sich mit jeder Stund‘ mein Todestag,
         so darf ich meine Zeit nicht mehr versprechen
         und sogleich den rechten Zauber finden.
         (er blättert rege weiter und findet diesen schließlich)
         Die Geister der Elemente sollen es nun sein!
         Wohlan, ich werde ebenjene an mich binden,
         zu meinen treuen Dienern machen, sodass kein
         Tod und auch kein Schicksal mich versehren
         und mein Leben als ihr Heiligtum verehren!
         (er zündet ein Feuer im Kamin an)

    Allmächtiges Feuer,
    allmächtiger Zunder,
    gleich dem Ungeheuer
    voller roter Wunder,
    erhöre meinen Spruch
    und forme dich sogleich
    zu einem Geisterfluch,
    der sich an Stärke reich
    aus der Magie erhebt,
    dem Salamander gleicht
    und lichterloh erbebt,
    dem Höllenreiche weicht!

         (das Feuer wirbelt um sich und formt sich)
    FEUERGEIST (aus dem Feuer tretend)
         Ich bin der Geist des glühend roten Feuers,
         welcher schon seit Anbeginn der Zeiten,
         in der Gestalt eines bekrönten Ungeheuers
         wütet, richtet und gar so manchen weiten
         Landstrich niederflammt und brennt!
         Welcher allzu töricht Wicht hat es gewagt
         und mich an diesen Körper fest gebannt?
    FAUST Ich, Doktor Faustus, der zwar schon betagt,
         aber es dennoch allzu gut und gern vollbrachte,
         dich zu beschwören, bändigen und meistern.
    FEUERGEIST Ein erbärmlich Mensch aus Sterblichkeit lachte
         mich herbei und versucht mich zu begeistern?
         Welch große Schmach sich mir doch auferlegt
         und meine Geisterwürde ab und hinwegfegt!
    FAUST Sei‘s dem, wie’s auch immer wollen mag,
         so bin ich dein Meister ab dem heut’gen Tag
         und du musst dich meinem Worte fügen,
         sonst werd‘ ich dich mit aller Härte rügen.
    FEUERGEIST Keinen Wurm aus der gar widrigen Natur
         könntest du mit deinem Geist befehligen,
         geschweige denn, ohne zu beschönigen,
         einen Geist von meiner herrlichen Statur!
    FAUST Doch habe ich dich immerhin beschworen.
    FEUERGEIST So werde doch nicht unverfroren!
         Ein Kind, wenn es des rechten Zaubers kundig ist,
         könnte mich an dessen Seite hin beschwören,
         doch nie und nimmer gar soweit betören,
         dass meine Wenigkeit aus dessen Händen frisst.
    FAUST So sei es dem, wie es auch immer wolle.
    FEUERGEIST Nun, woher kennst du ebenjene Parole?
    FAUST Dies ist für dich nicht von Belang.
    FEUERGEIST Dies ist es und nun antworte!
    FAUST Nein! Du Geistersklave hängst an meinem Strang
         und ganz und garnicht an der hint’ren Pforte!
    FEUERGEIST Elend‘ger Mensch, wie kannst du es nur wagen,
         mir solch schändlich Worte vorzutragen!
         So weiche von mir ab mit deinem Dorn
         oder spüre meinen lichterlohen Zorn!
    FAUST Nicht um alles Golde dieser Erde!
    FEUERGEIST So sei es, wie’s auch immer werde!
         (er wirbelt allzu wild mit Flammen um sich)
    FAUST Widerlicher Geist, verschwinde!
    FEUERGEIST Aber nicht doch, liebes Kinde,
         du wolltest doch mit meinem Feuer spielen
         und so höre nun gar auf davor zu fliehen
         und lasse dich von ebenjenem einfangen!
    FAUST Schluss mit diesem elendigen Bangen,
         Verschwinde wieder, woraus du gekrochen!
         (Faust nimmt einen Krug mit Wasser und schüttet es über den Geist)
    FEUERGEIST Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen! (erlischt)
    FAUST Um des Himmels Willen, welch einen Geist
         das cholerisch Höllenfeuer doch aufweist!
         Es sengt, es brennt und es flammt mir gar
         von meinem ach so lieben Kopf das Haar!
         Nein, nie mehr rufe ich das Feuer wieder
         auf diese leicht brennbare Erde nieder!
         Mit Freuden jeden and’ren Geisterwicht,
         nur das Feuer nie und nimmer nicht!
         (er nimmt das Buch wieder zur Hand)
         Wohlan, der Geist des Wassers soll es sein
         und hier an meiner Seite flink erscheinen,
         auf das ich dann vergessen kann, die Pein
         von dem lichterlohen Flammengreinen!

    Allmächtiges Wasser,
    allmächtige Träne,
    gleich dem Seelenwasser
    voller blauer Schwäne,
    erhöre meinen Spruch
    und forme dich sogleich
    zu einem Geisterfluch,
    der sich an Schönheit reich
    aus der Magie erhebt,
    gar sehr der Undin‘ gleicht
    und schimmerlich erbebt,
    dem Meeresgrunde weicht!

         (das Wasser schlägt Wellen und formt sich)
    WASSERGEIST (aus dem Wasser tretend)
         Nun, ich bin der Geist des blauen Trankes,
         welcher alles Leben hier auf Erden tränkt,
         doch auch durch‘s Fehlen manchen Dankes
         gar allzu vielen allzu gern den Tode schenkt!
         Doch sei es dem, wie es auch immer sei,
         wer, wenn ich fragen muss, rief mich herbei
         und hat mich in diesem Körper gar gefestigt
         und somit meinen allerliebsten Schlaf gestört?
    FAUST Ich, Doktor Faustus, habe dich gebändigt
         und bin von deiner Schönheit gar so sehr betört,
         dass ich nun keine größ’re Freude kennen
         kann, als mich deinen Meister hier zu nennen!
    WASSERGEIST Wenn es Euch beliebt, mich hier zu meistern,
         so bin ich der willigste von allen Geistern
         und werde Euch gewiss nicht daran hindern.
         (legt sich zum Schlafen nieder)
    FAUST (zu sich) Ach, von allen Geisterkindern
         ist dieses hier das phlegmatischste von allen.
         (er weckt den Geist)
         So erwache doch aus deinen allzu prallen
         Träumen und komme wieder zu mir z’rück!
    WASSERGEIST (erwachend)
         Uns armen Wassergeistern ist das Glück
         vom wundervollen Träumen nicht gegeben.
         Wir fristen unser unsterbliches Leben
         gar nur voller Schlafen und Erwachen.
    FAUST Doch kann ich garnichts für dich machen,
         doch du kannst mir dafür nun gehorchen
         und nicht mit schnödem Jammern schwächen!
    WASSERGEIST Mein lieber Mensch, Ihr könnt flehen,
         bitten, jammern und auch klagen wie ein Wicht
         und bis ans bald‘ge Weltenende mir befehlen,
         doch regen und bewegen werde ich mich nicht
         und Euch noch dienen schon gar länger nicht.(er erhebt sich)
         Doch, seid Ihr gar zu sehr darauf verpicht
         und so könnte ich mit Euch umspringen,
         wie ich mit allen Männern seit dem Jahre
         meiner Schöpfung ungezügelt gar verfahre,
         welche meine Gnade an ihr Ende bringen.
         (er benutzt dessen geisterliche Magie, woraufhin
         sich der Raum mit Wasser füllt, in welchem er sogleich
         versucht Faust zu ertränken)

    FAUST (sich wehrend)
         So weiche von mir, mörderischer Alb,
         weiche von mir und lasse von mir ab!
    WASSERGEIST So wehrt Euch doch nicht.
         Wolltet Ihr mich denn nicht an Eurer Seite?
    FAUST Nicht auf diese Weise, widerlicher Wicht!
         Weiche nun von mir und suche das Weite!
         (er befreit sich aus des Geistes Fängen und öffnet die
         Tür des Raumes, woraufhin das Wasser samt Geist abfließt)

    WASSERGEIST Ich werde baldig wiederkommen
         und mich Eures Todes frommen! (fließt ab)
    FAUST Um des Himmels schnöden Willen,
         hätten meine zwei ach so alten Pupillen
         nicht schon viel, viel schlimmeres gesehen,
         würde ich nun auf meinen wunden Beinen
         beim nächsten Tollhaus um ein Zimmer flehen
         und markerschütternd, weltenbebend greinen!
         Wie kann ein derart schöner Geiste der Natur
         nur mit einer solchen allzu tödlichen Statur
         ausgestattet sein und fließen und auch tränken
         und mir auch noch den Wassertode schenken?
         Nein, weder Feuer, weder Wasser werde
         ich je wieder auf diese ausgetrocknet Erde
         niederrufen und beherrschen wollen!
         (er nimmt das Buch wieder zur Hand)
         Die Erde selbst wird mir nicht grollen,
         bin ich doch ganz und gar nicht minder,
         als eines ihrer eig’nen Menschenkinder!
         Doch, wenn ich dennoch bin ein Waisenkind,
         dann bleibt mir immer noch Gevatter Wind!

    Allmächtige Erde,
    allmächtiger Acker,
    gleich der Blumenherde
    voller brauner Racker,
    erhöre meinen Spruch
    und forme dich sogleich
    zu einem Geisterfluch,
    der sich an Leben reich
    aus der Magie erhebt,
    dem Erdengnome gleicht
    und bröckelig erbebt,
    dem Erdenherze weicht!

         (die Erde bebt, öffnet sich und formt sich)
    ERDGEIST (aus der Erde tretend)
         Ach, ich bin der Geist der lebensmüden Erde,
         auf der alles Leben sprießt und enden werde,
         Ihr hingegen seid aus meiner Kinderschar
         der menschenart’gen Tiere in spätem Jahr.
         Habt Ihr mich hier her hin beschworen
         und in diesem leid’gen Körper eingefroren?
    FAUST Fürwahr, ich habe dich beschworen
         und zu meinem neuen Diener auserkoren.
    ERDGEIST Welch Schmach, abermals ein neuer Meister.
         Würde ich in Tränen gar vergehen können,
         so würde ich sie Euch niemals vergönnen,
         werdet ihr Menschen doch immer dreister.
         Nun, wie gedenkt Ihr mich zu schinden
         um Euch so regend d’ran zu winden?
    FAUST Mein allzu sehr melancholisch Geist,
         so bin ich in keinster Weise derart dreist
         und möchte dich nie und nimmer schänden,
         sondern lediglich an meine Mächte binden.
    ERDGEIST Dies ist mir alles herzlichst einerlei,
         werdet Ihr mich dennoch dann und wann
         in meinen schnöden Tode treiben und frei
         vom Leben entkomme ich dann Eurem Bann.
         Nun, um dies alles hier gar zu beschönigen
         und auch um vieles zu beschleunigen,
         könnte ich dies doch für Euch anstellen?
         So müsstet Ihr Euch nicht darum bemühen
         und ich würde dennoch meine Tränen sprühen
         und mein Menschengrab mit Leere füllen.
         (er zieht einen Dolch hervor und ersticht sich)
         So musstet Ihr keinen Eurer Finger rühren
         und ich kann dennoch meinen Tode spüren.(zerbröckelt)
    FAUST Du meine Güte! Feuer und Wasser wollen
         mich ermorden und die Erde kann nicht grollen,
         hat diese sich statt meiner just dahin gerichtet!
         Könnte dies vielleicht ein elend Zeichen sein?
         Hat mich gar der Himmelsvater selbst gesichtet
         und ist nun gar erzürnt über ebenjene Pein,
         dass ich mich an dessen Zauberkraft vergehe?
         Nein! Ich bin Doktor Johannes Faust und ein
         Meister aller Fächer und bevor ich’s mich versehe,
         wird auf dieser niederträcht’gen Erden kein
         Geist über meine Wenigkeit gar triumphieren!
         (er nimmt das Buch wieder zur Hand)
         Es ist vorbei mit dem Philosophieren,
         ist doch nur ein einzig Geist noch übrig
         und über ebenjenen bin ich bestens kundig!
         So sehr sich dieser hier auch sträuben mag,
         heute ist nun ebendessen letzter Freiheitstag,
         denn ich werde ihn mit aller meiner Macht
         in dessen überheblich Geisterknie zwingen
         und auch wenn‘s dauert, bis zur späten Nacht,
         so werde ich mit diesem gar noch weiter ringen!
         (er öffnet ein großes Fenster)

    Allmächtiger Lufthauch,
    allmächtiger Äther
    gleich einem Lebenshauch
    voller klarer Väter,
    erhöre meinen Spruch
    und forme dich sogleich
    zu einem Geisterfluch,
    der sich an Grazie reich
    aus der Magie erhebt,
    gar sehr der Sylphe gleicht
    und engelschön erbebt,
    dem Unsichtbaren weicht!

         (der Wind tobt und formt sich zum Fenster herein)
    LUFTGEIST (aus dem Winde und immerfort tanzend)
         Mein liebes Glockenblümchen im zarten Winde
         uns liebes Glockenspiel in wilden Stunden,
         ich, als der Natur tänzerisches Wunderkinde,
         wurde an einen Fabelkörper angebunden!
    FAUST Mein Geist, so halte doch still dein Gebein
         und stelle deine wilde Tanzerei auch ein,
         nicht, dass ein unglücklicher Sturz dich bricht.
    LUFTGEIST (ihn bemerkend)
         Mein lieber Mann, Euch sah ich doch noch nicht,
         habt Ihr mir diesen lieblich Körper dargebracht?
    FAUST Fürwahr, jenen Leib habe ich vollbracht.
    LUFTGEIST (ihn mitreißend) Ach, wie allerliebst!
         (Faust befreit sich und der Geist tanzt weiter)
    FAUST Welch ein sanguinischer Geist du doch bist.
    LUFTGEIST Mein Lieber, Ihr könnt doch nicht bloß stehen!
    FAUST Tanzen wirst du mich gar niemals sehen.
    LUFTGEIST So tanzt nun doch!
    FAUST Keinesfalls!
    LUFTGEIST Ihr wollt es doch!
    FAUST Niemals!
    LUFTGEIST So Tanze mit mir! (reisst ihn mit)
    FAUST Tanze dich fort von mir!
         (sie tanzen wild umher, bis Faust den Geist zur Türe
         hinausführt und ebenjene hinter sich schließt)

    LUFTGEIST (jenseits der Türe) Ich werde wiedertanzen,
         um Euch in den Boden einzustanzen!
    FAUST (im Zimmer auf und abgehend)
         Um des Himmels Willen, diese wilden Geister
         mit ihren tollen Launen sind gar noch dreister
         als der Fürst der Finsternis es jemals könnte!
         Doch, wie fürchterlich muss ich dann sein,
         wenn niemand sie mir gar als Diener gönnte?
         Ach, es ist eine wahrlich geisterreiche Pein!
         Ich konnte sie an meine Seite hin beschwören,
         doch nie und nimmer gar so weit betören,
         dass diese mir aus meinen Händen fressen,
         doch stattdessen könnt‘ ich mich vergessen!
         Das Feuer wollte mich gar lichterloh verbrennen,
         das Wasser wollte mich im Tränenmeer ertränken,
         die Erde wollt‘ sich nur selbst den Tode schenken
         und die Luft gar nichts ausser Tanzen kennen
         und sie allesamt verwüsteten und richteten
         mein ach so sehr geliebtes Studierzimmer
         in seinen Grundfesten und so vernichteten
         sie auch noch meine Schriften auf gar immer!
         Verbrannt, verwässert, verdreckt und zerzaust
         es ist, alsob man in Sodom und Gomorra haust!
         Nein! Niemals wieder werde ich die Elemente,
         geschweige denn die Magie beherrschen wollen!
         Zuvor eheliche ich gar noch ‘ne gold‘ne Ente
         und werde der Sterndeutung den Respekt zollen!
         (er nimmt das Zauberbuch wieder zur Hand)
         Vermaledeites Höllenbuch, du hast mit mir
         und meinem Leben dein arges Spiel getrieben
         und so spiele ich nun ebenfalls mit dir
         und deinen schnöden Seiten, deinen lieben!
         (er beginnt das Buch wild zu zerreißen)
         Blatt für Blatt werde ich dir nun entreißen
         und auf nimmer wiederkehr vergessen!
         Ich entsage dir, der Magie und einfach allem
         auf diesem gottverdammten Irrsinnsharem! (ab)


    Erster Aufzug

    I

    UBERTINUS, REMIGINUS und SEVERINUS in einem Kloster

    UBERTINUS Meine geliebten Brüder, es erfreut mich überaus, euch wiederzusehen, denn so lange war ich fort und nun bin ich wieder in den Schoß meines Klosters zurückgekehrt. Sprecht, meine Brüder, wie ist es euch in meiner Abwesenheit ergangen?
    REMIGINUS Ach, mein geliebter Bruder Ubertinus, die lange Zeit der Ungewissheit war gar fürchterlich! Nie haben wir einen Brief von dir erhalten, nie wussten wir, wo du bist und wie es dir ergeht! Wir waren schier verrückt vor Sorge!
    SEVERINUS Es war recht annehmbar.
    REMIGINUS Um Himmels Willen, Severinus, wie kannst du nur so kaltherzig sein? Nach all den vielen Jahren kehrt unser liebster Bruder zu uns zurück und du stößt einen Dolch aus Eis in sein Herz! Mein liebster Ubertinus, verzeihe ihm doch seinen kalten Geist, er weiß es nicht anders und wird es auch nie anders wissen.
    SEVERINUS So verzeihe mir doch, wenn ich nicht stets in Tränen vergehe.
    REMIGINUS Erzähle dies doch dem Teufel, wenn er dich und deine kahle Seele in die Hölle zieht!
    UBERTINUS Meine geliebten Brüder, so streitet euch doch nicht meinetwegen!
    REMIGINUS Ach, du hast wieder einmal recht. Mein lieber Severinus, so verzeihe mir doch meinen Argwohn.
    SEVERINUS Er sei dir verziehen.
    UBERTINUS Nun, da dieser Zwist beseitigt ist, fahrt doch fort und erzählt mir mehr. Wie ergeht es dem Orden?
    REMIGINUS Es könnte ihm nicht besser ergehen, denn er wächst und gedeiht, wie eine Rose und bekommt Tag für Tag mehr und mehr Blüten. Erst am vergangenen Tage durften wir einen neuen Bruder begrüßen. Er ist ein wahrlich gelehrter Mann und weiß bei Weitem mehr, als alle Menschen dieser Welt und auch seine geistlichen Pflichten erledigt er mit beispielhaft, denn er betet stets eifrig und fleißig, tut Buße und leistet Abbitte und verbreitet Gottes Wort.
    UBERTINUS Wie wundervoll sich dieser Mann doch beschreiben lässt! Sprich, wie lautet denn sein Name?
    REMIGINUS Er trägt nun den Namen Benediktinus, doch zuvor kannte man ihn als Johannes Faust.

    II

    BENEDIKTINUS in seinem Gemach vor einem Kreuz

    BENEDIKTINUS Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden. Unser tägliches Brot gebe uns heute und vergebe uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. (er kniet nieder) Jesus, Herr meines Lebens, ich bitte dich aus meinem ganzem Herzen um Vergebung. Jesus, Liebe meines Lebens, ich erkenne meine Schwächen und kehre um. Lasse mich deinen Durst nach den Herzen der Menschen erkennen, auf dass ich mich für dein brennendes Herz öffne und hilf mir deine Liebe zu den Menschen zu bringen. Jesus, Quelle meines Lebens, ich bereue von ganzem Herzen, dass ich den Willen des Vaters nicht erfüllt habe. So hilf mir das Sakrament der Versöhnung zu suchen, damit ich durch die Gnade der Barmherzigkeit gereinigt werde. Jesus, Gnade meines Lebens, jeden Tag und jede Stunde will ich bereit sein für dich. Lasse mich deine Gegenwart finden, heile mich an Seele und Geist und erbarme dich meiner. Jesus, Mittler aller Gnaden, ich bitte dich um deine Fürsprache bei deinem Vater. Amen. (er geißelt sich) Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld und tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen. Wasche meine Schuld von mir ab und mache mich rein von meiner Sünde. Denn ich erkenne meine bösen Taten. Meine Sünde steht mir stets vor Augen. Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist. (er geißelt sich) Pater noster, qui es in caelis: sanctificetur nomen tuum. Adveniat regnum tuum. Fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum supersubstantialem cotidianum da nobis hodie. Et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris. Et ne nos inducas in tentationem, sed libera nos a malo. Amen. (er geißelt sich)

    III

    SEVERINUS in einem Zimmer im Kloster; UBERTINUS hinzukommend

    UBERTINUS Mein liebster Bruder, du wolltest unter vier Augen und im Verborgenen mit mir sprechen? Nun denn, was bedrückt dich?
    SEVERINUS Es handelt sich um diesen einen neuen Mönch, Benediktinus. Er ist mir nicht recht geheuer.
    UBERTINUS Vernachlässigt er denn seine Pflichten?
    SEVERINUS Nicht doch.
    UBERTINUS Betet er denn nicht oft genug?
    SEVERINUS Reichlich.
    UBERTINUS Geißelt er sich denn zu selten?
    SEVERINUS Mehr als genug.
    UBERTINUS Was bedrückt dich dann an ihm?
    SEVERINUS Ich fürchte, er gehört nicht hier her oder gar in ein anderes Haus Gottes.
    UBERTINUS Wie kannst du dies nur behaupten? Dies hier ist ein Kloster, ein Haus Gottes und unsere Türen stehen für alle Männer offen, welche sich mit Leib und Seele Gott versprochen haben oder es noch möchten.
    SEVERINUS Jedoch denke ich nicht, dass Gott sein Ein und Alles ist, denn ich habe Erkundigungen anstellen lassen, Erkundigungen über Johannes Faust. Mein Bruder, du wirst es nicht glauben können, was alles in Erfahrung gebracht wurde. In seiner Heimat war unser Bruder ein allwissender Gelehrter. Er konnte alles erzählen und wusste auf jede Frage eine Antwort. Aber schlimmer noch; er war kein religiöser Mann. Man sah ihn nie in der Kirche weilen und beten nie und nimmer. Man munkelt auch, er habe sich an der Zauberei versucht und Allesmögliche in Gold verwandelt und sich daran bereichert. Mein Bruder, die wunderlichsten Geschichten und Mythen kursieren um diesen Mann und man vermag es kaum noch sie alle zu zählen.
    UBERTINUS Ach, mein lieber Bruder, du scheinst dir einen Narren an ihm gefressen zu haben. So beschwichtige doch dein Gemüt, denn ich bin mir allzu sicher, dass an all diesen Geschichten nichts Wahres ist.
    SEVERINUS Aber…
    UBERTINUS Severinus, er ist nun ein Mann Gottes und wir werden ihn als einen Mann Gottes sehen. Was immer er auch war, nun ist er es nicht mehr. (ab)
    SEVERINUS Was immer er auch war, er ist es immer noch. Er steht mit allem im Bunde, nur mit Gott und Teufel nicht. Noch nicht.

    IV

    BENEDIKTINUS vor einem Bücherschrank in der Klosterbibliothek; später REMIGINUS

    BENEDIKTINUS Hier bin ich nun, ich armer, armer Wicht und in einem alten Kloster und mittig im Irgendwo. Mein Rücken schmerzt, ich speise kaum und bete nur den lieben langen Tag. Doch, ich will mich nicht beschweren, denn dieses Leben hier ist gut für mich und meine Seele. Es verführt mich nicht und leitet mich nicht in ein Unheil hinein. Ich führe ein stilles Leben und erfülle meine Pflichten. (er ordnet Bücher um und ein) Buch um Buch wird katalogisiert und eingeordnet, auf das es sich vor der Welt verstecken und verstauben kann. Welch ein Jammer! Nein, ich darf nicht klagen! Mit Nichten darf ich klagen! Ich muss lieben! (er ordnet flinker) Ach, wie ich es doch liebe, Wissen zu verwerfen! (ein Buch fällt zu Boden) Ach, mein liebes Büchlein, du willst dir wohl den Sarg ersparen und möchtest gleich hier auf diesem Boden verrotten. (er hebt es hoch, lässt es aber wieder fallen) Welch ein seltsam Buch, es ist, als wenn es ganz und gar meinen Körper mit seltsam magischen Gefühlen und Gelüsten füllt! (er hebt es wieder hoch) Nun schon wieder, es verströmt eine Energie und lässt sie durch mich fahren! (er öffnet es und liest darin) Um Himmels Willen, diese Worte, diese Zeilen, der Teufel selbst muss sie geschrieben haben! Ach, wie lieblich sie doch klingen und welche Wunder sie verheissen. Nein! (er schlägt es zu und wirft es weg) Nicht ein weiteres Male! Ich habe der Magie abgeschworen, auf alle Zeit und alle Ewigkeit! (stürmt ab)

    REMIGINUS tritt auf

    REMIGINUS Wo mag denn nur mein Bruder sein? Sagte er nicht, er wolle die Bibliothek ordnen? Nun, ich bin hier und die Bücher sind es auch, doch sind sie keineswegs geordnet. Ach, so werde ich mich denn um sie kümmern müssen. (er ordnet und findet dabei das teuflische Buch) Welch seltsam Buch und welch seltsam Energie. Sie durchströmt mich und scheint nicht von mir ablassen zu wollen. (er liest darin) Um Himmels Willen, diese Wörter, all diese Wörter verheissen den Himmel auf Erden! Fürwahr, Gott sprach, der Mensch solle der Magie abschwören, doch sprach er auch, dass der Himmel des Menschen einziges Ziel sei. Vielleicht schließt das eine das andere nicht aus, denn warum solle man das Paradies auch erst nach dem Tode sehen können? Nein, man kann es auch im hier und jetzt haben und so sollte es auch sein. (er zeichnet einen Drudenfuß und tritt hinein) Wohlan, das Paradies soll kommen! (er tanzt wild herum und murmelt unverständliche Worte, die Erde öffnet sich und Flammen verschlingen ihn) Eine Falle, eine Finte! Es ist ein Paradies, doch das des Teufels! (er verbrennt, die Flammen vergehen und der Boden schließt sich)

    V

    UBERTINUS und SEVERINUS im Kloster; dann BENEDIKTINUS

    SEVERINUS Ich sagte es dir, doch du wolltest nicht hören! Nun ist einer unserer Brüder fort und uns bleibt lediglich ein Häufchen verkohlte Asche!
    UBERTINUS Mein Bruder, du weißt doch garnicht, ob er die Schuld daran trägt oder nicht.
    SEVERINUS Doch, das weiß ich sehr wohl! Er kam hier her in dieses Kloster und brachte nur Unheil mit sich! Seine Magie, seinen Zauber und den Teufel höchstpersönlich! Er öffnete ihm Tür und Tor und verkaufte ihm unsere Seelen und jene von Remiginus forderte er als erste ein! Schon bald werden ihm die unseren folgen und an dessen Seite in der Hölle schmoren!
    UBERTINUS Du übertreibst maßlos! Fürwahr, er hatte ein gottloses Leben, doch ließ er all dies hinter sich, als er über die heilige Schwelle unseres Hauses schritt!
    SEVERINUS Mit Nichten! Er ist nach wie vor derselbe Hexenmeister und Teufelsbändiger!

    BENEDIKTINUS tritt auf

    BENEDIKTINUS Wie schön doch über einen gesprochen wird, wenn man denkt, dass ebendieser sich nicht im selben Raum befindet.
    SEVERINUS Elendiger Sohn des Teufels, wie kannst du es wagen, dich noch in diesen heiligen Hallen blicken zu lassen!
    UBERTINUS Severinus, es ist genug!
    SEVERINUS Es ist niemals genug und sollte es jedoch doch einmal so sein, dann erst, wenn er diesen Mauern entschwunden ist und seinen geliebten Teufel mit sich genommen hat!
    BENEDIKTINUS Wovon sprecht ihr?
    SEVERINUS Er muss uns verlassen!
    UBERTINUS Er bleibt!
    BENEDIKTINUS Bei Gott, warum zankt ihr euch denn nur so meinetwegen und erklärt es mir nicht?
    SEVERINUS So nehme nicht diesen Namen noch ein weiteres Male in deinen Mund! Du bist dessen in keinster Weise würdig!
    BENEDIKTINUS Ubertinus, wovon spricht er nur?
    UBERTINUS Nun, es gab hier in diesen Mauern einen leidvollen Zwischenfall.
    SEVERINUS Leidvoll ist gar das falsche Wort! Es war ein schrecklicher Teufelsfall, welcher Remiginus dahinraffte!
    BENEDIKTINUS Remiginus ist fort?
    SEVERINUS Er schmort nun an der Seite des Teufels höchst persönlich und du trägst all die Schuld daran! Du, welcher ebendiesem Teufel Tür und Tor geöffnet hat und ihn in dieses Kloster brachte!
    BENEDIKTINUS Ihr denkt, ich habe dies vollbracht?
    UBERTINUS Mit Nichten!
    SEVERINUS Ich dafür umso mehr, nur ist er nicht dazu in der Lage, mir Glauben zu schenken! Ich hingegen glaube nur allzu gut daran, denn ich kenne dein wahres Ich! Ich kenne den Mann hinter Benediktinus und ich kenne Johannes Faust und dessen Taten!
    BENEDIKTINUS So sei doch still! Du kennst keinen dieser drei! Weder mich, noch den Doktor, welcher ich einst war!
    SEVERINUS Ich kenne euch sehr wohl! Ich hörte von all den vielen Geschichten und all den vielen Zaubern und Flüchen, welche ihr beide über diese Welt habt hereinbrechen lassen und ich weiß auch, dass keiner von euch sich verändert hat! Ihr mögt zwar einen anderen Namen tragen, doch seid ihr immer noch derselbe Scharlatan und Gottesfeind!
    UBERTINUS Severinus, es genügt! Er ist einer unserer Brüder und niemand darf und soll so über sie sprechen! Er ist Benediktinus, Bruder dieser Abtei und Sohn Gottes, nicht mehr und nicht weniger!
    SEVERINUS Bruder Benediktinus, Johannes Faust, Doktor Benediktinus, Bruder Faust, es ist doch allessamt dasselbe! Einer dieser viere wird uns schon noch in das Verderben schicken, wenn wir ihm nicht zuvorkommen!
    BENEDIKTINUS Ihr wollt mich ermorden?
    UBERTINUS Ich in keinster Weise!
    SEVERINUS Ich spiele mit diesem Gedanken, doch gebe ich dir noch die Gelegenheit, dieses Haus aus freiem Willen heraus zu verlassen!
    BENEDIKTINUS Wie kannst du es wagen, mich aus diesem Hause werfen zu wollen? Fürwahr, ich war einst Doktor, doch nun bin ich dein Bruder! Ich ließ mein altes Ich hinter mir und suchte und flehte regelrecht um Zuflucht in diesen heiligen Mauern! Fürwahr, ich war verloren, doch Gott hat mich errettet!
    SEVERINUS (ohrfeigt ihn) Wie kannst du es wagen! Ich sagte doch, du sollst diesen Namen nicht noch ein weiteres Male in deinen schändlichen Mund nehmen!
    UBERTINUS Severinus, wie konntest du nur? Gewalt ist hier in diesen Mauern die gar größte Sünde!
    SEVERINUS Es war keine Gewalt, es war wohl eher Gottes Wille!
    UBERTINUS Es ist mir einerlei!
    SEVERINUS Es ist keine Sünde, wenn es im Namen Gottes geschieht!
    BENEDIKTINUS Dann ist dies hier wohl auch keine Sünde! (ohrfeigt Severinus)
    UBERTINUS Bruder!
    BENEDIKTINUS Gott sprach zu mir! (ohrfeigt ihn weiter) Er sagte mir, ich müsse dich nun feigen! (ohrfeigt ihn weiter) Er sprach zu mir und befahl es mir! (ohrfeigt ihn weiter) Hier und jetzt, hörte ich seine Stimme! (ohrfeigt ihn weiter) Und niemand kann dies widerlegen! (ohrfeigt ihn weiter, Severinus stürzt zu Boden) So funktionieren doch all diese Religionen, oder nicht? Gott spricht zu den Menschen und erlegt ihnen aberwitzige Aufgaben auf, ohne sie auch nur im Entferntesten zu rechtfertigen! So funktionierte es damals bei den Spaniern und den Azteken, bei den Spaniern und den Inka, bei den Hexen und Rittern und bei den Hebräern und Jesus Christus selbst! Wenn ihr mir nicht glaubt, so fragt sie doch selbst! Aber ach, ich vergaß, all diese Menschen wurden doch im Namen Gottes verurteilt und auf die grausamsten Arten und Weisen hingerichtet!
    UBERTINUS Benediktinus!
    BENEDIKTINUS So korrigiert mich doch, wenn ich mich irren mag! Nur zu, versucht es doch! Oder fragt doch Montezuma! Dieser könnte euch ein goldenes Liedchen davon singen, sollte man ihn jemals von seinem Strick befreien!
    UBERTINUS Benediktinus, es ist genug!
    BENEDIKTINUS Nein! Wie sagte dieser gottgeleitete Wurm zuvor: es ist erst dann genug, wenn ich samt meinem geliebten Teufel aus diesen Mauern entschwunden bin!
    UBERTINUS Aber, du musst nicht gehen!
    BENEDIKTINUS Doch, dies muss ich wohl! Wenn nicht einmal Gott mich mehr hier haben möchte, so sehe ich keinen Grund mehr, weiterhin in seinen heiligen Hallen zu verweilen, geschweige denn in diesem Leben! So lebe wohl, mein einstiger Bruder. (ab)
    UBERTINUS Siehst du nun, was du angerichtet hast! Dein Misstrauen ekelte unseren Bruder aus unserem Hause! Severinus? Severinus! Severinus, warum antwortest du nicht? (beugt sich zu ihm) Um Himmels Willen!

    VI

    FAUST in die Klosterbibliothek stürmend

    FAUST Vermaledeites, mönchisches Gesindel! Nie kann man es ihnen auch nur im Geringsten recht machen! Betet man nicht, so ist man gottlos und reichert man seinen Verstand mit Wissen an, so ist man gleich mit dem Teufel selbst vermählt! Selbst dann noch, wenn man aller Welt abschwört und sich in leidige Lumpen kleidet und den lieben, langen Tag lang nur noch betet, macht man es ihnen nie und nimmer recht! Weshalb man sich denn dann noch wundern mag, warum diese Welt mit samt ihrer Gesellschaft zu Grunde geht! Nun, sei es wie es wolle! (er zieht einen großen Beutel hervor) Sie wollen, dass ich dieses Kloster verlasse, dann werde ich es auch verlassen, aber nicht ohne ihre Heiligtümer! (er geht zu den Bücherschränken und stopft den Beutel mit Büchern voll) Nie und nimmer werde ich das Geistreiche dem Geistlichen zum Opfer fallen lassen! Sokrates, Platon, Aristoteles, all diese Zeilen sind gar allzu wertvoll, als dass ich sie hier verstauben lassen könnte! Aber ach, Sophokles und Euripides, euch zu Staub zerfallen zu lassen wäre die wahre Tragödie! Nein, niemand wird hier in diesem schändlichen Kerker zurückgelassen! Auch nicht du, Homer! Dich, deine Götter und Odysseus wird man hier nicht auf von Ratten zerfressenen Seiten wiederfinden! (er durchwühlt weiterhin die Schränke und findet das teuflische Buch) Was erblicken meine müden Augen hier? Kann es denn wahr sein? (er durchblättert es) Fürwahr, es ist ebendieses wunderliche Buch, welches mich zuvor in seinen Banne ziehen wollte, ich aber jedoch, so schnell wie es gekommen war, wieder von mir stieß! Aber, war dies Unterfangen recht? Es war wohl recht, doch nun nicht mehr! Warum sich noch um Gott und dessen Schafe scheren, wenn weder noch einen haben möchten? Einst schwor ich der Magie zu Gunsten Gottes ab, doch nun ist es an der Zeit, ebendiese gegen ihn und seine Herden anzuwenden! (er zeichnet einen Kreis und tritt hinein) Sie sagten doch, ich sei mit dem Teufel selbst verbandelt, dann wird es nun wohl höchste Zeit, ebendiesen Liebsten zu beschwören! (er liest aus dem Buch vor) Vitzliputzli, Polümor, Asmodeus und Astarot, Auerhahn und Haribax, Megära, Mephistopheles! Teufelsgeister aller Art, steigt herauf auf diese Erden und gleich heran an meinen Kreis! (es blitzt und donnert und eine Schar Geister treten in wunderlichsten Gestalten auf und tanzen um den Kreis herum) Welch schöner Anblick sich mir hier doch bietet! Ein Geist nach dem anderen tanzt nach meinem Zauber, doch sind es gar zu viele. Ich muss den größten, stärksten, besten finden und wie es so schön heißt, ist ebendieser der gar flinkste. Du dort, krauses Tier mit weissen Hörnern, sprich, wie nennst du dich?
    ERSTER GEIST Vitzliputzli, nenne ich mich.
    FAUST Sag an, wie geschwind du bist.
    VITZLIPUTZLI So flink wie die Schnecke im Sande.
    FAUST Um so schnell zu sein, brauche ich doch keine Geister! Hinfort mit dir, wo du hergekommen bist! (Geist ab) Wie heißt der nächste Geist?
    ZWEITER GEIST Mich heißt man Polümor.
    FAUST Nun, wie geschwind bist du?
    POLÜMOR Wie das Laub, welches von den Bäumen fällt.
    FAUST So geschwind wäre ich zur Not dann selber noch! Hinfort, mit dir! (Geist ab) Der Folgende, wie nennt man dich?
    DRITTER GEIST Asmodeus, so nennt man mich.
    FAUST Du könntest doch der rechte sein, so sprich, wie geschwind du bist.
    ASMODEUS Wie der Bach, welcher sich vom Felsen stürzt.
    FAUST Abermals nicht flink genug, hinfort! (Geist ab) Anderer Geist, so nenne deinen Namen.
    VIERTER GEIST So nenne mich doch Astarot.
    FAUST Astarot, Astarot, Astarot, wie geschwind bist du denn in der Not?
    ASTAROT So geschwind wie der Vogel in der Luft.
    FAUST Dies mag doch ziemlich flink sein, doch geht es gar noch flinker, hinfort! (Geist ab) Rotkopf, wie nennst du dich?
    FÜNFTER GEIST Auerhahn.
    FAUST Wie geschwind bist du?
    AUERHAHN Wie eine Kugel aus einem Rohr.
    FAUST Es wird von Geist zu Geist geschwinder, doch nicht wirklich besser, hinfort! (Geist ab) Wie nennst du dich, Blaufuß?
    SECHSTER GEIST Ich nenne mich selbst Haribax.
    FAUST Wie geschwind magst du wohl sein?
    HARIBAX So geschwinde wie die Winde.
    FAUST Welch Geschwindigkeit, doch ist sie mir gar allzu lahm, hinfort! (Geist ab) Nun sind nur noch zwei der Geister hier, es ist an der Zeit den rechten nun zu finden. Kaminfeger dort, wie lautet dein Ruf?
    SIEBTER GEIST Megära, ruft man mich.
    FAUST Sag an, wie geschwind bist du?
    MEGÄRA Schneller als der schwarze Tod.
    FAUST Ach, so ist die Pest gar flinker als der Wind, doch nimmer flink genug, hinfort! (Geist ab) Mein letzter Geist, so sei doch recht und nenne deinen Namen.
    ACHTER GEIST Der Teufel selbst nannte mich einst Mephistopheles.
    FAUST Wenn der Teufel dich so nannte, so machte dieser dich doch wahrlich schnell?
    MEPHISTOPHELES So schnell wie den Gedanken eines Menschen.
    FAUST Was kann ich denn noch mehr verlangen, als dass meine Gedanken erfüllt werden, alsbald ich sie erdenke? Gott selbst mag es nicht weiter bringen! Mein lieber Geist, du bist mein Mann und sag nun an, ob du mir nun viele Jahre dienen magst!
    MEPHISTOPHELES Liebend gerne, doch muss ich zuvor meinen Herren fragen.
    FAUST Deinen Herren?
    MEPHISTOPHELES Den Teufel Luzifer, denn wenn ich mich verpflichten möchte, so muss er zuvor seinen Segen geben.
    FAUST Der Teufel kann den Segen geben? Ich dachte doch, sein ganzer Stolz wären Flüche und Verleumdungen?
    MEPHISTOPHELES Er vermag so einiges zu können, doch geht er nicht mit all diesen hausieren, könnten doch die Menschen ihr falsches Bild von ihm verlieren.
    FAUST So ist der Fürst der Finsternis gar bloß ein zahmes Lamme im zausen Pelze eines Wolfes?
    MEPHISTOPHELES Ich sprach bereits zu viel! Ich sollte mich nun auf den Wege machen und mich Eurem Wunsche widmen. (geht ab und kommt sogleich in menschlicher Gestalt im schwarzen Unterkleid, mit langem, roten Mantel, mit breitem Hut mit langer, schwarzer Feder darauf und mit Pergament und Federkiel zurück) Hier bin ich wieder, der Vertrag kann nun besiegelt werden.
    FAUST So schnell ging dies von Statten? Du bist wahrlich meines Geistes gleich!
    MEPHISTOPHELES Nun, Gott schuf zwar den Raum, doch der Teufel ebendessen Zeit.
    FAUST Ach, dieser Ansatz ist mir gar seltsam fremd.
    MEPHISTOPHELES Euch wird noch so manches fremd erscheinen, doch, zuvor solltet Ihr hier Euer Kreuz hinmachen. (reicht ihm den Vertrag)
    FAUST (ihn lesend) Was sind dies bloß für seltsam Zeichen? Übersetze sie, sollte ich sie unterzeichnen.
    MEPHISTOPHELES Des Teufels Sprache ist so manchem fremd, auch Euch, wie ich zuvor schon sprach. Solltet Ihr aber dennoch Euren Namen unter diese Zeilen setzten, so verpflichte ich mich Euch bis an das Ende Eurer Tage und wenn Ihr dann das Zeitliche segnet, so werde ich Eure Seele auf schwarzen Schwingen in die tiefste Hölle tragen.
    FAUST Bis an das Ende meiner Tage? Nun, das ist so mancher Tag und manche schöne Nacht!
    MEPHISTOPHELES Sorgt Ihr Euch denn nicht um Euer Seelenwohl?
    FAUST Ach, die Seele ist für die Lebenden gemacht. Nach dem Tode kann kommen was wolle, im hier und jetzt möchte ich meine Freude haben, koste es was es auch immer kosten mag!
    MEPHISTOPHELES Wahrlich große Worte.
    FAUST Geist, reiche mir den Kiel samt Tinte, dann werde ich mein Zeichen setzten.
    MEPHISTOPHELES Die Feder könnt Ihr haben, doch die Tinte müsst Ihr selber schaffen.
    FAUST Woher sollte ich sie denn nur schaffen? Alle Tinte in diesen heiligen Hallen wurde doch bereits für Gottes Buch vergeudet.
    MEPHISTOPHELES Mein werter Herr, doch nicht solche Tinte.
    FAUST Aber welche dann?
    MEPHISTOPHELES Jene Purpurtinte, welche Ihr in Euren Adern trägt.
    FAUST Mein Blut?
    MEPHISTOPHELES Es schreibt sich gut und wirkt recht schick.
    FAUST Du beliebst zu scherzen?
    MEPHISTOPHELES Ein einzeln Tropfen Eures warmen Blutes bindet Euch an des Teufels Macht und schenkt Euch so manch Gutes aus der höllischsten Pracht. (reicht ihm die Feder)
    FAUST So soll es wohl das Purpur sein. (er nimmt die Feder, ritzt sich mit ihr in den Arm und unterzeichnet den Vertrag mit seinem Blut) Mein lieber Knecht, hier hast du deine höllischen Zeilen wieder.
    MEPHISTOPHELES (den Vertrag nehmend und verschwinden lassend) Ihr werdet es wahrlich nicht bereuen. Nun, wonach stehen Euch nun Eure Sinne?
    FAUST Mein Leben lang regte mich nur das Wissen an und als ich alles wusste, erkannte ich, wie gar unbekannt mir ebenjenes Leben war und so wandte ich mich der Magie zu und als ebendiese mich beinahe in den Tode riss, trieb ich mich selbst in dieses Kloster, doch nun wollen weder Gott noch dessen Mönche mich.
    MEPHISTOPHELES Ich bat um Euren Wunsch, nicht Eure Memoiren.
    FAUST Mein unverschämter Geist, so schenke mir ein Leben, wie ich es schon immer mochte. Ein Leben voller Tanz und Freude, Speis und Trank, Liebe, Lust und Leidenschaft im Augenscheine frischer Jugend, welcher kein Frauenzimmer widerstehen kann!
    MEPHISTOPHELES Nun, wenn es weiter nichts ist, so widmen wir uns nun der Jugend.
    FAUST Sprich, wie hast du vor, mich zu verjüngen? Mit einem Zauber, einem Tranke oder gar einer seltsamen Hexe, welche in ungeahnten Reimen spricht?
    MEPHISTOPHELES Aber nicht doch. (er zieht eine Sanduhr aus seinem Mantel hervor) Dies einfach Ding wird schon Eure Falten glätten. (er zerbricht die Sanduhr und streut den Sand über Faust) Mein lieber Sande, meine liebe Zeit, so zerbreche jeden Rand und jedes Bande und zaubere diesen Greis zum schönsten Jüngling weit und breit. (der Sand verfliegt und Faust ist verjüngt)
    FAUST (in einen Spiegel blickend) Um des Teufels Willen, dies bisschen Staub und Dreck bewirkten diese Wandlung?
    MEPHISTOPHELES Auch die kleinen Dinge vermögen es ihren großen Zweck zu erfüllen, aber lasst uns nun nicht weitere Zeit mit plaudern vergeuden. Kommt, mein Herr, fasst mich bei meinem Mantel und ich entführe Euch in Welten, welche Ihr in dieser Art noch nie zu vor gesehen habt.
    FAUST So soll es sein! (packt ihn am Mantel, sie entschwinden)

    Zweiter Aufzug

    I

    MEPHISTOPHELES und FAUST mit prächtigen Trachten inmitten eines großen Ballsaales und umgeben von vielen tanzenden Würdenträgern

    FAUST Wo hast du uns hingebracht?
    MEPHISTOPHELES Ihr wolltet doch unter das Volk und feiern und tanzen und Euer Leben genießen. Nun, nirgendwo kann man dies alles so gut und schön wie auf einem Balle im Kaiserreich.
    FAUST Welches Kaiserreich?
    MEPHISTOPHELES Das kleine Reich.
    FAUST Das kleine Reich?
    MEPHISTOPHELES Aber natürlich, doch kommt, wir wollen nun eine Partnerin für Euer erstes Tänzlein finden. (er zerrt Faust quer durch den Saal) Seht doch nur, diverse Fürstinnen, diverse Herzoginnen und sogar manche Königin kann ich hier erblicken. Mit welcher wünscht Ihr nun zu tanzen oder möchtet Ihr gar mit ihnen allen tanzen?
    FAUST Ach, mich zieht es nicht zu ihnen hin. Sie mögen zwar gut bekleidet und mit Pracht behangen sein, doch sind sie weder reizend, noch scheinen sie gar allzu viel zu erzählen zu können.
    MEPHISTOPHELES Ihr sprecht dem Adel aus der Seele. Lediglich Prunk und Gold und Nichts dahinter. (sie gehen weiter) Ach, wen erblicken meine Augen dort? Mein Herr, wenn Euch Fürstinnen, Herzoginnen und Königinnen nicht zusagen, so solltet Ihr mit einer Kaiserin wohl zufrieden sein!
    FAUST Eine Kaiserin?
    MEPHISTOPHELES Dort, inmitten des Gefolges steht der Kaiser samt seiner Gemahlin. Kommt, ich stelle Euch ihnen vor. (er zerrt Faust zu dem Kaiser und seiner Gemahlin und bricht ein Gespräch an) Eure kaiserliche Majestät, ich möchte Euch herzlichst zu einem weiteren sehr gelungen Feste gratulieren!
    KAISER Welch eine Freude! Noch ein Kriecher, welcher mir meine Hinterpforte küssen möchte. Alsob mein Hof nicht vor ihnen wimmeln würde. Ach, was gäbe ich nicht darum, ein Gefolge zu haben, welches mich nicht mit Illusionen speist und Schönredereien tränkt!
    MEPHISTOPHELES Nun, wenn dem so ist; Eure Majestät haben zugelegt, Eure Krone sitzt schief, Eure Robe ist scheußlich, Eure Schuhe passen nicht hinzu und darüber hinaus schändet die Religion Euer Volk, die Staatskasse neigt sich dem Ende zu, von Wirtschaft scheint Ihr noch nie etwas gehört zu haben, Euer Regierungsstil lässt zu wünschen übrig und Euer Reich droht zu zerfallen.
    REDEVIEL Wie kannst du es wagen, so mit unserer kaiserlichen Majestät zu sprechen!
    MEPHISTOPHELES Ich gab ihm lediglich das, was er sich wünschte.
    REDEMEHR Hierfür sind jedoch wir zuständig!
    MEPHISTOPHELES Dann macht ihr eure Arbeit aber mehr als schlecht.
    BERATER Darüber hast du nicht zu entscheiden!
    KAISER Seid still! (zu den Beratern) Er mag wohl recht haben. (zu Mephistopheles) Ihr gefallt mir, mein Herr. Es erfordert überaus viel Mut, auf diese Weise mit einem gekrönten Manne zu sprechen und darüber hinaus scheint Ihr auch noch etwas von der Regierung zu verstehen und dies gar besser als all meine Schafe.
    MEPHISTOPHELES Ach, Ihr schmeichelt mir gar all zu sehr.
    KAISER Ich erwarte mir mehr hiervon und Euch erwarte ich kommenden Tages in meinem Amtszimmer.
    MEPHISTOPHELES Es wird Euch eine Ehre sein.
    KAISER Nun gut, so werde ich dann weiterziehen, denn ich habe noch andere Schafe, welche es zu hirten gilt. (alle verbeugen sich, Kaiser und Schafe ziehen ab, Kaiserin bleibt)
    KAISERIN (zu Mephistopheles) Nun, mir scheint, unter den Schafen meines Mannes hat sich ein Wolf versteckt.
    MEPHISTOPHELES Ein Wolf im Schafspelz oder ein Schaf im Wolfspelz, man vermag es nicht zu wissen. Aber genug von meiner Herrlichkeit, ich möchte Eurer Hoheit lieber ein Kompliment zu Eurem wundervollen Äußeren geben; Ihr seht gar lieblich prächtig aus und das Kleid schmeichelt Eurem Leibe und die Krone Euren Augen.
    KAISERIN Ach, mein lieber Herr, Ihr schmeichelt mir gar wirklich sehr. Doch, sagt an, möchtet Ihr nicht tanzen?
    MEPHISTOPHELES Verzeiht mir, aber ich habe noch dringliche Angelegenheiten zu klären, aber mein Begleiter tanzt für sein Leben gerne.
    FAUST (sich verbeugend) Eure Hoheit.
    KAISERIN Es wird mir eine Freude sein. (sie tanzt mit Faust ab)
    MEPHISTOPHELES So hatte ich dies zwar nicht vorgesehen, aber dennoch könnte es sich doch unter Umständen etwas Interessantes daraus entwickeln. (er zieht ab, Faust und die Kaiserin tanzen vorüber)
    KAISERIN Sagt, mein Lieber, was seid Ihr von Beruf?
    FAUST Lehrer und Gelehrter, aber ich lasse dies nun alles etwas ruhen und widme mich den wahren Dingen dieses Lebens. Ich habe ohnehin schon zu viel Zeit damit vergeudet, nur darüber zu lesen, als es selbst zu versuchen.
    KAISERIN Allzu viel Zeit könnt Ihr doch noch garnicht vergeudet haben, denn immerhin seid Ihr noch recht jung und augenscheinlich kaum älter als mein eigener Sohn und wenn ich anmerken darf, bei weitem prächtiger.
    FAUST Eure Hoheit, wollt Ihr mich etwa umgarnen?
    KAISERIN Nun, etwas Liebäugeln schadet doch gar niemandem, oder doch?
    FAUST Aber, Ihr seid verheiratet.
    KAISERIN Dies mag wohl sein, doch fühle ich mich eher einsam, als verheiratet.
    FAUST Nun, vielleicht könnte ich Euch hierbei behilflich sein.

    II

    KAISER, REDEVIEL und REDEMEHR im kaiserlichen Amtszimmer; später MEPHISTOPHELES

    KAISER Nun gut, wollen wir uns nun um die Regierung und deren Angelegenheiten kümmern. Redeviel, erstatte mir Bericht. Wie steht es um der Bevölkerung Wunsch nach Religion?
    REDEVIEL Nun, Eure Majestät müssen verstehen, dass es nicht sonderlich einfach ist, in einem derart besonderen Lande die religiösen Werte aufrecht zu erhalten. Denn die Alten lieben die Tradition und die Jungen wünschen viele Veränderungen. Doch, was wissen diese schon, von Religion und Tradition? Veränderungen führen zu weiteren Veränderungen und diese wiederum zu vielen weiteren Veränderungen und ehe man es sich versieht, schmoren wir als gottlose Heiden im ewigen Feuer der tiefsten Verdammnis.
    KAISER Ach, immer wieder das Selbe mit dir. Mein Guter, du redest zu viel und verwirrst mich dabei nur. Aber egal, sei es wie es wolle, Redemehr, ich hoffe du teilst mir freudigere Kunde mit. Nun denn, wie ergeht es meinem Gold und Geld in meiner Staatskasse?
    REDEMEHR Nun, Eure Majestät müssen verstehen, dass es nicht sonderlich einfach ist, ein so besonderes Land hauszuhalten. Es gibt vielerlei Ausgaben, gar allzu viele, um sie alle nennen zu können. Denn alle Welt möchte etwas von dem Reichtum dieser Monarchie haben, doch niemand ist bereit, dafür eine Gegenleistung zu erbringen. Sie alle wollen nur haben und haben und unter keinen Umständen geben. Man wünscht sich fast, die Alchemisten würden den Stein der Weisen endlich finden. Doch, was hätten wir davon? Im besten Falle würden Kriege um die Vorherrschaft über ebenjenen Stein ausbrechen und ehe man es sich versieht, schmoren wir als habgierige Knauser im lichterlohen Feuer unserer brennenden Länder.
    KAISER Ach, du bist auch keinen Deut besser. Mein Guter, du redest mehr als das von dir verlangt wird. Ach, um Himmels willen, gibt es denn niemanden in diesem Reiche, welcher mir eine einfache Frage mit einfachen Worten beantworten kann?

    MEPHISTOPHELES tritt auf

    MEPHISTOPHELES Eure Majestät, bitte lasst doch den Himmel aus diesem Spiel. Denn ein Kaiser Eures Schlages sollte sich nicht mit derlei Hirngespinsten ärgern müssen.
    KAISER Wohlan, hier seid Ihr nun endlich und wie habe ich auf Euch gewartet! Wärt Ihr wohl so freundlich und würdet mir das geben, was ich von diesen beiden Hafensängern wohl nie bekommen werde?
    REDEVIEL Aber Eure Hoheit, wir sind doch Eure Berater.
    REDEMEHR Wir sollten Euch doch beraten und kein anderer.
    KAISER Dies dachte ich auch, jedoch seid ihr miserable Berater und hattet eure Gelegenheiten mich zu enttäuschen. Nun ist dieser hier an der Reihe.
    MEPHISTOPHELES (sich verbeugend) Ich werde mein Bestes geben, Euch nicht ebenso zu betrüben. Wohlan, zu allererst sollten Euer Majestät weniger Süßspeisen, aber dafür reichlich mehr pflanzliches zu sich nehmen und auf den vielen Wein würde ich ebenso verzichten, denn dann werden Euch im Handumdrehen Eure Roben wieder sitzen und was den Rest Eurer Garderobe angeht, so würde ich einen neuen Schneider anstellen, denn der Alte scheint mir reichlich blind zu sein.
    KAISER Nicht doch diese Themen! Die anderen Dinge, über welche Ihr am Balle spracht: Religion, Wirtschaft und der Zerfall meines Reiches.
    MEPHISTOPHELES Wenn es Euch recht ist, so lasst mich mit der Religion beginnen. Denn, ebendiese sät Zwietracht in den Herzen Eurer Untertanen. Die Katholiken verachten die Protestanten und die Protestanten verachten die Katholiken und niemand, aber auch niemand sorgt sich um die Kalvinisten, Hebräer oder Heiden. Aber dennoch verpesten sie alle einander. Denn der eine findet, dass der andere nicht oft genug die Kirche aufsucht, wieder einer findet, dass der andere nicht oft genug betet oder gar den falschen Göttern huldigt und so weiter und so weiter und so fort. Wir alle wissen, dass daraus nie und nimmer auch nur ansatzweise etwas Brauchbares entstehen kann und wird. Vor allem nicht, wenn das Volk vor lauter Hass und Unverständnis Kriege beginnt und von Krone und Tiara auch noch dazu ermutigt wird. Allein, wenn ich schon daran denke, was so ein Kreuzzug allein an Kosten verschlingt und welch schändliche Gedanken er mit sich bringt.
    REDEVIEL Aber, ist die Kirche denn nicht eine Zuflucht für die armen und verwirrten Seelen der Sünder?
    MEPHISTOPHELES In keinster Weise, denn Religion und Kirche sind doch nur zwei der Wege, um umnachtete Tiere kontrollieren zu können, nicht mehr und auch nicht weniger. Kein aufgeklärt denkender Mensch sollte sich sein Leben von dergleichen verunstalten lassen und schon garnicht von einem vermeintlich übernatürlichen Wesen, welches noch kein Mensch weder gesehen, noch berührt oder anderes dergleichen hat.
    REDEMEHR Aber, gibt es denn nicht Berichte über solche Ereignisse?
    MEPHISTOPHELES Aber ach, keine einzige dieser angeblichen Sichtungen wurde jemals auch nur ansatzweise wissenschaftlich untermauert.
    REDEVIEL Du stellst also die Wissenschaft über die Religion?
    MEPHISTOPHELES Ich stelle die Wissenschaft über alle Religionen und das rationale Denken über ihre Phantasiegebilde.
    REDEMEHR Man könnte dies doch auch als Ketzerei bezeichnen
    KAISER Ich möchte nichts mehr davon hören, aber was ich hören möchte, sind Lösungen! So gebt mir diese denn endlich!
    MEPHISTOPHELES Eure Majestät, gebt Eurem Volk die Qual der Wahl und lasst es sich seinen Glauben selbst wählen und frei leben. Sagt ihm, es könne denken, was es auch immer möchte.
    KAISER Dies könnte und würde jedoch zu einem nichtminderen Disput mit dem Papste führen.
    MEPHISTOPHELES So macht Euch um ihn doch keine Sorgen. Leo ist lediglich ein allzu sehr betonter, alter Mann mit scheußlichem Hut. Sollte er Euch dennoch Probleme bereiten, so vernichtet ihn samt seiner Sippe und bei meiner Ehre, ich werde Euch dabei behilflich sein.
    REDEVIEL Nun, wiedersprichst du dir dabei nicht selbst?
    MEPHISTOPHELES Ich plädiere auf die Vernunft und will der Papst nicht vernünftig sein, so muss er die Folgen seiner Unvernunft tragen. Wie ich schon seit langem zu sagen pflege: wo die Vernunft endet, beginnt die Gewalt.
    KAISER Gut, Ihr habt mich überzeugt. Redeviel, setze ein Dokument zur Religionsfreiheit auf und bringe es mir dann zur Unterzeichnung.
    REDEVIEL Jawohl, Eure Majestät. (ab)
    KAISER Mein Lieber, Ihr beeindruckt mich. Ihr seid ein weiser Mann.
    MEPHISTOPHELES Ihr bringt mich gar in Verlegenheit.
    KAISER Dann sollten wir wohl fortfahren. Wie Ihr nur allzu gut wisst, neigt sich meine Staatskasse dem Ende zu. Was gedenkt Ihr dagegen zu unternehmen?
    MEPHISTOPHELES Zu allererst solltet Ihr neue Steuern erlassen.
    KAISER Noch mehr Steuern?
    MEPHISTOPHELES Kleine Steuern, welche auch jeder bezahlen kann, aber groß genug, damit sie sich auch lohnen und darüber hinaus solltet Ihr die Steuern auch noch unterschiedlich schichten.
    KAISER Erläutert diesen Gedanken.
    MEPHISTOPHELES Nun, die Bauern sollten bei weitem weniger Abgaben leisten müssen, als die Bürger und diese wiederrum weniger als der Adel. Denn, die Bauern sind das Fundament jedes Reiches und wenn diese nicht mehr arbeiten können und wollen, so ist das Ende nahe. Denn, keine Bauern bedeuten keine Speisen und keine Speisen bedeuten den Tod. Der Adel hingegen hat mehr als genug von allem. Schröpft ihn, aber gebt ihm kleine Privilegien, sodass dieser sich nicht beschweren, aber auch nicht zu mächtig werden kann. Die Bürger hingegen sind genau zwischen diesen beiden Schichten. Investiert in ebendiese. Denn, glückliche Bürger sind ein Wohl für die Wirtschaft und dies wiederum bedeutet mehr Geld für dieses Land und wenn ich schon von der Wirtschaft spreche, solltet Ihr noch eines wissen: meine lieber Kaiser, es ist eine Revolution im Gange und ebenjene Revolution industrialisiert die Wirtschaft. Dampfbetriebene Giganten versetzen Berge, erbauen Fabriken und versinken in Reichtum.
    KAISER Um des Mammons Willen, diese Revolution hört sich gar vortrefflich an!
    MEPHISTOPHELES Dann öffnet dieser Tür und Tor und lasst sie Euer Reich befreien!
    KAISER Nichts würde mir mehr Freude bereiten! Doch, wartet, der Klerus würde sich doch wahrlich sträuben und ebenjene Tür und ebenjenes Tor lieber mit eigenen Händen vermauern, als die Wirtschaft den Glauben verdrängen zu lassen.
    MEPHISTOPHELES Nun, dann solltet ihr ebendiesen Klerus ganz und gar abschaffen.
    KAISER Ihn abschaffen?
    MEPHISTOPHELES Schafft ihn ab und eignet Euch seine Schätze an. Ihr enteignet ihn all seiner Güter, verkauft diese an reiche Adelige und schafft, ehe ich es noch vergesse, alle Orden ab, welche lediglich beten, anstatt sich um Gesundheit und Bildung zu sorgen. Denn, ebendiese annehmbaren Orden solltet Ihr dem Staate unterstellen und deren Mönche und Nonnen zu Beamten dieses Staates machen. All diese Maßnahmen sparen Euch viel Geld, bringen Euch viel Geld und kommen auch noch dem Volke zu Gute und ehe Ihr es Euch verseht, quillt Eure Schatzkammer vor Reichtum über und zerberstet unter dessen Fülle.
    REDEMEHR Aber, ist dies alles nicht etwas übertrieben?
    MEPHISTOPHELES Harte Zeiten erfordern absolute Maßnahmen.
    KAISER Nun gut, wir wollen es versuchen. Redemehr, setze diesbezüglich ein Dokument auf und bringe es mir dann zur Unterzeichnung.
    REDEMEHR Jawohl, Eure Majestät. (ab)
    KAISER Mein lieber Herr, Ihr seid ein gar bewundernswerter Mann und sollten Eure vielen Pläne Früchte tragen, so werde ich Euch zum Ritter schlagen und Euch jeden einzelnen Eurer Wünsche erfüllen.
    MEPHISTOPHELES Eure Majestät sind zu gütig.

    III

    REDEVIEL und REDEMEHR im Schloss; dann MEPHISTOPHELES

    REDEVIEL Mein Bruderherz, wir haben ein Problem.
    REDEMEHR Ach, du hast es auch schon bemerkt?
    REDEVIEL Diese Person, wer auch immer sie sein mag, erscheint hier an unserem Hofe und wird sogleich des Kaisers neuer Liebling.
    REDEMEHR Wir sollten diesen Posten innehaben. Denn, wir haben auch allzu lange dafür gearbeitet und bei Weitem mehr geleistet, als irgendjemand zuvor.
    REDEVIEL Darüber hinaus gefährdet er unsere Pläne, eines Tages die Krone des Kaiserreiches zu besitzen. Immerhin haben wir den Kaiser schon seit Jahren manipuliert und ihn und das Land so gelenkt, wie es uns gefällt und dabei so viel Arbeit und Mühe hineingebracht, doch dann kam diese Ratte und machte alles in nur wenigen Zeilen zunichte.
    REDEMEHR Nachdem er uns heute so beschämt hat, wird sich der Kaiser nie und nimmer wieder unseren Rat anhören wollen.
    REDEVIEL Was er ihm wohl gerade einreden mag?
    REDEMEHR Mein geliebter Bruder, wir müssen---
    REDEVIEL Halte ein, dort kommt er.

    MEPHISTOPHELES tritt auf

    REDEVIEL (vor Mephistopheles tretend) So warte doch, wir müssen ein ernsthaftes Wort mit dir sprechen!
    REDEMEHR Wenn nicht sogar mehrere!
    MEPHISTOPHELES Verzeiht, aber ich habe keinerlei Zeit, mich mit euch zu unterhalten. Denn immerhin muss doch jemand eure Arbeit machen und wenn nicht ich, wer dann?
    REDEVIEL Wie kannst du es wagen!
    REDEMEHR Nicht nur, dass du unsere Posten stiehlst, nun verspottest du uns auch noch dafür!
    MEPHISTOPHELES Nun, ihr seid wohl etwas gekränkt, da mich der Kaiser nun mehr liebt als euch. Ach, was sollte ich dazu denn noch sagen können? Nun, es wäre nicht so weit gekommen, hättet ihr ihn recht beraten.
    REDEVIEL Wir haben ihn gut beraten!
    REDEMEHR Darüber hinaus hätten wir ihm nie und nimmer geraten, sich derart gegen die Kirche zu stellen! Du treibst ihn direkt in sein Verderben!
    MEPHISTOPHELES Aber nicht doch, denn bedenkt, der liebe Heinrich von Tudor konnte dies doch auch und es hat ihm nicht geschadet. Martin Luther kam auch heil davon, obwohl er ebendiese Kirche als abgelenkt und goldbegierig nannte. Warum sollte es bei dem Kaiser dann denn anders sein?
    REDEVIEL Du vergisst dabei, wer den Kaiser krönt!
    MEPHISTOPHELES Ein Papst ist lediglich ein alter Mann und nicht der alleinige Kröner aller Kaiser. Bedenkt doch, Napoleon Bonaparte, der erste Kaiser der Franzosen, hatte sich gar selbst gekrönt.
    REDEVIEL Starb dieser denn nicht vor kurzem im Exil?
    REDEMEHR Auf der Insel Helena, wenn ich mich nicht irre.
    MEPHISTOPHELES Dies mag wohl sein, jedoch wusste dieser nicht, wann es reichte. Nach dem Untergange des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation hätte dieser den Gedanken verwerfen sollen, Europa regieren zu wollen oder er hätte zumindest auf Elba verweilen sollen.
    REDEVIEL Du willst dich mit deinem zeitlichen Wissen doch nur aus deiner Verantwortung winden!
    MEPHISTOPHELES Dies mag wohl sein, doch wie schon zuvor erwähnt hatte, habe ich keine Zeit für eure Kinderspielereien. Wenn ihr mich daher entschuldigen würdet.
    REDEMEHR (Mephistopheles am Mantel packend) Nicht so voreilig!
    REDEVIEL (wie Redemehr) Wir sind noch nicht fertig, noch lange nicht!
    MEPHISTOPHELES Das sehe ich anders. (er befreit sich mit einer geschickten Bewegung aus ihren Fängen und schlägt beide mit einer weiteren ohnmächtig) Wie ich schon zuvor erwähnte, habe ich keine Zeit. Wenn ihr mich daher entschuldigen wollt, ich habe noch eine Kirche zu stürzen. (ab)

    IV

    FAUST und KAISERIN im Schloss

    KAISERIN Ach, mein Lieber, ich vermag es garnicht zu beschreiben, welch Freude mir Eure Gesellschaft bringt und wie wundervoll amüsant die letzte Zeit mit Euch war. Schon lange habe ich mich nicht mehr mit jemandem so geistreich und anregend unterhalten können, denn sonst umgibt mich lediglich irgendwelches Gesindel, welches zu allem was ich sage und mache, nur höflich nickt und seelenlos starrt und ach, mein Gemahl ist da nicht anders, wenn ich ihn dann und wann einmal zu Gesicht bekomme. Ihr jedoch, mein lieber Johannes, seid etwas gar ganz Besonderes, denn, ich denke eine tiefe Bindung zwischen uns zu spüren.
    FAUST Meine Liebe, mir ergeht es nicht minder und ich weiß, wir kennen uns noch nicht sonderlich lange, doch kann ich es nicht länger für mich behalten, ich muss es Euch erzählen, hier und jetzt und an Ort und Stelle!
    KAISERIN Nur zu, mein Guter, sprecht es Euch von Eurer Seele.
    FAUST Mein Herz, es schlägt in meiner Brust und quillt schier über, vor lauter Liebeslust. Denn, so sehr möchte ich Euch haben und schier endlos scheint mein Verlangen, doch wird es niemals so weit kommen, kann ich Euch doch so garnichts bieten. Ach, meine liebste Kaiserin, wo führt mich dies nur hin? Ich möchte bei Euch sein, ich möchte Eure Liebe sein und auf grünem Grase liegen und in Euren Armen schwelgen und nachts neben Euch im Bette liegen und morgens mit Euch den Tag erblicken, während ich mich in Euren wundervollen Augen bodenlos verliere. Ach, hier bin ich nun, ich verliebter Tor und dichte Euch diese Zeilen mit Leidenschaft in meinem Herzen. Aber sei es wie es wolle, meine Liebe, ich möchte ewig bei Euch und Eure Liebe sein, doch ist dieser Wunsch mehr als null und nichtig, bin ich Eurer doch nie und nimmer würdig.
    KAISERIN (bricht in Tränen aus und flieht überstürzt aus dem Raum)
    FAUST Habe ich denn etwas Falsches oder gar zu viel gesagt?

    V

    PAPST und CAMERLENGO in den kirchenstaatlichen Gärten; später KARDINAL

    CAMERLENGO Seht nur, Eure Heiligkeit, ist heute nicht ein wundervoller Tag? Die Sonne strahlt auf unsere Erde herab und verwandelt das Wasser der Teiche in funkelnden Tau und diesen wiederum in strahlende Juwelen und die ach so vielen, vielen Blumen, in ach so vielen, vielen Farben könnten kaum schöner sein. Aber seht, wie sich die Sommervögel um sie streiten und zanken und selbst auch in ach so vielen, vielen Farben blühen. Aber auch die Bäume und all die Sträucher und seht nur dort oben im Himmel, wie sich die Wolken majestätisch weiss erheben. Ach, all diese Schönheit! Ich weiß, man sollte sich keine Götzen schaffen, doch verdienen es diese hier, vergöttert zu werden!
    PAPST Nun, ich kann mich nicht so recht an alle dem erfreuen, habe ich doch ein ungutes Gefühl, eine dunkle Vorahnung, dass etwas überaus Schreckliches passieren wird und ich weiß nicht, woher dies alles kommt und wohin es führt.
    CAMERLENGO Euer Gefühl ist mit Sicherheit lediglich ein Hirngespinst. So lasst mich Euch daher doch etwas erzählen, welches Euch gewiss auf andere Gedanken bringen wird.
    PAPST Wohlan.
    CAMERLENGO Es war, als hätt‘ der Himmel---

    KARDINAL tritt stürmisch auf

    KARDINAL Eure Heiligkeit, es ist etwas gar Schreckliches geschehen! Wir müssen sofort handeln! Es ist gar schrecklich, schrecklich, schrecklich!
    PAPST Nun, sprich, was hast du zu berichten?
    KARDINAL Es ist eine Schande! Der Kaiser des Kaiserreiches, er hat schier wahnsinnige Taten vollbracht!
    PAPST Erzähle doch endlich.
    KARDINAL Der Kaiser erteilte seinem Volk die Freiheit des Glaubens! Protestanten, Calvinisten und sogar Anglikaner und Heiden kriechen unter seinem Volke und verhöhnen die Katholiken! Aber damit nicht genug, denn er ließ auch noch Klöster und Kirchen und Orden schließen und verkaufte sie in alle industrialisierte Welt! Es ist alles mit einander eine schamlose Gottlosigkeit!
    PAPST (nach dramatischer Pause) Wahrlich, es ist schrecklich. Gott steht ihm seit Ewigkeiten bei und nun wendet dieser sich von ihm ab und besudelt sein Antlitz und seinen Glauben! Er hat wohl vergessen, wer ihm einst die Krone auf sein Haupt gesetzt hat und sein unbedeutendes Reich zum Kaisertum erhob.
    KARDINAL Es müssen Taten sprechen!
    PAPST Es muss wohl so sein, aber dennoch sollten wir nichts überstürzen. Mein Camerlengo, folge mir in mein Amtszimmer, wir müssen einen Brief aufsetzen. (mit Camerlengo ab)
    KARDINAL Der Zorn der Kirche wurde geweckt und nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Kaiser untergeht.

    VI

    MEPHISTOPHELES und FAUST nachts im Thronsaal des kaiserlichen Schlosses

    MEPHISTOPHELES (auf dem Throne sitzend) Wir haben uns nun schon lange nicht mehr gesehen, sagt, wie ist es Euch in meiner Abwesenheit ergangen?
    FAUST Recht annehmbar, dennoch fürchte ich, dass der Kaiser es nicht gutheißt, wenn du auf seinem Throne sitzt.
    MEPHISTOPHELES Mein Lieber, wer so mächtig ist wie ich, kann sitzen wo auch immer er möchte. Aber, so lenkt nicht ab von meiner Frage, sondern beantwortet mir diese doch.
    FAUST Ach, was soll ich dir nur sagen? Nun, ich verbrachte einige Zeit mit der Kaiserin und als ich ihr aus heiterem Himmel meine Liebe gestand, entfloh sie meiner einer Gazelle gleich, als sei ich ein gefräßiger Löwe.
    MEPHISTOPHELES Warum gesteht Ihr diese auch schon am zweiten Tage?
    FAUST Ich konnte sie nicht länger für mich behalten und musste sich von mir geben.
    MEPHISTOPHELES Daran wird es wohl liegen, denn Liebe braucht nun einmal ihre Zeit. Sie ist wie eine zarte Blume. Man sät zuerst den Samen und wartet auf ihr Erblühen und ergötzt sich dann an ihrer lieblichen Farbe und lieblichem Dufte.
    FAUST Liebe hält sich an keinerlei Gesetze. Mein Lieber, kannst du denn nicht als mein Gärtner fungieren und agieren?
    MEPHISTOPHELES Dies könnte ich, doch ist es dies, was Ihr wollt? Eine Frau, die Euch um meinetwillen liebt, nicht um Euretwillen?
    FAUST Der Liebe ist dies allerlei. Ich möchte sie bloß in meinen Armen wiegen, um welchen Preis auch immer. Verzaubere sie, lenke sie, beneble ihren Geist, was auch immer von Nöten sein mag.
    MEPHISTOPHELES Dies lässt sich durchaus arrangieren, doch bedenkt Carmens Worte: Liebe ist wie ein wilder Vogel. Ihn zu zähmen, dies ist schwer und ganz umsonst wird man ihn rufen, denn, wenn er nicht will, kommt er nicht her. Kein Schmeicheln hilft und keine Wut, wenn man ihn zwingt, wird er ihn fressen und die Liebe ist Vergangenheit.
    FAUST Eine Frau sprach diese Worte in ebendieser Art?
    MEPHISTOPHELES Nun, ich veränderte sich ein wenig.
    FAUST Sei es wie es wolle, mein lieber Geist, du bist ein Gärtner und kein Dichter. Ein Amor mit Bogen und Spaten sollst du sein, kein Poet mit Pergament und Kiel und Vogelkäfig nicht minder.
    MEPHISTOPHELES Ach, nun gut, ich werde sehen, was sich alles düngen lässt.
    FAUST (den Thronsaal verlassend) Ich verlasse mich auf dich. (ab)
    MEPHISTOPHELES Ach, er verlässt sich ganz und gar auf mich. Nun, dann wird er wohl verlassen werden. Welch wonnige Freuden sich einem hier bieten und all den Jux und Schabernack, welchen der Teufel mit der Liebe treiben kann. Ach, wie schön es doch ist, die Menschen mit ihren Gefühlen zu martern und sie in ein Kleid aus Wahn und Sinn zu kleiden. (eine Tür zum Thronsaal öffnet sich und Mephistopheles entschwindet)

    BITTERSÜSS und HERZHAFT treten auf

    HERZHAFT Mein Bruderherz, hast du schon von den neuesten Plänen unseres Vaters gehört?
    BITTERSÜSS Ich habe nicht nur davon gehört, ich habe ihn auch schon dazu beglückwünscht. Es war schon lange überfällig, dass jemand dieser rustikalen, unsinnigen Kirche zeigt, wer hier in dieser Welt bestimmt. Denn, viel zu lange schon hatte die Kirche hier in diesem Lande zu viel Macht besessen. Aber ach, wie gerne würde ich jene Person treffen, welche ihn dazu verleitet hat. Wahrlich an mich drücken könnte ich diese!
    HERZHAFT Du bist gar wiedereinmal durch und durch du selbst. Doch, du weißt, dass, wenn unser Vater mit seinem Unterfangen keinen Erfolg hat, es ihn die Krone oder gar seinen Kopf kosten könnte?
    BITTERSÜSS Ich möchte nicht allzu lieblos klingen, doch, je früher er stirbt, desto schneller werde ich die Krone tragen. (er nimmt auf dem Throne Platz)
    HERZHAFT Du musst dich nicht sorgen, es klang nicht lieblos, wohl eher wahnsinnig!
    BITTERSÜSS Du siehst mal wieder den Wald vor lauter Bäumen nicht.
    HERZHAFT Ach, was macht dich denn nur so überaus sicher, dass du die Krone tragen wirst?
    BITTERSÜSS Ich bin sein erster und einziger Sohn, es ist seit Langem Tradition, dass ich den Thron vererbt bekommen werde.
    HERZHAFT Auch Frauen haben schon des Öfteren die Krone getragen. Darf ich dich an Kleopatra Philopator, Maria Stuart und, um nicht zu vergessen, an Katharina die Große erinnern?
    BITTERSÜSS Erstere hatte sich selbst das Leben genommen und zweitere wurde von ihrer eigenen Familie gefangengenommen und mit drei Schlägen enthauptet.
    HERZHAFT Du vergisst Katharina.
    BITTERSÜSS Die ach so große, große Katharina? Die eine und einzige Monarchin, welche wohl mehr für ihre leiblichen Vorlieben, als für ihre Regentschaft bekannt ist?
    HERZHAFT Doch ist sie damit nicht die einzige.
    BITTERSÜSS Fürwahr, Heinrich von Tudor spaltete mit den seinen sogar eine Kirche.
    HERZHAFT Und unser Vater eifert diesem Bestreben nach.
    BITTERSÜSS Nun, du solltest wohl besser hoffen, dass er nur der Spaltung nacheifert, denn, du weißt doch, wie es seinen vielen, vielen Frauen ergangen ist?
    HERZHAFT Ja, das weiß ich durchaus.
    BITTERSÜSS Geschieden, Geköpft, Gestorben, Geschieden, Geköpft und die letzte hat dann Überlebt.
    HERZHAFT Bitter bis zum beinahe letzten Wort.

    VII

    Nacht; FAUST in seinem Bette schlafend; KAISERIN an die Tür klopfend

    KAISERIN Johannes, mein Geliebter, so öffne mir doch deine Türe, sodass ich eintreten kann.
    FAUST (erwachend) Was vernehmen meine Ohren dort? Die zärtliche Stimme meiner Angebeteten, sie spricht zu mir und dringt in mein Herz. (er stürmt zur Türe und öffnet sie) Meine Geliebte, du bist gekommen!
    KAISERIN (eintretend) Ach, mein Geliebter, ich hatte solche Sehnsucht nach dir und musste dich sehen und mein Verlangen stillen.
    FAUST (die Türe schließend) Aber dein Gemahl? Was, wenn er von uns erfährt?
    KAISERIN Unsere Liebe ist stärker als sein Zorn und wird alles überstehen, sei es Unglück, Hass oder göttlicher Zorn. Diese Welt mag untergehen, doch unsere Liebe bleibt bestehen.
    FAUST Fürwahr, ich liebe dich und diese Liebe ist bei Weitem stärker als so manche Furcht. Der Kaiser mag wüten und toben, wir verharren hier und lieben einander, solange es unsere Seelen verkraften mögen.
    KAISERIN Ach, mein Liebster! (sie fallen einander in die Arme und versinken in Fausts Bett)

    VIII

    PAPST im päpstlichen Amtszimmer; MEPHISTOPHELES dazukommend; später CAMERLENGO

    MEPHISTOPHELES (sich verbeugend) Eure vermeintliche Heiligkeit.
    PAPST Ihr seid nicht der Kaiser des Kaiserreiches. Ich befahl ihm schriftlich, er solle sich zu dieser Stunde vor mir einfinden. Seid Ihr sein Vorbote?
    MEPHISTOPHELES Mit Nichten, denn der Kaiser wird nicht kommen und ich bin auch in keinster Weise sein Bote.
    PAPST Wer seid Ihr dann?
    MEPHISTOPHELES Ich bin so manche dunkle Kraft im Dienste dieses Kaisers, doch ist dies für Euch nicht von Belang. Denn Ihr solltet auch nur wissen, dass ebenjener sich um Euch nicht schert.
    PAPST Dies ist unerhört! Ich habe nach dem Kaiser verlangt!
    MEPHISTOPHELES Und dieser hat Euer Verlangen nicht beachtet.
    PAPST Wie kann er es wagen! Ich bin---
    MEPHISTOPHELES ---ein alter Mann mit Größenwahn?
    PAPST Wachen, ergreift diesen Mann! (Wachen stürmen in das Amtszimmer und umzingeln Mephistopheles) Wie könnt Ihr es wagen, mich derart zu beleidigen! Mich! Gottes Stellvertreter auf Erden!
    MEPHISTOPHELES Wohl eher Gottes Schoßhündchen auf Erden.
    PAPST Hinweg mit ihm! Er soll niemals wieder das Licht der Welt erblicken! Hinab mit ihm in den tiefsten Abgrund und seinen Kaiser gleich mit! Denn ein so verderblicher Kaiser mit einem derart unverschämten Beamten verdient es nicht, eine Krone tragen zu dürfen! (die Wachen wollen Mephistopheles festnehmen, doch dieser überwältigt sie)
    PAPST Wie könnt Ihr es wagen?
    MEPHISTOPHELES Eure Heiligkeit, ich bin etwas in Eile, daher werde ich mich an dieser Stelle kurz fassen müssen. (er holt ein Dokument hervor und gibt es ihm) Hier und jetzt, an Ort und Stelle, erkläre ich Euch mit diesem Dokument und im Namen des Kaisers und des Kaiserreiches den Krieg. Lebt wohl, wir werden uns auf dem Schlachtfelde wiedersehen. (ab)

    CAMERLENGO tritt auf

    CAMERLENGO Was geht hier vor? Ich hörte die Wachen kommen und Kampfgeräusche erschallen. Seid Ihr wohl auf, Eure Heiligkeit?
    PAPST (ihm das Dokument zu lesen gebend)
    CAMERLENGO Eure Heiligkeit?
    PAPST Bereite die Soldaten vor, wir befinden uns im Krieg.
    CAMERLENGO Eure Heiligkeit, Ihr seid der heiligste Mann dieser Welt und kein Freund des Schlachtfeldes.
    PAPST Dies mag alles sein, doch bin ich auch Oberhaupt dieses Staates und wenn ebendiesem Staate der Krieg erklärt wird, so muss wohl oder übel das Kreuz dem Schwerte weichen.
    CAMERLENGO Jawohl, Eure Heiligkeit. (ab)
    PAPST Es wird ihm noch reuen, mich beleidigt zu haben. Denn, immerhin habe ich den Willen Gottes auf meiner Seite.

    IX

    FAUST und KAISERIN in Faustens Hause

    FAUST Meine geliebte Kaiserin, meine wunderbare, wunderschöne, bezaubernd göttliche Helena, ich vermag es garnicht, auch nur ansatzweise beschreiben zu können, wie sehr du mich doch glücklich machst.
    KAISERIN Ach, mein geliebter Johannes, mir ergeht es nicht minder. Ich war einsam und verzweifelt, doch du kamst und gabst meinem Leben wieder einen Sinn, einen Grund nachts zu träumen und morgens zu erwachen. Der leidenschaftliche Blick deiner Augen, deine zärtlichen Berührungen und die feurige Liebe deiner Küsse lassen mich die Welt vergessen. Aber, dennoch ist unsere heimliche Liebe keine völlige Liebe. Ich möchte hinauslaufen und es der weiten Welt verkünden! Es gibt in diesen Zeiten noch die wahre Liebe zu finden und sie alle sollten es erfahren!
    FAUST Vermessene, halt ein, ich bin doch nicht dein Gemahl.
    KAISERIN So will ich doch aber dein Weib sein, deines und keines anderen, von hier und jetzt und bis in alle Ewigkeit.
    FAUST Mir ergeht es dergleichen, denn auch ich möchte dein Geliebter sein, bis in alle Ewigkeit.
    KAISERIN Dann lass uns einander versprechen.
    FAUST Nichts wäre mir lieber, doch bist du schon die Gemahlin eines anderen, eines Kaisers, welcher mich meucheln wird, sollte ich dich ihm rauben.
    KAISERIN Sagtest du nicht, du fürchtest ihn nicht, auch wenn er noch so wütet und tobt?
    FAUST Nun, dies sagte ich.
    KAISERIN Und ebendieser gelobte einst, mich zu ehren und alles nur Erdenkliche zu vollbringen, damit ich glücklich bin. (sie stürmt hinaus) Er wird mich freigeben, wenn er mich liebt.
    FAUST So warte doch.
    KAISERIN Er wird mich freigeben. (ab)
    FAUST Mein Schicksal ist besiegelt.

    X

    BITTERSÜSS und HERZHAFT in der Schlossbibliothek

    HERZHAFT Mein Bruderherz, kennst du schon die große Neuigkeit? Dem Anschein nach, haben wir dem Papst den Krieg erklärt.
    BITTERSÜSS (in ein Buch vertieft) Wie es scheint.
    HERZHAFT Warum denn so zurückhaltend? Sonst warst du doch immer ein so großer Freund der Schlacht, der Strategie, des Todes und der Unterwerfung.
    BITTERSÜSS Dies bin ich auch jetzt noch und ich werde auch um jeden Preis bei diesem Kriege mitentscheiden. Ich bin auch inmitten der Vorbereitungen, denn ich darf nichts, aber auch garnichts dem Zufalle überlassen.
    HERZHAFT Und dies gelingt dir, indem du Bücher verschlingst?
    BITTERSÜSS Bücher über Kriegskunst, Strategie, Napoleon und Wallenstein. Ich studiere gerade den zweiten Teil seiner schillernden Trilogie, um auch wirklich alles in Erfahrung zu bringen.
    HERZHAFT Der 30-jährige Krieg also? Nun, dann hast du mit Sicherheit auch über dessen Folgen gelesen. Söldnerheere plünderten und raubten, mordeten und schändeten, wo auch immer der Krieg sie hinführte und zurückblieben lediglich zerstörte Landschaften und brennende Häuser und tausende und abertausende Tote und ein in Trümmern liegender Kontinent.
    BITTERSÜSS Du übersiehst, dass es sich dabei um einen Religionskrieg handelte, welcher in einen Machtkrieg ausartete. Hierbei handelt es sich jedoch von Vornerein um einen Machtkrieg.
    HERZHAFT Ein Machtkrieg, welcher seinen Ursprung in den kirchenbezogenen Änderungen unseres Vaters und dessen Beraters hat.
    BITTERSÜSS Wohl eher in der Sturheit und Uneinsichtigkeit des Papstes. Es ist ein Machtkrieg zwischen den weltlichen Mächten des Kaisers und des Papstes, angestachelt von Übermut, Leichtsinn und Idiotie und ich habe vor, ihn haushoch zu gewinnen.
    HERZHAFT Du weißt, dass unser Vater seinen geliebten Berater als obersten General und Feldherren einsetzen wird? Du wirst nicht viel bestimmen können.
    BITTERSÜSS Natürlich, aber es macht mir recht wenig aus, mir die Macht und den Ruhm mit ihm zu teilen. (ab)
    HERZHAFT Ach, diese Männer und ihre Kriege. Warum lassen sich nicht alle Zwiste mit Vernunft klären? Muss den stets Blut vergossen werden? Der Gedanke an all dies Leid und Schrecken lässt es mir schwarz vor meinen Augen werden. Ach, wenn ich doch nur etwas dagegen unternehmen könnte. (ab)

    REDEVIEL und REDEMEHR treten auf

    REDEVIEL (die Bücherschränke durchsuchend) Etwas muss sich doch hier finden lassen, denn dieser beratende Wicht ließ nicht umsonst die Bibliotheken aller Kloster plündern und hierher verlagern.
    REDEMEHR Wonach bist du auf der Suche?
    REDEVIEL Nach dokumentierten Fällen von Amtsenthebungen auf Grund Wahnsinns oder auch Tollheit. Wer weiß, vielleicht ist der Narr ja auch vom Teufel selbst besessen.
    REDEMEHR Du hast vor den Kaiser abzusetzen?
    REDEVIEL Abzusetzen und wegzusperren, noch bevor er uns in unser Verderben führt. Wir werden den Krieg gar erbärmlich verlieren und ich muss etwas dagegen unternehmen, um des Landes und Meinetwillen.
    REDEMEHR Was, wenn es dir nicht rechtzeitig gelingt? Was, wenn wir den Krieg verlieren oder gar gewinnen?
    REDEVIEL Dies scheint mir gar unmöglich. Ist der Kirchenstaat ein Baum, so gleicht das Kaiserreich einem Blatt oder Ast.
    REDEMEHR Nun, des Kaisers neuer Berater führt das Heer und scheint recht siegessicher zu sein.
    REDEVIEL Dann müssen wir wohl die letzte Maßnahme ergreifen.
    REDEMEHR Mord?
    REDEVIEL Mord und die Krone an uns reissen. (ab)
    REDEMEHR Wollen wir hoffen, dass uns mit dem Morde jemand zuvorkommt. (ab)

    XI

    MEPHISTOPHELES und BITTERSÜSS in der Nähe Roms im kaiserlichen Zelt etwas abgelegen des Schlachtfeldes

    BITTERSÜSS Nun denn, meine Lieber, der Krieg ist in vollem Gange und die Truppen des Papstes scheinen recht überlegen zu sein. Sagtest du nicht, als wir die Schlacht planten, dass dies hier ein Kinderspiel werden würde?
    MEPHISTOPHELES Mein Guter, ich plante diese Schlacht und du hast lediglich das Heer gestellt, aber ich habe wohl die Kraft des Glaubens falsch mit einberechnet. Denn die Soldaten glauben an den Papst und dessen hohles Christentum. Anscheinend sind sie recht gläubig und fürchten das Ende dessen.
    BITTERSÜSS Religiös hin oder her, es sind Soldaten, sie sollten sterben und nicht glauben.
    MEPHISTOPHELES So erzähle es ihnen und nicht mir.
    BITTERSÜSS Ach, dabei hat diese Schlacht doch so gut begonnen. Wir konnten die Truppen des Papstes bis vor die Tore Roms zurückdrängen, doch deren Anzahl und Kampfkraft scheinen sich gar verdoppelt zu haben, während die unsere stetig sinkt.
    MEPHISTOPHELES Ich möchte nicht beschwerend klingen, aber du hast dieses Heer gestellt, ich habe lediglich das Schachfeld sondiert und nicht die Figuren. Du hättest mehr Springer und Läufer und Türme und Damen beschaffen sollen und viel, viel weniger Bauern.
    BITTERSÜSS Ich trage nicht die Schuld daran, dass das Reich nur Bauern säumen. Aber, sei es wie es wolle, so mache du es doch besser.
    MEPHISTOPHELES Wenn du es so möchtest.

    KAISER tritt auf

    KAISER Nun denn, wie steht es um diese Schlacht und diesen Krieg? Wie nahe sind wir dem Sieg?
    BITTERSÜSS Ich weiß nicht so recht, wie ich es erklären sollte.
    MEPHISTOPHELES Es steht gar wunderbar. Es handelt sich nur noch um Momente.

    ERSTER KUNDSCHAFTER tritt auf

    ERSTER KUNDSCHAFTER Eure Majestät, gut, dass Ihr gekommen seid! Es verläuft so garnicht, wie es verlaufen sollte! Man hat soeben unsere letzte Einheit der Infanterie besiegt! (ab)
    KAISER Ich vermute, dass dies nicht so geplant wurde.
    BITTERSÜSS Ganz und garnicht.
    MEPHISTOPHELES Macht Euch nur keine Sorgen, die Infanterie ist entbehrlich und deren Verlust wurde mit einberechnet. Wir sind den päpstlichen Truppen noch weit überlegen.

    ZWEITER KUNDSCHAFTER tritt auf

    ZWEITER KUNDSCHAFTER Eure Majestät, wie ich mich freue, Euch zu sehen! Jedoch bringe ich gar fürchterliche Nachrichten! Man hat soeben unsere letzte Einheit der Phalanx besiegt! (ab)
    KAISER Nun bin ich doch etwas verstutzt und zugleich sehr beunruhigt. Ich dachte doch, Ihr seid ein guter Stratege?
    BITTERSÜSS (leise zu Mephistopheles) Ich dachte ebenfalls dergleichen.
    MEPHISTOPHELES Meine Lieben, ich habe alles unter Kontrolle und um genauer zu sein, können wir den Krieg schon als gewonnen betrachten. Ich habe vorausgesehen, dass es in dieser Art ablaufen würde und habe zuvor einen Stab eingerichtet, welcher sich dessen annehmen wird.
    KAISER So zeigt ihn mir, Euren Stab.
    MEPHISTOPHELES (zum Kaiser) So soll es sein. Ich versprach Euch, dass Ihr diesen Krieg gewinnen werdet und ich erfülle nun mein Versprechen. (zum Zelte hinaus) Meine getreuen Freunde, Feldherren und Krieger, so tretet nun ein.

    BLUTBEGIER, TODESLUST und SCHATTENSPIEL treten auf und in das Zelt

    BLUTBEGIER (im goldenen Kleide mit Brustpanzer und Schwert) Eure Majestät, es ist mir eine Ehre, für Euch kämpfen zu dürfen und so wisset nun eines: wer sich mir auch immer in meinen Weg stellen mag, den werde ich mit meinem scharfen Schwerte in tausend Teile teilen und Eure Männer werden mir getreuen Herzens folgen und wenn sie dann mit Schwert und Kolben wüten, so wie ich, stürzt der Feind, Mann über Mann und ersäuft im eigenen Blute.(ab)
    TODESLUST (in schwarzer Rüstung mit Sense) Eure Majestät, es ist mir eine Ehre, für Euch kämpfen zu dürfen und so wisset und zweites: ich werde das Schlachtfeld stürmen und Euren Truppen ein prächtiger Führer sein, wenn wir in die Stadt einmarschieren und Eure Widersacher bezwingen und ihnen ihren Tode bringen und mit ihrem Innersten die Straßen pflastern. (ab)
    SCHATTENSPIEL (im einfachem Mantel) Eure Majestät, es ist mir eine Ehre, für Euch kämpfen zu dürfen und so wisset nun drittes: Kämpfen ist wohl das falsche Wort, denn ich bin kein großer Kämpfer, wohl vielmehr ein wunderbarer Intrigant. Ich schleiche mich in die tiefsten Träume und verborgenen Teile der Seelen der Menschen und quäle und martere und foltere diese, wie sie es sich nie und nimmer auch nur ansatzweise vorzustellen vermögen. (ab)
    MEPHISTOPHELES Wie ich es zuvor bereits erwähnt habe, könnt Ihr diesen Krieg als bereits gewonnen betrachten.
    KAISER Ich erwarte, dass Ihr recht behaltet und mir diese Feldherren vom Leibe haltet. (ab)
    BITTERSÜSS Was waren dies für seltsame Gestalten? In meinen ganzen Lebtagen habe ich noch nie etwas dergleichen zu Gesichte bekommen.
    MEPHISTOPHELES Es gibt so vieles, das du in deinen ganzen Lebtagen noch nicht zu Gesichte bekommen hast und auch niemals zu Gesichte bekommen wirst. Denn dein Geist ist nicht bereit, dergleichen zu verstehen und wird es auch nie und nimmer sein. Aber, sei es wie es wolle, der Krieg wird gewonnen, alles andere ist belanglos in den Augen deines Vaters.

    ERSTER KUNDSCHAFTER tritt auf

    ERSTER KUNDSCHAFTER Verehrter Obergeneral, ich bringe erbauliche Kunde! Das Schlachtfeld ist geräumt von den Truppen des Papstes und lediglich deren Blut säumt noch die Wiesen und Hügel und bildet einen gar schrecklichen Anblick! (ab)

    ZWEITER KUNDSCHAFTER tritt auf

    ZWEITER KUNDSCHAFTER Verehrter Obergeneral, ich bringe gar erbauliche Kunde! Die Stadt Rom wurde eingenommen und dem Kaiser unterworfen und mit Blut und Innerstem bekleidet und der Papst selbst wurde gefangen genommen! (ab)
    MEPHISTOPHELES Nun, mein Lieber, wir haben gesiegt. Es wird Zeit für dich, den Lorbeerkranz zu tragen
    BITTERSÜSS Ich wollte nicht daran glauben, doch du hast dein Wort gehalten und diesen Krieg gewonnen. (ab)

    BLUTBEGIER, TODESLUST und SCHATTENSPIEL treten auf und in das Zelt

    BLUTBEGIER (mit Blut bedeckt) Haben wir nicht vorzügliche Arbeit geleistet.
    TODESLUST (mit Blut bedeckt) Es war eine gar köstliche Freude.
    SCHATTENSPIEL (nicht mit Blut bedeckt) Lang, lang ist es her, dass ich mich derart amüsierte.
    MEPHISTOPHELES Ich danke euch, ihr habt mir einen wahrlich wunderbaren Dienst erwiesen.
    BLUTBEGIER Sei es wie es wolle, doch, sag an, warum umgibst du dich mit diesen Menschen?
    TODESLUST So sterblich, so langweilig wie sie doch sind.
    SCHATTENSPIEL Jedoch bereitet es einem, große Freude sie zu töten.
    DÄMONEN Sie bitten und betteln und bitten und beten und sterben dann doch unter hallenden Schreien lieblichster Qual.
    MEPHISTOPHELES Nun, auch ein Teufel braucht hier und da einen netten Zeitvertreib. (ab)
    BLUTBEGIER Er scheint einen Narren an den Menschen gefressen zu haben. (ab)
    TODESLUST Und diese an ihm. (ab)
    SCHATTENSPIEL Sei es wie es wolle, weder Mensch noch Tier, noch Teufel profitieren davon. (ab)

    XII

    KAISER, MEPHISTOPHELES, BITTERSÜSS und PAPST im Petersdome

    KAISER (thronend zum Papst) Welch eine Wonne! Nun ist es endlich soweit, der Krieg ist gewonnen und deine Kirche scheint besiegt. Man könnte doch meinen, das Weltliche habe sich nun endlich nach tausenden von Jahren das Geistliche unterworfen, oder irre ich mich hier etwa?
    MEPHISTOPHELES (zu des Kaisers rechten) Aber nicht doch, Ihr irrt Euch so wenig, wie der Himmel blau ist und die Erde rund. Mein getreuer Kaiser, Ihr habt diesen Manne samt seiner Kirche unterworfen und geknechtet, wie einen räudigen Verbrecher, welchen man in den tiefsten Kerker werfen und verrotten lassen möchte.
    BITTERSÜSS (zu des Kaisers linken) Fürwahr, fürwahr, das Papsttum ist am Ende und der Kirchenstaat wird dem Kaiserreiche einverleibt.
    PAPST (gekettet zu des Kaisers Füßen) Man kann es nicht leugnen, Ihr alle habt Euch gegen Euren Gott gewendet und dessen Religion zu Grunde gerichtet. Es begann einst im Kaiserreich und setzt sich nun im Kirchenstaate fort. Doch erfreut Euch an Eurem Glücke, solange es Euch noch gegönnt ist. Denn, wer weiß, wann es Euch verlässt und gegen Euch wendet. Ich für meinen Part, weiß, wann ich geschlagen bin.
    BITTERSÜSS Vater, was gedenkst du nun mit ihm zu machen?
    KAISER (zu Mephistopheles) Wie denkt Ihr darüber?
    MEPHISTOPHELES Vielleicht sollte man ihn hängen? Oder vierteilen? Oder verbrennen oder pfählen? Mir wäre alles recht, solange ich es mit ansehen kann.
    KAISER Ach, nicht doch, sein Leben sollte man ihm schon noch gönnen, hat er doch nichts anderes mehr.
    MEPHISTOPHELES Dann wird ihm der Kerker wohl genügen.
    PAPST Ihr könnt mich wegsperren, doch werdet Ihr selbiges nicht mit meinen Glauben machen können.
    MEPHISTOPHELES Welch menschliches Unvermögen, zu denken, man könne Gedanken nicht fesseln. Mit genügend Ketten und Schlössern kann man alles und jeden wegsperren. Wollen wir es sogleich einmal versuchen. Wachen! (zwei Männer der Schweizer Garde betreten den Dom)
    ERSTER GARDIST Zu Euren Diensten.
    MEPHISTOPHELES Bringt diesen Mann in das Gefängnis und verscharrt ihn dort im tiefsten Schlot, den man dort finden kann und sollte dieser nicht tief genug sein, so schafft einen neuen.
    ZWEITER GARDIST Wie Ihr wünscht.
    PAPST Ich werde für Eure Seelen um Vergebung beten. (mit den Gardisten ab)
    BITTERSÜSS Nun denn, ich werde sie zur Sicherheit begleiten, wer weiß, wie loyal sie allesamt sind. (ab)
    KAISER Mein Lieber, Ihr verspracht den Krieg zu gewinnen und Ihr habt Euer Versprechen gehalten, dafür werde ich Euch fürstlich entlohnen.
    MEPHISTOPHELES Aber nicht doch, dies müsst Ihr nicht, halte ich doch nicht sehr viel von solchen Dingen. Aber, wenn Ihr mir unbedingt eine Freude bereiten wollt, so würde ich Euch darum bitten, einen meiner guten Freunde als Verwalter dieser Neuerwerbung einzusetzen.
    KAISER Wen meint Ihr?
    MEPHISTOPHELES Johannes Faust, der junge Mann, welcher an meiner Seite stand, als ich Euch damals bei Eurem Balle begegnet bin. Er würde einen vortrefflichen Herzog abgeben.
    KAISER Einen Herzog?
    MEPHISTOPHELES Wer würde ihn sonst als Oberhaupt wahrnehmen und ihm den nötigen Respekt zollen, wenn er denn kein Herzog wäre? Heutzutage zählen doch nur noch Titel und deren Macht.
    KAISER Seid Ihr Euch dabei auch sicher?
    MEPHISTOPHELES Aber sicher doch.
    KAISER Nun gut, es soll geschehen. Der Kirchenstaat wird ein Herzogtum des Kaiserreiches und Johannes Faust soll dessen Herzog sein. Nun geht und leitet alles Nötige in die Wege, ich werde bleiben und diesen, meinen neuen Palast begutachten und bewundern.
    MEPHISTOPHELES Jawohl, Eure Majestät. (ab)
    KAISER Ach, mir ist hierbei so ganz und gar nicht wohl, eine mir weithingehend Fremde Person eine derart hohe Position zuzusprechen, aber ich bin es meinem Berater schuldig. Denn immerhin hat dieser meinen größten Widersacher aus dem Wege geräumt und mein Reich vor dem Untergange bewahrt, wobei ich mir nicht sonderlich sicher bin, mit welchen Mitteln dies von statten ging. Nun, es wird wohl kein schlechtes Ende nehmen.

    XIII

    REDEVIEL im kaiserlichen Schlosse; REDEMEHR dazukommend

    REDEMEHR Mein geliebter Bruder, ich bringe schreckliche Kunde!
    REDEVIEL Sprich.
    REDEMEHR Ein Bote des Kaisers traf soeben ein und berichtete über dessen Sieg über den Papst.
    REDEVIEL Aber nicht doch, dies bedeutet, dass der Plan des Händchens wohl Früchte trug und dies bedeutet wiederrum, dass wir bei dem Kaiser unser letztes Fünkchen Macht verloren haben!
    REDEMEHR Wie sollen wir nun vorgehen?
    REDEVIEL Nun, für unseren ursprünglichen Plan ist es nun zu spät, denn den Kaiser nun zu ermorden bringt uns nichts mehr. Wir können nur noch darauf hoffen, dass er sich selbst eine Grube gräbt und auch selbst hineinfällt.
    REDEMEHR Dies könnte doch noch Jahre dauern.
    REDEVIEL Wir könnten doch auch noch einen anderen Plan verfolgen.
    REDEMEHR Einen anderen Plan?
    REDEVIEL Dieser kam mir soeben in den Sinn. Anstatt den Kaiser zu stürzen, wenden wir uns seiner Geliebten zu.
    REDEMEHR Der Kaiserin?
    REDEVIEL Mein Lieber, ein Mann ist nur so stark, wie die Frau, welche ihn regiert.

    XIV

    KAISER und KAISERIN im gemeinsamen Gemach

    KAISER Meine getreue und liebevolle Gattin, es zerbricht mir das Herz, wenn ich daran denke, wie sehr ich dich doch in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten umgangen habe. Ich hätte das Reich nicht über dich stellen dürfen und somit nicht mit Sehnsucht und Einsamkeit bezahlen müssen. Meine einzig wahre Liebe, bitte glaube mir, die letzten Zeiten waren für mich so fürchterlich wie es keine Zeiten jemals zuvor gewesen waren. Aber nun ist all dies Geschichte und ich kann mich nun dem Reiche abwenden und wieder ganz und gar dir ergeben. Nun sprich, was ist dir alles wiederfahren und wie ist es dir ergangen?
    KAISERIN Ach, anfangs war es gar bedrückend und ganz und gar fürchterlich, aber dann traf ich eines Tages diesen einen wundervollen Mann, welcher mich derart glücklich machte, wie ich es schon lange nicht mehr war. Seine Liebe, seine Zärtlichkeiten und bloße Anwesenheit ließen mir mein Herz in feurigen Tränen vergehen.
    KAISER Meine Geliebte?
    KAISERIN Mein Gemahl, unsere Verbindung macht mich nicht mehr glücklich und so möchte ich mich ein für alle Male von dir trennen lassen. Mein Gemahl, ich verlange die Scheidung.
    KAISER Niemals, du verruchtes, schändliches Weib! Wie kannst du es wagen! Ich bemühe mich von früh bis spät dieses Reich zu erhalten und du hast nichts Besseres im Sinne, als hinter meinem Rücken, des Kaisers Rücken, mit einem anderen Mann eine Liebschaft zu unterhalten! Wer ist dieses Monster, welches nur hinter deiner Krone her ist? Es soll in der Hölle schmoren und ich werde es eigenhändig dorthin befördern, wenn nicht sogar tragen!
    KAISERIN Du verstehst es nicht, so ist es nicht! Johannes liebt mich von ganzem Herzen!
    KAISER Johannes? Johannes! Wohl nicht etwa Johannes Faust?
    KAISERIN Ich liebe ihn und er liebt mich.
    KAISER Dieses widerliche Schwein! Er kommt hier her in mein Kaiserreich, lässt seinen Diener für mich Kriege führen und infiltriert so meinen Hof, meinen geliebten Hof!
    KAISERIN Dem ist nicht so! In keinster Weise!
    KAISER Du möchtest die Scheidung? Nun gut, du sollst die bekommen! Du, meine liebe Helena, sollst wieder kronlos sein! Von deinem Kopfe werde ich sie dir schlagen lassen und als Trophäe sollen beide auf deinem Grabe verbleiben! Mein Thron hingegen war ein Götterbildnis und nur in einem flüchtigen Moment ging alles dahin! Denn viel zu lange schon wandere ich auf messerscharfen Wegen und lasse alles regieren, nur mich selbst nicht! Aber du, mein elendiges Weib, eine duftende Rose ist wertvoller als du und dein Spiegelbild ist der Teufel selbst in weiss gekleidet und mit Krone und Schmuck behangen!
    KAISERIN Hör auf! So hör auf solche Dinge von dir zu geben! Es ist die Liebe, nicht der Teufel welche mich leitet!
    KAISER Ach, die Liebe ist es, nicht der Teufel? Unsinn! Magie und Teufel, Teufel und Magie, nichts anderes, elendiges Weib! Du und dein Teufel Johannes, ihr werdet es noch bereuen! Niemals! Niemals werde ich auch nur einen von euch wieder das Licht der Welt erblicken lassen! (er stürmt zur Türe)
    KAISERIN (nach einer Büste des Barden greifend und den Kaiser mit ihr erschlagend) Niemals! Niemals werde ich dich auch nur wieder das Licht der Welt erblicken lassen! Mein geliebter Kaiser, du sollst wieder kronlos sein! (sie bricht in wildem Gelächter aus) Johannes! Johannes! Johannes, nun können wir auf ewig beisammen sein und nichts und niemand kann uns mehr trennen!

    XV

    FAUST und CAMERLENGO in Faustens Amtszimmer im Herzen seines Herzogtumes

    FAUST (unzählige Dokumente durchgehend) Ach, wo führt mich dies alles denn nur hin? Ich wollte ein aufregendes und freudiges Leben voller Liebe und ohne Wissen, doch nun sitze ich hier und mühe mich Tag ein, Tag aus ab, mein Herzogtum zu wirtschaften.
    CAMERLENGO Nun, wenn Euch Euer Land nicht behagt, so könntet Ihr es doch an die Kirche zurückgeben und Euch wieder Eurem alten Leben widmen.
    FAUST Niemals. Es raubt mir zwar meine Freude, doch nie und nimmer werde ich es der Kirche zurückgeben. Eher erschlage ich mich selbst mit all diesen Dokumenten.
    CAMERLENGO Erweist mir doch keinen Gefallen.
    FAUST Ach, wie sehr sehne ich mich zurück in diese Zeiten, in denen ich noch unbeschwert im Grase liegen und die Wolken beobachten konnte.
    CAMERLENGO (leise zu sich) Es war, als hätt‘ der Himmel...
    FAUST Sei es wie es wolle, diese Zeiten sind nun ein für alle Mal vorbei. Um ein Herzog zu sein, muss man nichts fühlen oder empfinden, lediglich Wissen und Vernunft zählen. Stumpf und eintönig lebt---
    CAMERLENGO So seid doch endlich still, ich kann es nicht länger ertragen! Euer Gejammer raubt mir noch all meinen Verstand! Wenn es doch nur Sinn ergeben würde, was Ihr da von Euch gebt!
    FAUST Wie?
    CAMERLENGO Ich kann Euch zwar partout nicht leiden und verachte Euch zutiefst, aber dennoch kann ich Euch nicht so leiden sehen. Natürlich ist Wissen von Bedeutung, jedoch nicht zu allen Teilen. Selbst, wenn Ihr dieses Land nicht weggeben wollt, so könntet Ihr es doch wenigstens mit mehr Freude und Würde behandeln und regieren. Ihr müsst hierzu lediglich Eure Freude an der Natur des Menschen und dessen Liebe für Gefühl und Innigkeit wiederfinden und nicht alles und jeden auf Wissen reduzieren. Ein Herzogtum kann auch mit Phantasie gehalten werden.
    FAUST Wenn du dies sagst.
    CAMERLENGO Lasst mich Euch dazu etwas erzählen, vielleicht wird es Euch auf den rechten Wege zurückführen.
    FAUST Wohlan.
    CAMERLENGO Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen, wenn die, welche so singen oder küssen, mehr als die Tiefgelehrten wissen, wenn sich die Welt ins freie Leben und in die Welt wird zurück begeben, wenn dann sich wieder Licht und Schatten zu echter Klarheit wieder gatten und man in Märchen und Gedichten erkennt die ewigen Weltgeschichten, dann fliegt vor einem geheimen Wort, das ganze verkehrte Wesen fort.
    FAUST Um Himmels Willen, wie konnte ich denn nur so elendig abschweifen? Ich muss die Liebe wiederfinden und wieder Freude an den Dingen finden! Mystisch, magisch, zauberreich, sind hier wohl die rechten Worte! Mein lieber Kammerdiener, wer auch immer dir diese Worte beibrachte, war und ist ein wahrhaft großer Geist und ich werde seinem Beispiel folgen, denn ich habe mich viel zu lange schon in diesen trostlosen Mauern gefangen halten lassen. Ich muss wieder hinaus in die Welt! Mein Freund, so kümmere dich um mein Herzogtum, bis ich wiederkehre. (ab)
    CAMERLENGO Ach, ach, ach, ich hoffe nur, ich habe nicht allzu sehr übertrieben. Aber immerhin, kann ich nun die Geschäfte leiten. Dennoch kann ich den Papst zwar nicht begnadigen und befreien, aber ich kann so manch anderes. (ab)

    XVI

    REDEVIEL, REDEMEHR, MEPHISTOPHELES und ANGEKLAGTE im kaiserlichen Gerichtshof

    REDEVIEL (am Richterpulte) Nun denn, so kommen wir hier nun zusammen, um zu urteilen. Redemehr, sei doch so gut und trage die Anklageschriften vor.
    REDEMEHR (ebenfalls am Richterpulte) Die hier Anwesende, wird hier und heute angeklagt ihren Gatten mit besagter Büste (verweist darauf) erschlagen zu haben, woraufhin ihr nun der Tod droht.
    REDEVIEL Gibt es hierzu noch irgendwelche Fragen?
    MEPHISTOPHELES Jawohl.
    REDEVIEL Nur zu.
    MEPHISTOPHELES Wer hat euch zu den Befehlenden gemacht?
    REDEVIEL Der Kaiser, als er starb.
    MEPHISTOPHELES Dies hört sich etwas seltsam an.
    REDEMEHR Aber nicht doch. Denn nicht lange vor seinem Tode, fertigte der Kaiser einen letzten Willen an, in welchem er uns sein Reich und allen damit verbundenen Besitztum, Reichtum und Herrschergewalt vermachte.
    REDEVIEL Jawohl, so ist es.
    MEPHISTOPHELES Darf ich dieses Dokument begutachten?
    REDEVIEL Dies wird sich nicht einrichten lassen.
    REDEMEHR Denn durch einen unglücklichen Unglücksfall ging ebendieses Dokument bei einem kleinen Brande verloren, gleich nachdem wir Herrscher wurden.
    MEPHISTOPHELES Welch ein Unglück.
    REDEVIEL Nun denn.
    REDEMEHR So wollen wir fortfahren.
    REDEVIEL Bekennt sich die Angeklagte schuldig?
    ANGEKLAGTE Die Liebe leitete meinen Körper und Geist.
    REDEMEHR Also bekennt sie sich?
    ANGEKLAGTE Die Liebe tat, was getan werden müsste.
    REDEVIEL Nun denn.
    REDEMEHR Es ist alles gesagt.
    REDEVIEL Hiermit verurteile ich die Angeklagte zum Tode durch das Fallbeil. (er schlägt mit dem Hammer und die Angeklagte wird abgeführt)
    ANGEKLAGTE Johannes! Johannes! (ab)
    MEPHISTOPHELES So werden also gerechte Urteile gefällt? Bei einem Blutgerichte?
    REDEMEHR (zu Mephistopheles) Des Weiteren werdet Ihr beschuldigt die Angeklagte zu ihrer Tat verleitet zu haben. Wie befindet Ihr?
    MEPHISTOPHELES Wie sollte ich dies den vollbracht haben?
    REDEVIEL Nun, man sagt sich, Ihr habt Beziehungen zum Teufel.
    MEPHISTOPHELES Ach, dies sagt man sich?
    REDEMEHR Wollt Ihr Euch dazu äußern?
    MEPHISTOPHELES Dies wird nicht von Nöten sein, denn, ihr könnt mir nichts dergleichen zu Lasten legen.
    REDEMEHR Dies müssen wir nicht.
    REDEVIEL Wir sind Kaiser.
    KAISER Und hiermit verurteilen wir Euch zum Tode durch ein anderes Fallbeil. (sie schlagen mit den Hämmern und Mephistopheles wird abgeführt)
    MEPHISTOPHELES Ihr werdet diese Hammerschläge noch bitter bereuen. Keine Ketten und keine Klingen dieser Welt vermögen es, mich zu ketten und zu köpfen! (ab)
    REDEMEHR (zu Redeviel) Des Weiteren sollten wir des Kaisers Kinder ebenfalls entsorgen.
    REDEVIEL Das Exil wird ihnen wohl genügen.
    REDEMEHR So soll es sein. (er schlägt mit dem Hammer)

    XVII

    FAUST auf einem Hügel im Grase liegend; dann MEPHISTOPHELES

    FAUST Ach, lang, lang ist es her, dass ich dies tat. Ich hatte schon beinahe vergessen, wie grenzenlos wunderschön ebendieser Himmel ist. Die grenzenlose Weite, das göttlich Himmelblaue und die vielen, vielen weissen Wolken in ihrem ewigen Streben nach Freiheit. Es ist so wunderschön mit anzusehen, wie sie den Himmel kleiden und ihn umschmeicheln. Als Herzog hat man keinerlei Zeit für solche Dinge, die wahrlich wichtigen Dinge des Lebens. Darüber hinaus kann ich diese hier in meinem Herzogtum nicht finden, erinnert es mich doch allzu sehr an die Verpflichtungen und Einengungen, welchen ich unterworfen bin. Ach, wenn ich doch nur von hier fort könnte, weit, weit fort.

    MEPHISTOPHELES tritt auf

    MEPHISTOPHELES Hier treibt Ihr Euch also herum, mein liebster Meister. Auf einem Hügel liegt Ihr ihm Grase und starrt verloren in den Himmel. Hätte man mir Bescheid gesagt, hätte ich meine Zeit nicht damit vergeudet, Euch im Herzogtum zu suchen und mir die Hacken wund zu laufen.
    FAUST Wo warst du die ganze Zeit über und warum hast du so lange auf dich warten lassen? Ach, ich möchte es eigentlich doch garnicht wissen. Ich möchte eigentlich nur, dass du mich von hier fort bringst, egal wohin auch immer, ich möchte lediglich von hier fort, so weit fort, wie es nur irgendwie möglich ist.
    MEPHISTOPHELES Aber warum denn nur? Gefällt es Euch hier denn nicht mehr?
    FAUST Es bedrückt mich, es raubt mir die Phantasie, das Leben und die Lust. Ein Mensch braucht all diese Dinge, um glücklich sein zu können.
    MEPHISTOPHELES Aber ach, nachdem ich mich derart geschunden habe, um Euch dies alles zu ermöglichen, wendet Ihr Euch einfach davon ab?
    FAUST Mein Lieber, du bist der Teufel, wenn du schindest, dann mit Sicherheit nicht dich selbst.
    MEPHISTOPHELES Sei es wie es wolle.
    FAUST Ich möchte von hier fort und du sollst mich fort bringen. Hast du etwa unseren einfachen, aber dennoch gültigen Vertrag vergessen? Mein Lieber, du erfüllst mir jeden meiner Wünsche und ich gebe dir meine Seele nach dem Tode.
    MEPHISTOPHELES Ach, ich bereue es schon, Euch meinen Dienst verkauft zu haben. Nun gut, wenn Ihr unbedingt woandershin möchtet, so werde ich Euch woanders hinbringen und es ist gerade die perfekte Jahreszeit, um Euch an einen ganz bestimmten Ort in dieser Welt zu bringen. (er packt Faust beim Mantel und sie entschwinden)

    Dritter Aufzug

    I

    Nacht; FAUST und MEPHISTOPHELES am Fuße des Harzgebirges; später IRRLICHT

    FAUST Wo hast du uns nun wieder hingebracht?
    MEPHISTOPHELES Seht Ihr es denn nicht? Es ist gar wundervoll.
    FAUST Ich kann nicht einmal meine eigene Hand vor meinen beiden Augen erblicken. Was haben wir denn hier zu schaffen?
    MEPHISTOPHELES Ihr wolltet doch, dass ich Euch hierher bringe.
    FAUST Ich wollte unter Menschen, in das Leben eintauchen und nicht in der puren Dunkelheit stolpern.
    MEPHISTOPHELES Ihr seht mal wieder den Wald vor lauter Bäumen nicht.
    FAUST Ich sehe die Bäume vor lauter Dunkelheit nicht.
    MEPHISTOPHELES Gefällt Euch die Dunkelheit etwa nicht mehr? Bisher habt Ihr Euch aber nicht sonderlich beschwert, als diese Euch die Kaiserin unterwarf und Euch den Kirchenstaat zu Eigen machte.
    FAUST Ich kann mich nicht erinnern, jemals um die Kirche gebeten zu haben, aber darüber hinaus, übertreibst du einmal wieder maßlos. Ich bemängele die Dunkelheit und all ihre Aspekte nicht, ich möchte lediglich sehen können, wohin ich gehe oder wie in diesem Falle, stolpere.
    MEPHISTOPHELES Nun, wenn Ihr die Dienste der Dunkelheit länger beanspruchen möchtet, solltet Ihr Euch wohl besser an diese gewöhnen, denn ich lasse Euch nun mit ihr alleine.
    FAUST Du kannst mich nicht verlassen, wenn ich es dir nicht gestatte.
    MEPHISTOPHELES Ihr hättet den Vertrag genauer studieren sollen. Ich kann, was auch immer ich können mag, mein liebster Meister. (ab)
    FAUST Vermaledeiter Teufel! Wie kann er es wagen, mich hinter das Licht in die Dunkelheit zu führen! Ach, nicht einmal auf den Teufel und seine Verträge kann man sich mehr verlassen! Ebendieser ließ mich hier in der Finsternis zurück und überließ mich meiner selbst. Aber ach, ich bin weder Eule noch Katze und kann im Finstern weder sehen noch irgendetwas anderes. Was gäbe ich nicht für ein kleines Fünkchen Licht? Ein Licht, ein Licht, mein Herzogtum für ein Fünkchen Licht!

    IRRLICHT tritt auf

    IRRLICHT Ich hörte, man bot mir ein Herzogtum an?
    FAUST (erschrickt) Wer spricht dort?
    IRRLICHT Ein Irrlicht, oder vielmehr das Fünkchen Licht, nach welchem Ihr gebeten habt.
    FAUST Leider kann ich dich nicht sehen. So beweise es mir und erleuchte mich oder meinen Weg.
    IRRLICHT (beginnt zu leuchten)
    FAUST Fürwahr, du bist ein Lichtlein!
    IRRLICHT Ich bin, was ich bin, aber, wer seid Ihr?
    FAUST Johannes Faust.
    IRRLICHT Der Doktor?
    FAUST Du hast von mir gehört?
    IRRLICHT Euch kennt jedes Zauberwesen in dieser Welt. Man erzählt sich Geschichten über Euch und trägt diese in alle Welten hinaus. Jedoch sind manche weniger schmeichelhaft als andere, aber dennoch erzählt man sich diese. Sie erzählen, wie Ihr alles wissen wolltet, die Geister der Elemente versucht habt zu beschwören und dabei kläglich versagt seid oder wie Ihr es geschafft habt, einen Pakt mit einem Teufel einzugehen, ohne ebendiesen Vertrag genauestens zu studieren. Aber, sprecht, wo ist dieser nur? Ist er denn nicht bei Euch?
    FAUST Zurzeit wohl eher nicht. Denn wir hatten einen kleinen Disput und so überließ er mich meiner selbst.
    IRRLICHT Wie erheiternd, Ihr habt es vollbracht, einen Teufel zu vergraulen. Welch herrliche Geschichten sich daraus formen lassen!
    FAUST Sei es wie es wolle, doch verrate mir nun, was ein Irrlicht in dieser Landschaft und deren Düsternis zu schaffen hat.
    IRRLICHT Die Walpurgisnacht ruft nach mir.
    FAUST Heute ist die Walpurgisnacht?
    IRRLICHT Ihr wusstet dies nicht?
    FAUST Mit Nichten.
    IRRLICHT Was sucht Ihr dann hier?
    FAUST Ich wollte mich mehr am Leben und dessen Freuden erfreuen und so wurde ich hier her gebracht.
    IRRLICHT Dann werdet Ihr Euch mit Sicherheit an der heutigen Nacht erfreuen, denn mehr Leben und Freuden gibt es sonst nirgendwo anders in dieser Welt.
    FAUST Sollte ich jemals den Gipfel erklimmen können, so wirst du mit Sicherheit recht behalten.
    IRRLICHT Nur keine allzu großen Sorgen, denn ich werde mich mit Freuden als Euren Begleiter Verpflichten
    FAUST Es sei dir gedankt.
    IRRLICHT Wohlan, folgt mir nach und lasst Euch nicht in die Irre führen. (beide ab)

    II

    AELLO, OCYPETES, PODARGE und KELAINO am Harzgebirge um eine Feuerstelle tanzend; dann FAUST und IRRLICHT

    AELLO (tanzend) Ein Feuer brennt in unserer Mitte, die Flammen steigen hoch empor und erstechen den Himmel mit glühenden Klingen!
    OCYPETES (tanzend) Das Feuer brennt, das Knistern hallt, das Holz glüht weiß unter diesem Zelt!
    PODARGE (tanzend) Immer heißer und heißer glühen die Flammen und immer wilder und wilder tanzen sie!
    KELAINO (tanzend) Ein Feuer brennt in unserer Mitte und wir tanzen und stürmen darum herum und wirbeln und zwirbeln glühend heiße Höllenflammen himmelhoch dem dunklen Zelt entgegen!
    HARPYIEN Feuer! Feuer! Feuer! Glühend heißes Höllenfeuer! (Stimmen ertönen aus dem Nichts und die Harpyien verstecken sich hinter Felsen und Sträuchern und das Feuer erlischt)

    FAUST und IRRLICHT treten auf

    FAUST Vermaledeites Irrlicht! Wo hast du mich nun wieder hingeführt?
    IRRLICHT Ach, mein lieber Doktor, Ihr wolltet doch das Leben mit all seinen Freuden und Schikanen und zum Leben eines Menschen gehört es sich nun einmal, sich ab und an einmal zu verirren.
    FAUST Fürwahr, Irren ist menschlich, doch bist du keineswegs ein Mensch und so höre nun auf dich zu irren und führe mich wieder von hier fort!
    IRRLICHT Wo möchtet Ihr denn hingeführt werden?
    FAUST Ich möchte leben und lieben. So führe mich doch zu wunderbaren Frauenzimmern hin. (die Harpyien springen aus ihren Verstecken hervor und tanzen um Faust herum)
    KELAINO Mein lieber Herr, Ihr wollt leben?
    PODARGE Mein lieber Herr, Ihr wollt lieben?
    OCYPETES Mein lieber Herr, Ihr wollt Frauen?
    AELLO Mein lieber Herr, Ihr habt dies alles gefunden.
    HARPYIEN Mein lieber Herr, so liebt doch uns!
    FAUST (entsetzt) Um nicht allen Goldes dieser Erde Willen! Ich wollte schöne Frauen mit gelocktem Haar und schneeweißer Haut, nicht derart bleiche Dämonen einer Höhle! So schert euch zurück nach Kreta und haltet euch von meiner fern!
    KELAINO Sind wir für Eure Herrlichkeit nicht schön genug?
    FAUST Nicht annähernd!
    PODARGE Aber nicht doch.
    OCYPETES Seid doch nicht so forsch.
    AELLO Was haben wir Euch denn nur getan?
    FAUST Euer Anblick schmerzt meinen Augen!
    KELAINO Liebe stützt sich nicht auf den bloßen Anblick.
    PODARGE Sie geht vielmehr durch den Magen.
    OCYPETES Der Ort, an dem die Schmetterlinge leben?
    AELLO Man spricht von Schmetterlingen im Bauch? HARPYIEN Dann muss es Liebe sein!
    FAUST Nein! Nein! Nein! Und viele tausend weitere Male nein! Ich liebe euch nicht! Keine einzige! Niemals!
    HARPYIEN Ihr mögt zwar keine rechte Liebe für uns verspüren, doch könnt Ihr uns sicherlich anderweitig mit Eurer Liebe dienen.
    IRRLICHT (amüsiert) Mein lieber Doktor, mir scheint, sie wollen Euch verführen!
    FAUST Ihr sprecht im Fieber! Ihr alle seid nicht recht bei Sinnen!
    KELAINO Ach, sind wir denn nicht recht?
    PODARGE Nein, wir sind vielmehr link.
    OCYPETES Nein, nein, wir sind gar unten.
    AELLO Ihr irrt euch allesamt. Wir sind oben.
    HARPYIEN Rechts, links, oben, unten. Mein Herr, so sucht es Euch doch endlich aus. Ihr könnt uns in allen Himmelsrichtungen lieben! (sie packen Faust an Armen und Beinen und fliegen mit ihm davon)
    FAUST (im Flug) Wie könnt ihr es wagen, ihr widerlichen Kreaturen! Lasst mich sofort wieder frei!
    KELAINO (im Flug) Hier und jetzt?
    PODARGE (im Flug) An Ort und Stelle?
    OCYPETES (im Flug) Zu dieser Zeit?
    AELLO (im Flug) In diesem Augenblick?
    HARPYIEN Aber, Ihr habt uns doch noch garnicht geliebt!
    FAUST So liebt euch doch selbst, ihr widerlichen Federtiere! (er strampelt und fuchtelt wie wild herum, reisst sich von den Harpyien los und fällt weiter und weiter hinab und landet in der Krone eines Baumes, fällt dadurch hindurch und landet zu den Füßen eines alten Drachens und eines jungen Phönixes)

    III

    FAUST, DRACHE und PHÖNIX unter einem großen Baum

    DRACHE Wie schön.
    PHÖNIX Ein neuer Gast.
    DRACHE Was verschafft uns denn nur diese Freude?
    FAUST Ein unnützes Irrlichte und vier geflügelte Furien.
    PHÖNIX Ach, des Mannes ewig liebliche Last.
    DRACHE Und des Mannes größte Schwäche.
    FAUST Wie recht ihr doch habt. Man liebt sie und wird enttäuscht, man liebt sie nicht, aber dafür lieben sie einen umso mehr und im schlimmsten Falle, liebt man einander in den Tod.
    DRACHE Ihr scheint wohl keinen großen Erfolg in der Liebe zu haben, nicht wahr?
    FAUST Mit Nichten. Die Frau, welche ich liebe, liebt mich nicht mit rechter Liebe, aber dafür umso teuflischer.
    PHÖNIX Lasst es Euch von zwei alten Käuzen sagen, dass die Liebe einem nichts als Kummer und Schmerz bringt.
    FAUST Mit Verlaub, so kauzig seht Ihr garnicht aus. Ihr wirkt sogar noch jünger als ich, wobei ich selbst doch auch jünger wirke, als ich wahrlich bin. Ihr solltet aber dennoch nicht so von der Liebe sprechen, Ihr habt doch noch Euer ganzes Leben vor Euch, um sie zu finden und zu halten.
    DRACHE So sprecht nicht vom Leben.
    PHÖNIX Der Schein trügt Euch. Ich bin ein Phönix und das Leben ist mein größter Widersacher. Ich sterbe jeden Tag und werde sogleich auch wiedergeboren. Diese Welt will mich nicht ziehen lassen und so schenkt sie mir immer und immer wieder ein neues Leben und lässt mein altes entschwinden. Glaubt mir, wenn ich Euch sage, dass ich die Liebe schon einmal gefunden habe, doch ließ mich mein ewiger Tod sie nie und nimmer halten.
    FAUST Verzeiht.
    DRACHE Dafür ist kein Gebrauch, erzählt er diese Lamelle doch an jedem einzelnen Tage, seit ach so vielen, vielen Jahren.
    FAUST Ihr habt mit Sicherheit auch die Eure, oder nicht?
    DRACHE Wie Ihr seht, bin ich ein Drache und Unsereins neigt dazu, von euren Rittern und übermütigen Helden getötet und als Bad gebraucht zu werden. Mein Herr, auch ich fand einst die wahre Liebe, sogar ein um das andereMal, doch wurde sie mir immer und immer wieder genommen und schließlich gab ich es auf, nach ihr zu suchen.
    FAUST Die Zeit der Ritter und Helden ist doch schon lange vorüber.
    DRACHE Nun, haben die Ritter diese Welt ersteinmal verlassen, so kehren diese nicht wieder und so verhält es sich mit der Hoffnung nicht minder.
    FAUST Die Hoffnung ist kein Mann in einer Rüstung, sie ist vielmehr ein wunderbarer Funke göttlichen Feuers. Sie erhellt den Menschen, scheidet ihn vom Tiere und führt ihn seinen Göttern zu.
    PHÖNIX Hat diesen Posten nicht die Seele inne?
    DRACHE Egal ob Seele oder Hoffnung, die eine leidet und die andere ist fort.

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    Geändert von Leopold Lilienfeld (19.06.2013 um 22:42 Uhr)
    Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. - Albert Einstein

    Es ist nur ein schmaler Grat zwischen Narr und Dichter.

  2. #2
    Registriert seit
    Aug 2008
    Ort
    Kleinneundorf
    Beiträge
    479
    Hallo Hollopainen!

    Na da bin ich ja sehr gespannt wie es weiter geht. Auf jeden fall hast du dir gut was vorgenommen. Halte durch! Ich denke es wird sich lohnen.

    Bis denne!
    © Ralf Rutz

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