1. #1
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    Poesie genießen lernen.

    Einen schönen guten Abend allerseits,

    ich habe mich soeben in diesem Forum angemeldet, da ich schon seit einiger Zeit das World Wide Web durchkämme, aber noch immer keine Antwort auf meine Frage finden konnte.

    Ich selbst habe mich schon immer als einen recht schöngeistigen Menschen empfunden, ich liebe Musik und kann auch schönen Bildern viel abgewinnen. Nur mit der Poesie klappt es irgendwie nicht so richtig.

    Versteht mich nicht falsch: es gibt durchaus einige Gedichte, die ich "schön" oder "nett" finde. Ich mag Ringelnatz sehr gerne. Ich mag Rilkes "Panther" sehr gerne. Aber für mehr reicht mein Intellekt allein wohl nicht, das ist ja alles schön und gut, aber es sind nunmal relativ seichte, leichte Gedichte. Sobald es etwas komplizierter wird, sobald ein Gedicht Worte enthält, die ich nicht verstehe, schweift meine Aufmerksamkeit beim Lesen ab. Dann verstehe ich zwar irgendwo, dass dieses Gedicht "schön" ist, aber ich empfinde es nicht.
    Kann das mit der Lesegeschwindigkeit zusammenhängen? Ich bin ein wirklich sehr schneller Leser, in der Schule wird einem dies ja immer eingebläut, "schneller, schneller, lies die Hauptaskpekte heraus, alles andere ist unnützer Ballast". Das kann ich zwar sehr gut, aber gerade bei Gedichten ist ja jedes einzelne Wort wichtig und von Bedeutung. Wie kann ich mein Lesetempo also drosseln und lernen, ein Gedicht wirklich zu genießen?

    Ich möchte euch ein Beispiel geben.
    Auf Youtube bin ich auf ein Video gestoßen, in dem ein englisches Gedicht vorgetragen wird (Ode to a Nightingale von John Keats: http://www.youtube.com/watch?v=TdphtMWjies). Auf Englisch verstehe ich kaum ein Wort des Inhalts, aber die Art und Weise wie es vorgetragen wird, der Klang der Worte, die wunderschöne Stimme von Benedict Cumberbatch, all dies macht es für mich schön und einfach zuzuhören.
    Kurze Zeit später habe ich die deutsche Übersetzung des Gedichtes gefunden und angefangen zu lesen. Nach einer Strophe musste ich aufgeben, weil ich gemerkt habe, dass ich wieder viel zu schnell gelesen habe, die Worte haben mich überhaupt nicht berührt, hatten keine Bedeutung für mich, ich konnte es nicht "genießen". Das macht mich einfach nur traurig.
    Wie kann ich meinen Sinn für die Schönheit dieser Dinge entdecken? Wie lest ihr Gedichte, wie könnt ihr sie am Besten genießen? Fehlt mir vielleicht einfach die intellektuelle Weitsicht darauf?
    Ich bin verzweifelt. Ich habe Angst, dass mir eine ganze Welt voller Schönheit und Kunst durch diese Unfähigkeit verloren geht. Und irgendwie scheine ich der einzige Mensch zu sein, dem es so geht, denn im Internet habe ich bisher zu diesem Problem nichts gefunden. Ich hoffe, ihr könnt mir helfen.

    Liebe Grüße.

  2. #2
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    Hallo Farakadabra,

    willkommen im Forum zuerst.


    Ich verstehe dein Problem. Ich glaube, ich habe (oder hatte eine Zeit lang) das selbe Problem, da mein Studium sehr leseintensiv ist und ich viele Informationen sehr schnell aus Texten ziehen muss, das hat es mir schwer gemacht, mich noch an die Lyrik (geschweigedenn überhaupt pivat an Literatur) zu setzen. Man hat sich ja dann doch einen sehr zweckdienlichen Leserhythmus angeeignet.

    Hier ist aber meiner Meinung nach auch der wesentliche Punkt, der wesentlich mit dem Lesevergnügen lyrischer Texte zusammenhängt: ich würde sagen, die tragen doch diesen Rhythmus schon in sich. Wie du selber schon sagtest, "jedes" Wort hat eine Bedeutung, aber ebenso auch "jedes" Zeichen, Komma, Punkt, Gedankenstriche, ja, auch Reime, als verbindendes oder trennendes Element, Zeilenumbrüche, Enjambements, Brüche in der metrischen Struktur, auch die Strophe als eigenständige Einheit. Es ist also eine ganz andere Art von "Informationen", die du aus diesen Texten ziehen muss, spielt es doch gemeinhin keine wesentliche Rolle, welches Wort zB am Ende eines Satzes oder Verses steht.

    Ich würde behaupten, diese Elemente haben in der Lyrik eine wesentlich größere Bedeutung als in den anderen Gattungen und so muss man sich einfach sensibilisieren, diese auch stärker wahrzunehmen. Wenn ein Dichter in seinem Text auf Zeichensetzung verzichtet, dann bewirkt das etwas im Text, wenn ein Text durch viele Zeilenumbrüche strukturiert wird, dann liest du ihn automatisch anders, als einen "zusammenhängenden".
    Punkte, Versende, Reime und alles andere, was ich oben genannt habe, sind kleine Haltestellen im Text, an denen du ganz kurz verweilen kannst.

    Versuch einfach diese kleinen, aber in den Texten für die Schule (oder Uni) zu vernachlässigenden, Teile in lyrischen Texten viel mehr zu fokussieren, dann sollte es dir leichter fallen, ein Gedicht in seiner ganzen Farbe wahrzunehmen und zu genießen


    Ich hoffe, du kannst etwas mit meiner Antwort anfangen, ich hab hier selbstverständlich nur meine persönlichen Erfahrungen etc. mitteilen können.

    LG Sturmherz


    PS: Ach, eins noch: Schreibst du selber auch? Ich bin mir sicher, dass dies dir auch helfen würde, lyrische Texte wieder intensiver wahrzunehmen. Einfach die andere Seite kennenlernen
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