Die Blätter rascheln, ich setze mich drauf, auf die mit totem Laub bedeckte Bank, der Duft der Eichel-Kastanienfiguren,
die wir als Kinder mit Zahnstochern zusammenpiksten, steigt mir aus der Erinnerung in die Nase.
Es sind 22°C, wie in Istanbul, wenn man dem heutigen Wetterbericht des 18. Oktobers 2012 trauen kann. Hier ist es
in der Nachmittagssonne eher noch wärmer. Ich sitze im Schatten.

Gehen wir zurück. Vor zwei Tagen wurde eine Filiale meiner Bank überfallen. Eine über 80-jährige Kundin schlug dem
Bankräuber ihre Handtasche auf den Kopf, riss ihm die Maske ab, so dass er von der Überwachungskamera erkannt
wurde. Er hatte nur eine Gaspistole, aber eine echte Bombe, die er, um sich die Flucht zu ermöglichen, auf den Boden
warf.

Was dann geschah?

Das steht leider nicht da, es stand in der Zeitung, und die Zeit ist wichtig für Biographisches. Ich kann mir nicht vorstellen,
so alt zu sein wie die waghalsige betagte Frau, die Heldin des Tages, dann würde ich gern Turniere tanzen, Tango und so.

Noch sind wir in der Gegenwart, [...].

Am 23.Oktober bin ich geboren. Das ist wahr. Für alle anderen biographischen Angaben gilt: Ähnlichkeiten mit noch
lebenden Personen sind rein zufällig, und schon tote sollten diese erst beweisen.

Ein Käfer kitzelt mich am Handgelenk. Ich schnippe ihn weg, er setzt sich auf den Handrücken, ich schnipse stärker, [...].
Ein Marien-ähnlicher-Käfer.

In deinen Augen [...]

Ist es die dritte Coca-Cola? Seit einigen Wochen trinke ich weder Bier noch Wein, am Morgen sogar meist Tee, schwarzen
Kaffee mit zwei Zucker erst nach dem Mittagessen.

Die Hälfte der Cafeteriaterrasse liegt schon im Schatten, ein einziger Tisch in der Sonne ist noch frei. Alle Jacken hängen
über den Stühlen, heute morgen habe ich Sonnencreme aufgetragen, seit Ende August war ich nicht mehr zu Hause. Ich
treffe viele interessante Leute, oder die, die ich lang nicht sah, riesig gefreut hat mich das Wiedersehen auf einen Sprung
zwischen Finnland und Amerika, USA.

Ach ja, die Schweiz hat neulich 2:0 gegen Finnland gewonnen, an welchem Tag?

Vor einigen Jahren begab ich mich auf eine sehr weite Reise, von der bin ich noch nicht wirklich zurück und habe deshalb
Schwierigkeiten, mich in unserer Zeit zurechtzufinden.

Steh auf und geh, verlasse dieses Haus.

Das tat ich.

Wichtig ist, was die Menschen vor mehr als 2012 Jahren wußten und vergaßen, oder aus der Welt geschafft haben, denn
wie sollte man sonst glaubhaft machen, die Menschheit hätte seitdem Neues erfunden?

Drei Anrufe verpaßt, Handy vergessen. Anrufer: Unbekannt, unlesbar.

Ja, auch die Veränderung erschwert den Zugang in Vergangenes, will man unbedingt vergessen? Was ist ein Neubau ohne
Grundriss? Archive der Legenden, aus denen man die Helden der Zukunft wählt, nach welchem Schema?

Der Star bin ich, du bist der Starmaker.

Parallel zum Licht liegt sie im Dunkel. die Revelation. Wir schlafen gemeinsam ===

Trotz des großen halbvollen Bechers schwappt der Kaffee über, trotz der beiden Tüten Zucker schmeckt er noch bitter,
aber er duftet herrlich. Er ist heiß-schwarz.

An Türklinken und Barrieren bekomme ich leichte elektrische Schläge, deshalb tippe ich sie erst kurz an, bevor ich zugreife.
Mein Griff ist sanft, meine Fußsohle weich, der Weg steinig holperig, der Tisch wackelt, wie sollte es auch anders sein, auf
einem runden Planeten, irgendwann sackt alles ab, runter geht es überall. Achse und Drehungen sind festgelegte Illusionen,
Aberglaube, der verhindert, die Realität sinnvoll mit allen Sinnen zu erkennen, die sichtbaren Zeichen wollen nicht begriffen
werden, der Glaube ist so heilig wie der Krieg, unvermeidbar für eine servile Menschheit, deren Hirnen die gottlosen Götter
entspringen, die Zukunftsvisionen, die nichts bringen, wenn sie nicht aus dem Urquell dringen.

Wo ich wohne? Ich laufe hin und her, weil ich ständig etwas vergesse, aber niemals das Essentielle, für das ich oft zurück
lief, vorher. Vorher?

Erkenntnis tut weh, dafür haben wir einen schmerzempfindlichen Körper, aber das Herz ist geschützt, in einer anderen
Dimension, nur das anatomische kann trügen, wenn es schlägt und man glaubt, Gefühle machten die Seele. Irrsinn.

Der Tod - das Leben.
Schlüsselwörter der Gegenwart erschließen die Vergangenheit zur Zukunft, zum Tod ins Leben. Der Durchgang vom Anfang -
Ende Anfang oder Ende 2 x 2 = 4, die Richtung im Kreis der 4 Ecken der runden Erde, [...]

Nein? Ok! Dies bleibt geheim, es zwickt gemein in der linken Hüfte, ein warmer Windhauch bewegt die Lüfte.

Die Erleuchtung bekommt man für Geld, mit dem Leben bezahlt man das Licht der Welt, die kann es nicht geben.

Meine Urgroßmutter sah den Tod, wie ich meine Geburt sehe, die "Eintritt verboten" Tür öffnet sich im Vorbeigehen, zu
einer bestimmten Zeit, nachts nicht. Meine Großmutter erlebte den Tod in der Vergangenheit meiner Gegenwart, in der
ich lebe und lieber tot-lebendig als lebendig-tot.

Der Steinpfosten vor dem Weg durchs Gebüsch sieht aus wie ein Grabstein. Am Rand der grünen Wiese liegen braune
Baumnadeln und Laubblätter, weiter hinten blühen gelbe und weiße Blumen.

Meta Bianca hat den Paradiesschlüssel, vielleicht hatte Gertrud den zur Hölle, aber ich weiß, woher ich komme und wo
ich gerade bin, überlege, ob der Vogel mit dem schwarzen Schnabel eine Amsel ist, oder ein junger Rabe, im Herbst?
"Amsel, Drossel, Fink und Star, [...]". Auch Tauben sind Zugvögel.

Hey, kleiner Spatz! Es ist 6°° Uhr.

Schon vergessen? Wem gehören die beiden Fahrräder, die am Stamm der ersten Ahorn-Trauerweide lehnen? Am
Aschenbecher ist nur eines abgestellt, dafür hat es zwei Körbe, einen schwarzen auf dem Gepäckträger und einen kleinen
Plastikkorb, vielleicht für Teelöffel, unter dem Lenker. Alle drei sahen sich ähnlich, inzwischen sind sie nämlich weg, [...]

Wahrscheinlich ähnele ich meiner Urgroßmutter, die Ureltern waren gar nicht verheiratet, das erfuhr ich erst später, sie
war eine starke Frau, zog die Kinder ihres verwitweten Freimaurergatten mit auf, bekam noch einen Sohn von ihm und
eine Tochter, die mit zwei Jahren ertrank.

Ich sitze unter einer der Ahorn- Trauerweiden, die den Parkweg säumen, umzingelt von Bergen, die kahl zum blauen
Himmel zeigen, der Schnee oben auf dem Hügel, vor dem sich die Reben neigen, ist fast geschmolzen.