1. #1
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    Interview mit einem Mörder

    „Paß auf, ich will nicht drüber sprechen, okay? Also wie es passiert ist. Nicht, daß ich´s nicht könnte. Aber ich bin durch damit. Es ist vorbei und ich bin jetzt jemand anderer.“
    „Worüber reden wir dann?“
    „Überlaß ich dir.“

    Er ist Einsachtzig Meter groß, Mitte Dreissig, schlank, gutaussehend, unauffälliger Typ, etwas abgekämpft mit einem müden Zug um die Augen. Kein Wunder, er hat den ganzen Tag sperrige Möbel und Umzugskartons rauf- und runtergeschleppt. Zunächst wirkt er einschüchternd. Doch wer länger mit ihm redet, erkennt auch eine andere, unsichere Seite, die er versucht zu verbergen, wohl auch vor sich selbst. Er macht kein Hehl daraus, daß er kein Unschuldslamm ist. Ich habe den Eindruck, daß er versucht, in allem von Anfang an ehrlich zu sein, ohne sich dabei völlig preisgeben zu müssen.

    Mit Anfang Zwanzig hat er sich des Mordes schuldig gemacht. Im Streit erstach er seine damalige Freundin. Dafür mußte er für viele Jahre hinter Gitter. Vor wenigen Wochen ist er entlassen worden. Ich war neugierig, wie ein Mörder, der für seine Tat sitzen mußte, über sich und seine Tat nachdenkt, und habe ihn um ein Gespräch gebeten. Das Gespräch findet in einer stickigen Kneipe in der Nähe seiner Wohnung statt.

    „Na schön. Also dann. Wie war´s, als du wieder draußen warst?“
    „Als ob ich nie woanders gewesen wär. Vom einen Moment auf den nächsten war alles weg, alles vergessen, die ganze Knackizeit. Es war einfach weg und ich war froh. Ist bis heute so. Frag mich nicht, wie es drinnen war. Ich könnte es nicht beschreiben. Wundert mich selbst. Aber scharf drauf bin ich auch nicht. Ich guck nach vorne, weißt du.“
    „Was hast du als erstes gemacht?“
    „Okay. Etwas war schon anders. Die Gebäude, die Straßen, die Menschen, die haben sich ja nicht wirklich verändert. Vielleicht wurde hier mal was abgerissen und neu gebaut. Aber im Grunde ist doch alles gleich geblieben. Doch mein Blick auf die Dinge hat sich verändert. Weiß nicht wie ich´s ausdrücken soll. Es hatte alles eine Bedeutung plötzlich, im Gegensatz zu früher. Die Welt war nicht besser oder schlechter geworden. Aber es war, als wären die Dinge greifbar geworden, als könnte ich sie zum ersten Mal im Leben wirklich anfassen. Sie waren plötzlich real für mich.“
    „Waren sie das vorher nicht?“
    „Vorher? Nee. Du weißt, daß ich aus ´ner schlechten Ecke komm. Wir haben versucht uns durchzuschlagen. Es war egal, wie wir es kriegten und wer drunter leiden muß. Über solche Dinge zerbricht man sich nicht den Kopf.“
    „Ihr habt Menschen ausgeraubt.“
    „Und noch ein paar Sachen mehr. Bin nicht stolz drauf. Da ist sowieso nicht viel, worauf ich stolz sein könnte. Es war damals keine große Sache, für uns. Wir taten, was wir gelernt hatten, was man uns beigebracht hat. Egal was, wir haben´s gefressen und gesehen, wie wir davon profitieren konnten.“
    „Ihr hattet keine Vorstellung von richtig oder falsch?“
    „Keine Ahnung Mann, wir haben´s einfach gemacht. Drüber nachzudenken wär absolut bescheuert gewesen. Natürlich war es falsch.“
    „Was war deine erste Handlung nach deiner Freilassung?“
    „Ach ja. Ja, ich hab meine Schwester angerufen. Hab sie in all den Jahren weder gesehen noch gesprochen. Wollte wissen, wie´s ihr geht.“
    „Und wie ging es ihr?“
    „Gut soweit. Ich wußte ja von meiner Mutter, daß sie geheiratet hat und zwei Kinder hat. Es war gut sie zu sprechen.“
    „Habt ihr euch getroffen?“
    „Nee. Wollte ihr Mann nicht. Sie auch nicht. Konnte ich schon an der Stimme hören. Ist aber auch in Ordnung für mich. Ihr Mann hat vernünftige Arbeit und verdient gut. Wenn man das hat und kommt von da, wo wir herkommen, tut man fast alles, um es nicht wieder zu verlieren. Also die Schlaueren von uns. Ein richtiges Zuhause, ein geregeltes Leben. Ein Ort, wo man sich gegenseitig wärmen kann. Sie war damals auch auf Drogen. Ihr jetziger Mann hat sie da rausgeholt. Jetzt haben sie zwei Kinder. Ich bin stolz auf meine Schwester. Hab sie nicht immer gut behandelt.“
    „Und das Verhältnis zu deiner Mutter? Deinen Vater kennst du ja nicht.“
    „Es ist okay, wie es ist. Sie liebt mich, weil ich ihr Sohn bin. Aber ich muß nach vorne sehen. Ich kann so vieles nicht wiedergutmachen. Ihr geht´s gut. Ist die Hauptsache. Sie ist ziemlich alt.“
    „Deine Schwester kümmert sich um sie?“
    „Ja.“
    „Das heißt, sie hat keinen Sohn mehr?“
    „Nein. Heißt es nicht. Es geht ja weiter.“
    „Wie geht man damit um, Dinge nicht wiedergutmachen zu können?“
    „Indem man drüber wegkommt. Hört sich jetzt so dahergesagt an, ich weiß.“
    „Kommt man drüber weg?“
    „Kommt drauf an. Manche können es, manche nicht.“
    „Und wie kommt man drüber weg, einen anderen Menschen umgebracht zu haben?“
    „Das ist dasselbe. Schlimmer, ja. Ist bestimmt das schlimmste, was man jemand antun kann.“
    „Und die Familie, die nun ohne diesen geliebten Menschen auskommen muß. Was ist mit der?“
    „Sie war meine Freundin. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Sie müssen auch drüber wegkommen. Einen anderen Weg gibt es nicht. Kenn jedenfalls keinen.“
    „Denkst du an ihre Familie?“
    „Hm. Du willst jetzt bestimmt von mir hören, wie leid mir alles tut und daß ich es am liebsten ungeschehen machen möchte, wenn ich könnte. Kann ich aber nicht. Es wäre das allererste für mich, aber ich kann es nicht. Niemand kann das. Nicht mal Gott. Man muß drüber wegkommen.“
    „Wie ist dein Verhältnis zu Gott?“
    „Ah nee, laß mal. Weißt du, sie altert nicht in meiner Vorstellung. Sie ist wie Schneewittchen . Genau so alt wie an dem Tag, als ich durchdrehte. Hätte ich an dem Tag das Geld für Drogen gehabt, oder wär sie an dem Tag an ´nen Freier gekommen und wir hätten das Geld für nur einen Schuß gehabt, wer weiß? Weißt du was: Vielleicht wären wir jetzt beide tot. Vielleicht hat mir irgendwas an dem Tag das Leben gerettet.“
    „Wie bitte!?“
    „Ich weiß, daß dich das jetzt aufregt. Aber… hör zu, schließlich wolltest du das Gespräch.“
    „Puh… erzähl.“
    „Sie – mußte vielleicht sterben. Damit ich leben kann. Seitdem mir das klar wurde, hat sich was geändert bei mir. Nicht weil ich wen umgebracht habe. Aber daß ein Leben gerettet wurde. Ich kann es nicht anders sehen. Sonst würde ich kaputtgehen. Verstehst du? Sie hätte es mehr verdient, auf jeden Fall. Und doch bin ich jetzt hier und rede mit dir. Ich hoffe, daß ein Sinn dahintersteckt. Aber ich glaub nicht dran. Es gibt nicht wirklich einen Sinn im Leben. Nicht für mich, nicht für dich. Wenn das Leben überhaupt was mitzuteilen hat, dann das. Und daß es schnell zu Ende sein kann. Oder daß man gar nicht erst anfängt.“
    „Wie geht’s weiter?“
    „Ich hab ´ne Wohnung und seit einiger Zeit ´nen festen Job. Nichts Großes, verdienen tu ich nicht viel. Bin Möbelpacker. Ist in Ordnung. Man ist zufrieden mit dem, was man hat, wenn man´s schon schlechter hatte.“
    „Irgendwelche Ziele im Leben?“
    „Ziele? Nee. Obwohl. Nee. Sorry. Wenn ich das jetzt sage, kommt´s komisch rüber. Es kann ruhig alles so bleiben, wie es ist. Jeder muß seinen Frieden für sich finden. Alles klar?“
    „Gut. Eine Frage noch.“
    „Nur zu.“
    „Glaubst du, daß das, was passiert ist, sich wiederholen könnte?“
    „Ob ich wieder jemand umbring, meinst du.“
    „Genau das.“
    Du weißt, daß es darauf keine Antwort gibt. Ich bin auch zu gottverdammt dankbar, um mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Es gibt Wichtigeres im Leben.“
    „Echt? Das wäre?“
    „Man muß bereit sein, sich eine zweite Chance zu geben. Man muß es so lange versuchen, bis man begriffen hat.“
    „Was begriffen?“
    „Daß es nichts zu begreifen gibt. Wer was anderes behauptet, ist ein verdammter Lügner. Nimm das Leben, wie es kommt.“
    „Wie soll ich das verstehen?“
    „Ach Mann, nicht so wie du jetzt denkst. Du sollst keinen umbringen. Sei einfach gut zum Leben, und es wird gut zu dir sein.“
    „Hast du das deiner Freundin damals auch erzählt?“
    „Okay. Ich verstehe. Du mußt wieder runterkommen. Aber – nein, hab ich nicht. So schlau war ich damals nicht. Bin´s vielleicht bis heute nicht.“
    „Na schön, ich muß dann mal. Danke für deine Bereitschaft mitzumachen.“
    „Gut. Nett dich kennengelernt zu haben. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“

    Wir schütteln uns stumm die Hände. Wir wissen beide, daß unsere Wege uns nicht mehr kreuzen werden. Ich stehe auf und gehe.
    Auf der Straße bin ich ziemlich zerknirscht und habe das Gefühl, erst langsam wieder richtig atmen zu können. Die Dinge irgendwie einzuordnen fällt mir schwer. Ich komme nicht wirklich damit klar, was er mir erzählt hat. Kann man sich am Ende wirklich alles verzeihen?
    Auch wenn ich versuche es nachzuvollziehen: Es gibt diese innere Grenze, die ich nicht überwinden möchte. Ich muß mehr und mehr an das Opfer denken und an die Familie, die einen geliebten Menschen verloren hat. Da ist so viel Wut und Trauer, immer mehr kommt davon hoch.
    Ich komme mir klein und unnütz vor. Hilflos. Wer bin ich mit all meinen Mängeln, Fehlern, Vorurteilen? Und: Ist es ganz ausgeschlossen, daß ich morgen order irgendwann nicht ebenfalls einen schweren Fehler begehen könnte?
    Es gibt viele, die keine Schönheit und Liebe kennen im Leben. Für sie muß alles grau sein, ohne Hoffnung auf irgendwann mal weniger grau. Das ist irgendwie verdammt traurig. Aber irgendwie auch eine verdammt selbstsüchtige Einstellung, wenn man sich davon zu sehr beeinflussen läßt. Man rückt sich selbst zu sehr in den Mittelpunkt. Davon hat niemand etwas.
    Es tut gut, am Leben zu sein, die Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren. Ein galoppierendes Pferd auf der Weide. Das Lächeln eines anderen Menschen. Geliebt werden. Mit dem anderen muß man irgendwie fertig werden. Wie? Das kann man nur wissen, wenn es soweit ist.

  2. #2
    0oJanao0 Guest
    Hallo skyzerot,
    mir gefällt Deine Geschichte sehr, denn Alles, was sie thematisiert, ist wahr.

    Liebe Grüße, Jana

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