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    Metrum auslesen – in einfachen Worten

    Nötige Grundlagen: Metrik mehrsilbiger Wörter - in einfachen Worten
    Ziel: Das Auslesen einfacher Metren
    Unterstützende Links: Lyrisches Lexikon der Nachteule
    Quelle: Keine
    Folgende Lektion: Spielen mit dem Metrum für fortgeschrittene Lerner - in einfachen Worten

    1. Was ist ein Metrum und wofür muss man es auslesen können?


    Das Metrum ist, vereinfacht gesagt, die Anwendung der Metrik in einem Gedicht. Es beeinflusst maßgeblich den Lesefluss eines Gedichtes und ist somit dafür verantwortlich, dass man beim Lesen stockt. Um dieses Stocken zu vermeiden oder bewusst herbeizuführen, ist es wichtig, das Betonungschema seines Gedichtes zu kennen. Dies ist auch, wider der irrigen Annahme einiger, bei freien Gedichten und vor allem beim Vers Libre wichtig! Dies geht natürlich nur, wenn man die Betonung der einzelnen Wörter kennt (siehe „Grundlagen“).
    Wichtig ist es somit, wenn man ein Gedicht schreiben möchte, aber auch, wenn man bei einem Gedicht ins Stocken gerät und dem Schreiber helfen möchte, herauszufinden, woran dies liegt, zu wissen, wie man ein Metrum ausliest. Auch, wenn man bei einem Gedicht der alten Meister das Metrum analysieren möchte, braucht man dieses Wissen. Allerdings sollte nach dem Lesen dieses Fadens niemand mehr Probleme haben.

    2. Anmerkungen


    Es werden einige Fachbegriffe genannt. Da dies den Rahmen dieses Fadens sprengen würde, verweise ich auf den Metrikteil meines Lexikons.
    Da hier die Betonung der einzelnen Silben besonders wichtig ist, werden die Silben „verixt“ und mit Fettschrift markiert.
    Eine betonte Silbe wird hier auch als „Hebung“ bezeichnet.
    Die hier genannten Regeln sind keine Vorschriften, sondern „Wirkungen“, die die Sprache auf den Leser hat. Wenn du dir die richtigen Texte aussuchst, wirst du merken, dass alles zutrifft.
    Zuerst werden hier die Regeln genannt, die dann zum Schluss an einem Beispiel noch einmal erläutert werden.

    3. Metrenregeln


    3.1 Einfacher Aufbau eines Metrums


    Das Metrum ist die Summe der einzelnen Betonungen der Wörter. Es werden also die Betonungen der Wörter aneinandergereiht. Schauen wir uns dies erst einmal an einem einfachen Beispiel an:

    Eine Ente endet endlich.

    Hier sind alle Wörter auf der ersten Silbe betont (auftaktbetont) und zweisilbig. Somit ist das Wissen aus den Grundlagen ausreichend.
    Eine Ente endet endlich.
    XxXxXxXx
    Hier finden wir einen Trochäus mit vier Hebungen, also einen „vierhebigen Trochäus“ vor.

    3.2 Weitere Regeln


    3.2.1 Einsilbige Wörter

    Schwieriger wird es, wenn einsilbige Wörter auftauchen. Hierbei kommt es auf die Wortart, Wichtigkeit und Stellung des Wortes im Metrum an. Substantive sowie Verben, meist aber nicht die Hilfsverben, werden in der Regel betont gelesen, während Artikel und Präpositionen und Füllwörter zum Beispiel normalerweise unbetont gelesen werden, es sei denn, sie werden hervorgehoben. Vor allem, wenn etwas mit Nachdruck, also beim Sprechen betont, gesagt wird. (nicht dieses Auto dort, sondern das Auto, nicht auf dem Haus, im Haus) Dies kann auch bewirkt werden, indem man es auf eine betonte Silbe im Metrum legt.

    3.2.2 Folge unbetonter Silben

    In der deutschen Sprache ist es nicht möglich, drei Silben in Folge unbetont zu lesen. Dies kann bei Gedichten Einfluss auf das Metrum haben. Sollten also mehr als zwei eigentlich unbetonte Silben aufeinanderfolgen, werden die Mittleren betont gelesen. Sollten es sogar mehr als drei sein, hängt alles vom Metrum der anderen Verse ab. (Siehe Gewohnheitsmetrum) So können bei fünf unbetonten Silben sowohl daktylische, als auch trochäische/jambische Lesarten auftauchen. Aus diesem Grund ist es sehr schwer, bei einem zu einsilbigen Gedicht ein Metrum auszulesen.
    (XxxxxxX kann zu XxXxXxX oder zu XxxXxxX werden.)

    3.2.3 Einsilber am Ende des Verses

    Ein einsilbiges Wort am Versende wird grundsätzlich betont gelesen, unabhängig davon, ob es sonst betont oder unbetont gelesen wird. Wer einen Vers also mit einer weiblichen oder gar gleitenden Kadenz beenden möchte, muss dafür mehrsilbige Wörter verwenden. Die Wirkung hiervon wird sehr häufig unterschätzt oder nicht beachtet. Allerdings kann bei gebrochenen Reimen, wie sie zum Beispiel "Wörter"/"hört er" bilden, der erste Teil des Reimes stärker betont werden, als der zweite Teil.

    3.2.4 Nebenakzent zusammengesetzter Wörter

    In den Grundlagen für diesen Faden wurde bereits auf den Hauptakzent mehrsilbiger Wörter eingegangen. Hier möchte ich noch kurz den Nebenakzent erklären. Den Nebenakzent zusammengesetzter Wörter, einem sogenannten Kompositum, bildet der Hauptakzent des zweiten Wortes. Das Wort „Hauptakzent“ wird also XxX, "Nebenakzent" XxxX gelesen. Das Wort „Hauptakzent“ sollte also in einen trochäischen/jambischen Text, „Nebenakzent“ in einen daktylischen Text eingebaut werden. Sie lassen sich nur schwer in ein anderes Versmaß zwingen und auch das nur, wenn genügend Verse in diesem Versmaß zuvor schon vorkamen und der Lesen somit schon an ein Metrum gewöhnt ist.

    3.2.5 Einbinden von Wörtern mit mehreren unbetonten Silben

    Die unbetonten Silben mehrsilbiger Wörter gliedern sich ganz einfach in das vorhandene Metrum ein. So werden bei mehr als zwei aufeinanderfolgenden unbetonten Silben, wie oben beschrieben, die entsprechenden mittleren Silben betont gelesen. So können auch eigentlich unbetonte Nachsilben wie „ig“, „keit“ und „en“ betont werden. Allerdings wirkt die Betonung hier weniger stark als bei natürlich betonten Silben.

    3.3 Gewohnheitsmetrum


    Von einem Gewohnheitsmetrum spricht man, wenn ein Vers alleine zwar nicht einem bestimmten Metrum zugeordnet werden kann, aber durch die vorangegangenen Verse vorgegeben wird. Dies ist vor allem bei sehr einsilbigen Versen der Fall, wenn das Metrum daktylisch oder trochäisch/jambisch sein könnte. Manche sprechen schon bei wenigen Versen von einem Gewohnheitsmetrum, andere sind der Meinung, es müssten schon mehrere Verse gleich betont worden sein. Ebenso ist es Ansichtssache, ob einsilbige Wörter durch das Gewohnheitsmetrum am Versende unbetont gelesen werden können, wenn die Verse zuvor weiblich endeten. Dies hängt davon ab, wie schnell sich der jeweilige Leser an ein Metrum gewöhnt.

    3.4 Schwebende Betonungen


    Das Phänomen der schwebenden Betonung ist umstritten. Auch hier hängt alles vom Lesegefühl des Lesers ab. Es besagt, dass auch betonte Silben unbetont gelesen werden können, wenn das Ursprungsmetrum es vorgibt, obwohl sie zum Beispiel Stammsilben sind. Allerdings ist es für manche Leser sehr schwer, betonte Silben unbetont zu lesen. Darum sollte man versuchen so wenig wie möglich darauf angewiesen zu sein, dass der Leser eine schwebende Betonung auch als solche liest, ohne zu stolpern und nur schwach betonte Wörter "verbiegen".

    4. Anwendung: Wie lese ich ein Metrum aus?


    Wie man nun ein Metrum ausliest, klären wir an einem kleinen Beispiel, an dem wir Schritt für Schritt vorgehen und so sehen, wie man zu Beginn seiner Metrum-Karriere das Metrum eines Gedichts auslesen kann. Später geht es bestimmt schneller.
    Hierzu habe ich zwei Verse aus einem meiner Gedichte genommen. Hier müsste das meiste eigentlich vorkommen:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    Er ist für die Freiheit anderer am Hindukusch gewesen.


    Zuerst schauen wir uns den ersten Vers an und markieren alle Stammsilben der mehrsilbigen Wörter, die weitern Wörter lassen wir mal noch unbetont:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    xxXxxxXxxxXxXxXx

    Nach diesem Schritt werden die Verben und Substantive betont:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxxxXxXxXx

    Nun gibt es ja so gut wie keine Lücken mehr. Die einzige Lücke, die noch besteht, besteht aus drei einsilbigen Wörtern. Hier wird also die mittlere Silbe betont gelesen:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxXxXxXxXx

    Und schon sind wir fertig! Wir erkennen, dass ein achthebiger Trochäus vorliegt. Schauen wir uns nun den nächsten Vers, mit dem Wissen von diesem, an:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxXxXxXxXx
    Er ist für die Freiheit anderer am Hindukusch gewesen.

    Wir beginnen gleich, wie zuvor. Also schauen wir uns zuerst die mehrsilbigen Wörter an:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxXxXxXxXx
    Er ist für die Freiheit anderer am Hindukusch gewesen.
    xxxxXxXxxxXxxxXx

    Da „ist“ hier ein Hilfsverb ist, finden wir in diesem Vers keine entsprechenden Verben oder Substantive. Also werden zuerst einmal die klaren Lücken geschlossen:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxXxXxXxXx
    Er ist für die Freiheit anderer am Hindukusch gewesen.
    xxxxXxXxXxXxXxXx

    Bleibt also nur noch die Lücke am Anfang, die bisher XxXx oder xXxx oder sogar xxXx gelesen werden könnte. Hier haben wir zwei Möglichkeiten, wie wir das Metrum auslesen können. Entweder entscheiden wir uns dafür, dass das „Er“ wichtiger als das „ist“ oder das „für“ ist und somit betont werden muss oder wir orientieren uns am vorangegangenen Vers, der ja trochäisch begann. Außerdem ist der Gesamtvers trochäisch, was eine trochäische Betonung vermuten lässt. Mit diesem Wissen lässt sich der Versanfang auch ganz leicht rekonstruieren, indem wir das „Er“ betonen und die Lücke nach dem uns bekannten Muster auffüllen:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxXxXxXxXx
    Er ist für die Freiheit anderer am Hindukusch gewesen.
    XxXxXxXxxxXxxxXx

    Das war es auch schon. Die beiden Verse sind analysiert und wir haben fast alle Regeln angewandt. Zumindest die, die ohne Beispiel im Text auskommen mussten.
    Ich hoffe, euch hat es Spaß gemacht, den Faden zu lesen und ihr wisst jetzt, wie man ein Metrum richtig ausliest. Allerdings muss auch noch gesagt werden, dass es gerade bei sehr einsilbigen Versen keinen Königsweg gibt und unterschiedliche Lesarten existieren können.
    Wer jetzt noch Lust hat, ein paar Übungen zu machen, der kann sich die bald entstehenden Übungslektionen ansehen, die ich noch erstellen werde und hier dann auch verlinke. Auch hierbei wünsche ich euch viel Spaß!

    Folgende Lektion:
    Spielen mit dem Metrum für fortgeschrittene Lerner - in einfachen Worten

    Folgende Übungen (empfohlen):
    Übung 1 – Auslesen eines Metrums
    Übung 2 - Schreibübung zum Metrum
    Geändert von Nachteule (03.11.2014 um 01:57 Uhr)
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  2. #2
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    Zitat Zitat von Nachteule Beitrag anzeigen
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    1. Was ist ein Metrum und wofür muss man es auslesen können?
    Das Metrum ist, vereinfacht gesagt, die Anwendung der Metrik in einem Gedicht. Es beeinflusst maßgeblich den Lesefluss eines Gedichtes und ist somit dafür verantwortlich, dass man beim Lesen stockt. Um dieses Stocken zu vermeiden oder bewusst herbeizuführen, ist es wichtig das Betonungschema seines Gedichtes zu kennen. Dies ist auch, wider der irrigen Annahme einiger, bei freien Gedichten und vor allem beim Vers Libre wichtig! Dies geht natürlich nur, wenn man die Betonung der einzelnen Worte kennt (siehe „Grundlagen“).
    Wichtig ist es somit, wenn man ein Gedicht schreiben möchte, aber auch, wenn man bei einem Gedicht ins Stocken gerät und dem Schreiber helfen möchte, herauszufinden, woran dies liegt, zu Wissen, wie man ein Metrum ausliest. Auch, wenn man bei einem Gedicht der alten Meister das Metrum analysieren möchte, braucht man dieses Wissen. Allerdings sollte nach dem Lesen dieses Faden niemand mehr Probleme haben.

    2. Anmerkungen
    Es werden einige Fachbegriffe genannt. Da dies den Rahmen dieses Faden sprengen würde, verweise ich auf den Metrikteil meines Lexikons.
    Da hier die Betonung der einzelnen Silben besonders wichtig ist, werden die Silben „Verixt“ und mit Fettschrift markiert.
    Eine betonte Silbe wird hier auch als „Hebung“ bezeichnet.
    Die hier genannten Regeln sind keine Vorschriften, sondern „Wirkungen“, die die Sprache auf den Leser hat. Wenn du dir die richtigen Texte aussuchst, wirst du merken, dass alles zutrifft.
    Zuerst werden hier die Regeln genannt, die dann zum Schluss an einem Beispiel noch einmal erläutert werden.

    3. Metrenregeln
    3.1 Einfacher Aufbau eines Metrums
    Das Metrum ist die Summe der einzelnen Betonungen der Worte. Es werden also die Betonungen der Wörter aneinandergereiht. Schauen wir uns dies erst einmal an einem einfachen Beispiel an:

    Eine Ente endet endlich.

    Hier ist sind alle Worte Auftaktbetont und zweisilbig. Somit ist das Wissen aus den Grundlagen ausreichend.
    Eine Ente endet endlich.
    XxXxXxXx
    Hier finden wir einen Trochäus mit vier Hebungen, also einen „vierhebigen Trochäus“ vor.

    3.2 Weitere Regeln
    3.2.1 Einsilbige Wörter
    Schwieriger wird es, wenn einsilbige Worte auftauchen. Hierbei kommt es auf die Wortart, Wichtigkeit und Stellung des Wortes im Metrum an. Substantive sowie Verben, meist aber nicht die Hilfsverben, werden in der Regel betont gelesen, während Artikel und Präpositionen und Füllewörter zum Beispiel normalerweise unbetont gelesen werden, es sei denn, sie werden hervorgehoben. Vor allem, wenn etwas mit Nachdruck, also beim Sprechen betont, gesagt wird. (nicht dieses Auto dort, sondern das Auto, nicht auf dem Haus, im Haus) Dies kann auch bewirkt werden, indem man es auf eine betonte Silbe im Metrum legt.

    3.2.2 Folge unbetonter Wörter
    In der deutschen Sprache ist es nicht möglich, drei Silben in Folge unbetont zu lesen. Dies kann bei Gedichten Einfluss auf das Metrum haben. Sollten also mehr als zwei eigentlich unbetonte Silben aufeinanderfolgen, werden die Mittleren betont gelesen. Sollten es sogar mehr als drei sein, hängt alles vom Metrum der anderen Verse abhängig. (Siehe Gewohnheitsmetrum) So können bei fünf unbetonten Silben sowohl daktylische, als auch trochäische/jambische Lesarten auftauchen. Aus diesem Grund ist es sehr schwer, bei einem zu einsilbigen Gedicht ein Metrum auszulesen.
    (XxxxxxX kann zu XxXxXxX oder zu XxxXxxX werden.)

    3.2.3 Einsilber am Ende des Verses
    Ein einsilbiges Wort am Versende wird grundsätzlich betont gelesen, unabhängig davon, ob es sonst betont oder unbetont gelesen wird. Wer einen Vers also mit einer weiblichen oder gar gleitenden Kadenz beenden möchte, muss dafür mehrsilbige Wörter verwenden. Die Wirkung hiervon wird sehr häufig unterschätzt oder nicht beachtet. Allerdings kann bei gebrochenen Reimen, wie sie zum Beispiel "Wörter"/"hört er" bilden, der erste Teil des Reimes stärker betont werden, als der zweite Teil.

    3.2.4 Nebenakzent zusammengesetzter Wörter
    In den Grundlagen für diesen Faden wurde bereits auf den Hauptakzent mehrsilbiger Worte eingegangen. Hier möchte ich noch kurz den Nebenakzent erklären. Der Nebenakzent zusammengesetzter Wörter, einem sogenannten Kompositum, bildet der Hauptakzent des zweiten Wortes. Das Wort „Hauptakzent“ wird also XxX, "Nebenakzent" XxxX gelesen. Das Wort „Hauptakzent“ sollte also in einen trochäischen/jambischen Text, „Nebenakzent“ in einen daktylischen Text eingebaut werden.

    3.2.5 Einbinden von Wörtern mit mehreren unbetonten Silben
    Die unbetonten Silben mehrsilbiger Wörter gliedern sich ganz einfach in das vorhandene Metrum ein. So werden bei mehr als zwei aufeinanderfolgenden unbetonten Silben, wie oben beschrieben, die entsprechenden mittleren Silben betont gelesen. So können auch eigentlich unbetonte Nachsilben wie „ig“, „keit“ und „en“ betont werden. Allerdings wirkt die Betonung hier weniger stark als bei natürlich betonten Silben.

    3.3 Gewohnheitsmetrum
    Von einem Gewohnheitsmetrum spricht man, wenn ein Vers alleine zwar nicht einem bestimmten Metrum zugeordnet werden kann, aber durch die vorangegangenen Verse vorgegeben wird. Dies ist vor allem bei sehr einsilbigen Versen der Fall, wenn das Metrum daktylisch oder trochäisch/jambisch sein könnte. Manche sprechen schon bei wenigen Versen von einem Gewohnheitsmetrum, andere sind der Meinung, es müssten schon mehrere Verse gleich betont worden sein. Ebenso ist es Ansichtssache, ob einsilbige Wörter durch das Gewohnheitsmetrum am Versende unbetont gelesen werden können, wenn die Verse zuvor weiblich endeten. Dies hängt davon ab, wie schnell sich der jeweilige Leser an ein Metrum gewöhnt.

    3.4 Schwebende Betonungen
    Das Phänomen der schwebenden Betonung ist umstritten. Auch hier hängt alles vom Lesegefühl des Lesers ab. Es besagt, dass auch betonte Silben unbetont gelesen werden können, wenn das Ursprungsmetrum es vorgibt, obwohl sie zum Beispiel Stammsilben sind. Allerdings ist es für manche Leser sehr schwer, betonte Silben unbetont zu lesen. Darum sollte man versuchen so wenig wie möglich darauf angewiesen zu sein, dass der Leser eine schwebende Betonung auch als solche liest, ohne zu stolpern und nur schwach betonte Wörter "verbiegen".

    4. Anwendung: Wie lese ich ein Metrum aus?
    Wie man nun ein Metrum ausliest, klären wir an einem kleinen Beispiel, an dem wir Schritt für Schritt vorgehen und so sehen, wie man zu Beginn seiner Metrum-Karriere das Metrum eines Gedichts auslesen kann. Später geht es bestimmt schneller.
    Hierzu habe ich zwei Verse aus einem meiner Gedichte genommen. Hier müsste das meiste eigentlich vorkommen:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    Er ist für die Freiheit anderer am Hindukusch gewesen.


    Zuerst schauen wir uns den ersten Vers an und markieren alle Stammsilben der mehrsilbigen Wörter, die weitern Worte lassen wir mal noch unbetont:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    xxXxxxXxxxXxXxXx

    Nach diesem Schritt werden die Verben und Substantive betont:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxxxXxXxXx

    Nun gibt es ja so gut wie keine Lücken mehr. Die einzige Lücke, die noch besteht, besteht aus drei einsilbigen Wörtern. Hier wird also die mittlere Silbe betont gelesen:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxXxXxXxXx

    Und schon sind wir fertig! Wir erkennen, dass ein achthebiger Trochäus vorliegt. Schauen wir uns nun den nächsten Vers, mit dem Wissen von diesem, an:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxXxXxXxXx
    Er ist für die Freiheit anderer am Hindukusch gewesen.

    Wir beginnen gleich, wie zuvor. Also schauen wir uns zuerst die mehrsilbigen Wörter an:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxXxXxXxXx
    Er ist für die Freiheit anderer am Hindukusch gewesen.
    xxxxXxXxxxXxxxXx

    Da „ist“ hier ein Hilfsverb ist, finden wir in diesem Vers keine entsprechenden Verben oder Substantive. Also werden zuerst einmal die klaren Lücken geschlossen:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxXxXxXxXx
    Er ist für die Freiheit anderer am Hindukusch gewesen.
    xxxxXxXxXxXxXxXx

    Bleibt also nur noch die Lücke am Anfang, die bisher XxXx oder xXxx oder sogar xxXx gelesen werden könnte. Hier haben wir zwei Möglichkeiten, wie wir das Metrum auslesen können. Entweder entscheiden wir uns dafür, dass das „Er“ wichtiger als das „ist“ oder das „für“ ist und somit betont werden muss oder wir orientieren uns am vorangegangenen Vers, der ja trochäisch begann. Außerdem ist der Gesamtvers trochäisch, was eine trochäische Betonung vermuten lässt. Mit diesem Wissen lässt sich der Versanfang auch ganz leicht rekonstruieren, indem wir das „Er“ betonen und die Lücke nach dem uns bekannten Muster auffüllen:

    Siehst du diesen Mann da drüben, mit den vielen großen Narben?
    XxXxXxXxXxXxXxXx
    Er ist für die Freiheit anderer am Hindukusch gewesen.
    XxXxXxXxxxXxxxXx

    Das war es auch schon. Die beiden Verse sind analysiert und wir haben fast alle Regeln angewandt. Zumindest die, die ohne Beispiel im Text auskommen mussten.
    Ich hoffe euch hat es Spaß gemacht, den Faden zu lesen und ihr jetzt wisst, wie man ein Metrum richtig ausliest. Allerdings muss auch noch gesagt werden, dass es gerade bei sehr einsilbigen Versen keinen Königsweg gibt und unterschiedliche Lesarten existieren können.
    Wer jetzt noch Lust hat, ein paar Übungen zu machen, der kann sich die bald entstehenden Übungslektionen ansehen, die ich noch erstellen werde und hier dann auch verlinke. Auch hierbei wünsche ich euch viel Spaß!

    Folgende Lektionen:
    Übung 1 – Auslesen eines existierenden Metrums (dauert noch ein paar Tage)
    Übung 2 – Schreiben eines metrischen Gedichts (dauert noch ein paar Tage)

    Hört, hört!
    Lest, lest!

    Aber die Rechtschreibfehler hätte ich an Deiner Stelle vorher entfernt.

    Lieben Gruß
    von
    Barbarossa

  3. #3
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    Hallo Barbarossa,

    dann zeige mal! Ich bin nicht an meinem Laptop und habe hier weder Word noch eine Rechtschreibprüfung im Browser.
    (Dadurch, dass du den gesamten mehrere Wörter langen Text zitierst, wird der Faden extrem lang.. vielleicht löscht du das besser raus...)

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
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    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  4. #4
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    Zitat Zitat von Nachteule Beitrag anzeigen
    und habe hier weder Word noch eine Rechtschreibprüfung im Browser.

    Habe ich auch nicht.

  5. #5
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    Hallo Barbarossa,

    wenn du mir keine zeigst und Word mir beim Schreiben vorgestern nichts angezeigt hat, dann sind auch keine drin. Ich habe es nach dem Schreiben nämlich auch noch einmal durchgelesen und dann wo zwischengelagert.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
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