1. #1
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    Schillers Maria Stuart und das Regietheater


    Schillers Maria Stuart und das Regietheater


    Februar 2013, Aufführung von Schillers Maria Stuart im Frankfurter Schauspiel.
    Das Stück, inszeniert von Regisseur Michael Thalheimer, läuft seit einem Jahr und hat beachtliche Zuschauerzahlen. Warum nur?

    Ein Grund hierfür könnte darin liegen, daß Schillers Drama vom tragischen Tod der schönen Schottenkönigin so großartig ist, daß es auch moderne Inszenierungen à la Thalheimer überstrahlt, ein anderer hingegen, daß die Zuschauer weniger an Schiller als an den eigensinnigen Ideen des Regisseurs interessiert sind, die dieser im Rahmen eines Bühnenstücks zur Schau stellt.

    Viele, die Maria Stuart nicht schon kannten, mögen sich nach Verlassen des Theaters gefragt haben, worum es Schiller denn eigentlich gegangen sei. Ihnen bleibt der Weg offen, das Stück zuhause in Ruhe zu lesen. Besonders hilfreich für das Verständnis eines klassischen Dramas ist das Regietheater jedenfalls nicht.

    Im folgenden geht es zuerst um eine kurze Darstellung von Schillers Absichten in Maria Stuart, dann um Merkmale des Regietheaters am Beispiel dieses Stückes und endlich um eine Schlußfolgerung.


    Schiller schrieb Maria Stuart im Jahre 1799, sechs Jahre nach der Hinrichtung von Louis XVI und Marie Antoinette in Paris. Ähnlich wie bei dem französischen Herrscherpaar handelt es sich auch bei Maria Stuart um einen politischen Mord, der von seinen Tätern, Befürwortern und Nutznießern juristisch und moralisch gerechtfertigt wurde. Im Falle der schottischen Königin studierte Schiller historische Dokumente und fand heraus, daß die Verantwortung für den Mord letztendlich auf eine Person zurückgeführt werden kann: Elisabeth. Schiller bringt die Umstände und Beweggründe für den Mord an Maria Stuart auf die Bühne.

    Maria Stuarts Leben ist tragisch. Sie wird als katholische Königin von Schottland und England geboren, darf als solche jedoch nicht regieren, weil dies den machtpolitischen Interessen der Prostestanten in beiden Ländern zuwiderläuft. Zuletzt gereicht ihr die königliche Geburt zum Verhängnis.

    Maria Stuart streitet mit den schottischen Protestanten, wird zuletzt in der Schlacht von Langside (heute Stadtteil von Glasgow) besiegt und flieht nach dem englischen Carlisle, um ihre „Halbschwester“ Elisabeth (beide stammen von Henry VII ab) um Asyl zu bitten. Elisabeth läßt Maria für 19 Jahre gefangennehmen und verweigert ihr jegliche persönliche Zusammenkunft.

    Schillers Drama behandelt vornehmlich die Zeit ihrer Gefangennahme und setzt drei Tage vor Marias Hinrichtung ein. Man erfährt, daß Maria wegen Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt wurde, allein die Unterzeichnung des Todesurteils durch Elisabeth steht noch aus.

    Maria erkennt weder das Gericht noch das Urteil an. Engländer dürfen nicht über Schotten richten und umgekehrt, Könige können nur von Ihresgleichen gerichtet werden. Zudem wurde das Gesetz (Act for the Queen’s Safety von 1585), aufgrund dessen sie verurteilt wurde, eigens zu ihrem Schaden erst erlassen. Diesem zufolge sind nicht nur die Attentäter eines versuchten Königsmords schuldig, sondern auch deren Mitwisser und Nutznießer. Zuletzt sind auch die Beweise der Anklage, Marias diktierte Briefe nämlich, Fälschungen; ihr Schreiber gesteht dies schließlich auch schuldbewußt und verzweifelt ein.

    Maria wird hingerichtet, weil Elisabeth sie aus dem Wege schaffen will, und dies sowohl aus politischen als auch aus persönlichen Gründen. Um Elisabeths persönliche Gründe deutlich zu machen, inszeniert Schiller eine Begegnung der beiden, die tatsächlich nie stattgefunden hat. Dort zeigt sich, daß Elisabeth eifersüchtig auf Marias Schönheit ist (sie galt als die „schönste Monarchin Europas“) und Gefallen daran findet, sie von ihrer stärkeren Position herab zu demütigen. Maria läßt sich das eine Zeitlang gefallen, gibt ihr dann jedoch vehement kontra und geht aus der Auseinandersetzung als Siegerin hervor. Diese Szene ist letztlich ausschlaggebend für Elisabeths Unterzeichnung von Marias Todesurteil.

    Historische Dokumente belegen, daß Maria gefaßt und würdevoll ihrer Hinrichtung entegegenschritt, während Elisabeth die Verantwortung für Marias Tod ihrem Sekretär Davison zuzuschieben versuchte. Dieser habe das von ihr unterzeichnete Urteil ohne ihr Einverständnis weitergereicht. Dieser Kontrast von Würde und Feigheit beider Frauen macht Maria Stuart zur tragischen Heldin und Schiller setzt ihr damit ein historisches Denkmal wie es im Rahmen ihrer Lebensgeschichte schöner nicht sein kann.

    Parallelen zu Maria Stuart als Schauprozeß zur Beseitigung politischer Gegner unter dem Deckmantel von Moral und Gesetz lassen sich nicht nur zur Französischen Revolution ziehen, sondern in vielerlei Hinsicht bis hin zur Gegenwart. Schiller öffnet uns den Blick dafür, was hinter den Kulissen der Macht geschieht. Wie gehen jedoch moderne Regisseure à la Thalheimer mit diesem Thema um?

    Sie inszenieren das Gesamt des Stückes so, daß sein Eigentliches zum Nebensächlichen wird, genauer: das Stück dient im Grunde nur dazu, die eigensinnigen Ideen des Regisseurs als die Hauptsache auf der Bühne erscheinen zu lassen. Der Regisseur Thalheimer ist wichtiger als der Dichter Schiller.

    Eigensinnige Ideen solcher Art sind:

    - unterschiedliche Kostüme; die beiden Frauen tragen historische Gewänder, die Männer moderne Anzüge

    - Bewegungslosigkeit; Maria steht zu Anfang fünf Minuten lang starr auf der Bühne und liefert ihren Text ab; ihr Gefängniswärter Paulet tut es ihr nach. Bald ist Elisabeth damit dran. Bisweilen hat man den Eindruck, der Regisseur ließe sogenannte „Standbilder“ sprechen.

    - Schnelles Sprechen; der Text wird so schnell gesprochen, daß ihm nur noch schwer zu folgen ist; technisch gesehen: eine tolle Leistung der Schauspieler

    - Flüstern und Schreien; mal werden längere Textpassagen geflüstert, mal hinausgeschrieen.

    - Vulgarität; wer sagt denn, daß Aristokraten nicht genauso geil und zügellos sind wie manche Proleten? Leicester greift Elisabeth lüstern an den Schoß; beide knutschen minutenlang auf der Bühne; Elisabeth trägt ihren verschmierten Lippenstift dann bis zum Ende im Gesicht. Mortimer vergewaltigt die regungslos auf der Bühne liegende Maria, reißt sich dabei das Hemd vom Leibe und stammelt wie ein irrsinniger Triebtäter.

    - Pathologisches; Mortimer zuckt bei seinem ersten Bühnenauftritt wie ein besessener Quasimodo aus Victor Hugos Notre Dame de Paris, stottert dabei unablässig „ich, ich, ich“.

    Die Liste ließe sich noch weiter verlängern, doch dürfte inzwischen klar geworden sein: Schiller hätte nie seine Erlaubnis für eine solche Art von Inszenierung gegeben, weil diese seine Absichten verschleiert, wenn nicht verfälscht. Zudem zieht sie das Noble seiner Gestalten in den Dreck.

    Mit lieben Grüßen an alle Schillerfreunde

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (29.03.2013 um 17:46 Uhr)

  2. #2
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    krek-krek,

    ich bin ein fan von thalheimer. diese inszenierung habe ich nicht gesehen. es kann sein, dass sie schlecht ist. empfehlen kann ich seine bearbeitungen der stoffe von büchners "woyzeck" und der "orestie" von aischylos, falls die noch laufen. beides stücke, die ich auch im original als text mag. maria stuart hingegen find ich ätzend. das nur mal so als einleitung, um meinen subjektiven standpunkt etwas auszudifferenzieren.
    Zitat Zitat von Friedrich
    Schiller hätte nie seine Erlaubnis für eine solche Art von Inszenierung gegeben, weil diese seine Absichten verschleiert, wenn nicht verfälscht.
    hätte man schiller in eine zeitmaschine gesetzt, 200 jahre in die zukunft direkt in diese inszenierung gesetzt und ihm 200 jahre geschichte und theatergeschichte vorenthalten, dann mit sicherheit. 200 jahre theatergeschichte sind u.a. büchner, freud, nietzsche, meyerhold, feuchtwanger, barthes, artaud, benjamin, brecht und beckett.
    200 jahre sind u.a. die erkenntnis, dass schillers idealismus in der riefenstahlästhetik aufgegangen ist. das wollte schiller gewiss nicht, aber dieser erkenntnis hätte er sich nicht entziehen können: das ideal des schönen führte nicht zu gebildeten menschen, sondern förderte rassenhygiene und magersucht unter denen, die aufgrund ihrer psychischen kondition damit überfordert sind, nicht dem ideal des schönen zu entsprechen. hollywood und der behaviorismus in der werbung nutzen heute noch das ideal des schönen. meine these: ein kritischer zeitgeist wie schiller hätte diese entwicklung wahrgenommen und würde sie heute ebenfalls auf der bühne hinterfragen. unter dieser prämisse kannst du ja mal deine aufgezählten regieeinfälle begutachten.

    lg
    kajn
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  3. #3
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    Hallo Kajn,

    vielen Dank für Deinen Kommentar.

    Ich habe etwas überlegen müssen, ob und wie ich Dir darauf antworten soll, denn die Standpunkte sind klar: Du bist ein "Fan von Thalheimer", also auch einer des Regietheaters und findest Maria Stuart "ätzend". Ich hingegen finde Maria Stuart ein großartiges Stück und das Regietheater eine Zumutung für die Zuschauer, eine Vergewaltigung der Kunst, und nicht selten auch ein Mißbrauch der Schauspieler. (Wozu sie sich nicht alles hergeben müssen, nur um in ihrem Beruf arbeiten zu können.) Und mit dieser Meinung stehe ich nicht allein. Der bekannte Regisseur Peter Stein sagte einmal dazu:

    Inzwischen kann ja am Theater jeder machen was er will, aber in der ganzen Welt wird das deutsche Regietheater inzwischen verlacht.
    Der Tagesspiegel, 11.9.2007
    Das Regietheater gibt es seit 1970, ist also ein Kind der "Kulturrevolution" der 68er und, wie es scheint, ein deutscher Sonderweg in Sachen Kultur, über den man sich im Ausland lustig macht.

    Drei Deiner Punkte will ich dennoch aufgreifen und kommentieren.

    1. Dein Mißverständnis von Schillers "Ideal des Schönen"
    2. Deine Liste der Namen aus "200 Jahren Theatergeschichte"
    3. Deine Vorstellung, daß Schiller, lebte er heute wieder, das Regietheater gutheißen könne.

    1. Schillers Idee vom Schönen hat nichts mit Hollywood und der Produktwerbung mit schönen Menschen zu tun. In seinem Gedicht Das Mädchen von Orleans sagt er zum Beispiel:

    Das edle Bild der Menschheit zu verhöhnen,
    Im tiefsten Staube wälzte dich der Spott,
    Krieg führt der Witz auf ewig mit dem Schönen,
    Gemeint ist damit Voltaire, der sich über Johanna von Orleans lustig machte, der diese edle Gestalt mit seinem Sarkasmus in den Dreck gezogen hatte. Von Johanna ist uns kein einziges Bild überliefert, niemand weiß also, ob sie einem "Ideal des Schönen" entsprochen hat oder nicht. Für Schiller war sie jedoch schön und deshalb ein Beispiel für seine Idee von der "schönen Seele". Und in ähnlicher Weise ist auch Maria Stuart schön. Ihre Schönheit liegt in der Tragik ihres Lebens. Sie wird als Königin geboren und ist auf Grund der historischen Umstände damit - ganz im Sinne der griechischen Tragödie - zum Tode verurteilt. Maria scheitert also nicht bloß - wie z.B. der Danton in Büchners Schauspiel -, sondern sie stirbt als Königin einen tragischen Tod.

    2. Deine Liste der Namen aus der "Theatergeschichte" haben mit unserem Thema insofern etwas zu tun, als daß sie mit der "Kulturrevolution" der 68er zu tun haben. All Deine Namen, mit Ausnahme vielleicht von Nietzsche, galten damals als "progressiv", heute könnte man sagen: "als politisch korrekt". An Schiller hingegen nahm man Anstoß, seine Ansichten entsprachen nicht dem gültigen "Frauenbild", und sein Idealismus war "reaktionär". Schillers Idealismus gründet nicht nur im antiken Griechenland, sondern auch im Christentum und der Noblesse des Mittelalters. Johanna ist eine tragische Heilige, Maria eine tragische Königin. Die französische Revolution wie auch die russische und die chinesische haben sowohl Adel als auch Kirche abgeschafft, genauer: vertrieben oder vernichtet. Der "troisième état", später das "Proletariat", braucht kein idealistisches Denken. Schillers "ästhetische Erziehung" entstand jedoch als Reaktion auf die französische Revolution, er war erschüttert zu sehen, zu welchen Greueltaten und Gemeinheiten Menschen fähig sein können und erhoffte sich durch die Erziehung zur "schönen Seele" eine bessere Menschheit.

    Die 68er haben Deutschland ein zweites Mal "entnazifiziert", vor allem die Universitäten, die Geschichtsschreibung und die Geisteswissenschaften. Alles wurde von der "progressiven" Gedankenpolizei daraufhin überprüft, ob es der neuen Ideologie entsprach oder abgeschafft werden sollte. Letzteres gelingt am besten, wenn man eine Beziehung zu Hitler und dem Nationalsozialismus herstellte. So ziehst auch Du in Deinem Kommentar eine Verbindung von Schiller zu "Rassenhygiene" und Leni Riefenstahls Propagandafilme, so als hätte es ohne Schiller beides nicht gegeben. Und auch das ist wieder ein deutscher Sonderweg der 68er. Käme Frankreich jemals auf die Idee die Greueltaten der Französischen Revolution dem klassischen Dramatiker Jean Racine anzulasten oder sonst jemandem aus Kunst und Kultur? In Deutschland hingegen hat alles, was dem Hitlerregime vorausging, konsequent zu diesem "geführt" und ist damit mitschuldig. So jedenfalls die Meinung der 68er und ihrer Adepten. Schiller hat jedenfalls nichts mit Hitler zu tun und seine Ansichten sind keineswegs überholt, vielleicht sind sie heute sogar notwendiger denn je.

    3. Wenn Schiller die "schöne Seele" auf die Bühne bringt, das Heilige und die Noblesse, und sich dabei erhofft, die Menschheit zu erziehen, so wird er es niemals gutheißen können, wenn seine Gestalten wie Sprechmaschinen ihren Text abliefern oder sich auf der Bühne wie Geistesgestörte oder die "letzten Proleten" benehmen. Und dabei ist zu fragen, warum das Regietheater das klassische Theater eigentlich immer so "interpretieren" muß? Ist es nicht deswegen, damit Schillers Geist beim Publikum nicht ankommen und so auch keine Wirkung erzielen soll? Mit den 68ern hat nicht nur eine zweite "Entnazifizierung", sondern auch eine zweite "Umerziehung" (reeducation) seinen Anfang genommen.

    Mit lieben Grüßen an alle interessierte Schillerfreunde, die diesen Faden verfolgen

    Friedrich

  4. #4
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    Hallo Ihr.
    Mein Senf darf nicht fehlen.

    1.
    Ich würde auch gerne mal wieder ein "ganz normales" Theaterstück sehen. Mit historischen Kostümen und Bühnenbildern. Ich hätte es gern, wenn der Regisseur mich nicht dahingehend entmündigt, dass er mir abspricht, ich sei nicht selbst fähig, den Stoff in die heutige Zeit zu transportieren. Er könnte das mit kleinen, intelligenten, gesellschaftskritischen Andeutungen anstoßen.
    Er könnte auch - noch besser - einen Kostümfilm drehen, denn der Film ist heutzutage die Illusionsmaschine des Realistischen und die Verfremdung würde sich automatisch durch den Original-Text herstellen.

    2. Was Schiller heute getan hätte, wissen wir nicht. Ich behaupte, er hätte für den "Tatort" Drehbücher geschrieben.

    3. "büchner, freud, nietzsche, meyerhold, feuchtwanger, barthes, artaud, benjamin, brecht und beckett" haben nur sehr indirekt mit der 68'iger Geschichte zu tun. Ich will Jarry noch hinzufügen. Das alles ist ein Fließen, eine historische Entwicklung des europäischen Theaters weg vom realistischen Bühnenbild. Den Realismus in der Darstellung hat ab Ende des 19.Jh. der Film übernommen, Theater kann anderes, Theater kann mehr.
    Es handelt sich mitnichten um eine deutsche Erscheinung, lediglich Brecht, der 68 schon 12 Jahre lang tot war und in einem ganz anderen Land wirkte, war eine deutsche Erscheinung.

    Das Regietheater mag wie der Autorenfilm eine Sache sein, die man hie und da belächelt, aber sie ist kein typisch deutsches Phänomen, sondern ein europäisches, eingebettet in die Weltgeschichte.
    Betrachten wir die 60'iger: Kuba, Vietnam, die Nachkriegszeit, große gesellschaftliche Umbrüche, Revolutionen, das Erstarken linker Bewegungen weltweit, Afrikanisches Jahr... all das passierte damals. Der Film und das Theater haben gewissen Einflüssen Rechnung getragen und bestimmte Strömungen haben bis heute überdauert und sich noch weiter entwickelt.

    Der Film ging in die Richtung noch größerer Authentizität. Da gab es einerseits die Perfektionierung der emotionalen Manipulation durch Hollywood, andererseits auch so was wie die Dogma-Regeln oder Fake-Dokus. Film hat sich immer mit dem Thema der Realitätsabbildung befasst.
    Theater nie. Das ist nicht (mehr) die Aufgabe des Theaters. Es geht weg von der Realitäts-Illusion, hin zu gespielten Denksportaufgaben oder zu Performance-Veranstaltungen wie die Blue Man Group. (Was nicht heißt, dass es keine Filme mit V-Effekt und keine realistisch ausstaffierten Theaterstücke mehr gibt.) Die Konstruktion einer Meta-Ebene oder eines Spektakels steht aber im Vordergrund. Keine Kamera schreibt vor, wohin man gucken soll, also gibt es überall was zu sehen und es gibt auch was zu denken.

    4. Die 68er haben (West-) Deutschland nicht ein zweites Mal "entnazifiziert", sondern überhaupt mal damit angefangen. Vorher haben die ganzen Altnazis weiter als Lehrer und Beamte die jungen Köpfe vergiftet und Menschen mit exotischer Abstammung das Leben schwer gemacht.
    Dass die Geschichtsschreibung entnazifiziert wurde, finde ich gut. Wir verdanken diesen Leuten sehr viel, die haben wenigstens mal den Versuch gemacht, diese ganzen piefigen bürgerlichen Übermenschen-Vorstellungen zu entstauben. Wir hätten heute keine nominelle Gleichberechtigung von Schwulen und Frauen ohne diese Anstöße.
    Die 68'iger waren die einzigen, die in diesem Lande seit 1848 überhaupt je ernsthaft rebellierten. Außer vielleicht den Matrosen von Kiel. Sie verdienen Respekt, auch wenn sie Fehler gemacht haben.

    5. Schiller hat nicht Riefenstahl verursacht, sondern sein Ideal des Schönen war auch ihres und dieses Ideal wurde von einem System XYZ missbraucht und so ähnlich steht das da auch.

    6. Schillers Geist käme auch beim Publikum an, wenn man eine Horde nackte, lehmbeschmierte Zweitklässer seine Texte buchstabieren ließe. Sein Ideal des "Schönen & Edlen" - warum soll es nicht für die letzten Proleten gelten? Für Körperbehinderte? Für Menschen mit psychischen Erkrankungen? Warum sind die nicht schön und edel? Oder sind sie es etwa doch?

    LG @ Schillerfans,
    101010

  5. #5
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    Hallo 101010,

    vielen Dank für Deinen "Senf"!

    Dazu möchte ich sagen, daß man Regietheater nicht mit dem modernen Theater als solchem verwechseln darf. Auch wenn rein äußerlich Gemeinsamkeiten bestehen, so ist es doch nicht dasselbe. In wikipedia finden wir zum Beispiel folgende Charakteristika des Regietheaters:

    Zu den wichtigsten Vorwürfen gegenüber einem Regisseur, die dazu führen können, dass seine Inszenierung als Regietheater bezeichnet wird, gehören die folgenden:

    * Die Inszenierung verletzt die Intentionen des Autors (im Musiktheater auch: des Komponisten). In diesem Zusammenhang werden insbesondere kritisiert: Willkürliche Zusätze und/oder Kürzungen, Verlegung der Handlung an einen anderen Ort oder in eine andere Zeit.

    * Die Inszenierung lenkt vom eigentlichen Gehalt des Werkes ab. Dieser Vorwurf ist insbesondere im Musiktheaterbereich verbreitet, wo Regisseuren gelegentlich die Ablenkung von der Musik vorgeworfen wird, kommt aber auch im Sprechtheater vor, wo er sich meist auf das Einfügen von Szenen, die nichts mit dem eigentlichen Werk zu tun haben, bezieht.

    * Die Inszenierung enthält Einlagen, die für das Werk entbehrlich sind. Kritisiert werden in diesem Zusammenhang beispielsweise das Zurschaustellen von Nacktheit oder unverhältnismäßiger Brutalität um ihrer selbst willen.
    "Modernes Theater" möchte möglicherweise den Mensch als jämmerliche, rücksichtslose, dumme oder triebhafte Kreatur darstellen, und der Regisseur handelt entsprechend. Anders beim Regietheater. Hier verfälscht der Regisseur die Intentionen des Autors, benutzt dessen Werk, um eine eigene Aussage zu kommunizieren. Und wenn den 68er Regisseuren der Geist Schillers nicht gefällt, dann machen sie ihn auf der Bühne lächerlich, entstellen ihn oder verdecken ihn durch allerlei auffällige bühnenwirksame Einfälle. Peter Stein sagt, daß das Ausland deswegen über uns lacht; er muß es wissen, warum sollte ich ihm nicht glauben?

    Zu 2. Schiller hätte nicht "Drehbücher für den Tatort" geschrieben. Idealisten verkaufen sich nicht an die Unterhaltungsindustrie.

    6. Schillers Geist käme auch beim Publikum an, wenn man eine Horde nackte, lehmbeschmierte Zweitklässer seine Texte buchstabieren ließe.
    Kann gar nicht sein, eine solche Theatervorstellung ist unerträglich.

    Sein Ideal des "Schönen & Edlen" - warum soll es nicht für die letzten Proleten gelten? Für Körperbehinderte? Für Menschen mit psychischen Erkrankungen? Warum sind die nicht schön und edel? Oder sind sie es etwa doch?
    Jeder Mensch kann aus sich selbst einen besseren machen, er muß dafür aber eine Orientierung, ein Leit- oder Vorbild haben. Ein solches stellt Schiller mit seinen Dramen auf die Bühne. Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe, Treue - all diese Ideen sind doch rein theoretischer Natur, wenn man nicht im Leben für sie einsteht. In Schillers Theater kann man auf lebendige Weise erfahren, wie das auf "höchster Ebene" geschieht. Kein "Prolet" muß ein solcher bleiben. Er bleibt es nur, wenn er keine Alternativen erfährt. Ohne Alternativen ist der Mensch unfrei.

    Mit lieben Grüßen an alle Schillerfreunde

    Friedrich

  6. #6
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    krek-krek,

    obwohl ja alle welt übers "deutsche" regietheater lacht, sind dieses jahr nach avignon u.a. peter handke und nicolas stemann eingeladen. letzterer sagte mal über das "regietheater":

    Auch ich bin ein großer "Regietheater"-Hasser! Dieser Begriff ist so unklar und unscharf, dass er zu allem und gar nichts taugt. Deshalb: Bitte, nicht schon wieder! Nicht schon wieder eine dieser leidigen Debatten, die alle drei Jahre aufblitzen und deren Gegenstand eine Schimäre namens "Regietheater" ist.

    Wenn jemand öffentlich gegen das "Regietheater" wettert, ist ihm immer und gratis Zustimmung gewiss. Das hat mit der Unschärfe des Begriffs zu tun. Keiner weiß, was damit gemeint sein soll, also kann man alles hineinprojizieren, was einen gerade so stört. Debatten über "Regietheater" sind daher nicht mehr als dumpfer Populismus.

    (...)

    Das deutschsprachige Theater wird im Ausland vielfach bewundert und geschätzt. Wir werden beneidet um die Möglichkeiten, auf hohem Niveau zu arbeiten und auch zu experimentieren.
    und nu?
    wie der zitierte wikiartikel durchaus richtig schreibt, ist regietheater ein begriff, der in den 70ern plötzlich aufgetaucht ist und mehr nicht. das, was man damit gerne umschreibt, hats nämlich eigentlich auch schon bei goethe und schiller gegeben. wenn diese und ihre freunde in weimar einen shakespeare aufführten, dann im verständnis von shakespeare im sinne der weimarer klassik. goethes "iphigenie auf tauris" ist ja auch nur eine umgeschriebene adaption der "iphigenie" von euripides. goethe reduzierte dieses stück um chor und deus ex machina, weil diese elemente nicht in sein ästhetisches bild passten. goethe hat hier also auch "regietheater" gemacht?
    peter stein hat dereinst u.a. einen kompletten faust inszeniert. diesen empfand ich als sehr, sehr lang-atmig. grund für meine langeweile: ein wichtiger aspekt aus goethes regeln für schauspieler wurde missachtet: "Der Silbenbau aber sowie die gereimten Endsilben dürfen nicht zu auffallend bezeichnet, sondern es muß der Zusammenhang beobachtet werden wie in Prosa." bruno ganz als faust hat das beherzigt. das gro der schauspieler nicht und das zerstörte sämtliche spannung. war das herrn steins ziel und deshalb am ende irgendwie auch verlachtes "regietheater"? was stein mit seiner inszenierung wollte, habe ich nicht verstanden, geschweige denn, was goethe aus sicht steins damit gewollt haben könnte.

    tatsächlich ist die gegenwärtige theaterlandschaft sehr heterogen, das heißt, dass eigentlich für jeden etwas dabei ist. der bequeme bildungsbürger müsste sich nur aus seiner chaiselongue bequemen, wie ich es tue, wenn ich ins kino gehe und einen anspruchsvollen film sehen möchte. da informiere ich mich nämlich vorher, wer den film gedreht hat und rege mich nicht erst hinterher darüber auf, dass ein roland emmerich voll nen doofen hollywoodblockbuster gemacht hat. wer in einen thalheimer oder einen castorf geht, muss eben auch mit deren inszenierungsweisen rechnen. wer autorentheater möchte, wird auch fündig.

    in diesem sinne grüße ich alle lars von trier-freunde
    kajn
    Geändert von Kajn Kokosknusper (18.04.2013 um 11:44 Uhr) Grund: tippfehler
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  7. #7
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    Hallo Kajn,

    vielen Dank für Deinen Beitrag.

    Nicolas Stemanns Kommentar zum "Regietheater" ist wieder einmal typisch dafür, wie moderne, "aufgeklärte" Theaterleute mit Kritik umgehen.

    - Zuerst ist der Begriff (Regietheater) unscharf. Keiner weiß genau, was damit gemeint ist.
    - Dann ist man der Debatte überdrüssig. Immer wieder dasselbe, wie langweilig!
    - Zuletzt kommt die Kritik aus der "falschen Ecke". Der Kritiker hat gar keine eigene Meinung, er greift nur die des dummen Volkes (populus) auf und ist sich dessen Zustimmung gewiß. Kritiker des "Regietheaters" sind "Populisten". (In der Politik sind "Populisten" gefährlich, sie gelten als mehr oder weniger "rechtsextrem", sie sind "Rattenfänger" oder "Lumpensammler").

    Das eigentliche Thema wird dabei verschleiert, und die Kritisierten müssen sich mit der Sache nicht mehr auseinandersetzen. Dabei sollte es doch jedem einleuchten, was mit "Regietheater" gemeint ist, wenn man statt Scheingefechte um Begriffsdeutungen einen konkreten Beispielfall heranzieht. (Dies ist auch meistens der Fall).

    Schiller schrieb "Die Jungfrau von Orleans" als Antwort auf Voltaires Satire La Pucelle d'Orléans, in der er Johanna lächerlich macht, sie selbst und ihre Umwelt als triebgesteuert beschreibt. Schiller hat mit seinem Stück Johanna nicht nur rehabiltiert, sondern - wie ich meine - entscheidend dazu beigetragen, daß sie in Frankreich als Nationalheilige entdeckt wurde. Wenn das Regietheater Schillers Rehabilitation Johannas umkehrt und sie wieder in den Dreck zerrt, womöglich schlimmer noch als Voltaire, so kann das doch nicht rechtens sein und die Empörung all derer, die Schiller kennen und Johanna lieben, ist verständlich. Und dann kommt die Antwort seitens des Regietheaters, daß doch alles Regietheater ist, schon allein dadurch, daß es einen Regisseur und ein Theater gibt. Wer will da noch unterscheiden, was rechtens ist und was nicht? Alles ist Geschmackssache! Alles ist der Mode der Zeit unterworfen! Wer darf einem Regisseur vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat?

    Bestärkt wird diese Gesinnung von der Filmindustrie in Hollywood. Dort ist der Regisseur bei weitem bedeutsamer als der Drehbuchautor. Der Regisseur wird berühmt, der "Scriptwriter" erscheint im Vorspann des Films. Nur Film und (klassisches) Theater sind nicht dasselbe, und in letzterem ist der Dichter wichtiger als der Regisseur. Das Theater ist das Forum des Dichters, und genauso wenig wie man in seine gedruckte Werke "korrigierend" eingreifen darf, sollte man dies auf der Bühne tun.

    Schiller ist in gewisser Weise ein Antipode der französischen Aufklärung. Er ist genau der deutsche Geistesmensch, den Voltaire in seinem "Candide" attackiert und lächerlich macht. Voltaire kritisiert den "deutschen Optimismus", das "kindlich reine" Gemüt mit all seiner Liebe zur Welt und seinem Gott- und Menschvertrauen. (Näheres hierzu findest Du in meinem Beitrag Voltaires Candide - französische Aufklärung gegen deutschen Optimismus.) Wenn Regisseure nun Schillers "Optimismus" nicht gelten lassen und seine Werke im Sinne des "Aufklärers" Voltaire inszenieren, so ist dies nicht nur eine Umkehrung seiner Intentionen, sondern zudem auch noch eine Art "aufgeklärte" Umerziehung des Volkes, das diesen Schiller liebt. Möglicherweise zeiht man text- und sinngetreue Regisseure auch des "Populismus".

    Liebe Grüße

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (19.04.2013 um 00:30 Uhr)

  8. #8
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    Das eigentliche Thema wird dabei verschleiert, und die Kritisierten müssen sich mit der Sache nicht mehr auseinandersetzen.
    stemann setzt sich im weiteren verlauf des oben verlinkten artikels sehr ausführlich mit dem thema auseinander und fordert selbst eine debatte. u.a. klärt stemann dich dort darüber auf, dass die heute populärsten wetterer gegen das regietheater - wie peter stein - linke alt68er sind.
    die größte häme gegen thalheimers woyzeck-inszenierung kam seinerzeit auch aus linken kreisen.
    Dabei sollte es doch jedem einleuchten, was mit "Regietheater" gemeint ist, wenn man statt Scheingefechte um Begriffsdeutungen einen konkreten Beispielfall heranzieht. (Dies ist auch meistens der Fall).

    Schiller schrieb "Die Jungfrau von Orleans" als Antwort auf Voltaires Satire La Pucelle d'Orléans, in der er Johanna lächerlich macht, sie selbst und ihre Umwelt als triebgesteuert beschreibt. Schiller hat mit seinem Stück Johanna nicht nur rehabiltiert, sondern - wie ich meine - entscheidend dazu beigetragen, daß sie in Frankreich als Nationalheilige entdeckt wurde. Wenn das Regietheater Schillers Rehabilitation Johannas umkehrt und sie wieder in den Dreck zerrt, womöglich schlimmer noch als Voltaire, so kann das doch nicht rechtens sein und die Empörung all derer, die Schiller kennen und Johanna lieben, ist verständlich. Und dann kommt die Antwort seitens des Regietheaters, daß doch alles Regietheater ist, schon allein dadurch, daß es einen Regisseur und ein Theater gibt.
    und wo ist hier jetzt der "konkrete beispielfall"?
    Das Theater ist das Forum des Dichters, und genauso wenig wie man in seine gedruckte Werke "korrigierend" eingreifen darf, sollte man dies auf der Bühne tun.
    klassische texte werden in aller regelmäßigkeit bzgl. der rechtschreibung modernisiert, weil der moderne mensch sonst verständnisschwierigkeiten bekommt. auch vielen regisseuren, denen "regietheater" angelastet wird, ist es ein besonderes anliegen, dass deren zeitgenossen einen leichteren zugang zum text bekommen. eine positive kritik in diese richtung habe ich über thalheimers inszenierung gelesen. denn nur weil ich maria stuart ätzend finde, heißt das nicht, dass der doofe thalheimer das ebenso empfindet.
    Bestärkt wird diese Gesinnung von der Filmindustrie in Hollywood. Dort ist der Regisseur bei weitem bedeutsamer als der Drehbuchautor.
    für das, was häufig als regietheater gebranntmarkt wird, benutzen wir theaterwissenschaftler gerne den begriff "postdramatisches theater". konventionelles hollywoodkino hingegen ist dramatisches schauspiel. drehbuchautoren sind dort zulieferer einer unterhaltungsindustrie, die in ihrer schule ganz viel aristoteles, shakespeare und schiller rezipieren, weil der klassische aufbau und die fallhöhe des konventionellen dramas unterhaltung und finanziellen erfolg versprechen. deren heldInnen durchlaufen oft ähnliche stadien hin zur einsichtigen, moralischen läuterung, die maria stuart durchläuft. doch im gegensatz zu schiller, der noch eigenständige und in seiner zeit progressive ideen hatte, sind diese autoren in erster linie handwerker, die auftragsarbeiten erledigen, schablonen ausmalen.
    postdramatisches theater hingegen bricht dramatische strukturen auf, deshalb ists auch postdramatisch. grund für ein solches theater kann sein, dass ein postdramatischer theatermacher davon ausgeht, dass ein rezipient durch die ständige wiederholung dramatischer schablonen seelisch und/oder intellektuell verstumpft ist und daher neue blickwinkel und ausdrucksformen braucht, um wieder karthatische effekte zu erleben und dadurch an das wesentliche der künstlerischen idee des dichters zu gelangen. (wohlgemerkt, dies ist ein KANN und gilt daher nicht für alle postdramatischen theatermacher).
    und es gibt postdramatische autoren, die mit sogenannten regietheaterregisseuren zusammenarbeiten und die meist aus der gleichen richtung attackiert werden, u.a.: jellinek, handke, kane, ravenhill. deren kontroverse stücke werden überhaupt erst durch inszenierung ihrer stücke bekannt. these von kajn: gerade das regietheater auch in seiner kontroversität erhält uns die echten dichter am leben.

    lg
    kajn
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  9. #9
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    Mal wieder ein bisschen Senf von mir.

    Nicht nur in Hollywood, sondern überall und auch und gerade beim Independentfilm oder Experimentalfilm ist der Autor eine Schreibmaschine, der froh sein muss, wenn man wenigstens seinen Namen unter "Dramaturgische Beratung" richtig buchstabiert und ihm eine Einladung zur Teampremiere schickt. Es ist momentan eben einfach eine Zeitgeisterscheinung, dass der *Dirigent* alles ist und der *Komponist* nichts.
    Diese Respektlosigkeit erweist man natürlich auch Leuten, die schon tot sind. Der Regisseur allein ist der große Künstler, alle anderen sind Handwerker.

    Statt darüber zu jammern, sollte man das aber doch als "historische Chance" (welch ausgelutschte Floskel!) begreifen. Ich meine, man soll das Positive sehen.
    Der Interpret steht im Rampenlicht. Warum steht er da? Nun ja, er ist der Sack, der sich dank seines unglaublich aufgeblasenen Selbstbewusstseins eben da hin gestellt hat. Er will uns was sagen. Okay, hören wir es uns an.
    Wir alle kennen doch Schiller, wie wir auch alle (zum Beispiel) das Lied "am Brunnen vor dem Tore" kennen. Jetzt kommt irgendein Schmock und meint, er muss "Am Brunnen vor dem Tore als Punk-Song herausbringen. Und ich kaufe mir die CD und höre sie mir an und denke entweder: 'Das passt überhaupt nicht zu Punk' oder ich denke: 'Cool, das passt ja voll in meine Zeit und zu meinen Lebensproblemen!'
    Ich würde mir doch auf keinen Fall eine Klassik-CD kaufen mit einem Lied, das ich schon in dreihundert Versionen kenne, ich will was Neues. Was Modernes. Meinetwegen Punk oder Elekto-Techno-Experimental-Crossover-Reggae-Minimal.

    Das genau ist Sinn und Zweck des Interpretentums und vielleicht sollte man "Regietheater" unter diesem Aspekt sehen.
    Ich kenne das übrigens gar nicht als abwertenden Begriff, sondern mehr als Sparte, aber ich bin auch kein Theaterwissenschaftler.

    LG, 101010

  10. #10
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    Hallo Kajn und Dreigroschenopa,

    da soll noch einer sagen, dieses Forum sei "tot"! Eine intelligente Diskussion über das zeitgenössische Regietheater und die Filmindustrie und zeitweise täglich an die 50 Leser, die sich für das Thema interessieren!

    Es sieht so aus, als sei der Regisseur wichtiger als der Dichter, wichtiger als der Drehbuchautor in der Filmindustrie allemal. Warum sollte man seine künstlerische Freiheit einschränken, zumal er doch zumeist im Auftrag anderer handelt und für diese Geld machen und Ansehen verschaffen soll? Das Theater ist für den Dichter eine Möglichkeit, seine Kunst und seinen Geist in lebendiger Weise einem Publikum vor Augen zu führen. Der Regisseur ist dabei Interpret bzw. Vermittler. Jeder Interpret wie auch jeder Dolmetscher oder Übersetzer eines Werkes sollte möglichst "bescheiden" sein und wahrheitsgetreu "vermitteln". Damit läßt sich heutzutage aber kein Staat mehr machen, man kommt damit nicht mehr in die Zeitung und wenn, dann ohne größeres Lob von Seiten der etablierten Theaterszene und den entsprechenden Kritikern.

    Wäre ich Schiller, so sähe ich meine Werke lieber öffentlich verbrannt, als in einem modernen Regietheater derart verunstaltet. Beim öffentlichen Verbrennen wüßte man zumindest, daß der Geist des Werkes dem Zeitgeist mißfällt, beim Regietheater wird er einfach diesem angeglichen und damit eliminiert.

    Ob man moderne Dramatiker wie Brecht, Becket, Ionesco oder Pinter mag oder nicht, spielt dabei eigentlich gar keine Rolle. Man würde ihnen als Theaterregisseur unrecht tun, wollte man ihre Werke als rührselige Heimatschnulze oder als billige Slapstick Comedy aufführen. Die Möglichkeit ist sicher vorhanden, es liegt doch nur an dem Ideenreichtum des Regisseurs. Geht es allein um den Regisseur, wird ohnehin alles eingeebnet.

    Und wozu Dichter in dürftiger Zeit? (Hölderlin, Brod und Wein)

    Mit lieben Grüßen

    Friedrich

  11. #11
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    Hallo.

    Jeder Interpret wie auch jeder Dolmetscher oder Übersetzer eines Werkes sollte möglichst "bescheiden" sein und wahrheitsgetreu "vermitteln".
    Sollte man denken, aber ein Regisseur ist ein bisschen mehr als ein Übersetzer. Und selbst ein Übersetzer kann mehr sein als ein Übersetzer. Wer sich mal an einer Nachdichtung versucht hat, weiß, dass mehr dazu gehört als Sprachkenntnisse. Man muss mindestens so sprachgewandt sein wie der Dichter, auch das erfordert Kreativität. Obendrein arbeitet man im eng gesteckten Rahmen des Sinngehalts.
    Der Regisseur ist die Person, die Ahnung haben muss von allen anderen Gewerken, er ist sozusagen der künstlerische Leiter. Er muss sich mit Lichttechnik auseinandersetzen, mit Schauspielführung, mit Kostümen, Kulissen, Musik.

    Dass man dem Schöpfer des Werkes so viel Aufmerksamkeit schenkt, ist in unserem Denken traditionell verhaftet.
    Ich stelle jetzt mal die provokante Frage, ob das eigentlich so überhaupt angemessen ist.
    Jeder kennt das Lied "Ganz in Weiß" von Roy Black. Niemand weiß, wer es geschrieben hat. Das war ein Mann namens Kurt Hertha, den keine Sau kennt und der ohne Roy Black oder Chris Roberts vermutlich nicht mal einen Wikipedia-Eintrag hätte. Seine "Gedichte" wären im Selbstverlag veröffentlicht worden (Auflage 300 Stück) und schon längst verschimmelt.
    Stattdessen kennt nun jeder seine Texte und wird sie auch in 100 Jahren noch kennen. Dank der Interpreten, dieser verhaltensgestörten Menschen, die so gern im Rampenlicht stehen.

    Apropos Rampensau. Neulich fragte mich einer, ob ich den neuen Film von Tom Cruise kenne. Ich dachte, er hätte Regie geführt. Hat er aber nicht, er hat produziert und die Hauptrolle gespielt. Das Drehbuch hat der Regisseur geschrieben, ein gewisser Christopher McQuarrie. Kennt den einer?
    Vermutlich nicht.
    Im Kopf von Otto Normal ist der Film von Tom Cruise, weil Cruise die Hauptrolle spielt. Alle Leute hinter der Kamera werden überhaupt nicht wahrgenommen.
    Insofern hat der Regietheaterregisseur noch Glück gehabt, dass überhaupt irgendein Hahn nach ihm kräht.

    Im Prinzip wird ja ein Unterhaltungs-Produkt hergestellt, das verkauft wird. Dazu braucht man u.A. eine Marke.
    "Schiller" ist eine, die man kostenlos haben kann. Dann gibt es Stars, die das Publikum liebt. Bestimmte Schauspieler oder auch Regisseure, die man kennt. Wenn man jetzt keinen Schiller zur Hand hat, sondern einen Typen namens meinetwegen Thomas Schmidt oder Christian Müller, dann muss man damit keine Werbung machen.
    Erstens kennt den keiner und zweitens heißt jeder dritte so. Wenn der Name des Dichters nicht verkaufsfördernd ist - wozu ihn erwähnen? Willkommen im Kapitalismus.

    Ob ein Dichter nun dichtet oder nicht angesichts des Systems, in dem er lebt, hängt davon ab, was für eine Art Mensch er ist und ob er Idealist ist. Vermutlich wird ein echter Dichter trotzdem dichten und weil er von irgendwas leben muss, wird er sich vielleicht sogar an das System verkaufen. Schiller hatte Freunde, die ihn finanziell unterstützt haben. Sonst hätte er vielleicht wirklich Tatorte geschrieben. Immerhin kennt man ihn dann wenigstens branchenintern, man kann ganz gut davon leben, man kann etwas Sozialkritik anbringen und es ist nicht GZSZ.

    Jetzt zurück zum eigentlichen Thema: Was Schiller wohl davon gehalten hätte, wenn man ihm die Inszenierung von Thalheimer gezeigt hätte, der im Prinzip ja den Text nur als Dekoration seiner nonverbalen Interpretation benutzt, wenn ich das richtig verstanden habe.
    Vorausgesetzt, Schiller weiß, dass er heutzutage so eine Art Dichtergott ist, dessen Texte sowieso jeder kennt und vorausgesetzt, er weiß, was sich in den letzten 200 Jahren alles ereignet hat und außerdem, in was für einer Zeit wir heute leben, dann würde er vielleicht selbst seine Stücke genau wie Thalheimer inszenieren (wenn man ihn lassen würde) oder vieleicht würde er T.s Inszenierung mögen, weil das so unkonventionell ist.
    Vielleicht würde er es auch total Scheiße finden, aber eigentlich war Schiller doch eher ein Mensch, der sich für gesellschaftliche Veränderungen begeistern konnte. Ich halte ihn für nicht besonders konservativ oder brav. Sein Idealismus ist m.E. nicht Ausdruck von Biederkeit, sondern von Weltverbesserungsdrang.

    LG, 101010

  12. #12
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    Das Drehbuch hat der Regisseur geschrieben, ein gewisser Christopher McQuarrie. Kennt den einer?
    nö, ebensowenig wie die regisseure von harry potter, fluch der karibik und all jener star wars-filme, bei denen nicht george lucas selbst regie geführt hat.
    Insofern hat der Regietheaterregisseur noch Glück gehabt, dass überhaupt irgendein Hahn nach ihm kräht.
    ich stelle mal folgende frage: wer kennt denn bert brecht noch als den skandalumwitterten regisseur nicht nur seiner eigenen stücke, der er in den 20ern war? an thalheimer, stemann und stein und co. wird in zweihundert jahren auch kein hahn mehr groß krähen, außer sie schreiben bedeutende theatertheoretische schriften, die für lit.- und theaterwissenschaftler dann noch von besonderem interesse sind. an steven spielberg und george lucas hingegen wird man sich vielleicht erinnern wie man hitchcock, chaplin und walt disney gemahnt. das hat mit dem medium film zu tun, das man konservieren kann. vermutlich wird man sich in 200 jahren auch an joanne k. rowling, stanislaw lem und phillip k. dick erinnern. gerade letzterer autor ist dadurch erst zu größerer bekanntheit gelangt, dass viele science fiction-regisseure auf seine vorlagen zurückgegriffen haben. wohlgemerkt: auf seine vorlagen.
    damit bin ich dann auch wieder bei schiller.
    dass man heute vieles anders in einer verfilmung von älteren scifi-romanen darstellt, hat u.a. ja nicht nur den grund, dass man das publikum in erster linie unterhalten will, sondern dass man heute auch mehr über den weltraum und die robotik weiß. ich habe - um ein für mich aktuelles beispiel heranzuziehen - letztens mal wieder h. p. lovecraft gelesen und würde es sehr befremdlich finden, täte man heute in einem film den andromeda-nebel als ein galaktisches monster darstellen, wie lovecraft solche nebel in seiner zeit interpretiert hat. ebenso muss man auch schiller in seiner zeit als einen autor betrachten, der historische tatsachen und gegebenheiten auf seine weise interpretiert hat. sehr zentral ist ja bei ihm das motiv: was wäre, wenn maria und elisabeth sich begegnet wären? damals durfte schiller sowas als historiker durchaus noch fragen. damals durfte er sowas noch idealisieren. heute würde ein seriöser historiker sich dafür an den kopf fassen und schiller fragen, ob dieser sich nicht das falsche steckenpferd ausgesucht hat.
    nun habe ich besagte thalheimer-inszenierung nicht gesehen, aber aus den rezensionen geht recht übereinstimmend hervor, dass thalheimer ein anderes thema in den focus rückt: ideal und wirklichkeit von macht, authentizität von macht. und dass er darin beide figuren auf die gleiche ebene hebt, aus beiden gefangene macht. da interpretiert thalheimer meines erachtens auch nichts in schillers werk hinein (was ein häufiger vorwurf gegen das regietheater ist), sondern zieht genau das thema aus maria stuart heraus, das zeitlos ist und das schillers werk auch heute noch relevant macht. dass elisabeth clowneske züge trägt, lässt mich dabei an die laut forbes-magazine derzeit mächtigste frau der welt denken, die für ihre kälte und zugeknöpftheit bekannt ist und nicht nur frauen (aktuell ja sehr brisant) sondern auch männer aus den näheren reihen abschlachten lässt (symbolisch natürlich).
    Jetzt zurück zum eigentlichen Thema: Was Schiller wohl davon gehalten hätte, wenn man ihm die Inszenierung von Thalheimer gezeigt hätte, der im Prinzip ja den Text nur als Dekoration seiner nonverbalen Interpretation benutzt, wenn ich das richtig verstanden habe.
    Vorausgesetzt, Schiller weiß, dass er heutzutage so eine Art Dichtergott ist, dessen Texte sowieso jeder kennt und vorausgesetzt, er weiß, was sich in den letzten 200 Jahren alles ereignet hat und außerdem, in was für einer Zeit wir heute leben, dann würde er vielleicht selbst seine Stücke genau wie Thalheimer inszenieren (wenn man ihn lassen würde) oder vieleicht würde er T.s Inszenierung mögen, weil das so unkonventionell ist.
    Vielleicht würde er es auch total Scheiße finden, aber eigentlich war Schiller doch eher ein Mensch, der sich für gesellschaftliche Veränderungen begeistern konnte. Ich halte ihn für nicht besonders konservativ oder brav. Sein Idealismus ist m.E. nicht Ausdruck von Biederkeit, sondern von Weltverbesserungsdrang.
    zum glück sind wir ja hier keine historiker und dürfen die "was wäre wenn"-frage stellen und da stimme ich dem zu. ich glaube, dass er schon allein erstaunt sein wird, wie viele seiner zeitgenossen er ideel überlebt hat und dass man ihn heute noch spielen kann. er wird erstaunt sein, dass er heute bekannter ist als gottschedt, kloppstock und aischylos. und vor allem bekannter, als der ganze moralinsaure aufklärungsmainstream, der damals sehr populär war und ernstgenommen wurde und den wir heute als billigsten trash bezeichnen würden.

    lg
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

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