Thema: Das Pantum

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    Das Pantum

    Das Pantum
    (malaiische Gedichtform mit vierzeiligen, kreuzweise gereimten Strophen)




    1. Zu diesem Faden
    2. Ursprünge des Pantums
    3. Einflüsse und Einzug in die europäische Dichtung
    4. Formales
    5. Beispieltexte
    6. Quellen





    1. Zu diesem Faden

    Das Pantum erfreut sich als Gedichtform in der Welt der Literaturforen immer größerer Beliebtheit - Grund genug, ihm hier endlich einen eigenen Faden zu widmen, in dem ich damit beginnen will, kurz die Ursprünge dieser Form zu beleuchten und herauszustellen, welche unterschiedlichen Einflüssen das Pantum geprägt haben und wie es schließlich Einzug in die europäische Dichtung erhielt.
    Anschließend sollen die charakteristischen formalen Aspekte des Pantums aufgezeigt, erläutert und anhand von Textbeispielen veranschaulicht werden.





    2. Ursprünge des Pantums

    Beim Pantum (auch Pantun oder Pantoun) handelt es sich um eine Gedichtform malaiischen Ursprungs, die in mündlicher Tradition ursprünglich von wandernden Sängern vorgetragen wurde.
    Diese rezitierten Passagen eines Textes in wechsel- oder gegengesangartiger Weise doppelt, nicht nur, um der Unaufmerksamkeit der Zuhörer entgegenzuwirken, sondern auch, um den eigenen Einfallsreichtum und das Gedächtnis nicht überstrapazieren zu müssen.

    Die tradititonelle malaiische Dichtkunst zeichnete sich hautpsächlich durch rhythmische vers libre, die älteste und geläufigste Form, aus und diente der Unterhaltung oder Aufzeichnung von Geschichte und Gesetzestexten.
    Das Pantum gilt hierbei als die höchste Gedichtform, die schriftlich erstmals ab dem 15. Jahrhundert in den „malaiischen Annalen“, einer literarischen Arbeit, die einen Zeitraum von 600 Jahren aufzeichnet, belegt werden kann.





    3. Einflüsse und Einzug in die europäische Dichtung

    Grundlage für die Form des Pantums scheint der indische Shloka zu sein, eine vierzeilige Strophe, in der ein achtsilbiger Vers im jambischen Schema viermal wiederholt wird. Wie beim Shloka können sich auch im malaiischen Quartett alle vier Verse aufeinander reimen, in der Regel reimt sich aber lediglich der erste Vers auf den dritten und der zweite Vers auf den vierten.

    Auch die chinesische Ode scheint das Pantum beeinfusst zu haben, da bei beide in den ersten Versen zunächst ein Bild aus der Natur oder ein populäres Ereignis beschrieben werden soll.

    Im 19. Jahrhundert wurde das Pantum schließlich vom französischen Orientalisten Ernest Fouinet in die europäische Dichtung eingeführt. Mit Victor Hugo, der diese Form in seinem Gedichtband „Die Orientalen“ verwendete, erlangte das Pantum schlussendlich Bekanntheit. Weitere französische Dichter, die diese Form nutzten, waren Théodore de Banville, Louisa Siefert, Leconte de Lisle und zuletzt, mit deutlichen Variationen, Charles Baudelaire; englische Dichter waren unter anderem Austin Dobson und Brander Matthews.

    Trotz seines orientalischen Ursprungs und seiner relativ späten westlichen Adaption wird das Pantum oft in die Reihe älterer französischer Formen wie dem Rondeau, dem Triolett, der Ballade und der Villanelle gesetzt.





    4. Formales

    Nun zum wesentlichen Teil dieses Fadens, den Formalia des Pantums in seiner europäischen Adaption.
    Das herausragendste Merkmal des Pantums ist, dass es praktisch aus beliebig vielen Strophen bestehen kann. Wie bereits weiter oben erwähnt, besteht jede Strophe aus vier Versen, die sich auch heute noch zumeist aus vierhebigen Jamben zusammensetzt. Das Versmaß ist an sich aber variabel, es ist also auch möglich, einen fünfhebigen Trochäus oder Daktylus zu benutzen. Wichtig ist nur, innerhalb eines Pantums ein durchgängiges Versmaß zu verwenden. Auch die Reime sollen nicht fehlen und so schließt jeder Vers mit einem Endreim ab, der im Kreuzreimschema angeordnet ist.

    Eine weitere Besonderheit ist die weiter oben kurz erwähnte Wiederholung der Verse. Ein Pantum mit vier Strophen hat aufgrund dieser Wiederolungen praktisch nur 8 unterschiedliche Verse.
    Hierbei ist zu beachten, dass der zweite und vierte Vers jeden Quartetts als erster und dritter Vers des Folgequartetts wieder auftaucht. Dieser Vorgang wiederholt sich bis zum letzten Quartett, in dem der letzte Vers nunmehr die Wiederholung des ersten Verses im ersten Quartett und der zweite Vers die Wiederholung des dritten Verses im ersten Quartett ist. Der erste Vers des Gedichtes ist also gleichzeitig auch sein letzter Vers.
    Dies mag zunächst verwirrend klingen, sollte aber anhand der folgenden farblichen Darstellung recht einleuchtend sein:
    Zitat Zitat von Nachteule Beitrag anzeigen
    1. Ich will für immer bei dir sein
    2. Und Seit an Seit verliebt vertun.
    3. Ich will auch nimmer ganz allein
    4. Und unter Leid verendet ruhn.

    2. Und Seit an Seit verliebt vertun -
    5. ist‘s besser als der ganze Rest?
    4. Und unter Leid verendet ruhn -
    6. ist‘s schlimm? Fast Balzers schwarze Pest?

    5. Ist’s besser als der ganze Rest,
    7. Wenn du doch nicht hier bei mir bist?
    6. Ist‘s schlimm, fast Balzers schwarze Pest?
    8. So schaffe Licht, mir wird’s sonst trist.

    7. Wenn du doch nicht hier bei mir bist
    3. - Ich bin auch nimmer ganz allein -
    8. So schaffe Licht - mir wird’s sonst trist!
    1. Ich will für immer bei dir sein!
    (Pantum mit 4 Strophen im 4hebigen Jambus)

    Eine letzte formale Vorgabe des Pantums wäre der bereits erwähnte thematische Bezug zur Natur (oder einem prominenten Ereignis) in den ersten beiden Versen, sowie eines Gefühlsausdrucks in den folgenden zwei Versen. Ich persönlich würde hier aber nicht allzu regelbesessen sein, da der wesentliche Aspekt des Pantums seine zyklische Gestaltung ist, die für noch viel mehr Themen interessante Bearbeitungsmöglichkeiten bietet.





    5. Beispieltexte

    Zitat Zitat von Farbkreis Beitrag anzeigen
    Ich suche dich ich will dich sehen
    So zeig dich bitte komm hervor
    Aus sonnenlosem Zeitgeschehen
    Entführe mich durchs Nebeltor

    So zeig dich bitte komm hervor
    Erhelle mich in meinem Leibe
    Entführe mich durchs Nebeltor
    Erwecke mich zum Leben bleibe

    Erhelle mich in meinem Leibe
    Mit deinem heißen Sonnenpfeil
    Erwecke mich zum Leben bleibe
    Verknote mich am festen Seil

    Mit deinem heißen Sonnenpfeil
    Aus sonnenlosem Zeitgeschehen
    Verknote mich am festen Seil
    Ich suche dich ich will dich sehen
    (Pantum mit 4 Strophen im 4hebigen Jambus)


    Zitat Zitat von Anti Chris. Beitrag anzeigen

    Wenn du mir meine Stimme nimmst und nichts mehr bleibt
    als Meeresrauschen, bist du aus dem Blau gegangen.
    Dein Algenhaar, das Salz in meine Augen treibt,
    umspielt im Auf und Ab der Wellen deine Wangen.

    Als Meeresrauschen bist du aus dem Blau gegangen,
    du schaumbekrönte Schönheit, Kind vom Meer, und Wind
    umspielt im Auf und Ab der Wellen deine Wangen,
    ein Schritt nur bei den Klippen, bis wir ewig sind.

    Du schaumbekrönte Schönheit, Kind vom Meer und Wind,
    ich will nur deine Perlenlippen, mein Verderben,
    ein Schritt nur bei den Klippen, bis wir ewig sind,
    du bist so schön, Gefährliche, ich könnte sterben.

    Ich will nur deine Perlenlippen, mein Verderben,
    dein Algenhaar, das Salz in meine Augen treibt.
    Du bist so schön, Gefährliche, ich könnte sterben,
    wenn du mir meine Stimme nimmst und nichts mehr bleibt.
    (Pantum mit 4 Strophen im 6hebigen Jambus)


    Zitat Zitat von Jazemel Beitrag anzeigen


    Mein, ist dein wildes Tintenhaar / es liegt so weich in meiner festen Hand,
    dein zartes, helles Wangenrund / bestickt, mit Fingerspur und Wundenrand.
    Mein, ist dein schwarzes Augenpaar / sag mir, hat Liebe deinen Blick gebannt?
    Dein voller, purer Wintermund / den Lohekuss, hab ich dort eingebrannt.

    Dein zartes, helles Wangenrund / bestickt, mit Fingerspur und Wundenrand,
    liebkose ich mit Dolch und Lust / labe mich - wie toll - am roten Band.
    Besiegle unsren Liebesbund / mit deinem warmen Herz in meiner Hand.
    Press Liebe tief aus deiner Brust / hab deinen Atem jetzt als Treuepfand.

    Liebkose dich mit Dolch und Lust / labe mich - wie toll - am roten Band,
    zieh aus Rubin und Mohn die Spur / und trenn den butterweichen Feigenrand.
    Verzeih Geliebte, doch du musst / dich treiben lassen, durch die Feuerwand,
    so teile ich die Perlenschnur / führ dich heim, zu mir - ins Schattenland.

    Zieh aus Rubin und Mohn die Spur / und trenn den butterweichen Feigenrand.
    Mein, ist dein schwarzes Augenpaar / sag mir, hat Liebe deinen Blick gebannt?
    Verzeih Geliebte, doch du musst / dich treiben lassen, durch die Feuerwand,
    mein, ist dein wildes Tintenhaar / es liegt so weich in meiner festen Hand.
    (Pantum mit 4 Strophen im 9hebigen Jambus)





    6. Quellen
    • Golpon, Renate: Portal für deutschsprachige Pantune, online in: http://www.pantun.de/, Stand: 06. März 2013.
    • Malay Poetry: Artikel in: Encyclopedia of Poetry and Poetics, Princeton, New Yersey 1965, S. 472-473.
    • Pantoum: Artikel in: ebd., S. 597.
    • Pantun, Pantoun, das: online in: http://www.duden.de/rechtschreibung/Pantun, Stand: 06. März 2013.
    Geändert von Anti Chris. (19.03.2013 um 22:03 Uhr)

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