1. #1
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    Ich brauche Hilfe bei einer Gedichtsinterpretation (Rilke)

    Liebe Gedichte.com-User,

    ich habe ein Problem mit einer Gedichtsinterpretation. Es handelt sich um ein Gedicht aus "Stundenbuch" von Rilke, und zwar genau dieses (soweit ich weiß darf ich es urheberrechtlich gesehen posten):

    Mein Leben ist nicht diese steile Stunde

    Mein Leben ist nicht diese steile Stunde,
    darin du mich so eilen siehst.
    Ich bin ein Baum vor meinem Hintergrunde,
    ich bin nur einer meiner vielen Munde
    und jener, welcher sich am frühsten schließt.

    Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen,
    die sich nur schlecht aneinander gewöhnen:
    denn der Ton Tod will sich erhöhn –

    Aber im dunklen Intervall versöhnen
    sich beide zitternd.

    Und das Lied bleibt schön.
    Ich war in der Schule eigentlich ganz gut bei solchen lyrischen Analysen, aber dieses Gedicht empfinde ich als sehr schwierig und "untypsch"... Ich kann weder die Form noch das Metrum/Rythmus herausfinden. Mittlerweile raucht mir der Kopf. Dazu kommt noch, dass mir die Aussage des Gedichts unklar ist - vermutlich ist das ein weiterer erschwerender Aspekt.

    Ich wäre euch unendlich dankbar, wenn mir jemand ein bisschen unter die Arme greifen könnte... ich bin mittlerweile echt am Verzweifeln

    Liebe Grüße
    eponah

  2. #2
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    Das Formale ist an Rilkes Gedichten (meist) ein angenehmes Analyseziel. Zunächst gilt es, das Grundversmaß zu bestimmen, um dann nach Abweichungen zu suchen. Wieviele Hebungen haben denn die meisten Zeilen? Schauen wir uns exemplarisch den 1. Vers an (fett markierte Teile sind Betonungen):

    Mein Leben ist nicht diese steile Stunde,

    Ich zähle 5 Betonungen. Da der Vers unbetont beginnt, ordne ich den Versfuß als Jambus an.
    In solchen Fällen empfiehlt sich die Skansion, als das laute Vorlesen mit übertriebener Hervorhebung der Betonung.
    Betrachten wir die gesamte Strophe, stellen wir fest, dass bis auf den 2. Vers ein fünfhebiger Jambus vorherrscht. Die Kadenzbestimmung ist dann das Sahnehäubchen auf der metrischen Betrachtung der 1. Strophe. Auch das Reimschema ist leicht festzustellen. Normalerweise ordnet man jedem Reim einen Buchstaben zu. Wäre der Reim im 1. Vers also ein a und im 2. ein b, so würde sich der Reim a im 3. und 4 Vers wiederholen, und der Reim b im 5. Somit wäre das Reimschema der 1. Strophe abaab.

    Genau so geht man in den weiteren Strophen vor. Die 2. Strophe ist metrisch schon etwas herausfordernder. Das Reimschema stellt auch im weiteren Verlauf keine große Herausforderung dar; der 10. Vers ist reimtechnisch eine Waise, wenn man denn mit Fachtermini glänzen möchte.
    Metrisch könnte man sich da auch länger streiten, wie das Schema auszusehen hat. Ich würde das so lesen (X = betonte, x = unbetonte Silbe; üblich ist ansonsten die ensprechende Darstellung mit - und U):

    Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen,
    x|X|x|Xx|Xx|Xx|Xx
    die sich nur schlecht aneinander gewöhnen:
    X|x|x|X|xxXx|xXx
    denn der Ton Tod will sich erhöhn –
    X|x|X|X|x|x|xX

    Die haargenaue Klassifizierung ist dabei nicht so wichtig, vor allem bei solchen Stellen, wo mancher auch - durchaus mit Recht - drei betonte Silben hintereinander lesen kann. Wichtiger ist es, den Bogen zur Wirkung einer solchen Gestaltung und zur Auswirkung auf die Rezeption des Inhalts zu schlagen. Ich möchte auch nicht weiter detailliert auf die Gestaltung des Textes eingehen, um nicht versehentlich jemandes Hausaufgaben zu machen.

    Was gibt es zum Inhalt zu sagen? Betrachten wir die Wortfelder, die im Text Verwendung finden. Auffällig sind: Leben - Tod, Lied - Ton, das Zeitfeld. Worum geht es? Aus meiner Sicht liefern die Verse 6 und 11 eine Möglichkeit, den Text zu verstehen (Nicht im Sinne "Was will uns der Autor damit sagen?", sondern "Was sagt der Text für mich aus?"): Das Leben, die Essenz des Lebens des lyrischen Ich steckt im Intervall, in der "Ruhe zwischen zweien Tönen", von denen einer der Tod ist. Dann wird der andere wohl die Geburt sein, der Beginn des Lebens. Und wenn beide Töne sich versöhnen, wird klar: "das Lied bleibt schön."
    Auf der Ebene der Mehrdeutigkeit kann man die Fixierung auf den Tönen, dem Lied (auch: Munde) verfolgen und einen Aspekt der Selbstreflexion, des Selbstverständnises des Lyrikers und Autors feststellen. Die Möglichkeiten sind da wahrlich groß.

    Ich hoffe, ich habe dir mit meinen Überlegungen etwas helfen können.

    mfG
    Geändert von Dr. Üppig (25.03.2013 um 03:17 Uhr)

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