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    Schiller - An die Freunde

    An die Freunde

    Lieben Freunde, es gab schön're Zeiten
    Als die unsern – das ist nicht zu streiten!
    Und ein edler Volk hat einst gelebt.
    Könnte die Geschichte davon schweigen,
    Tausend Steine würden redend zeugen,
    Die man aus dem Schoß der Erde gräbt.
    Doch es ist dahin, es ist verschwunden,
    Dieses hochbegünstigte Geschlecht.
    Wir, wir leben! Unser sind die Stunden,
    Und der Lebende hat recht.

    Freunde, es gibt glücklichere Zonen
    Als das Land, worin wir leidlich wohnen,
    Wie der weitgereiste Wandrer spricht.
    Aber hat Natur uns viel entzogen,
    War die Kunst uns freundlich doch gewogen,
    Unser Herz erwarmt an ihrem Licht.
    Will der Lorbeer hier sich nicht gewöhnen,
    Wird die Myrte unsers Winters Raub,
    Grünet doch, die Schläfe zu bekrönen,
    Uns der Rebe muntres Laub.

    Wohl von größerm Leben mag es rauschen,
    Wo vier Welten ihre Schätze tauschen,
    An der Themse, auf dem Markt der Welt.
    Tausend Schiffe landen an und gehen;
    Da ist jedes Köstliche zu sehen,
    Und es herrscht der Erde Gott, das Geld.
    Aber nicht im trüben Schlamm der Bäche,
    Der von wilden Regengüssen schwillt,
    Auf des stillen Baches ebner Fläche
    Spiegelt sich das Sonnenbild.

    Prächtiger als wir in unserm Norden
    Wohnt der Bettler an der Engelspforten,
    Denn er sieht das ewig einz’ge Rom,
    Ihn umgibt der Schönheit Glanzgewimmel,
    Und ein zweiter Himmel in den Himmel
    Steigt Sankt Peters wunderbarer Dom.
    Aber Rom in allem seinem Glanze
    Ist ein Grab nur der Vergangenheit;
    Leben duftet nur die frische Pflanze,
    Die die grüne Stunde streut.

    Größres mag sich anderswo begeben
    Als bei uns in unserm kleinen Leben,
    Neues – hat die Sonne nie gesehn.
    Sehn wir doch das Große aller Zeiten
    Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
    Sinnvoll, still an uns vorübergehn.
    Alles wiederholt sich nur im Leben,
    Ewig jung ist nur die Phantasie:
    Was sich nie und nirgend hat begeben,
    Das allein veraltet nie!




    Schillers 1802 enstandene Gedicht An die Freunde ist ein Vergleich Deutschlands mit anderen Epochen, anderen Zonen und anderen Ländern mit der Schlußfolgerung, daß es keinen Grund gibt, lieber woanders leben zu wollen als hier, denn Deutschland hat etwas, das es nirgendwo sonst (mehr) gibt: lebendige Kunst, lebendige Kultur.

    Griechenland hatte "schön're Zeiten" und ein "edler Volk", doch diese sind dahin, wohingegen wir - leben.

    Lorbeer und Myrte gedeihen in warmen Ländern ohne winterlichen Frost, in unserem wächst nur der Wein. Doch für den Dichter macht es keinen Unterschied, ob er mit Lorbeer oder mit Weinlaub bekränzt wird.

    England, vor allem London, mag wirtschaftlich bedeutsamer sein als Deutschland, doch hektische Betriebsamkeit und der Dienst am Götzen Geld sind dem Entstehen schöner Dichtung abträglich. Die Sonne spiegelt sich nur in stillem Wasser.

    Rom hat herrliche Baudenkmäler, insbesondere den Petersdom, doch sind diese nurmehr museale Zeugen prächtiger Vergangenheit, sind tot, da seit langem nichts Neues mehr entsteht. Leben duftet nur die frische Pflanze.

    Größ'res mag sich also in anderen Ländern begeben haben, doch gehört es der Vergangenheit an. Stets lebendig und daher gegenwärtig ist hingegen die Kunst des Idealismus, denn Ideen sind - wie Mathematik und Geometrie - zeitlos. Die Idee des Großen aller Zeiten kann durch die Phantasie des Dichers auf die Bühne gebracht werden. Beispiele hierfür sind Maria Stuart, Johanna von Orleans, Wilhelm Tell, sie sind als historische Gestalten seit langem tot, als "Ideen" auf der Bühne jedoch "unsterblich".

    Seit Shakespeare hat es weltweit keinen größeren Dramatiker gegeben als Friedrich Schiller - der Abstand zu jenem beträgt immerhin ca. 200 Jahre. Ist ein genialer Dramatiker von Weltgeltung, ist die deutsche Klassik mit all ihren "unsterblichen" Größen jedoch ein Grund Deutschland zu lieben?

    Können wir Schiller recht geben, daß Sprache und Dichtung wichtiger sind als all das von ihm zum Vergleich Genannte?

    Brauchen wir überhaupt (noch) eine "nationale" Identität, eine, die sich auf Sprache und Kunst gründet?

    Ist es stattdessen nicht viel einfacher und zudem "angesagter", internationale fast- und junk-Kultur via Fernsehen, Kino, Radio und Bestsellerliteratur zu konsumieren und sich als Bewohner des "global village" willkommen- und wohlzufühlen?

    Zeitlos wie Schillers Gestalten auf der Bühne sind auch seine Gedanken zu Kunst und Kultur. Mich würde interessieren, was andere Schillerfreunde bzw. Freunde deutscher Dichtung davon halten.

    Mit lieben Grüßen an alle Schillerfreunde,

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (06.04.2013 um 10:44 Uhr)

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