Thema: Die Rettung

  1. #1
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    Die Rettung

    Die Rettung

    ©Hans Hartmut Karg
    2013

    Zu mir kam er sehr gerne zum Erzählen,
    Mein Nachbar, der glaubwürdig, ernst:
    „Du kannst Dein Leben nicht erwählen,
    Selbst wenn Du es am Ende oft besternst.

    Im Achsenjahre Neunzehnhundertfünfundvierzig
    Wurden in unserm Dorfe letzte Krieger ausgehoben.
    Wir waren sechzehn, keiner dreißig, vierzig,
    Als man uns zum Appell am Dorfplatze geschoben.

    Als letztes Aufgebot waren wir ausersehen,
    Für Hitler die Soldaten aus Amerika zu stoppen.
    Deshalb erhielten Waffen wir und sollten gehen
    In derben Schuhen, Mützen – und in groben Joppen.

    Wir hörten schon den Donner in westlicher Ferne
    Und kamen abends hin zum Sammellager.
    Kein Einziger von uns marschierte gerne,
    Blass, ängstlich waren wir – und hager.

    Wir Jungen, die in Weinbergen geboren
    Und nur glückselig-edle Kindheit hatten,
    Wir waren nun unselig auserkoren
    Zu kämpfen letztlich in Diktators Schatten.

    Da kam ich Gottseidank auf jenen Trichter,
    Mit diesem meinem besten Freund zu türmen.
    Wir waren gegen Schießen, gegen Bombentrichter
    Und wollten keine Stellungen mehr stürmen.

    Wir mussten uns im Walde tief verstecken,
    Voll Angst und hungernd hingekauert.
    Wir wollten nicht mehr kämpfen, nicht verrecken,
    Nicht dorthin, wo dem Feind man hinterrücks auflauert.

    Hätte man uns beide da im Wald entdeckt,
    Hätte man uns als Fahnenflüchtige sogleich erschossen.
    So aber blieben im Walde frierend und versteckt –
    Vom Himmel hat es damals fürchterlich gegossen.

    Als wir zwei Tage später halb verhungert
    An einer Bauernpforte ängstlich klopften,
    Erschraken jene, weil wir da herumgelungert,
    Auf Trinken, Nahrung und auf Hilfe hofften.

    Die Bauern hatten längst von unserer Flucht gehört
    Und brachten uns recht eilig zum Heuboden,
    Denn unser Leben war ja keinen Kreuzer wert,
    Man hätte uns erschossen und verscharrt im Boden.

    So aber wurden wir versteckt und außerordentlich gerettet,
    Mit Essen, Trinken, Eimern und mit Decken gern versorgt.
    Wir haben unseren Körper räkelnd auf duftendes Heu gebettet
    Und alles hat man uns zu unserer Rettung gut besorgt.

    Als dann der Spuk aus und der Krieg zuende,
    Da konnten wir als Flüchtlinge endlich nach Hause.
    Das war für uns die allerbeste Zeitenwende –
    Und endlich gab es wieder Elternhaus und Brause.

    Doch unsre große Freude kehrte sich in Trauer,
    Als wir im eigenen Dorfe bald erfahren hatten,
    Dass da so mancher allerliebste Bauer
    Zurück bekommen seinen Sohn – nur zum Bestatten.

    Kein Einziger von unsern Freunden hatte überlebt,
    Erschossen hat man sie im Irrsinnskriege alle.
    Wo Krieg und Unfreiheit nur Zwang bewegt,
    Da führen Ideale direkt in die Todesfalle.“

    *

  2. #2
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    Zuerst habe ich mich gewundert, weil ich ja aus der Wiki (da ist übrigens ein Tippfehler bei "weil nterhalterische") weiß, dass du Jahrgang '47 bist. Dann klingelte es bei mir und ich verstand, dass der alte Nachbar die Geschichte erzählt.
    Dieser Übergang von "er" zum "ich" ist also nicht gut gelungen. Ich verstand es erst so, dass beide, das LI und der Alte, ehemalige Kameraden sind.
    Es ist zwar durch die Anführungszeichen gekennzeichnet, aber inhaltlich werde ich durch das "besternst" verwirrt. Ich denke, eine wörtliche Rede muss man anders einleiten. "und dann erzählte er aus seinem Leben:..."

    Ansonsten kam ich nicht wirklich in die Geschichte rein. Wie fast immer bei deinen Balladen störte mich die handwerklich ungenügende Metrik, die grammatikalischen Verdrehungen, die erzwungen wirkenden Reime und das Fehlen eines Versmaßes. "So aber blieben im Walde frierend und versteckt" ist zum Beispiel ein Satz ohne Subjekt und als Nebensatz fehlt ihm der Hauptsatz. Trichter und Bombentrichter sind kein Reimpaar. Bei "Wo Krieg und Unfreiheit nur Zwang bewegt" muss das Verb in den Plural.

    Auch hier wieder der Vorschlag, den Stoff als Kurzgeschichte umzusetzen, aber dann aus der Ich-Perspektive.
    Das LI ist natürlich nicht mit dem Autor identisch, David Bowie (übrigens auch '47) ist kein Astronaut und Astrid Lindgren ist kein kleiner Junge. Man muss nicht immer rechtfertigen oder erklären, woher man eine Geschichte hat, die man selbst nicht erlebt haben kann. Man kann sich Sachen ausdenken oder erzählen lassen.

    LG, 101010

  3. #3
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    Re: Die Rettung

    Liebe 101010,
    ich schreibe weder Novellen noch Kurzgeschichten, auch künftig nicht.
    Die meisten Leserinnen und Leser sind übrigens gut in mein Gedicht "hineingekommen".
    Was meine Gedichte anbelangt, so versuche ich mit dem Durchbrechen der Metrik und
    mit der Erweiterung der Sprache die Grenzen der Dichtkunst hinauszuschieben und ihr
    so größere Sprachräume zu erschließen. Manche haben das längst begriffen.
    Herzliche Grüße H. H. Karg

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