1. #1
    Jazemel Guest

    Autist im Kolibri




    "Heute sind wir zum vierten Mal gestorben", sagte ich zu dem Vampir und setzte mich zu ihm auf das Dach.
    Die Schindeln waren eiskalt und meine Finger wurden ganz klamm in der kurzen Zeit, die ich brauchte um mich abzustützen, bis ich sicher auf dem schrägen Dach saß.
    "Ja, ich weiß", antworte er nur und sah zu, wie das brennde Zündholz einen kleinen leuchtenden Bogen beschrieb, bevor es verlöschte und auf das Kopfsteinpflaster fiel.

    "Der Tag hatte schon am Morgen so eine komische Farbe - Stadttaube mit Mehlspritzer - hat zu den seltsamen Gefühl gepasst, dass ich nach dem Aufstehen hatte", sagte ich und sah dem Rauch der Zigarette hinterher, der sich in den Nachthimmel kringelte.
    "Und jetzt?"
    "Jetzt trägt er Assassinenrobe mit verlorenen Shuriken".
    "Hmm, kommt hin", stimmte er zu, nahm mir die Zigarette aus der Hand und einen tiefen Zug.

    "Du musst mich gehen lassen", sagte er dann leise und eindringlich, während er die Shuriken betrachtete.
    "Muss ich?"
    "Ja, musst du, denn den fünften Tod stirbst du alleine."
    Ich wusste er hatte recht. Und ich wusste auch, dass ich nur einen Schemen erkennen würde, wenn ich ihn ansah, weil ich im Traum sein Gesicht verloren hatte.

    "Ich kann mich nicht mehr erinnern", sagte ich, nachdem ich mir die Zigarette wiedergeholt hatte. Er nickte nur.
    "Und meines habe ich heute nicht wiedererkannt", fügte ich nach einem Augenblick an.
    "Dein Gesicht?"
    Ich nickte.
    "Wundert mich nicht. Seit Jahren lächelst du nur nach innen. Du bist nicht mehr Altair im Adler, sondern Autist im Kolibri."

    Eine Weile schwiegen wir beide.

    "Weißt du eigentlich, dass Vampire seit geraumer Zeit im Sonnenlicht glitzern und funkeln, anstatt zu brennen, oder zu Staub zu zerfallen?", fragte ich ihn. Ein wenig wollte ich ihn reizen. Vielleicht wären dann zumindest seine Augen zu erkennen. Ein wütendes Blitzen zwischen leicht verengten Lidern.
    "Ach, du meint diese Buch-und-Film-belight-Vampire? Diese Facebooklutscher? Ja, hab ich von gehört. Haut die ganze Symbolik vollständig kaputt", sagte er schulterzuckend. "Kommt eigentlich auch nicht mehr darauf an. Ob es nun kitschige Polyesterumhänge sind und Gelfrisuren, oder Discokugeleigenschaften und Fönfrisuren".
    Kein Blitzen, kein leicht gereizter Ton.

    "Ich wünschte ich wäre und könnte dich lassen", sagte ich nach einer weiteren Ewigkeit und wunderte mich, dass die Shuriken nicht vom Himmel zischten und mir durch die Kehle. Zumindest fühlte es sich an, als würden sie genau das machen.

    "Das kannst du. Wisch dir die Ränder von alten Schmerz aus den Augen, hör auf nach innen zu laufen und verbrenn dein fremdgeschriebenes Tagebuch. Schreib dich selbst."
    "Wie denn, wenn die Vergangenheit realer und wahrer scheint, als die Gegenwart?"
    "Ist sie nicht - du musst mich nur ausatmen."
    "Das geht nicht so einfach", widersprach ich und schnippte den Stummel auf das gegenüberliegende Dach.
    "Doch, das geht. Es sind nur noch Reste übrig. Fragmente. Nichts was pulsiert, kein Geruch, keine Stimme, kein Gesicht. Atme mich einfach aus."

    Ich schüttelte den Kopf, wollte erneut widersprechen, doch hörte ich ihn plötzlich so deutlich, als würde er mir direkt in mein Ohr flüstern.
    "Du darfst eines nicht vergessen - wir starben gemeinsam, doch geträumt hast du immer allein."




    Geändert von Jazemel (11.04.2013 um 02:34 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Jazemel,
    interessante Szene, in der Fiktion und Realität verschwimmen.
    Gut gefällt mir die Anspielung auf den Vampir-Hype (Buch-und-Film-belight-Vampire? Diese Facebooklutscher?) und
    die Bildsprache (Seit Jahren lächelst du nur nach innen).
    Könnte mir das Ganze gut als erfrischende Alternative zu den mittlerweile bereits ausgelutschten Vampir-Love-Stories vorstellen.
    LG
    Perry

  3. #3
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    Na sag mal, das Geschichtchen hier ist mir völlig durch die Lappen gegangen. Könnte sein, dass dank der neuen Rubriken einiges einfach untergeht.

    Ich finde es sehr gut geschrieben, das Gespräch ist unvorhersehbar und faszinierend, obwohl ich nicht verstehe, wie man viermal sterben und Vampire ausatmen kann. Das ist eine Metapher, die ich nicht knacke. Bezieht sich das alles auf eine literarische Vorlage, die jeder (außer mir) kennt? Facebook usw. würde darauf hindeuten.
    Ich tendiere in der Interpretation dazu, dass es ein Traumgeschehen ist. Surreal und trotzdem irgendwie bewegend.

    Was mir besonders gut gefällt, sind die Shuriken und Sachen wie "Stadttaube mit Mehlspritzer", die das ganze ziemlich poetisch machen. Den Autisten im Kolibri verstehe ich nicht. Kolibri ist kein Sternbild, oder doch? Nach innen lachen passt zu Autisten, aber Kolibri?

    Gerne gelesen,
    der Fffuchs

  4. #4
    Jazemel Guest
    Hallo Perry,

    ja, eine Alternative zu den heutigen Vampirromanen wäre was, nur muss die wohl jemand anderes schreiben, wenns denn ein Buch werden soll, oder ich müsste ein Zwanzigjahresprojekt daraus machen, damit aus vielen kleinen, vielleicht mal eine große Geschichte wird.

    Vielen Dank für deinen Kommentar, hat mich gefreut.

    Lieber Gruß,

    Jazemel


    Hi Fffuchs,

    nein, bezieht sich nicht alles auf eine literarische Vorlage. Einzig der Abschnitt, in dem sich die beide Protagonisten über die New-Age-Vampire lustig machen, bezieht sich auf die Bis(s) zum ....Romane und Filme, in der Vampire stylisch und schick sind, im Sonnenlicht funkeln und nicht zerfallen, sowie Kinder zeugen können und zu Familienvätern werden.

    Sagen um Vampire sind ja schon sehr alt, tauchten erstmals in Märchen (sogenannten Zigeunermärchen) auf, oder in in den alten 'Geschichten aus tausend und einer Nacht' (die es leider unverfälscht nicht mehr gibt. Ich hab eine halb zerfallene, sehr alte Ausgabe davon und der Unterschied zu dem was heute als 'Geschichten aus tausend und einer Nacht' verkauft wird, ist eklatant). In diesen Geschichten ist der Vampir auch eher eine Metapher/ oder ein Symbol für anderes, und so hab ich den Vampir in dieser Kurzgeschichte auch angelegt.

    Hier steht er für einen Verstorben, der von der Protagonistin nicht losgelassen werden kann, innerlich sozusagen am Leben erhalten wird und so eben ein Untoter ist. Zum anderen ein Vampir, weil das Leben in der Vergangenheit, eine nicht aufhörende Trauer, zerrt, Lebensqualität kostet und auch viel Energie. Blut steht ja schon immer für Leben, sprich Lebensenergie und eben diese Energie geht verloren.

    Das man an den vier Toden rumrätselt, kann ich mir denken, gemeint ist damit:
    1ter Tod: Der tatsächliche Tod
    2ter Tod: Die verschwundene Erinnerung an den Geruch
    3ter Tod: Die verschwundene Erinnerung an den Klang der Stimme
    4ter Tod: Die verschwundene Erinnerung an das Gesicht (Ohne Foto verschwinden im Laufe der Zeit die Erinnerungen an die genauen Gesichtszüge. Die Erinnerung wird flüchtig, verwischt und immer ungenauer)

    Das Ausatmen ist eine Metapher für ein Neuanfang, oder ein Besinnen auf das Leben. Wenn man sozusagen auf Sparflamme läuft, eine beständige Schwere fühlt, ist die Atmung nicht sehr tief, ist meist Brust und nicht Bauchatmung.
    Ein fast angehaltener Atem ist gleich einem fast starren Verharren. Mit einem flachen Atmen kann man nicht lange laufen, kommt nicht wirklich vom Fleck, also gleichbedeutend mit auf der Stelle treten. Die Aufforderung auszuatmen beinhaltet auch, einzuatmen. Man kann nur tief ausatmen, wenn man zuvor tief eingeatmet hat. Das ist die eigentliche Aufforderung, atme aus, dann muss du auch einatmen, aufnehmen ( braucht ja nicht nur die Lunge Sauerstoff, sondern auch, das Blut.

    Der Autist im Kolibri - Altair im Sternbild Adler ist ja ein sehr heller Stern, den man im Sommer mit bloßen Augen erkennen kann, der Autist im Kolibri soll die Umkehrung sein. Vom hellsten Stern zu einem in sich zurückgezogenen, für andere nicht mehr wirklich sichtbaren, Etwas. Vom stolzen Adler zu einem kleinen schwirrrenden Wesen, dass unglaublich schnell mit den Flügeln schlagen muss um in der Luft zu bleiben. Oder, vom Raubvogel zur Beute.

    Freut mich aber, dass dir der Text, trotz einiger Rätsel gefallen hat.

    Lieber Gruß,

    Jaz
    Geändert von Jazemel (15.04.2013 um 16:39 Uhr)

  5. #5
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    1.782
    Hallo Jaz,

    danke für das Enträtseln. Ich frage mich, ob diese Erklärungen nicht teilweise in den Text hineingehören:
    Das man an den vier Toden rumrätselt, kann ich mir denken, gemeint ist damit:
    1ter Tod: Der tatsächliche Tod
    2ter Tod: Die verschwundene Erinnerung an den Geruch
    3ter Tod: Die verschwundene Erinnerung an den Klang der Stimme
    4ter Tod: Die verschwundene Erinnerung an das Gesicht (Ohne Foto verschwinden im Laufe der Zeit die Erinnerungen an die genauen Gesichtszüge. Die Erinnerung wird flüchtig, verwischt und immer ungenauer)
    Oder ob zuviel Enträtseln dem Ganzen etwas wegnehmen würde.

    Das hier ist zu schwach angedeutet:
    Hier steht er für einen Verstorben, der von der Protagonistin nicht losgelassen werden kann, innerlich sozusagen am Leben erhalten wird und so eben ein Untoter ist. Zum anderen ein Vampir, weil das Leben in der Vergangenheit, eine nicht aufhörende Trauer, zerrt, Lebensqualität kostet und auch viel Energie. Blut steht ja schon immer für Leben, sprich Lebensenergie und eben diese Energie geht verloren.
    Ein kleiner Tipp in die Richtung wäre schon nicht schlecht für meinen Geschmack.
    In dem Kontext lenkt mich jetzt der Autist ein bisschen ab oder ich kriege es nicht als Verkehrung hin. Um überhaupt zu wissen, was Altair und Adler sind, muss man ja schon fast leicht autistisch sein.
    Was ist eigentlich Autismus und was ist es nicht? Die Zurückgezogenheit in einem Trauerfall ist (klinisch) natürlich kein Autismus. Das Wort "Autist" macht aber (bei mir) eine riesengroße Baustelle auf und die überschattet den Vampir, der Metapher für den blut- oder energiesaugenden Verstorbenen. Das eine ist eine mythologische Figur, das andere ist ein so genanntes "Störungsbild", manche sagen auch "seelische Behinderung" oder "Krankheit" oder "tief greifende Entwicklungsstörung" oder andere Sachen, die nicht besonders nett sind.
    Aber es ist ja der "Autist im Kolibri". Vielleicht muss man "Autist im Sternbild Kolibri" draus machen, damit es verständlicher wird, dass ein Stern gemeint ist, der nicht hell leuchtet. (Wobei ich persönlich da widersprechen würde )

    Liebe Grüße,
    der Fffuchs

  6. #6
    Jazemel Guest
    He Fffuchs,

    wäre der Text mehr wie eine Erzählung angelegt, hätte ich wahrscheinlich mehr Erklärung eingefügt, aber hier liegt der Schwerpunkt ja auf dem Dialog, mit dem ich versucht habe, eine Atmosphäre zu schaffen. Mehr Erklärung würde die, für mein Empfinden, zerstören. Ein Schlüssel ist ja im Text gegeben Einmal an der Stelle :"Ich wusste er hatte recht. Und ich wusste auch, dass ich nur einen Schemen erkennen würde, wenn ich ihn ansah, weil ich im Traum sein Gesicht verloren hatte." und hier: "Doch, das geht. Es sind nur noch Reste übrig. Fragmente. Nichts was pulsiert, kein Geruch, keine Stimme, kein Gesicht. Atme mich einfach aus."

    Was den Autist im Kolibri anbelangt - naja, eigentlich ist Altair im Adler nicht so unbekannt, ich weiß nicht, ob das wirklich schon halbautistisches Wissen ist , aber weil mir das so geläufig ist, klappt für mich die Negierung. Nun weiß ich nicht, ob ich mit meinen Bildern zu selbstverständlich verfahre. Wenn ich das Wort Autist höre, ist meine erste Assoziation 'Inmichmensch', das ist zugegeben erst mal weit ab vom 'Krankheitsbild'. Und ein Kolibri, so ein kleines, schwirrendes Etwas, das aussieht wie ein Vogel und sich benimmt wie ein Insekt hat für mich etwas, das nicht so ganz von dieser Welt ist.
    Ich wende den Vorschlag, da noch ein 'im Sternenbild' mit reinzusetzen, noch ein wenig hin und her, weil ich da noch am rumknabbern bin, ob mich dann der dadurch gedehnte Satzfluss nicht stört:

    Du bist nicht mehr Altair im Adler, sondern Autist im Kolibri.
    Du bist nicht mehr Altair im Sternenbild Adler, sondern Autist im Sternenbild Kolibri.
    Du bist nicht mehr Altair im Adler, sondern Autist im Sternenbild Kolibri.

    Muss ich mir durch den Kopf gehen lassen, momentan stört mich das Wort Sternenbild eher, in jeder Variation und eine andere Lösung fällt mir da z.Z. nicht ein.

    Danke dir für deine nochmalige Rückmeldung.

    Lieber Gruß,

    Jaz

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