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    Schillers Theater: Aufklärung durch Humanismus

    In Schillers Maria Stuart und das Regietheater habe ich das Thema "Schiller und Theater" schon einmal behandelt. Dort ging es um eine moderne Aufführung des Dramas "Maria Stuart" in Frankfurt am Main, von der ich der Meinung bin, daß Schiller sie nie gebilligt hätte. In dem nachfolgenden Faden kam der Einwand, ob Schiller als intelligenter Dichter sich nicht der modernen Zeit angepaßt hätte, also "mit der Zeit gegangen" wäre? Möglicherweise hätte er sogar Gefallen an modernen Aufführungen und somit auch am Regietheater gefunden. Nun ist zu betonen, daß Schillers klassisches Theater und das moderne zum einen grundverschieden sind, und zum anderen ist letzteres keine "Fortentwicklung" von ersterem. Beide Formen gab es bereits schon zu Lebzeiten Schillers, wobei er selbst sein klassisches Theater eigens auf dem Hintergrund des beginnenden modernen ausgearbeitet hat. Der Ansatz des modernen Theaters läßt sich daher schon im Theater des "Aufklärers" Voltaire deutlich sehen.

    Inzwischen stieß ich auf eine Rede Schillers aus dem Jahr 1784 - Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet -, in der er seine Auffassung von Theater detailliert darlegt. Was mich in dem mehr als vierseitigen Text besonders beeindruckt hat, ist, daß Schiller - wie Voltaire mit seinem Theater - Aufklärung treiben wollte, beide jedoch auf grundverschiedene Art und Weise. Und erst auf dem Hintergrund von Voltaires Ansicht, wird Schillers Standpunkt in seiner Tragweite deutlich.

    In dem folgenden Thema geht es mir darum, Schillers Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Theaters zu behandeln. Dieser Sinn wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, was Voltaires "Aufklärung" an moralischen Werten zerstört oder bestenfalls nur ignoriert. In diesem Sinn können wir auch heute noch durch Schillers Theater die durch die moderne Erziehung verlorenen geistigen Schätze wiedergewinnen.



    Schillers Theater: Aufklärung durch Humanismus.


    Schiller ein Aufklärer, wieso das?

    Die Aufklärung als Geistesbewegung des 18. Jahrhunderts verstand sich als eine Philosophie des Lichts (frz. Philosophie de la Lumière; engl. enlightenment). Und auf seine Weise wollte auch Schiller Licht ins Dunkel des Irrtums und Unwissens bringen. In seiner Rede finden wir folgendes:

    Die Schaubühne ist der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden bessern Theile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderen Strahlen durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finsteren Aberglaubens verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht.
    Schillers Schaubühne zielt darauf ab, daß der Mensch Mensch werde. Mensch im hervorgehobenen Sinne bedeutet nicht einfach die biologische Gattung Mensch im Unterschied zum Tier, sondern ein bestimmtes Niveau an geistiger Erziehung oder Herzensbildung, wozu das Theater ihm verhelfen kann. Herzensbildung bedeutet, daß der Mensch in seinem Mitmenschen (auf der Bühne) den Menschen erkenne und er sich dabei selbst als Teil einer großen Gemeinschaft. Der Mensch wird durch die Schaubühne

    durch eine allwebende Sympathie verbrüdert, in ein Geschlecht wieder aufgelöst
    Hervorhebung im Original
    und nähert sich so seines "himmlischen Ursprungs".

    Und deshalb endet die Rede auch mit dem Satz:

    Es ist diese (Empfindung): ein Mensch zu sein.
    Hervorhebung im Original

    Für die alternative - französische - Aufklärung bedeutet Licht und Erleuchtung etwas ganz anderes, nicht "Verbrüderung", sondern Individualismus. Voltaire war nicht nur wie Schiller Philosoph, Dichter, Romanschriftsteller und Historiker, sondern auch - wenn nicht vor allem! - Theaterschriftsteller. Er schrieb 56 Theaterstücke, darunter siebenundzwanzig Tragödien. In seinem Drama Ödipus heißt es:

    Vertrauen wir nur uns selbst, sehen wir alles mit unseren eigenen Augen, sie sind unsere heiligen Gefäße, unsere Orakel, unsere Götter.
    Der gravierendste Unterschied zwischen den beiden "Lichtgestalten" - die man durchaus zu den hellsten Köpfen ihres Zeitalters zählen kann - ist die Wertschätzung von Religion bzw. der Kirche. Für Voltaire ist die Religion das eigentliche Dunkel, und die Kirche eine Institution, die Dunkelheit in die Köpfe der Menschen bzw. in die Welt gebracht hat. Mit dem Licht der Aufklärung bedarf es keiner Religion und keiner Kirche mehr. In Voltaires Stücken erscheinen die Priester als durchweg verlogen, korrupt und fanatisch.

    Ganz anders bei Schiller.

    In seinem berühmten Gedicht Das Lied von der Glocke (1799) stellt Schiller die Bedeutung von Religion und Kirche für ein friedliches Zusammenleben und ein gelungenes Leben dar und warnt vor den mörderischen Konsequenzen revolutionärer Umstürze. Wenn die von Staat und Kirche errichteten Formen niedergerissen werden, wird der Mensch zum gewaltsamen "Tier", brennen die Städte. Doch schon in seiner Rede von 1784 kommt seine Wertschätzung der von Staat und Religion errichteten Ordnung klar zum Ausdruck. Beide Institutionen tragen ihr Teil dazu bei, und die Dichtung - so können wir ergänzen - ebenso.

    Staat und Religion garantieren das geordnete Zusammenleben jeweils auf ihre Weise. Der eine durch Gesetze, die andere durch "Herzensbildung".

    (Gesetze) herrschen nur über die offenbaren Aeußerungen des Willens, nur Thaten sind ihnen unterthan - (Religion) setzt ihre Gerichtsbarkeit bis in die verborgensten Winkel des Herzens fort und verfolgt den Gedanken bis an die innerste Quelle.
    Gesetze werden erlassen, ihre Einhaltung überwacht und notfalls erzwungen. Religion hingegen wirkt durch "Bilder", an die die Menschen "glauben". Ohne diese ist Religion "nichts".

    Religion ist dem größtem Theile der Menschen nichts mehr, wenn wir ihre Bilder, ihre Probleme vertilgen, wenn wir ihre Gemälde von Himmel und Hölle zernichten - und doch sind es nur Gemälde der Phantasie, Räthsel ohne Auflösung, Schreckbilder und Lockungen aus der Ferne. Welche Vestärkung für Religion und Gesetze, wenn sie mit der Schaubühne in Bund treten, wo Anschauung und lebendige Gegenwart ist, wo Laster und Tugend, Glückseligkeit und Elend, Thorheit und Weisheit in tausend Gemälden faßlich und wahr an dem Menschen vorübergehen ... .
    Voltaire will die "Bilder" der Religion vernichten, weil sie für ihn "Dunkelheit" sind, Schiller hingegen will sie mit seiner Schaubühne erweitern, bereichern. Ein "himmelweiter" Unterschied.

    Die Schaubühne "tritt in Bund" mit Religion und Gesetzen, liefert jedoch ihren eigenständigen Beitrag. Dieser ist der Humanismus und steht damit in der Tradition des antiken Griechenlands. Hier sieht Schiller dann auch eine Möglichkeit das in kleine Fürstentümer zersplitterte Deutschland geistig zu einen.

    ... wenn wir es erlebten, eine Nationalbühne zu haben, so würden wir auch eine Nation. Was kettete Griechenland so fest aneinander? Was zog das Volk so unwiderstehlich nach seiner Bühne? - Nichts anderes als der vaterländische Inhalt der Stücke, der griechische Geist, das große überwältigende Interesse, des Staats, der besseren Menschheit, das in denselbigen athmete.
    In der griechischen Tragödie ist das Scheitern des "tragischen" Helden vorherbestimmt; es geht also nicht so sehr darum, ob jemand etwas richtig oder falsch gemacht hat und ob der Zuschauer das beurteilen kann, sondern darum, wie der Mensch mit seinem "Schicksal" umgeht und im empathischen Verfolg seines Handelns und Scheiterns wird der Mensch im humanistischen Sinne zum Menschen. Zum (großen) Menschen wird der Mensch dann, wenn er seinem Schicksal trotzt und unbeirrt von "Schicksalsschlägen" seines Weges zieht und tut, was ihm seine Pflicht ist. Am Beispiel des Ritters Franz von Sickingen sagt Schiller:

    ... wie groß wird mir da der Mensch, wie klein und verächtlich das gefürchtete unüberwindliche Schicksal!
    Schiller zitiert eine Reihe von großen Bühnendichtern, die in diesem Sinne Stücke verfaßt haben. Das geht von Euripides (Medea) über Shakespeare (Macbeth, King Lear), Corneille (Cinna), Molière (L'Avare), Lessing (Miss Sara Sampson) und sich selbst (die Räuber). Dazu kommen noch einige Namen, die heute nicht mehr so bekannt sind wie Gerstenberg oder Iffland.

    Schiller findet darüber hinaus noch eine Reihe weiterer Aspekte, inwieweit die Schaubühne erziehend auf die Menschen wirken kann, die ich hier jedoch aus Platzgründen nicht ausführen will. Wichtig ist vor allem, daß der Dichter mit seiner Intelligenz und seinen "Bildern" den Menschen zum Menschen erziehen kann und soll. Damit hat Schiller der Dichtung einen ihr eigenen Sinn gegeben, der bis an die Wurzeln unserer abendländischen Kultur zurückreicht.

    Muß der Mensch zum Menschen erzogen werden? Hierin bin ich mit Schiller einer Meinung: Ja! Die Alternative dazu ist nämlich ein finsteres Zeitalter, ein age of darkness. Nicht die Abschaffung der religiösen und poetischen "Bilder" bringt Licht in die Welt, sondern durch deren Vernichtung wird der Mensch zum geist- und herzlosen "Un-menschen".

    Wer sich das nicht vorstellen kann, braucht nur George Orwells berühmten Roman Nineteen Eighty-Four zu lesen, der ursprünglich The Last Man (!) in Europe heißen sollte. Dort hat man nicht nur die Liebe, sondern auch allen Geist, alle Kultur und alles Schöne abgeschafft. Die Menschen vegetieren in einer häßlichen, gewalttätigen Welt dahin und funktionieren nur noch. Als der Protagonist, Winston Smith, an seine Mutter denkt, wird dem Leser gewahr, daß es sich dabei um eine "Dame" im Sinne von Schillers "schöner Seele" handelt. Sie gehorchte Standards, die außerhalb ihrer selbst waren. Vielleicht fiel sie gerade deswegen bald nach der Revolution der Ingsoc Partei einer Säuberung zum Opfer wie vorher schon Winstons Vater.

    Mit lieben Grüßen an alle Schillerfreunde

    Friedrich

    zu Schillers Theater siehe auch Schiller - An die Freunde

    zu Schiller und Voltaire auch Voltaires Candide - französische Aufklärung gegen deutschen Optimismus
    Geändert von Friedrich (08.06.2013 um 08:51 Uhr)

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