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    Georges Moustaki - Nachruf

    Georges Moustaki


    - à toi ! –




    Georges Moustaki, 3.5.1934 - 23.5.2013

    Passe, passe le temps,
    Il n’y en a plus pour très longtemps
    (Il est trop tard)

    Die Zeit vergeht und vergeht,
    es bleibt nicht mehr viel davon
    Cher Georges,

    Du warst Dir immer gewahr, daß das Leben endlich, die Zeit begrenzt ist, und nun gibt es keine Zeit mehr für Dich, Deine Uhr ist am 23. Mai abgelaufen, leider, doch was Du in dieser Zeit geschaffen hast, cher Georges, macht Dich unsterblich.

    Meine erste Begegnung mit Dir war im Jahre 1969 unter, sagen wir mal, recht unrühmlichen Umständen, doch Du hast mir geholfen. Ein wohlwollender Lehrer wollte mich für eine Nachprüfung in Französisch vorbereiten und gab mir, angesichts meiner mangelhaften Eloquenz, zwei seiner Schallplatten für daheim zum Üben mit. Eine davon von Dir, die andere von Georges Brassens. Ich sollte mir die Lieder anhören und satzweise nachsprechen. Und das tat ich dann auch, am liebsten noch mit Deinen Liedern, und am Schluß konnte ich sie alle auswendig.

    Französisch sei eine „schöne Sprache“, das ist ein oft gehörter Gemeinplatz in Deutschland, doch was ist an der Sprache eines Bistrot-Kellners schön? Dein Französisch ist schön, und durch Deine Lieder habe ich es spürbar erfahren. Und seit dieser Zeit bin ich empfänglich für schönes Französisch, schätze ich das Französisch der Dichter.

    Hat mein Französischlehrer, als er mir die beiden Schallplatten auslieh, gewußt, daß Ihr beide gute Freunde wart, Du und Georges Brassens? Inzwischen weiß ich, daß Du als als Zeichen der Freundschaft zu Brassens seinen Vornamen angenommen hast, denn tatsächlich heißt Du ja Giuseppe oder auch Youssef Mustacchi.

    Merkwürdig ist auch, und das erfahre ich inzwischen aus der Presse, daß ich bei weitem nicht der einzige bin, der Deine Lieder allein durchs viele Hören auswendig kann. In Deinen Konzerten war es gang und gäbe, daß die Leute Deine Lieder mitsangen und diese auswendig konnten, und dies auch in Ländern, in denen weder Französisch gesprochen noch auch als Fremdsprache gelehrt wird. Gibt es denn ein größeres Kompliment für einen Dichter, als wenn Tausende von Menschen seine Lieder auswendig singen können? Georges, Du als erfolgreicher und geliebter Botschafter des schönen Französisch! Läßt Dich das nicht ein wenig schmunzeln? Du, der Du doch gebürtig gar kein Franzose warst, sondern vielmehr ein Einwanderer aus Ägypten; in Alexandria wurdest Du am 3. Mai 1934 geboren.

    Avec ma gueule de métèque,
    De juif errant, de pâtre grec
    Et les cheveux aux quatre vents

    Mit meiner Fresse eines Fremdarbeiters,
    eines heimatlosen Juden,
    eines griechischen Wanderhirten,
    das Haar zerzaust nach allen Seiten
    Le métèque, das Lieblingslied meiner Jugendjahren. Hier hast Du Dich selbst und Dein Leben beschrieben, und um dieses Leben habe ich Dich beneidet. Es ist das Leben eines fahrenden Sängers, eines „Nomaden“ oder „Vagabunden“, der ohne große Angst im Heute lebt und ohne zu klagen das Leben so akzeptiert, wie es ist; der von der Liebe singt und von den Frauen seiner Lieder wegen geliebt wird. Le Métèque: Deine Selbstbeschreibung und ein Liebeslied zumal.

    Et nous ferons de chaque jour
    Toute une éternité d’amour
    Que nous vivrons à en mourir

    Und aus jedem Tag
    wird eine Ewigkeit der Liebe,
    die wir so lange leben, bis wir daran sterben
    [
    Und da ist noch Dein Lied En Méditerranée, das mir immer gewärtig ist, das ich immer auch leise singe, wenn ich sommers am Strand stehe oder die Corniches der Côte d'Azur entlang fahre und dabei auf das weite blaue Mittelmeer blicke.

    Il y a un bel été qui ne craint pas l’automne,
    (En Méditerranée)

    Da ist ein schöner Sommer, der den Herbst nicht fürchtet
    Dieses Lied ist eine Ode an Deine Heimat, die sich nicht allein auf Griechenland, Ägypten oder die französische Mittelmeerküste erstreckt, sondern vielmehr auf das Mittelmeer im Ganzen; dieses Meer, an dem sich drei Kontinente begegnen, das Land, das Götter, Propheten und selbst den Messias gesehen hat. Und in diesem schönen, geschichtsträchtigen, ja heiligen Landstrich herrschen in den siebziger Jahren das Böse und das Häßliche, herrschen Gewalt, Krieg, Unterdrückung und Tod. Faschismus in Spanien, Militärdiktatur in Griechenland und Krieg im Nahen Osten. Ein zärtlich-trauriges Liebeslied an Deine geliebte Heimat aus einem wunden Herzen.

    Dans ce bassin je jouais Lorsque j’étais enfant
    J’avais les pieds dans l’eau Je respirais le vent
    Mes compagnons de jeux Sont devenus des hommes
    Les frères de ceux-là Que le monde abandonne
    (En Méditerranée)

    In diesem Becken spielte ich als Kind,
    Ich hatte die Füße im Wasser und atmete den Wind,
    Meine Spielkameraden sind Männer geworden,
    Sie sind die Brüder derer, die die Welt im Stich läßt
    Von der Liebe zu den Menschen und zur Natur handeln die schönsten Deiner Lieder, von einer heilen Welt, von einer, die einmal war, von einer, die zerstört wird, von einer, die sein könnte.

    Il y avait un jardin
    C’est une chanson pour les enfants qui naissent et qui vivent entre l’acier et le bitume, Le béton et l’asphalte et qui ne sauront peut-être jamais que la terre était un jardin.

    Es war einmal ein Garten
    Dies ist ein Lied für die Kinder, die geboren werden und leben zwischen Stahl, Beton und Asphalt, und die vielleicht niemals wissen werden, daß die Erde ein Garten war.

    Und diesen Kindern der sterilen Großstädte zauberst Du eine Welt, die der von Tahiti gleicht, bevor noch englische und französische Seefahrer sie entdeckten und später dann „zivilisierten“. Eine heile Welt, die nicht – mehr – existiert, eine die es nur noch in der Phantasie gibt, ist sie nicht besser als keine? Eine solche zu schaffen, ist dies nicht unendlich viel mehr wert, als „die Kinder“ mit ihrer häßlichen und lieblosen Welt – alternativlos – allein zu lassen?

    Und der Grund, warum aus dem „Paradies“ eine seelenlose, häßliche Wüste wurde, ist das Geld, das Streben nach Besitz. Davon handelt Dein Lied Les Marchands.

    Il y avait des bois et des champs,
    Les fruits poussaient spontanément
    Et les fleuves étaient transparents
    Avant que viennent les marchands.

    Es gab Wälder und Felder,
    Die Früchte wuchsen ganz von alleine,
    Die Flüsse waren durchsichtig,
    Bevor die Händler kamen
    Alles war anders, bevor noch die Händler kamen, alles war schöner, menschlicher, friedlicher, geistvoller, natürlicher, harmonischer. Das Streben, alles in der Welt als Objekt zu sehen, das man kaufen und verkaufen kann, zerstört nicht nur die Natur, sondern auch den Menschen, der mit ihr nicht mehr im Einklang leben kann.

    Ein Lied, das ich wegen seiner schönen Melodie und seiner schönen Worte besonders liebe, ist Le facteur. Es handelt von einem jungen Postboten, der im Alter von 17 Jahren stirbt; seitdem kann die Liebe nicht mehr „reisen“, niemand mehr trägt die Liebesbriefe des Dichters zu seiner Geliebten.

    L’amour ne peut plus voyager
    Il a perdu son messager

    Die Liebe kann nicht mehr reisen,
    sie hat ihren Boten verloren

    Und jetzt, nachdem Du gestorben bist, lieber Georges, tut sich plötzlich ein ganz anderer Sinn für mich auf, und zwar dann, wenn Du der Bote der Liebe bist. Die Liebe selbst hat Dir ihre Lieder diktiert und Du warst ihr Bote, ihr messager. Doch nun, da Du tot bist, kann die Liebe noch immer „reisen“, deshalb, weil Deine Lieder unsterblich sind, weil sie auf Hunderttausenden von Schallplatten und CDs gepreßt sind und so auch die Menschen erreichen, die Dich zu Deinen Lebzeiten nicht gekannt haben. Ich weiß, solcherart von Interpretation ruft den Spott der "aufgeklärten" Kritiker hervor, die sagen, Deine Lieder seien sentimental, „kuschelweich“ und „ohne Biß“; doch sag mal ehrlich, interessiert uns das? Tu t’en foutais, je m’en fous et des milliers de tes amis s’en foutent pas mal aussi. Voilà ! Wenn es nach diesen Kritikern ginge, bräuchte es ja ohnehin keine Dichter zu geben.

    Und weil Du uns, messager de l’amour, so viel Schönes geschenkt hast, so wünschte ich mir, Dein Tod sei so verlaufen, wie Du es so schön in Le Facteur beschreibst.

    Il est parti au ciel bleu
    Comme un oiseau enfin libre et heureux

    Er ist zum Himmel aufgeflogen
    Wie ein Vogel, endlich frei und glücklich
    Adieu, « mon vieux Joseph »

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (19.06.2013 um 22:11 Uhr)

  2. #2
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    au métèque

    ces poêmes moroses
    dans les granits roses
    me disaient quelquechose
    que je ne comprenais pas.

    les larmes des étoiles
    sur les mâts et les toiles
    se mettaient des voiles
    parcequ'elles savaient déjà?

    dans le ciel gris sur la mer,
    dans l'eau des profondeurs,
    y a les sirènes qui pleurent.
    toi, tu chantes au-delà...

    hallo friedrich
    danke für deinen beitrag.
    ich war an frankreichs küsten, erfuhr aber erst durch dich vom tod des melancholischen georges.
    wenn sentimentale lieder zu tränen rühren, dann haben sie ihren platz in der kunst.
    und ich weiss jetzt: dass der himmel die letzten tage so geweint hat, hat zwei gründe (s.o.).
    lg wilma27

  3. #3
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    Hallo wilma27,

    danke für Deine einfühlsamen Worte !

    Hier ein Auszug aus meinem Eintrag in das Gästebuch
    einer Ferienwohnung in Pignan (bei Montpellier)
    im Juli 2010

    Pendant que,
    de temps en temps,
    toute la France est envahie
    par de « graves perturbations »,
    le sud seul reste serein,
    calme, sec et ensoleillé:
    « Il y a un bel été
    qui ne craint pas l'automne,
    en Méditerranée. »


    Liebe Grüße

    Friedrich

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