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    Der Wahnsinnige und die Vernunft

    Zum Einstand im Forum der Dramatik: Ein dramatischer Auszug, aus einem dramatischen Stück.


    Akt 1 Szene 1


    W.: Da packt mich die Gier, mit gewetztem Messer zu stiefeln vor mein Haus, das

    Gewetzte hineinzujagen in den Bauch einer armen Sau, die von ihrem Schicksal

    nichts ahnt. Rein und raus. Rein und raus. Rein und raus. Vielleicht auch öfter.



    V.: Die Tat; sie wäre grausam. Kannst du dein Gemüt nicht auf die Nacht beruhigen,

    meucheln, schlitzen schneiden in der Dunkelheit? Stichst du zu am hellen Tage, ist‘s den

    Richtern sofort klar.



    W.: Was meinst du? Soll ich warten und die Qualen, die mir die Lust nach fremden Blut

    bereitet, mir nichts dir nichts in die Nacht vertagen? Hach, du Hure, nennst dich

    Vernunft, doch willst um den Verstand mich bringen.



    V.: Nein mein Freund und Kupferstecher. Ich will dir helfen, ich will dir raten,

    sitzen wir im selben Boot. Das Gefängnis, das sich Körper nennt, zwingt mich

    dir ein Freund zu sein.



    W.: Könnt ich brauchen, einen Freund, der mir mit Rat und Tat zur Seite steht.

    Verkünde aber nicht die Tugend mir, die das falsche Leben predigt. Sag mir was

    ich hören will. Gib mir Ratschlag, auch gerne schlechten, denn guter ist teuer,

    doch Geld hab ich keins.



    V.: Genau an diesem Punkt, mein Lieber, werden sich die Richter scheiden und

    dir nicht ganz so schlecht gelaunt begegnen. Geh hinaus auf offene Straße, das Messer in den

    Händen haltend. Schnappst dir einen, der was taugt und stichst beherzt mit Kräften zu.



    W.: Rein und raus. Rein und raus. Rein und raus.


    V.: Sicher. Doch sei gewiss, dass du nicht den Geist verlierst. Stich zu so oft du willst!

    Wenn du am Ende deiner Taten, blutverschmiert und tief befriedigt, in des Opfers Taschen

    greifst. Nimm heraus, was du dort findest und lege es in deine.



    W.: Wie famos dein Plan doch ist. Ist‘s der Menschen Tugend den Wahnsinnigen

    auf dem Schafott gekonnt zu töten, bereitet mir dein genialer Plan ein weitaus schöneres

    Schicksal.



    V.: Nicht der Wahnsinn, sondern ein Dieb wirst du ihnen sein. Wer will den schon was

    sagen, wenn man zum schönen Leben den Inhalt fremder Taschen will erhaschen?



    W.: Klagen werden sie, das ist gewiss. Dennoch, die Strafe, wenn sie mich kriegen, wird eine

    kleine und keine große sein. So schau mir zu, liebe Vernunft, wie ich nun

    meine Messer wetze. Danach ziehen wir in die große Schlacht und schlitzen,

    schneiden, stechen nieder, wer auch immer in den Weg sich stellt.



    Und so tat er, wie er es für vernünftig befand.
    Geändert von Dr. Üppig (21.06.2013 um 13:07 Uhr)
    Die Freiheit ist eine Standarte, errichtet auf einem Berg von Toten.

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  2. #2
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    Akt 1 Szene 2

    Der Wahnsinnige und der Richter

    W.: Vollbracht ist nun die Tat, die mir den Geist so schwer gemacht. Hab den fremden Leib mit aller Liebe stechend schnell zu Fall gebracht. Was ein Vergnügen wie es spritzt aus dem Bauch der letzten Sau. Doch zu kurz ward mir der Spaß. Werde zehren wohl davon ein Weilchen müssen. Jetzt sitz ich nun in dieser Zelle, die milde Strafe auf mich wartend. Was schaust du so, du dürrer Sack? Schaust drein als wärst du gefüllt mit Sand und deine Eingeweide lange schon zu Staub zerfallen.

    R.: Man hat den Wärter von euch reden hören. Ihr seid der Messer-Stecher, Schlitzer-Schneider, Stich-Schnitt. Der Messer-Mörder.

    W.: So ist der gute Ruf dahin. Nur ein Dieb will ich sein, mein hagerer Freund. Auch euch würde ich noch das letzte Kilo stehlen, um der Scharade Willen gerecht zu werden. Schaut euch an!

    R.: Mein Schicksal ist ein anderes, warum ich in der Zelle sitze.

    W.: Gleich einem Messer-Mörder wirkt ihr nicht. Einem Eumel gleich kauert ihr im letzen Winkel dieser Zelle, deren Größe reichen würde für drei von meiner Sorte.

    R.: So ist es meine Art zu leben. Jene Art zu leben, die mich hierhin gebracht.

    W.: Deine Geschichte will ich hören, bevor ich dir den Gar aus mach. Siehst du dieses Messer blitzen? Ein Geschenk, geschenkt von dem Verehrer, der sich hier der Wärter nennt.

    R.: Welch Kummer mir die Welt bereitet. Stets das verbunden, was nicht eins sein soll. So will ich reden und erzählen, was der Herr gern hören will. Mein Verfehlen ist von anderer Art. Mein Bedarf nach dem, was mich von innen her bewegt, hab ich zum Wohl der anderen am selben Tag zu Grab getragen, an dem ich das Gesetz in vollem Zug in meinen Leib verschlanR. So ließ ich auch das Essen sein; zum Wohl für jemand anderen. Denn wenn ich nichts mehr für mich nehme, dann kann es jemand anderes haben. So gab ich mein Leben für das des Anderen hin: nicht ungefragt und ungesehen, sondern nur mich selbst veräußernd.

    W.: Wenn das Gesetz, so wie gesprochen, du in den Leib verschlungen hast, so ist nichts Schönes, was ihm bleibt. Schaut euch an! Haut und Knochen sollen das sein, was den Mensch lenken will? Sich der Askese zu ergeben, kann nicht Sinn der Sache sein.

    R.: Das Gesetz ist nur um derer Willen, die bereit sind sich zu geben. All jene, die die Lücken suchen, sind jene, die es nur noch dünner machen. Und jene, die sich nicht ergeben, verlieren heutzutage schnell den Kopf.

    W.: Und das Vergehen für das ihr sitzt?

    R.: Es ist die Tötung meiner Person, getätigt durch den Geist, den ich mir selbst verdorben hab. Dabei tötet mich doch jeder, der das Gesetzt versucht zu hinterfragen und es bricht. Verdammt im Kreise der Verdammten, denen nur das Schicksal blüht, das der Teufel für sie hält.

    W.: So will ich nehmen diese Last und ein Geschenk euch schenkend geben.
    Schlitze mit dem Messer deinen dürren Körper auf. Unser beider Glück, denn
    befriedigt wird mein wilder Trieb und dir die Freiheit dann geschenkt.
    Und durch eure Tötung tilge ich letztlich alles Recht, was uns zwei zu Menschen macht.


    R.: Bevor ihr schlitzend, schneidend uns befreit und wir dann keine Menschen sind, so lasst mich doch zum Schluss einen Wunsch gewährt bekommen.

    W.: Wie ich nun den Henker spiele, will ich dir den Wunsch gewähren.

    R.: Ich will zu eurer Tat was fragen.

    W.: Stellt jede Frage, die ihr wollt!

    R.: Eure Tat, so wollt ihr sagen, geschah aus Lust und nicht aus Not?

    W.: Die Vernunft, die mich besessen, hat mir geraten so zu tun. Getrieben ward ich nur von Lust, die in mir drinnen immer brennt. Es ist die Stimme eines Vaters, die mich um den Verstand gebracht. Nur die Vernunft, die letzte Fackel, die zur Rettung sich mir reicht, ist mir ein guter Freund in all der Dunkelheit gewesen.

    R.: Spricht die Vernunft mit dieser Stimme, welche die des Vaters ist?

    W.: Ist die Stimme eines Vaters, aber eines Liebenden.

    R.: Also sind es Stimmen, die beide dir im Leibe stecken?

    W.: So war ein Tag zur Winterzeit, ich allein in meiner Hütte. Doch der Verstand, der mit mir spielte, ließ mich alle Menschen hören, die mir einmal teuer waren. Ein Kratzen in der Schädelwand, ein Stechen tief im Hirne drin, das durch das Kratzen nicht befriedigt einen in den Wahnsinn treibt. So blieb die Stimme eines Vaters, der mit gespaltener Zunge spricht. Erst spricht er lieb, dann spricht er böse. Auch wenn man will, er solle gar nicht sprechen, so kann der Mund ihm nicht verboten werden. Er ist ein Meister, ich der Sklave, der steif nur in den Ketten liegt. Innerlich, so kann ich sagen, bin ich verhungert, so wie du. Die Sonne, die den Leib verbrennt, das Wasser, das den Durst nicht löscht, das Essen, das zu Staub nur wird, macht mir die Sinne stumpf und schwer. Das Monster, das uns inne wohnt, kann nicht zurück gelassen werden. Jeder Fluchtversuch wird nur mit neuen Qualen stets bestraft.

    R.: Ich verstehe. So seid ihr euch der Schuld bewusst, die Tat auf eure Schultern ladend, mit voller Kraft durch das Gesetzt bestraft zu werden.

    W.: Was sprecht ihr wie ein Richter, so richtend über mein Gemüt?

    R.: Meine List, so bin ich glücklich, konnte sich in Gänze zeigen und vor unser beider Augen sich entfalten wie der Frühling.

    W.: Welche List?

    R.: Mein Los ist, wie ich sagte, zu sterben für Gerechtigkeit. Meine List war die Scharade, dich zum Reden zu bewegen. Plauderst dümmlich über das, was dich wirklich so bewegt. Mit Verstand und mit Vernunft habe ich dich dran bekommen. Sie mich nun im Richterstuhl, über deinen Geist dann richtend, voller Freude deinen Kopf, auf eine Lanze spießen lassend. Ich bin der Richter, du der Tote!

    W.: Wozu das Spiel, die Heuchelei? Wo ist der Anstand, welchen man, von einem Edelmann kann doch verlangen?

    R.: Die Wahrheit mag, selbst mit Vernunft, nicht immer stets ergründet werden. So erhebe ich mich zum Wohle aller über alle. Recht gibt mir der dumme Pöbel, der sich selbst doch nur bescheisst, ist es nämlich sehr viel schwerer in der Hocke hoch zu scheißen. Mit der mir zugedachten Legitimation werde ich zu der Vernunft, die es erlaubt dann so zu richten, als wenn ich selber wäre keiner jener dummen Menschen unter mir.

    W.: Nun bringt das Messer mir, der vom Gesetz wurde überführt, auch nicht mehr und weniger. Nun auch noch einen Richter mit der spitzen Klinge, schneiden, stechen schnitzen, schlitzen, will ich nicht mehr miterleben. Scheint doch die Vernunft, die du nur dein Eigen nennst, sich auf etwas größeres zu richten, das kein Mensch mehr kann verstehen. Darf ich dir denn noch was sagen?

    R.: Sprich, so wie das Herz dir bebt!

    W.: Im dummen Pöbel, auf den herab du von deinem Throne kotest, hat ein jeder nur für sich seine eigene Vernunft geehelicht. So kannst du sprechen, kannst du richten, mit deinen Worten Wahrheit sprechen. Was du niemals wirst erreichen, ist den Wahnsinn zu entreißen, der sich nistet wie Moloch in das Hirn der armen Sau, die du dann wieder Pöbel nennst. Arroganz, die in dir wohnt, ward geboren aus dem Schmerz, nicht im Recht zu sein. Nun als Richter Recht zu sprechen, die Seelen fremder Menschen schändend, ist Recht entwachsen deiner Phantasie. Willst du nun sprechen von Vernunft, die in dir wohnt, so ist‘s der selbe Wahnsinn, der den Tölpel töten lässt. Fühlst in deiner Robe, dich doch nur im Recht gebettet. Sprich dein Urteil, dürrer Knabe, den das Gesetzt hat schon vertilgt, so wie es die Vernunft im Brunnen der Glückseligkeit ertränkt.

    R.: Der Schatten, der nun vor dir steht, wurde nie im Licht gebadet. Vor dem Gesetz sind alle gleich, doch manche gleicher. Stell dir vor im kranken Geist, eine Tür mit einem Wächter, der dir sagt, die Tür sei nur für dich.

    W.: Ich ging hindurch, den Kopf des Wächters stolz so tragend, dass jeder sehen kann den Schnitt, mit welchem ich mir Zugang schaffte.

    R.: So läufst du mit dem Kopfe direkt in das Verderben, steht dort bei der zweiten Tür, stärker, größer, prächtiger, der nächste Wächter schon bereit. Auf frischer Tat mit Blut am Messer. Der Fall ist klar und dann zu Ende, wenn deines wird gekommen sein.

    W.: So ist‘s nicht möglich durch die Tür zu schreiten dann als Saubermann, weil durch die Tür hindurch zu gehen gleich der Bruch mit dem Gesetze ist. So kann die Tür, die nur für mich, gleich deiner List, nur eine Falle für mich sein. So hätte ich die Türe sehend, schnell das Weite suchen müssen, mich von ihr entfernend in Sicherheit geborgen fühlen.

    R.: Weil du aber wolltest schreiten durch jene Tür, steckt nun dein Kopf in jener Schlinge, die gerecht zum Unrecht ist.

    W.: So will ich sterben, um zu zeigen, dass ich nicht den Wächter fürchte. Bevor sterbend ich zu Grunde geh, das Tor im Blick mit Qualen sehend, will den Wächter zweifeln wissen. Dann kann getrost der Jordan kommen, den ich spöttisch überschreite.

    R.: Uneinsichtig und schwer von Begriff! Deine Strafe, lieber Schlitzer, wird der Tod am Galgen sein.

    W.: So will ich hängen um der Faulheit wegen, mir selber nicht die Mühe machen und das Messer jagen mit der Spitze in mein Herz. Sollt doch ihr den Ärger haben.
    Geändert von Dr. Üppig (21.06.2013 um 13:06 Uhr)
    Die Freiheit ist eine Standarte, errichtet auf einem Berg von Toten.

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