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    Jesus - der wahre Schwarzfahrer

    Eines Tages wurde es Jesus zu langweilig im Himmel und er beschloss, mal einen drauf zu machen. Er erschien daher am 13.07.2013 einer erstaunten Menge mitten auf dem Alexanderplatz in Berlin. Jeder einzelne dieser Menschen ging ein wenig anders mit der Tatsache um, dass sich da gerade ein Mann quasi materialisiert hatte. Die meisten sagten sich, dass sie sich verguckt hatten, schüttelten die Köpfe und trabten weiter. Einige sagten sich, dass sie doch besser ihre Pillen wieder nehmen sollten, auch wenn man davon dick wird. Drei dachten: ‚Fehler in der Matrix’, einer sagte sich, dass es sich um einen Zeitreisenden handeln müsse oder um ein Mitglied der Besatzung der USS Enterprise oder um einen Außerirdischen. Nur ein Mensch, ein kleines Mädchen namens Brille-Bille, erkannte Jesus sofort.

    Jesus war froh, dass ihn überhaupt noch einer erkannte nach so langer Zeit und dann auch noch in einem fremden Land. Er wusste, dass man in Berlin englisch, türkisch oder deutsch sprach. Alle drei Sprachen beherrschte er fließend, weil er sowieso alle Sprachen der Welt fließend beherrschte. Denn als er da so ewig neben der riesigen Hand Gottes gesessen hatte, war ihm ziemlich langweilig gewesen. Er probierte alle drei Sprachen an dem Mädchen aus und sie verstand offenbar deutsch am besten.
    „Wo kann man denn hier einen drauf machen?“, fragte er.
    „Was bedeutet ‚drauf machen’?“, fragte das Mädchen zurück.
    „Weiß ich auch nicht, aber angeblich tut man das heutzutage und es soll ein großer Spaß sein.“
    „Dann will ich mitmachen!“

    Jesus nickte freudig und nahm das Mädchen an der Hand, als plötzlich eine Frau herbei stürzte, es am Arm packte und von Jesus weg zog.
    Er konnte hören, wie sie „Was wollte der Kerl von dir?“ keifte.
    Jesus wollte seine neue Freundin nicht sofort wieder verlieren und er wollte auch nicht, dass diese Frau ihrer Tochter – denn das war sie offenbar – wehtat. „Hören Sie doch auf, das Kind am Arm zu ziehen!“, rief Jesus und lief den beiden hinterher. Aber die Frau hatte offenbar Angst vor ihm und drohte mit der Polizei. Die Polizei, das wusste Jesus, war so etwas ähnliches wie Soldaten fürs Inland, die manche Herrscher einsetzten, um das Volk besser kontrollieren zu können. Er hatte schlechte Erfahrungen mit derlei Soldaten und außerdem war er Pazifist. Darüber hinaus verfügte er über keinerlei Wunderkräfte, denn das war Gottes Bedingung für diesen Ausflug gewesen, weil er befürchtet hatte, dass Jesus den Wein nicht mehr so gut vertragen könnte nach 2000 Jahren Abstinenz.

    Aus diesen Gründen erschien es Jesus als klug, dem Mädchen und seiner Mutter heimlich zu folgen. Er sah die beiden in einen gelben Riesenwurm steigen und stieg beherzt hinterher.
    In dem Wurm waren sehr viele Menschen, die auf Stühlen saßen und der Wurm bewegte sich. Vielleicht, überlegte Jesus, konnten sie nicht mehr so gut laufen? Was für eine schöne Welt, in der man sich so sehr um Alte und Kranke sorgte!
    Ein Mann trat nun auf Jesus zu und fragte ihn nach seinem Fahrschein. Das brachte ihn etwas in Verlegenheit, denn alle Details der heutigen Welt kannte Jesus nicht. Von einem Fahrschein hatte er noch nie gehört.
    „Was ist ein Fahrschein?“, fragte er.
    „Der war gut!“, sagte der Mann.
    Jesus starrte den Mann an und dachte nach. Der war gut? Der Fahrschein war gut? Was zum Barte Gottes konnte das bedeuten?
    „Dann krieg ich jetzt vierzig Euro!“, rief der Mann.
    Euro, das wusste Jesus, war der Name für das Geld in Europa. Der Mann wollte ihm also einen „Fahrschein“ verkaufen. Dafür wollte er einen anderen Schein, nämlich einen Vierzig-Euro-Schein. Jesus hatte natürlich keinen solchen, denn er war nicht hier, um etwas zu kaufen, sondern um Freunde zu finden und sich mit ihnen zu amüsieren.

    Hätte Jesus für jeden Tag in der Wüste einen Euro gekriegt, hätte er jetzt diesen Schein, ging ihm durch den Kopf und er grinste.
    „Ich habe leider kein Geld“, sagte er.
    „Dann bitte den Ausweis!“
    „So etwas habe ich auch nicht. Ich habe nur das Gewand, das ich am Leibe trage.“
    „Dann rufe ich jetzt die Polizei!“, rief der Mann.
    „Bitte nicht“, rief Jesus erschrocken. „Ich kann bewaffnete Menschen nicht leiden!“
    „Dann sollten Sie nicht schwarzfahren oder ohne Ausweis rumlaufen!“
    Schwarzfahren? Jesus blickte an seinem langen, weißen Gewand herunter und zuckte die Schultern.

    Da plötzlich fiel ihm siedend heiß ein, wo er das Wort „schwarzfahren“ schon gehört hatte. Die vielen Gebete, die ihn jeden Tag aus Berlin erreichten. „Bitte, Jesus, mach, dass ich nicht beim Schwarzfahren erwischt werde!“
    Jesus hatte immer geglaubt, dass er nicht dafür zuständig sei, Sündern beim Verschleiern ihrer Sünden zu helfen, denn „schwarzfahren“ musste eine schwere Sünde dieser Zeit sein. Und nun hatte er selbst gesündigt! Wie hatte das geschehen können?
    „Ich bereue meine Sünde“, sagte Jesus. „und werde nie wieder schwarzfahren, aber erklären Sie mir doch bitte, was ich genau falsch gemacht habe.“
    Der Mann starrte Jesus eine Weile an, bevor er antwortete: „Sie haben keinen Fahrschein! Ich bekomme jetzt entweder einen Fahrschein von Ihnen oder vierzig Euro oder einen Ausweis oder ich rufe die Polizei!“

    Jesus erschrak, weil der Mann auf einmal so böse war.
    „Wie soll die Polizei denn das Problem lösen?“, fragte er. „Sie wollen etwas von mir, das ich nicht habe. Wird die Polizei mir einen Fahrschein oder Euroschein oder Ausweisschein geben?“
    „Nein, aber die stellen fest, wer Sie sind und dann kriegen wir unsere vierzig Euro!“
    „Ich kann ihnen doch sagen, wer ich bin.“
    „Ja, aber Sie könnten lügen.“
    „Ich lüge nie!“
    „Ha haha haha!“, lachte der Mann. „Das glaube ich Ihnen sogar. Wir steigen jetzt aus, ich rufe die Polizei, die finden raus, wer Sie sind!“

    Der Mann zog Jesus unsanft aus dem gelben Wurm. Jesus schaute dem Wurm nach. Das Mädchen würde er wohl nicht wieder sehen, aber vielleicht rief sie ihn ja mal an, wenn er wieder zuhause war, und dann konnte er ihr vielleicht einen Wunsch erfüllen.
    Der Mann zog ein seltsames, flaches, blaues Ei heraus und sprach hinein und man konnte, sehr leise, hören, wie ihm geantwortet wurde.
    Kurze Zeit später erschienen die Polizeisoldaten mit einem dieser Riesenkäfer, die er schon oft von oben beobachtet hatte. Sie fragten ihn nach seinem vollen Namen.
    „Von Nazareth, Jeschuah.“, sagte Jesus.
    „Wie schreibt man das genau?“
    „Mit römischen Buchstaben?“, fragte Jesus und überlegte.

    Eine Weile starrte der Polizist Jesus an und Jesus starrte zurück. Dann blinzelte Jesus und sagte: „Ehrlich gesagt ist es mir egal, schreiben Sie es doch einfach so, wie es für Sie klingt.“
    Der Polizist starrte weiter. Dann schrieb er etwas auf einen kleinen zusammengeklebten Papierstapel und hielt es Jesus vor die Nase. Der zuckte die Schultern. „Ja, sieht doch gut aus.“
    „Geboren?“, fragte der Polizist.
    „Ja, ich wurde geboren.“
    „Wann und wo?, rief der Polizist, der nun auch langsam böse wurde. Jesus mochte es nicht, wenn Menschen böse wurden. Das machte ihm Angst. Er hatte mal einen ziemlich traumatischen Tod gehabt und war seitdem ein bisschen sensibel.

    „Geboren in Nazareth, im Gasthaus 'zum Wanderer' “, antwortete Jesus, „aber wann, weiß ich nicht, denn ich bin jetzt zu nervös, um im Kopf unseren in euren Kalender umzurechnen.“
    „Verstehe!“, sagte der Polizist. „Sie sind also kein deutscher Staatsbürger?“
    „Nein, ich bin römischer Staatsbürger.“
    „Rumänischer? Ach so! Italiener? Aber die haben doch denselben Kalender!“
    Wieder starrte er und Jesus starrte zurück. Seine Gedanken schweiften ab.
    In eine schöne Patsche war er da geraten! Vielleicht sollte er das Experiment doch lieber abbrechen? Sonst nagelten sie ihn womöglich wieder an so ein Kreuz. Jesus dachte nur sehr ungern daran. Er war noch immer manchmal ein bisschen sauer auf Gott, weil er das zugelassen hatte. Es war zwar Teil der Abmachung gewesen - leben als Mensch, sterben als Mensch, keine Einmischung – aber Gott hätte ihn wenigstens eher von den Schmerzen erlösen können. Stundenlang an so einem Kreuz zu hängen mit Nägeln in den Gelenken…

    Jesus schreckte aus seinen Gedanken auf, denn einer der Polizisten packte ihn plötzlich und ihm wurden die Arme mit zwei zusammen geschmiedeten Spangen, die schmerzhaft in genau diese seine empfindlichen Handgelenke schnitten, auf dem Rücken befestigt!
    ‚Nein, nein, nein!’, dachte Jesus. ‚Noch mal halte ich das nicht durch! Ich wollte mich doch nur ein bisschen amüsieren und schon passiert mir so was! Warum habe ich nur immer so viel Pech?’
    „Das mit dem Schwarzfahren und das mit dem Geld hättest du doch wissen müssen, Junge!“, sagte Gott in seinem Kopf.
    „Haben Sie gerade was gesagt?“, fragte der Polizist.
    „Ich glaube, ich habe endgültig genug“, murmelte Jesus und dematerialisierte sich.
    Geändert von 101010 (17.06.2013 um 23:00 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Desperado und danke für dein Feedback,
    ich finde nicht, dass ich die Kreuzigung verharmlose, immerhin hat der Mann noch knapp 2000 Jahre später einen Knacks weg davon.

    Mehrere Tage statt einen anzunehmen, war eine der vielen kleinen Entscheidungen historischer Jesus vs. biblischer Jesus. Ähnlich verhält es sich mit Nazareth statt Betlehem als Geburtsort, Betlehem scheint mir eine Erfindung zu sein. Ich will das jetzt nicht so ausführen, mir war primär wichtig, etwas Realismus reinzubringen und lieber den historischen als den biblischen Jesus auftreten zu lassen, wenngleich er auch tatsächlich im Himmel rumhängt.

    Zurück zum Thema mehrere Tage: Ich bin versucht, das zu ändern, weil die Gratwanderung zwischen dem, was Leute erwarten und dem, was ich für wahrscheinlich halte echt ziemlich schwierig war. Ich persönlich glaube an mehrere Tage, ich begründe das mal kurz:
    Die Kreuzigungsart ist nicht bekannt, der Tag aber. Man hat ihn vermutlich an einem Sabbat oder Sabbatvortag gekreuzigt, somit wäre eine Beerdigung am selben Tag nur schwer gegangen, da stimmt etwas nicht. Man hätte die Grablegung vor Sonnenuntergang an diesem Tag nicht mehr hingekriegt. Er starb gegen frühestens 15.00 Uhr, die Sonne geht in Israel Anfang April um 19.00 Uhr unter. Das ist nicht sehr viel Zeit. Über das Todesjahr herrscht keine Einigkeit, sie kann also auch eher untergegangen sein. Dass man zwischen Tod und Sonnenuntergang eine Beerdigung organisiert kriegt für einen, den man für unsterblich hielt, halte ich einfach für unwahrscheinlich. Schließlich musste einer der Jünger oder eher ein Tempelpriester zum verantwortlichen Hinrichter latschen, seinen Text abspulen, usw. (Normalerweise hat man die Leute hängen lassen, nur bei Juden hat man manchmal Ausnahmen gemacht wegen Bestattungsregeln.) Dann müssen Kundige den Tod feststellen. Dann muss man eine Kiste und ein Hemd besorgen usw.
    Also entweder, das Sterben und die Bestattung gingen wahnsinnig schnell oder er ist am Sonntag gestorben. Er wurde ja auch noch gesalbt, so was dauert und es geht am Sabbat auch nicht.

    Über die Punks oder so etwas habe ich tatsächlich nachgedacht, aber das erschien mir dann zu sehr Berlin-Klischee. Auch zu weit weg vom Thema, es geht nicht nur um Ausländer oder um Angst vor Pädos, es geht auch um das Vergleichen des Prota mit sich selbst. Man hat einen sehr sensiblen Menschen in einer ungewöhnlichen Situation und es wird ihm in unserer Gesellschaft fast zwangsweise Gewalt angetan. Das war sozusagen die Message.

    LG & nochmals vielen Dank für deinen inspirierenden Kommentar,
    101010

  3. #3
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    Hallo nochmal,

    "Fast" zwangsweise, weil es ja auch denkbar wäre (wenn auch nicht wahrscheinlich) dass so einer ungeschoren davon kommt, weil er gleich die richtigen Leute trifft, die ihn erkennen und beschützen. Zufällig quasi, denn Gott darf sich ja nicht einmischen.

    Ich werde diese Sachen mal ändern, weil es zu sehr vom Eigentlichen ablenkt. Ich mache stundenlang statt tagelang.
    Die traumatische Kreuzigung werde ich aber drin lassen, denn sie ist ja der Grund für die seelische Verfassung des Prota. Menschen haben ihm schon mal sehr weh getan, Gott hat nicht geholfen, Jesus hat jetzt die Schnauze voll.

    LG & nochmals Dank,
    101010

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