Das Blockhaus


Müdgeritten auf langer Tagesreise
Durch die hohen Wälder der Republik,
Führte zu einem Gastwirt mein Geschick;
Der empfing mich kalt, auf freundliche Weise,
Sprach gelassen, mit ungekrümmtem Rücken:
»Guten Abend!« und bot mir seine Hand,
Gleichsam guten Empfangs ein leblos Pfand,
Denn er rührte sie nicht, die meine zu drücken.
Lesen konnt ich in seinen festen Zügen
Seinen lang und treu bewahrten Entschluß:
Auch mit keinem Fingerdrucke zu lügen;
Sicher und wohl ward mir bei seinem Gruß.
Wenig eilte der Mann, mich zu bedienen,
Doch nicht fand ich die Kost so dürr und mager
Wie sein Wort, ich sollte bei ihm ein Lager
Finden weicher und wärmer als seine Mienen.
Winters wars, ich starrte vom Urwaldfroste;
Als ich eintrat in die geheizte Stube,
Sprang mit Fragen heran des Farmers Bube,
Was von meinem Gepäck dies, jenes koste?
Emsig am Tisch sah ich die Weiber schalten;
Und es wurde die Mahlzeit rasch gehalten.
Später schwatzten die männlichen Hausgenossen
Am Kamin, die scharfe Zigarr im Munde,
Von Geschäft und Betrieb, bis eine Stunde
Mir in traulicher Langweil hingeflossen.
Hörbar vor allen sprach des Hauses Vater,
Als ein vielerfahrner Lenker und Rater,
Wechselnd raucht’ er und sprach, und aller Augen
Hingen an seinen Lippen, der Alte schien
Aus dem Zigarrenstumpf Erfindung zu saugen;
Schweigend ließ ich die Reden vorüberziehn.
Endlich gewann der Schlaf den stillen Sieg,
Und sie gingen zu Bett; ich blieb allein,
Trank noch eine Flasche vom lieben Rhein,
Als das englische Talergelispel schwieg.
Und zur weit gewanderten deutschen Flasche
Holt ich den Uhland aus meiner Satteltasche.
Ferne der Heimat, tiefst im fremden Wald,
Las ich mir laut den herrlichen ›Held Harald‹.
Eichenstämme warf ich ins lustige Feuer,
Mir die Stube zu hellen und zu wärmen,
Denn die Elfen Haralds sind nicht geheuer,
Lockend hörte ich sie schon im Walde schwärmen.
Aber mit einmal war die Freude geschwunden,
Und mir wollte der Rheinwein nicht mehr munden.
›Uhland! wie stehts mit der Freiheit daheim?‹ die Frage
Sandt ich über Wälder und Meer ihm zu.
Plötzlich erwachte der Sturm aus stiller Ruh,
Und im Walde hört ich die Antwortklage:
Krachend stürzten draußen die nacktgeschälten
Eichen nieder zu Boden, die frühentseelten,
Und im Sturme, immer lauter und bänger,
Hört ich grollen der Freiheit herrlichen Sänger:
»Wie sich der Sturm bricht heulend am festen Gebäude,
Bricht sich Völkerschmerz an Despotenfreude,
Sucht umsonst zu rütteln die festverstockte,
Die aus Freiheitsbäumen zusammengeblockte!«
Traurig war mir da und finster zumut,
Scheiter und Scheiter warf ich in die Glut;
Mir erschien die bewegte Menschengeschichte
In des Kummers zweifelflackerndem Lichte.
»Diese Stämme verbrennen hier am Herde,
Auf ein kurzes Stündlein mich warm zu halten,
Der ich bald doch werde müssen erkalten,
Der ich selber zu Asche sinken werde.
Gibt es vielleicht gar keine Einsamkeit?
Bin ich selber nur ein verbrennend Scheit?
Und wie ich mich wärme am Eichenstamme,
Wärmt sich vielleicht ein unsichtbarer Gast
Heimlich an meiner zehrenden Lebensflamme,
Schürend und fachend meine Gedankenhast?«
Also führt ich mit mir ein wirres Plaudern;
(Hoffnungsloser Kummer ist ein Phantast,)
Und ich blickte mich um – und mußte schaudern.




Und wozu Dichter in dürftiger Zeit? (Hölderlin)

Das Blockhaus von Nikolaus Lenau gibt Antwort auf diese Frage, auch wenn das Gedicht nicht eigens hierfür geschrieben wurde. Es zeigt uns den Unterschied zwischen einem Dichter und einem „normal Sterblichen“, jemandem also, der nur an den praktischen und materiellen Dingen des Lebens interessiert ist.

Im Juni 1832 verläßt Lenau Deutschland, um in den USA, dem Land von „Demokratie und Freiheit, dem sicheren Hafen vor der „Flut der Tyrannei“, ein größeres Grundstück zu kaufen. Knapp zehn Monate später, im April 1833, kehrt er jedoch enttäuscht von dort zurück. Ein Land, in dem es verfassungsgemäß keine Tyrannei gibt, muß nicht allein deshalb schon lebens- oder liebenswerter sein als Österreich oder Deutschland. Aus der Ferne lernt Lenau seine Heimat zu schätzen. 1838 schreibt er rückblickend Das Blockhaus.

Die erste Hälfte des Gedichts beschreibt einen im Walde lebenden amerikanischen Kolonisten und seine Welt, die zweite hingegen handelt vom Geistesleben eines romantischen Dichters.

Nach einem langen Ritt durch verschneiten, bitterkalten Wald findet Lenau Herberge in einem Blockhaus. Dort begegnet ihm zunächst der Wirt, der ihm – höflich jedoch ohne Herzlichkeit – die Hand „drückt“, um sich dann nicht weiter um ihn zu kümmern. Ganz anders „des Farmers Bube“; dieser stürzt auf ihn zu und fragt neugierig ... nach dem Preis einzelner Gepäckstücke.

Die Abendmahlzeit wird „rasch gehalten“, wohl deshalb, weil die Männer den Frauen nicht viel zu sagen haben. Dafür schwatzen sie später jedoch, die Zigarre im Mund, am flackernden Kaminfeuer umso ausgiebiger über „Geschäft und Betrieb“. Hierbei tut sich der Hausherr besonders hervor, indem er sich im Kreise der lauschenden Männergesellschaft als „vielerfahrenen Lenker und Rater“ darstellt.

Der Dichter langweilt sich bei all dem „englischen Talergelispel“ und sieht erleichert zu, als die Gesellschaft sich endlich müde zurückzieht. Bei einer mitgebrachten Flasche Rheinwein gedenkt er zunächst der Heimat, indem er laut ein Gedicht seines Freundes Ludwig Uhland rezitiert. „Held Harald“ handelt von einem Ritter, der in einem von Elfen bewohnten Wald all seine begleitenden Männer verliert und schließlich selbst nach einem Trunk aus einer verzauberten Quelle in immerwährenden Schlaf versinkt. Durch das Gedicht wird dem Dichter alsbald selbst die Natur lebendig und er hört „die Elfen Haralds ... lockend im Walde ... schwärmen“. Jäh schlägt seine Stimmung dann aber um, denn die bange Frage nach der „Freiheit daheim“ drängt schmerzlich an ihn heran. Gleichzeitig „erwacht“ draußen ein heftiger Sturm, der die „nacktgeschälten Eichen“ niederwirft. Und der um das Blockhaus heulende Sturm erscheint ihm plötzlich als Sinnbild für den Freiheitskampf in der fernen Heimat.

Wie sich der Sturm bricht heulend am festen Gebäude,
Bricht sich Völkerschmerz an Despotenfreude ...
Um seine finstere Stimmung aufzuhellen, wirft er Scheit um Scheit in die Glut des Kaminfeuers und sieht dabei das brennende Holz als Symbol für sein Leben.

Bin ich selber nur ein verbrennend Scheit ... ?
Dann folgen so manche Gedanken, die nach den Gründen seiner besonderen – dichterischen – Lebensweise fragen. Wenn der Dichter nun selbst ein verbrennendes Scheit ist, welch unsichtbarer Geist wärmt sich dann an ihm, wer „schürt und facht“ seine „Gedankenglut“? Unheimlich ist ihm dabei sein nächtliches „wirres Plaudern“:

Und ich blickte mich um – und mußte schaudern.
Oftmals wird gesagt, der romantische Dichter flüchte sich wegen seiner praktischen Untüchtigkeit in eine phantastische Welt. Bodenständige, entschlossen zupackende Realisten seien ihm deshalb überlegen, ähnlich wie lebenstüchtige Erwachsene phantasievoll spielenden Kindern auf dem Boden der Lebensbewältigung voraus sind. Dieses Argument trifft auf Lenau jedoch nicht zu. Der Dichter hätte zuhause leicht sich in einer Art elfenbeinernem Turm einrichten können, um dort ungestört in einer Phantasiewelt zu leben. Dennoch bricht er zu einer beschwerlichen Reise von Amsterdam nach New York auf, um die Neue Welt bis hin zu den Niagara Fällen zu bereisen und um sich in den USA schließlich ein Stück Land zu kaufen. Wie strapaziös, abenteuerlich und auch gefährlich See- und Landreisen im 19. Jahrhundert waren, können sich viele der heutigen komfortverwöhnten, pauschalreisenden Touristen gar nicht mehr vorstellen. Es ist also nicht so, daß Lenau im Vergleich zu dem von ihm beschriebenen Blockhausbesitzer entwicklungsmäßig zurückgefallen wäre, ganz im Gegenteil, er ihm hat etwas voraus: ein lebendiges Geistesleben nämlich und ein Interesse für Dinge jenseits des naheliegenden Praktischen und Materiellen im Leben. Ihm ist der Wald nicht allein Holzlieferant oder Mittel zum Zweck, um Geld zu verdienen, er ist ihm vielmehr etwas Lebendiges und Geheimnisvolles. Was kümmert Leuten wie den Blockhausbesitzer auch der Begriff Freiheit, solange niemand ihnen in ihre geschäftlichen und sozialen Belange hineinspricht? Ebenso wenig stellt sich ihnen auch die Frage nach dem Sinn ihres Daseins oder nach den Gründen ihrer Unruhe, weshalb sie mit Dichtung und ihren symbolischen Antworten darauf auch nichts anzufangen wissen. Jenen aber, die von „metaphysischen“ Fragen wie auch von einem liebenden Verhältnis zu Mensch und Natur bewegt werden, denen praktischer Nutzen und weltlicher Besitz allein nicht Lebenssinn genug ist, denen hat Dichtung wie die von Lenau noch immer eine Menge zu geben.

Mit lieben Grüßen

Friedrich

P.S.
zu Lenau: Nikolaus Lenau - Der Traurige Mönch

zu romantischer Dichtung: Die blaue Blume (Novalis)