Thema: Das Sonett

  1. #1
    Dr. Üppig Guest

    Das Sonett

    In Anbetracht der Fülle in letzter Zeit eingestellter Sonette habe ich mit Verwunderung festgestellt, dass es im Sprechzimmer noch keinen Faden zu dieser Gedichtform gibt. [EDIT: ferdi hat seine Fäden leider gelöscht, weshalb ich die Links entferne.] Dieser Faden soll bestenfalls eine grobe Übersicht über das wirklich sehr ausladende Thema Sonett bieten.



                Das Sonett ist wohl eine der geschichtsträchtigsten Gedichtformen überhaupt. Ich habe mich daher bei seiner Beschreibung für eine diachrone Betrachtungsweise entschieden, da ich der Ansicht bin, dass sich die heutige Komplexität und Signifikanz des Sonetts so am besten nachvollziehen lässt.
                Aufgrund der schieren Grenzenlosigkeit der Verbreitung dieser Gedichtform beschränke ich mich auf die italienische und auf die deutsche Form.

                Ursprünglich stammt das Sonett – wie so viele andere Gedichtformen – aus italienischer Literatur, ungefähr um 1230. Es erlebt mit Petrarca im 14. Jahrhundert seinen Höhepunkt. (Hier beispielhaft ein von Opitz ins Deutsche übersetzte Sonett Petrarcas.)
                Das italienische Sonett ist in seiner Gestaltung streng gegliedert: Es besteht aus zwei Quartetten und zwei Terzetten (wegen der unterschiedlichen Anzahl der Verse ist die Benennung der Quartette und Terzette als Strophen streng genommen nicht richtig). Das Reimschema ist in den Quartetten abba abba, in den Terzetten ursprünglich cdc dcd, wobei auch das (spätere) italienische Sonett da unterschiedlichste Variationen kennt, von verschiedenen Anordnungen der Reime bis zur Abkehr von zwei Reimen hin zu drei: cde cde, cde edc usw. Das Versmaß ist ein Endecassilabo, ein hyperkatalektischer fünfhebiger Jambus.
                Es sei angemerkt, dass es viele Variationen der italienischen Form gibt, die sich unter anderem von der sog. klassischen Form durch Erweiterungen der Quartette und Terzette um einzelne Verse bis hin zur Verdopplung ihrer Anzahl (= je vier Quartette und Terzette) unterscheiden. Da diese Formen im Allgemeinen kaum Verwendung fanden und fast nicht bekannt sind, lasse ich sie aus.

                Mit der Welle der Renaissance kommt das Sonett zunächst nach Frankreich, um von dort ungefähr zum Zeitalter des Barock in Deutschland Fuß zu fassen. Sonette in vierhebigen Jamben werden in Deutschland teilweise geschrieben, diese Form geht aber unter, um dem großen französischen Vorbild Platz zu machen: dem Alexandriner. Dieses Versmaß setzt sich aus sechs jambischen Versfüßen zusammen, wobei nach dem dritten eine Zäsur folgt. Das Reimschema der Quartette wird oft abwechslungsreicher gestaltet als beim Vorbild, abba cddc – zum Teil, weil das Deutsche nicht über diese Leichtigkeit der Reimfindung verfügt wie die romanischen Sprachen Französisch und Italienisch; viele allerdings halten an der „abba abba”-Vorgabe. In den Terzetten wird überwiegend der Schweifreim ccd eed verwendet; auch findet eine Abkehr von der Verwendung ausschließlich weiblicher Kadenzen statt. In dieser Gestalt ist das Sonett die beherrschende Gedichtform des Barock. Opitz, Gryphius und Fleming sind hier als marginale deutsche Vertreter zu nennen.

                Im weiteren geschichtlichen Verlauf verliert das Sonett an Bedeutung; bis hin zum späten 18. Jahrhundert ist das Sonett verpönt, bis es von Gottfried August Bürger eine Wiedergeburt erlebt. Nun orientiert sich das Metrum mehr an den italienischen Wurzeln – es wird fast ausschließlich der fünfhebige Jambus verwendet. Interessanterweise setzt gerade Bürger vermehrt fünfhebige Trochäen in seinen Sonetten ein. Jedoch werden auch da sehr schnell die Kadenzen abwechselnd eingesetzt. Zu dieser Zeit werden viele neue Reimschemata eingesetzt und ausprobiert, beispielsweise der Kreuzreim abab cdcd. Das dem ähnliche englische, das sog. Shakespeare-Sonett mit der Reimform abab cdcd efef gg kann sich in Deutschland wenig etablieren.
                Eine zweite Blütezeit erfährt das Sonett in etwa ab dem Expressionismus. Die Verwendung des Sonetts ist hierbei geprägt von bewusster Zerstörung der Form, von der Abkehr von Reimschemata und festen Metren (siehe bspw. Rilkes Sonette an Orpheus).

                Zum Schluss eine Anmerkung zur inhaltlichen Gestaltung des Sonetts. Wann immer die Rede vom Sonett ist, stets wird die Struktur These – Antithese – Synthese als bindend angegeben. Es sollte zu bedenken geben, dass diese Art der Gestaltung bei vielen klassischen Sonettautoren wenig bis teilweise gar nicht Verwendung findet. Unbestreitbar ist jedoch die große Trennung, die sich im achten Vers mit der Trennung der Quartette von den Terzetten vollzieht. Diese Besonderheit wird vielmehr dergestalt genutzt, dass in den Terzetten eine Zusammenfassung, eine Zuspitzung auf der Thematik, wenn man so will, eine Pointe formuliert wird. Um Burdorf zu zitieren, „kann man [daraus] allerdings nur eine Tendenz des Sonetts zur Abgeschlossenheit, zur Vermeidung eines offenen Gedichtschlusses, ableiten, nicht aber eine Bevorzugung bestimmter Inhalte [...]”. Tatsächlich kennt das Sonett keine Begrenzung in der Wahl des Themas: Von Liebe über Krieg und Elend bis zu selbstreflexiver Betrachtung, wie zum Beispiel bei Robert Gernhardt, ist die Palette an Möglichkeiten wahrlich groß. Dies ist ein weiterer Aspekt der großen Beliebtheit dieser Gedichtform.



    Wichtigste Quellen:
    - Dieter Burdorf: Einführung in die Gedichtanalyse
    - Wolfgang Kayser: Keline deutsche Versschule
    - Burkhard Moeninghoff: Metrik
    - Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur
    Geändert von Dr. Üppig (16.04.2018 um 20:46 Uhr)

  2. #2
    Dr. Üppig Guest
    Sorry, hab deinen Beitrag erst heute gesehen!

    ferdi hat seine Fäden leider gelöscht. Ich habe die Links jetzt entfernt.

    Die verschiedenen Formen werden im Text durchaus aufgeführt. Falls dennoch Fragen bestehen, einfach nachfragen. Im Forum gibt es einige, die sich mit dem Sonett auskennen und die Fragen beantworten können, falls ich wieder Beiträge übersehe.

    mfG

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