1. #1
    Registriert seit
    Jul 2013
    Beiträge
    2

    Horst des Ursprungs

    Horst des Ursprungs

    Sie gedeihen im Zwielicht, ohne Namen und ohne Gesicht. Dort wo Augen, Mund und Nase existieren sollten, spannt sich die graue Haut über Auswölbungen und Vertiefungen.
    „Schön sind sie nicht“ dachte sich Mardina, die Herrin, Wächterin des Horsts des Ursprungs. Die Halbgöttin, die niemals alterte, deren graues Haar bis zu den Hüften reichte und so wie jeden Moment der Ewigkeit der ihr blieb, auf der Terrasse stand um über die Zwielichter zu wachen. Hinter ihr ragte der riesige Palast in den Himmel. Mardina blickte über ihr kleines Reich, indem es weder Tag noch Nacht gab. Noch nie viel ein Tropfen Regen auf die trockene Erde. Noch strahlte die Sonne oder wehte der Wind. Dieser magische Ort, war einzig und allein dafür geschaffen worden, die Wiedergeborenen zu brechen.
    „Wie sie sich winden und versuchen alles um sich zu ertasten. Wie ihre schlanken Finger suchend über das Gestein wandern. Wie sie nur darauf warten ihr Schicksal zu erfüllen. Sie sehen alle gleich aus und doch kenn ich sie Alle. Jeden Einzelnen werde ich ein Gesicht geben, einen Namen, eine Aufgabe, denn das ist meine Bestimmung. “
    „Welch herrliches Gefühl das ist“ ein Schmunzeln wanderte über das Gesicht der Wächterin. „ Diesen Kreaturen den ihnen vorbestimmten Namen zu verraten. Nach so vielen Jahren im Zwielicht, in dieser ganz und gar tristen Umgebung, sind die Seelen reingewaschen. Jegliche Erinnerung ist hinfort und diese erbärmlichen Wesen, welche so einflusslos dahinvegetieren, bekommen am Höhepunkt ihrer spirituellen Reinheit ihre Bestimmung verliehen.“
    Gedankenverloren blickte Mardina über die herumkriechenden Zwielichter und erkannte inmitten der grauen Massen zwei aufrecht stehende Gestalten. Kopfschüttelnd betrachtete sie die Beiden, welche ganz und gar regungslos, Hand in Hand, zwischen den windenden Kreaturen stehen.
    „Seit Generationen stehen sie so da und halten an ihren Erinnerungen fest. Hartnäckig weigern sie sich einander zu vergessen.“ Mitleid und Wut überkamen Mardina bei diesen Gedanken.
    „Viele Liebende haben dies schon versucht. Gemeinsam gestorben, gemeinsam geboren und in der Hoffnung gemeinsam den Horst zu verlassen. Doch ich werde sie brechen. Irgendwann werden sie einander los lassen, und dann werden sie kriechen. Sie werden vergessen und so wie alle anderen Zwielichter werden sie sich vor mir winden“
    Mit schnellem Schritt eilte die Unsterbliche durch die Herumkriechenden, direkt auf die beiden beharrlichen Namenlosen zu. Wütend trennte sie die sich haltenden Hände mit einem harten Schlag ihres Stabs und drängte die beiden in verschiedene Ecken des Horsts.
    Leicht zitternd vor Zorn über die Dreistigkeit dieser noch immer Individuen, nahm Mardina wieder ihren Platz auf der leicht erhöhten Terrasse ein und begann vom Neuen die Kriechenden zu überwachen. Mit einem Lächeln beobachtete sie, wie die gerade Getrennten auf allen vieren über das Gestein krochen und ihre langen Finger wie Fühler über jedes einzelne Ungesicht der Zwielichter tasten ließen. „ Jetzt suchen sie sich und hoffentlich vergessen sie einander dabei“
    „Herrin?“ die leise Stimme ihrer Dienerin weckte Mardina aus ihren Gedanken.
    „Sie sind da.“
    Die Wächterin wendete sich vom Anblick ihrer Schützlinge ab und blickte in die angstvoll erweiterten Augen des jungen Mädchens.
    „Schon wieder?“
    „Ja, und sie wirken wütend. Sie verlangen nach einer Antwort“

    Seufzend warf Mardina noch einen Blick über ihren Horst, wo die zwei Liebenden noch immer auf allen vieren nacheinander suchten. Dann wendete sie sich vollends der Dienerin zu. „Lass die Zwielichter nicht aus den Augen.“
    Mit einem flauen Gefühl im Bauchraum und heftig schlagendem Herz trat Mardina durch den Vorhang, hinein in den grauen Palast, den sie seit Kreaturengedenkens bewohnte.
    Eilig hastete sie durch die kühlen Gänge, blieb aber abrupt vor dem Tor zur Empfangshalle stehen und ließ ihre Augen über ihren eigenen Körper wandern. Den Mächten in zerschlissen, gar verschmutzten Gewandt zu erscheinen, könnte durchaus als Beleidigung aufgefasst werden und grauenvolle Konsequenzen nach sich ziehen. Doch das Gewandt war trotz des Vorfalls im Horst noch makellos grau. Mit einem letzten tiefen Atemzug öffnete sie das reich geschmückte Tor und trat in die große Halle ein.
    Da standen sie, die Mächte. Dunkelheit und Licht, Nacht und Tag, Milazia und Enerdo. Todfeinde, Geschwister, Liebende. Götter, die in ihrer Schönheit nicht zu übertreffen waren.
    Milazia die Herrscherin der Nacht, mit ihrem langen schwarzen Haar, den gelben Augen und der dunkelblauen Haut, welche mit hellblauen feinen Punkten überseht war und somit den Nachthimmel mit seinen Gestirnen glich und Enerdo, Herrscher des Tages, dessen blondes Haar geschmeidig über seine starken Schultern floss und von dessen Brust ein seltsames helles Leuchten ausging, während die restliche Haut hellblau strahlte. Nur seine Augen verrieten seine Verwandtschaft mit Milazia, gelb und mit einem stechenden Blick.
    So standen die Mächte vor Mardina, welche zwar auch zum Götterklan gehörte, aber bei weiten nicht so wichtig, so unersetzbar war.
    Geändert von Baukis (09.08.2013 um 11:40 Uhr)

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Horst des Ursprungs 2
    Von Baukis im Forum Fantasy, Science Fiction
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 09.08.2013, 11:39
  2. Ursprungs Hände
    Von Belshiras im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 16.05.2011, 12:55
  3. Horst und ich
    Von Traut im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 25.01.2011, 10:05
  4. Botschaft des verborgenen Ursprungs
    Von Sinikka im Forum Mythisches, Religiöses und Spirituelles
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 10.10.2008, 10:39
  5. Adler-Horst
    Von JoteS im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 10.10.2007, 10:10

Stichworte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden