Thema: Die Brücke

  1. #1
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    Die Brücke

    Atemlos stand die kleine blaue Katze vor der brüchigen, wackeligen Brücke und überlegte, wie sie es nur schaffen könnte, sie zu überqueren. Unter der Brücke tobte ein reißender Fluss, der nur darauf zu warten schien, sie zu verschlingen. Aus dem Wasser starrten sie rotglühende Augen an und das Schnappen von messerscharfen Reißzähnen in mächtigen Kiefern ließ sie vor Angst erschauern.

    Hinter ihr näherte sich mit rasender Geschwindigkeit ein Eissturm, der sie zu erfrieren lassen drohte, wenn sie es nicht auf die andere Seite des Flusses schaffte. Sehnsüchtig blickte die blaue Katze auf das warme Sonnenlicht jenseits der Brücke. Dort drüben wäre sie in Sicherheit, das spürte sie. Sie hörte die einladenden Stimmen der bunten Schmetterlinge, die ihr Mut zuriefen und ihr erzählten, wie schön es dort drüben bei ihnen sei: "Hab Mut, kleine Katze und besiege deine Angst. Dann wird alles gut !"

    Doch jäh wurde sie aus ihren Träumen gerissen, als der Sturmwind ihr erbarmungslos stechende Eiskristalle in ihr Fell schleuderte. Heftig zerrten unsichtbare eisige Hände an ihr und nur mit Mühe rettete sie sich in eine kleine Bodenmulde aus Stein. Das Herz schien der kleinen Katze vor Grauen zu zerspringen, als sie so dalag, niedergedrückt von der immer schwerer werdenden Schneedecke, eisig umklammert von ihrem eigenen gefrierenden Atem.

    "Kleine Katze, glaub an dich.", wisperte ihr da eine leise Stimme zu. "Zünde dein Licht an. Du wirst sehen, alles Eis wird durch deine Wärme schmelzen. Die Ungeheuer des Stromes werden geblendet werden von deiner Helligkeit, so dass sie dir nichts mehr anhaben können. Und du, du wirst den Mut finden, die Brücke zu überqueren. Aber du musst es jetzt tun, kleine blaue Katze. Denn wenn du noch länger wartest, wird der Eiswind dir alles Leben stehlen. Und du wirst gefangen sein, in einem ewigen Panzer aus Eis."

    Da öffnete die kleine Katze mit letzter Kraft ihre schon fast zugefrorenen Augenlider und schaute einen langen Moment auf die Brücke. Und wie sie so schaute, da schmolz unter ihrem Blick der Weg vor ihr frei und sie fühlte wohlige Wärme in sich aufsteigen. Mit jedem Schritt, den sie nun ging, leuchtete die kleine Katze heller. Mit festem Blick auf das sonnige Tal auf der anderen Seite gerichtet sammelte sie all ihren Mut, nahm Anlauf und schritt entschlossen über die Brücke.

    Endlich auf der anderen Seite angekommen, ließ sie sich zitternd und erschöpft niedersinken und sog erleichtert die warme Luft dort ein. "Oh wie bin ich froh, der Kälte und den Ungeheuern entkommen zu sein", seufzte sie. "Nie wieder will ich über wackelige Brücken mit gefährlichen Bestien darunter gehen müssen !".

    "Das musst du auch nicht, kleine Katze", sprach da ein leuchtend türkisfarbener Schmetterling zu ihr. "Jetzt, wo du dein Licht gefunden hast, kannst du die Wirklichkeit sehen, so wie sie immer war. Schau dich um und sieh genau hin, wovor du solche Angst gehabt hast !"

    Die kleine Katze drehte sich zögerlich um und riss voll ungläubigen Erstaunens ihre Augen weit auf. "Aber wo sind denn die Ungeheuer hin ? Wo ist der Eissturm geblieben und wo die wackelige Brücke ?", fragte sie aufgeregt den Schmetterling.

    "Kleine Katze, es gab nie einen Eissturm. Es gab keine Ungeheuer und auch keine wackelige Brücke. Es war immer nur deine Angst, die dich täuschte, in die Irre führte und dich Dinge sehen ließ, die gar nicht da waren. Fast wärest du deswegen erfroren und hättest dein Leben gelassen."

    Nach einer kurzen und nachdenklichen Pause blickte der türkisfarbene Schmetterling der kleinen blauen Katze dann feierlich und voller Freude in die Augen: "Du hast die Angst besiegt, kleine Katze. Weil du an dich geglaubt und dein Licht gefunden hast !"

    Als der Schmetterling diese Worte sprach, da fühlte die kleine Katze, wie sich beruhigende Zuversicht in ihr ausbreitete. Sie ließ sich in das samtene Gras fallen und atmete tief ein. Und zum ersten Mal spürte sie, wie es war, aus vollem Herzen zu leben.
    Geändert von Zauberkind (13.08.2013 um 22:04 Uhr)

  2. #2
    sarna Guest
    Deine Geschichte, Zauberkind, erzeugt bei mir - nicht nur durch ihren sanft in die tiefe greifenden Inhalt - sondern auch durch die klare, flüssige Art des Erzählens und Schilderns, eine beruhigende, harmonisierende, beinah - therapeutische Wirkung.

    Die blaue Gestalt der kleinen Katze lässt sehr schnell beim Lesen ein zärtliches Mitgefühl mit ihr entstehen und die Bereitschaft, sie in ihrem Erleben zu begleiten - in ihrer Nähe zu sein. Deshalb wirkt auch das Geschehene sehr unmittelbar, glaub ich.

    Trotz des märchenhaften Charakters vermittelt die Gesichte einen Einblick in den Prozess der Entstehung und Bewältigung der Angst - es geschieht auf eine sehr leichte und unmerkliche Weise, da beim Lesen stets die innere Offenheit erzeugt wird.

    Den letzten Satz: "Und zum ersten Mal spürte sie, wie es war, aus vollem Herzen zu leben."
    finde ich sehr treffend und Wirkungsstark - deshalb auch sehr passend als Abschluss der Geschchte.. Denn die Angst, wie ich sie selbst empfinde, " fesselt und verengt" tatsächlich das Herz, seine Liebesfähigkeit und die Angstfreiheit tatsächlich den Eindruck enstehen lässt, wieder aus vollem Herzen leben zu können.

    An einer Stelle wünschte ich mir vielleicht eine etwas erweiterte Beschreibung, da ich mit einer offenen Frage/Lücke aus ihr "entlassen" werde, auf die ich auch später keine Antwort finde: "Kleine Katze, glaub an dich.", wisperte ihr da eine leise Stimme zu. "Zünde dein Licht an." Woher kam diese Stimme und warum? Mir fehlt hier einfach ein kleiner Hinweis auf einen Zusammenhang mit der Ganzheit.

    Insgesamt habe ich deine Geschichte mit einem nicht nachlassenden Interesse und Vergnügen gelesen. Danke!

    L.G. sarna

  3. #3
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    Hallo Sarna,

    vielen lieben Dank für Deine positive Rückmeldung und die aufbauenden Worte !

    An einer Stelle wünschte ich mir vielleicht eine etwas erweiterte Beschreibung, da ich mit einer offenen Frage/Lücke aus ihr "entlassen" werde, auf die ich auch später keine Antwort finde: "Kleine Katze, glaub an dich.", wisperte ihr da eine leise Stimme zu. "Zünde dein Licht an." Woher kam diese Stimme und warum? Mir fehlt hier einfach ein kleiner Hinweis auf einen Zusammenhang mit der Ganzheit.
    Naja, das ist interpretationsoffen: die Stimme kann betrachtet werden als "innere Stimme" der blauen Katze selbst, als die Stimme, die sich als innere Stärke in jedem von uns versteckt hält und in Extrem-/Krisensituationen dann (oft überraschend) zum Vorschein kommt.

    Manchmal ist es doch so, dass man wie die kleine blaue Katze meint, etwas nie schaffen zu können - aber dann, wenn es eben nicht mehr anders geht und man vor der "schrecklichen Situation"/ der Brücke steht, dann aktivert man eben doch seine gesamten Kräfte und schafft Dinge, von denen man sonst nicht mal gewagt hätte zu träumen, dass man sie schaffen kann !

    Daher also diese Stimme, die sich plötzlich bemerkbar macht ...

    Aber da es natürlich eine Parabel/märchenhafte Erzählung ist, könnte der Leser ebenso gut die Stimme als die Stimme eines unsichtbaren Wesens interpretieren, das es einfach gut meint mit der kleinen blauen Katze und ihr zu Hilfe kommt.

    Im Ergebnis ist es egal - in jedem Falle ist es so, dass die blaue Katze über sich selbst hinauswächst und es schafft, ihre Angst zu besiegen und über "die Brücke" zu gehen.



    LG
    Zauberkind

  4. #4
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    So lange diese Art Geschichten auftauchen, solange wird es mutige kleine blaue Katzen geben. Da das Land hinter der Brücke für jeden anders ist, lässt sich auch der Rückschluss darauf ziehen, dass die Angst zwar unterschiedliche Ausprägungen hat, aber durch den Sturm gut charakterisiert ist.

    LG RS
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  5. #5
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    ... der Tag, an dem es keine mutigen kleinen blauen Katzen mehr gibt, wird der Tag sein, an dem wir die Morgenröte vermissen ... die Menschheit wäre tot.

    Vielen Dank für Deinen Kommentar, Robert !

    LG
    Zauberkind

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