Thema: gewesen

  1. #1
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    gewesen

    vielleicht sind sie einmal gut gewesen
    diese menschenleute die sie einmal gewesen
    was war es nur, was sind sie gewesen?
    ich bin oft ein mensch gewesen
    der sie kannte, und das ist so gewesen
    am ende des tages sind sie gewesen
    und blumen sind sie wohl nicht gewesen
    oder sie sind es nur einmal gewesen
    als sie gewesen waren, sie sind es gewesen
    und das ist sehr schön gewesen
    viele sind so immer wieder gewesen...

  2. #2
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    Sorry, aber das hört sich nach 10 Bier an, wo man alles tiefgründig und elegant findet.. Hat für mich leider keine Stimmung, keine semantische Ebene und über den Wiederholungsstil will ich in dem Fall gar nicht reden.. Hab ja durchaus bei anderen Sachen von dir reingeschaut, die mir sehr gut gefallen haben, aber das fällt irgendwie sehr negativ aus dem Rahmen.

    Grüße,
    Balu
    „Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.“
    - Dostojewski

  3. #3
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    Hallo Minirilke,

    die durchgehende Epipher "gewesen" wird von dir, wie ich finde, ganz gut eingesetzt.
    In diesem Fall gefällt mir auch die generelle Kleinschreibung und Interpunktionslosigkeit, sie passen zur modernen Auffassung vom Gedicht. Dass ich selbst mit dieser Art Modernität nicht viel im Sinn habe, hindert mich aber nicht, dein Gedicht sehr lesenswert zu finden. Es spielt mit der Sprache, und das ist ja auch die gegenwärtige Auffassung vom Amt des Poeten - das Spiel mit der Sprache, den Wörtern -, wenn sich darin auch die Sinnlosigkeit, der Widersinn, die Dekadenz unserer Zeit spiegeln: Man will nichts mehr mitteilen, weil sowieso alles sinnlos ist, die Form ist das Wesentliche, am unwesentlichsten die Prämisse. Zu deiner Ehrenrettung sei gesagt, dein Gedicht enthält für mich immer noch eine Prämissse. Insofern würde ich das Gedicht nicht verteufeln wollen, denn auch die größte Sinnlosigkeit enthält immer noch ein Fünkchen dessen, was menschlich ist, es ist Ausdruck der Zeit, in der wir leben. Wie man an deinem gutgemachten Gedicht sehr gut ablesen kann. Ich habe es mit Aufmerksamkeit und Interesse gelesen.

    Gruß, Elektra
    Geändert von Elektra (31.08.2013 um 10:18 Uhr)

  4. #4
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    Also wenn ich während meinem Studium eine Sache gelernt habe, dann diese: Solche Betrachtungsweisen (Elektras) sind nötig, um mit Kunst generell umgehen zu können. Sie berücksichtigen aber keinerlei Qualität, es gibt eine ewige Diskussion über das Thema, was denn noch "Qualität" oder "Kunst" ist - spätestens ab der Postmoderne für unsere Köpfe. Hierbei will ich aber betonen, dass das für mich absolute Diskussionsfragen fernab von Kunstwerken sind, denn mit so einer Kunstauffassung kann man auch einen einzelnen Punkt "schönreden" oder Sinn darin finden.

    Heutzutage gehen aber viele Denkweisen und Stilrichtungen auseinander, gerade in so einem Gedichteforum wie hier. Wie soll man da anders bewerten als nach seinem Toleranzradius? So könnte man hier unter jedes Gedicht nur seinen Stempel setzen - den Rest kann man ja dazuinterpretieren? Wahrscheinlich bin ich gerade einfach nur der Gegenpart, der schreit, weil er eben da sein muss und schreien soll. Ich könnte mich gleichzeitig komplett auf diese Diskussion einlassen und würde darin aufblühen, weil ich das genauso sehen und empfinden kann.. Auch das ist eigentlich total egal, Hauptsache ist, ich schreibe irgendwas.. Kommt aufs selbe raus, oder? Ja, tuts ja auch (ernst gemeint).

    Aber unter welcher Flagge schreibt man dann hier in so einem Forum? Je nach Tageslaune, nach Stimmung, nach Lebenssituation? Mal da meckern, mal da Recht geben, morgen umgekehrt - "Was interessiert mich mein Geschwätz von Gestern?"

    Ich denke bei dieser ganzen Diskussion über Postmoderne, Gegenwartsliteratur und diesen auflösenden Punkt einfach nur: Er wird nie durchdringen. Die Philosophie war schon vor über 50 Jahren an genau dem gleichen Puntk. Sie haben gesagt: "Lassen wirs am besten sein, lösen uns auf, hier ist für uns Ende, wir haben zu unserer Selbstzerstörung gedacht." War ein richtiger Gedanke, war gut, gab aber halt Leute, die anderweitig weitergemacht haben, und das wird wieder gelesen. Genauso stelle ich mir das in der Literatur vor: Es wird erkannt, es wird als Randerscheinung mitgeführt und die Masse bekommt davon nichts mit, ignoriert diesen Nullpunkt auch.

    Ich kann mich noch gut erinnern, als wir in einem Seminar für Gegenwartsliteratur ziemlich komplizierte Romane zu Rande gezogen haben. "Blumenberg" von Sibylle Lewitscharoff - ein geniales Buch - hat jedem widerstanden. Leichtere Kost wie "In der Zeit des abnehmenden Lichts", welches viel gehaltloser war, wurde auch unter den Philologen zehnmal besser aufgenommen. Wo etabliert sich Literatur und darf man allgemein über Literatur sprechen und sie an einen Todpunkt reden? Geschichten werden immer erfunden werden.. immer.. und auch gerne gehört. Insofern für mich als Disskusionsthema unglaublich würdig, an so einem Punkt selber noch weiterzuschreiben und das ausdrücken zu wollen, ist eigentlich schon paradox.

    Grüße,
    Balu
    Geändert von BaluDerTanzbaer (31.08.2013 um 10:42 Uhr)
    „Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.“
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  5. #5
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    Balu,

    ich verstehe dich, und ich verstehe auch deine Beweggründe, denn im Grunde sind es dieselben Beweggründe, die mich eigentlich immer noch bei der Stange bleiben lassen. Weil ich genau wie du denke, dass nämlich die Zertrümmerung der Lyrik, ihre Auflösung ins Nichts, die im 19. Jahrhundert mit Baudelaire begann und sich dann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts fortsetzte bis heute, eine Zeiterscheinung ist, die unsere Zeit des Niedergangs lediglich spiegelt. Die Kunst ist ein Seismograph. Ändern sich die Zeitverhältnisse, ändert sich auch die Lyrik, wobei nicht nur die Lyrik, sondern alle Kunstgattungen in Auflösung begriffen sind. Aber ich bin ganz sicher, dass zum Beispiel das gereimte Gedicht in allen Genres niemals sterben wird. Man wird es in die Ecken drängen, es verhöhnen als altmodisch und überholt, aber es wird bleiben, solange Gedichte geschrieben werden. Zu dieser Überzeugung musste ich aber erst einmal gelangen.

    Ich habe nämlich etliche Jahre nur freie Rhythmen geschrieben, ohne mich von irgendeiner Modernität beeindrucken zu lassen, und bin erst vor anderthalb Jahren zum Reimgedicht gekommen. Ich musste alles in kürzester Zeit nachholen, was ich dazu brauchte. Dabei half mir ein hochangebundener Lyriklehrgang an einem bundesdeutschen Institut, wo ich mit der ungereimten Lyrik (um es mal so auszudrücken) geradezu gefüttert wurde, neben dem Theoretischen des allgemeinen lyrischen Handwerks. Bei diesem Lehrgang wurde uns ganz selbstverständlich beigebracht, dass es heute darauf ankäme, neue Formen der Lyrik zu finden, ohne dass man überhaupt Wert auf Inhaltliches legen müsse, denn Lyrik sei nichts als Sprache, geformte Sprache und nur Form. Das ist die Lehrmeinung. Ich habe das zur Kenntnis genommen und meine Schlüsse daraus gezogen.

    Das alles spielt für minirilkes Gedicht aber nur als Hintergrund eine Rolle.
    Eine Vorlage für das Gedicht von minirilke fand ich übrigens auch in meinen Lehrgangsunterlagen. Die formale Ähnlichkeit des minirilke-Gedichts mit diesem Beispiel ist nicht zu übersehen. Ob er sich an dieses Beispielgedicht angelehnt hat oder ob es auf seinem "eigenen Mist" gewachsen ist, kann ich natürlich nicht sagen, auf jeden Fall aber ist die formale Gestaltungsähnlichkeit frappierend, und so gesehen ist das ein gutgemachtes Gedicht.

    Reich-Ranicki hat übrigens in den siebziger Jahren Gegenwartslyrik herausgebracht, eine Sammlung von A - Z der seriösen westdeutschen Lyrik, ostdeutsche Lyrik kam überhaupt nicht vor. Warum sie nicht vorkam, ist einleuchtend, zumindest für die siebziger Jahren, später aber näherte sich die ostdeutsche sehr stark an die westdeutsche Lyrik an, mit dem ganzen Nihilismus, der Weltverachtung, der Dekadenz, so dass sie dann mit kleinen Einschränkungen in seine Sammlung gepasst hätte. Auch das ist ein Indiz für die seismographische Funktion von Kunst. Diese Sammlung hat mich sehr darin bestärkt, zum Reimgedicht zu wechseln. Denn "modern" sein um des Modernsein willens hat für mich etwas Käufliches, das sich nach meinem Verständnis mit Lyrik nicht vereinbaren lässt. Man kommt nicht ganz drumherum, so realistisch muss man sein, man kann heute eben nicht im Stile des Barock oder der Romantik schreiben, ohne dass man sich ein wenig lächerlich macht. Was man aber kann, das ist, Formen anderer Stilepochen mit heutigem Gedanken- und Sprachgut auszufüllen. Und das wird ja auch teilweise von etlichen prominenten Lyrikern gemacht.

    Wie ich schon schrieb, sehe ich minirilkes Gedicht als künstlerisches Indiz für heutige Lebensverhältnisse, und die Tendenz für diese Art Lyrik hat sich noch nicht abgeschwächt,
    sondern wird wahrscheinlich im Gegenteil sich noch weiter verstärken, parallel zur Abwärtsentwicklung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse.

    Gruß, Elektra

  6. #6
    sarna Guest
    Hallo minirilke,

    wie ich es erkenne, versucht das LI in deinem Gedicht sich an das zu erinnern, wie die Menschen früher waren. Doch er kann selbst diese Erinnerung nicht richtig greifen, das es anscheinend ihm bereits so unwirklich vorkommt.. Er findet nicht mal entsprechende Worte dafür, um es zu beschreiben - als ob sie mittlerweile aus dem Gebrauch verschwunden wären, als ob sie nicht mehr gebraucht wären, weil das, was sie aussagen, schon lange nicht mehr vorkommt.
    Deshalb zeigt mir diseses Gedicht ein Bild der Sprache, die nach dem Aussterben der Worte, die Menschlichkeit ausdrücken, entstehen kann, einer Sprache, die sich nur vage und unbeholfen daran erinnert, dass früher etwas gewesen ist, was an Menschen gut war..

    Es ist ein Bild, das mich beunruhigt, das mich auch bedrückt und traurig stimmt, deshalb passt für mich dein Gedicht in diese Kategorie, die du gewählt hast. Es war auch mir nicht leicht, mich darauf einzulassen und es verlangte von mir eine gewisse Überwindung, die ich aber jetzt nicht bereue. Ich vermute, auf diese Weise sollte es wahrscheinlich mit seinem Inhalt und Sprache auch wirken.

    L.G. sarna
    Geändert von sarna (31.08.2013 um 17:48 Uhr)

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