1. #1
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    Schiller - Kassandra

    Friedrich von Schiller

    Kassandra

    1. Freude war in Troja’s Hallen,
    Eh’ die hohe Veste fiel;
    Jubelhymnen hört man schallen
    In der Saiten goldnes Spiel.
    Alle Hände ruhen müde
    Von dem tränenvollen Streit,
    Weil der herrliche Pelide
    Priams schöne Tochter freit.

    2. Und geschmückt mit Lorbeerreisern,
    Festlich wallet Schar auf Schar
    Nach der Götter heil’gen Häusern,
    Zu des Thymbriers Altar.
    Dumpferbrausend durch die Gassen
    Wälzt sich die bacchant’sche Lust,
    Und in ihrem Schmerz verlassen
    War nur eine traur’ge Brust.

    3. Freudlos in der Freude Fülle,
    Ungesellig und allein,
    Wandelte Kassandra stille
    In Apollo’s Lorbeerhain.
    In des Waldes tiefste Gründe
    Flüchtete die Seherin,
    Und sie warf die Priesterbinde
    Zu der Erde zürnend hin:

    4. „Alles ist der Freude offen,
    Alle Herzen sind beglückt,
    Und die alten Eltern hoffen,
    Und die Schwester steht geschmückt.
    Ich allein muß einsam trauern,
    Denn mich flieht der süße Wahn;
    Und geflügelt diesen Mauern
    Seh’ ich das Verderben nahn.


    Zur Einstimmung und aus Platzgründen hier erst einmal die ersten vier von insgesamt 16 Versen. Das vollständige Gedicht findet Ihr unter folgendem Link.

    Kassandra ! - , welcher User denkt da nicht zuerst an die Bearbeitung dieses Themas durch die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf – auch ohne ihren Roman (1983) gelesen zu haben? Schillers Rollengedicht aus dem Jahre 1802 scheint mir heutzutage in Vergessenheit geraten zu sein; – leider!

    Um ihre eigene „patriarchatskritische“ Anschauung von Kassandra hervorzuheben, setzt sie sich schroff von Schillers Verständnis der mythologischen Frauenfigur ab. Sie wirft seiner „Kassandra-Auffassung“ eine „kaum übertreffbare Biederkeit“ vor. Diese ist vor allem darin begründet, daß Schillers Kassandra angesichts der Heirat ihrer Schwester über die ihr verwehrten Möglichkeiten von Liebe, Ehe und gemeinsamem Wohnen nachdenkt (Strophen 12 – 14).

    Besser als großen Dichtern vorzuwerfen, nicht so gedacht zu haben wie man selbst, ist es allemal, sich auf deren besondere Sicht der Dinge einzulassen. Allein auf diese Weise kann man von ihnen lernen. Christa Wolf läßt sich nicht auf Schillers humanistisches Verständnis von Kassandra ein, täte sie dies unvoreingenommen, sie würde rasch feststellen, daß die in dem Gedicht behandelte Frage nicht geschlechtsspezifisch ist; „Kassandra“ könnte genauso gut auch ein Mann sein, das Problem wäre im Wesentlichen dasselbe.

    Schillers Anliegen ist es, den Menschen durch Humanismus aufzuklären und zu bilden. Was er in seiner 1784 in Mannheim gehaltenen Rede über die Die Schaubühne zu Sinn und Möglichkeiten des Theaters sagt, gilt zugleich auch für dieses Gedicht.

    Der Mensch wird zum Menschen, indem er Menschen versteht. Um ihm dies zu gestatten oder auch um dieses Verständnis zu fördern, „versteht“ der Dichter eine historische oder mythische Gestalt in ihren Gedanken und Handlungen und zwar so, indem er sich kraft seiner Einbildungskraft in die Lebensumstände dieser besondere Persönlichkeit hineinversetzt. Daraus kann eine Idee über das (höhere) Menschsein entstehen. In Gedicht oder Drama stellt der Dichter eine solche Idee dann so dar, daß sie für den Zuschauer oder Leser verstehbar und für seine Entwicklung zum (humanistischen) Menschen von Nutzen ist.

    Die Idee, die Schiller in Kassandra behandelt, ist die Frage, was es als Mensch bedeutet, die Zukunft zu wissen und sie voraussagen zu können. Sein Fazit zu dieser Frage lautet:

    Nur der Irrtum ist das Leben,
    Und das Wissen ist der Tod. (8)
    Diejenigen User, die sich schon mit griechischer Mythologie beschäftigt haben, werden sich erinnern, daß Kassandra die traumhaft schöne Tochter des trojanischen Königs Priamus und seiner Frau Hekabe ist. Der Gott Apoll verliebt sich in sie, möchte eine Liebesnacht mit ihr verbringen und schenkt ihr als Zeichen seiner Zuneigung die Gabe, die Zukunft voraussehen zu können. Kassandra stößt den Gott in seinem Werben jedoch zurück, und da er, wenngleich gekränkt, sein Geschenk nicht mehr zurücknehmen kann, verflucht er dieses, indem er verfügt, daß niemand Kassandras Weissagungen Glauben schenken solle. So wird die Seherin von den Trojanern ignoriert und höhnisch verlacht, als sie warnend den nahen Untergang der gewaltigen Feste prophezeit.

    Und sie schelten meine Klagen,
    Und sie höhnen meinen Schmerz .. (6)
    Wahrend es in dem Mythos zuerst so aussieht, als sei die Sehergabe etwas Gutes, die Ignoranz der Trojer hingegen etwas Schlechtes, sieht Schiller in beiden ein großes Unglück. Gleichgültig, ob Kassandra nun geglaubt wird oder nicht, das Wissen des Kommenden allein schon ist ein Unheil. Und indem wir Kassandra so in ihrem Leid begreifen, empfinden wir „Sympathie“ für sie, geht uns ihr Schicksal zu Herzen.

    In den ersten drei Strophen der Ballade schildert uns ein allwissender Erzähler die freudigen Umstände der so nahe vor der Zerstörung stehenden Feste Troja. Polyxena, „Priams schöne Tochter“ und zugleich auch Kassandras Schwester, ist gerade dabei, den griechischen Helden Achill, den „herrlichen Peliden“ (1), zu heiraten. Durch diese Verbindung wäre für Troja der Frieden nach den langjährigen Kriegshandlungen endlich gesichert; und so begeistert sich das Volk ausgelassen über das, was wir heutzutage eine „Traumhochzeit“ nennen würden. Da Kassandra nicht nur den in der letzten Strophe vom Erzähler angedeuteten Ausgang bereits voraussieht, sondern auch den ganzen Untergang Trojas, kann sie sich nicht mit den anderen freuen und wandelt deshalb traurig zu Apollos Hain, um mit dem Gott und ihrem Schicksal zu hadern.

    Warum gabst du mir zu sehen,
    Was ich doch nicht ändern kann?
    Das Verhängte muß geschehen,
    Das Gefürchtete muß nahn. (7)
    Ein Seher, der Unheil voraussieht, ohne es abwenden zu können, fristet ein leidvolles Dasein, denn dieses fatale Wissen zerstört alle Lebensfreude. Aus diesem Grunde bittet die in Apollos Lorbeerhain wandelnde Priesterin den Gott, sein „falsch Geschenk" zurückzunehmen.

    Meine Blindheit gib mir wieder
    Und den fröhlich dunklen Sinn!
    Nimmer sang ich freudge Lieder,
    seit ich deine Stimme bin.
    Zukunft hast du mir gegeben,
    doch du nahmst den Augenblick,
    Nahmst der Stunde fröhlich Leben –
    Nimm dein falsch Geschenk zurück. (9)
    Die Sehergabe vergiftete Kassandras Leben schon seit langem; sie konnte sich weder ihrer Jugend noch auch der Blütezeit des Frühlings erfreuen.

    Meine Jugend war nur Weinen (10)

    Mir erscheint der Lenz vergebens,
    Der die Erde festlich schmückt; (11)
    Kassandras Schwester Polyxena sind durch die bevorstehende Heirat mit Achill einige Stunden höchsten Glücks beschieden, allein weil sie von ihrem bevorstehenden Unheil nichts ahnt.

    Selig preis’ ich Polyxenen
    In des Herzens trunknen Wahn,
    Denn den Besten der Hellenen
    Hofft sie bräutlich zu umfah’n. (12)
    Der Schwester Glück: nichts als ein „trunkner Wahn“! Und dennoch – es ist doch in beneidenswerter Weise so viel mehr als Kassandras fortwährender nagender Kummer und lähmende Sorge. Diese gehen einher mit schrecklichen Träumen und Gesichten, die ihr Proserpina, die Göttin der Unterwelt, direkt aus dem Reich des Todes schickt. Aus diesem Grunde kann sie sich auch nicht vorstellen, glücklich mit einem Mann ihres Herzens (13) zusammenzuleben.

    Ihre bleichen Larven alle
    Sendet mir Proserpina;
    Wo ich wandre, wo ich walle,
    Stehen mir die Geister da.
    In der Jugend frohe Spiele
    Drängen sie sich grausend ein,
    Ein entsetzliches Gewühle!
    Nimmer kann ich fröhlich sein. (14)
    Nach der Zerstörung Trojas flüchtet sich Kassandra in den Tempel der Athene und wird dort von Ajax vergewaltigt. Der Heerführer Agamemnon nimmt sie als Sklavin mit nach Mykene. Seine Frau Klytämnestra zusammen mit ihrem Geliebten Aigistos erdolchen ihn alsbald im Bad, und Kassandra, die prophezeiend um diese Untat wußte, wird aus der Hand der Königin dasselbe Schicksal zuteil.

    Und den Mordstahl seh’ ich blinken
    Und das Mörderauge glühn;
    Nicht zur Rechten, nicht zur Linken
    Kann ich vor dem Schrecknis fliehn;
    Nicht die Blicke darf ich wenden,
    Wissend, schauend, unverwandt
    Muß ich mein Geschick vollenden,
    Fallen in dem fremden Land. (15)
    Schrecklich ist es, angesichts eines drohenden unabwendbaren Unheils zu leben; Schiller konnte sich das in der Gestalt der Kassandra gut vorstellen; und indem er sie uns über ihre Lebensumstände und Gefühle berichten läßt, wird sie für uns menschlich, fühlen wir mit ihr, ist sie uns nahe. Dabei stellt sich uns auch unversehens die Frage, ob es sich mit der Wahrheit vor Augen überhaupt leben läßt?

    Wer erfreute sich des Lebens,
    Wer in seine Tiefen blickt? (11)

    Nur der Irrtum ist das Leben
    Und die Wahrheit ist der Tod. (8)
    Leben wir alle im „Wahn“ einer heilen Welt und sind allein deshalb unbeschwert und hoffnungsfroh? Wüßten wir schon, was uns erwartet, wäre unser Leben überhaupt noch erträglich? Sollte man einem unheilbar Kranken seine fatale Diagnose mitteilen, so daß ihm die noch verbleibende Zeit zum Alptraum wird? Kann man ihm andererseits die Wahrheit einfach verschweigen, ihn belügen? Ist angesichts einer drohenden Katastrophe überhaupt noch eine optimistische Lebensplanung möglich?

    Christa Wolf wirft in ihren Frankfurter Poetik-Lesungen Schillers „Kassandra-Auffassung“ eine „landläufig-spießige Abscheu gegen Größe, besonders Größe bei einer Frau“ vor, ein Vorwurf, den ich nicht verstehen kann, denn eine antike tragische Gestalt findet ihre Größe, indem sie das ihr zugedachte unabwendbare Schicksal würdig trägt; dies tut Schillers Kassandra zweifelsohne. Wenn sie uns in Apollos stillem Hain in einem Monolog an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben läßt, so schmälert dies in nichts ihre Größe. Für Christa Wolf besteht „Größe“ wohl vor allem darin, sich als unabhängige Frau innerhalb „patriachalischer Machtstrukturen“ zu behaupten. Im Grunde wirft sie Schiller vor, kein „Feminist" gewesen zu sein.

    Vergleichbar mit der Vernichtung Trojas ist für uns Deutsche wohl die desaströse Zerstörung unseres Landes im Zweiten Weltkrieg. Und dabei gibt es wie in der griechischen Mythologie jemanden, der diese Katastrophe sowohl in seiner Unabwendbarkeit als auch in ihrem schrecklichen Ausmaß Jahre zuvor bereits vorausgesagt hat; eine männliche Kassandra sozusagen. Ich spreche von dem deutschen Außenminister der Weimarer Republik, von Walther Rathenau.

    In seinem Werk „Nach der Flut“ (1919) schrieb er:

    „Wir werden vernichtet, wissend und sehend, von Wissenden und Sehenden. Nicht wie dumpfe Völker des Altertums, die ahnungslos und stumpf in die Verbannung geführt wurden, nicht von fanatischen Götzendienern, die einen Moloch zu verherrlichen glauben.

    Wir werden vernichtet von Brudervölkern europäischen Blutes, die sich zu Gott und Christus bekennen, deren Leben und Verfassung auf Sittlichkeit beruht, die sich auf Menschlichkeit, Ritterlichkeit und Zivilisation berufen, die um vergossenes Menschenblut trauern, die den Frieden der Gerechtigkeit und den Völkerbund verkünden, die die Verantwortung für das Schicksal des Erdkreises tragen. Wehe dem und seiner Seele, der es wagt, dieses Blutgericht Gerechtigkeit zu nennen. Habt den Mut, sprecht es aus, nennt es bei seinem Namen; es heißt Rache ...“.
    Ist es nicht bemerkenswert? Kaum war der Waffenstillstand in Paris geschlossen, wurden in gewissen Kreisen bereits „Rachepläne“ geschmiedet. Ich glaube dabei nicht, daß Rathenau seine Vision eines totalen Krieges gegen die deutsche Zivilbevölkerung gleich der mythischen Kassandra einer „göttlichen“ Eingebung verdankt, es wird sich vielmehr um ein „Leak“ von „Insiderinformationen“ gehandelt haben. Was mich in diesem Zusammenhang nun bewegt, ist weniger die Frage wie Rathenau zu den Informationen gekommen ist, als die, wie er mit dieser schrecklichen Vision gelebt haben mag. Schillers "Kassandra" kann uns dazu anregen, uns dies vorzustellen.

    Am 24. Juni 1922 fällt Rathenau in Berlin einem Attentat zum Opfer.


    Mit lieben Grüßen an alle Schillerfreunde

    Friedrich

  2. #2
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    Schiller und Wolf trennt doch mehr als das gemeinsame Thema. Gesellschaftlich Troja und die DDR zu vergleichen, mag wohl selbst in Schillers bzw. Wolfs kühnsten Träumen unerreichbar bleiben, da die alltagserfahrungen von beiden privilegierter Natur ist. Beide haben sich bloß schwanger genug ausgedrückt, um nicht sofort widerlegt werden zu können. Und mit der Zeit schwand dann das Intuitionsmoment in den Irrtum des Lebens oder das Wissen des Todes.

    LG RS
    Der Roman: "Verballistik"
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  3. #3
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    Hallo Robert Schulz,

    vielen Dank, daß Du mich mit einem Kommentar beehrst; allerdings kann ich damit offen gestanden nicht viel anfangen.

    Gesellschaftlich Troja und die DDR zu vergleichen, mag wohl selbst in Schillers bzw. Wolfs kühnsten Träumen unerreichbar bleiben, da die alltagserfahrungen von beiden privilegierter Natur ist.
    Wer vergleicht denn Troja mit der DDR? Warum soll solches zu der beiden "kühnsten Träumen" gehören? Schiller konnte von einer DDR doch noch gar nichts wissen. Warum sollten "Gesellschaften" gleichwelcher Art nicht miteinander vergleichen werden können, weil die Alltagserfahrungen des Dichters oder Wissenschaftlers "privilegierter Natur" sind?

    Wie drückt man sich eigentlich "schwanger" aus?

    Und mit der Zeit schwand dann das Intuitionsmoment in den Irrtum des Lebens oder das Wissen des Todes.
    Soll das heißen, daß nachlassende Kreativität (Intuition) bei Schiller zu seinem Kassandra-Gedicht geführt habe? Die Qualität des Gedichts allein beweist doch das Gegenteil?

    Der Satz "Nur der Irrtum ist das Leben" trifft für Kassandra doch zu? Das "Wissen vom Tod" ist uns doch allen eigen; was uns von Kassandra unterscheidet, ist, daß wir den Zeitpunkt und die Umstände unseres Todes und den der anderen nicht kennen. Wenn wir uns jedoch vorstellten, wir wüßten sie, kämen wir Schillers Verständnis von Kassandra bestimmt näher.

    Mit liebem Gruß

    Friedrich

  4. #4
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    Das schwindende Intuitionsmoment bedeutet für mich, dass jeder Kommentar das Ursprungswerk verwässert und einem Dichter das Lob wohl am egalsten ist, dass ihn als Meister darstellt, wo das Thema nur seiner Herzlichkeit zu verdanken ist, sprich die persönliche Anteilnahme aufgrund vergleichbarer Situationen symbolisiert, weil Schiller auch etwas sah, das DDR-gleiche Züge getragen haben könnte, wonach ihn aber niemand mehr fragen kann. Generell hat die deutsche Geschichte meines Erachtens nach Menetekelcharakter und Schiller hat sich diesem Thema deshalb so ausgiebig zugewandt, was bei Christa Wolf eher andersrum gewesen sein dürfte. Ihr kam nur das Symbol zupass, um Kritik zu üben, an dem was bereits da war. Untergang ohne Drohung, sozusagen quintessentiell. Darin liegt auch der Unterschied in der thematischen Bearbeitung dieses klassischen Stoffes.

    LG RS

    LG RS
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  5. #5
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    Hallo Robert Schulz,

    Deine Erklärung zu Deinem Kommentar hat für mich die Sache nicht gerade vertständlicher gemacht.

    Das schwindende Intuitionsmoment bedeutet für mich, dass jeder Kommentar das Ursprungswerk verwässert
    Soll das bedeuten, daß mein "Kommentar" oder meine Interpretation Schillers Kassandra "verwässert"? Mir geht es darum, daß User durch meinen "Kommentar" auf dieses Gedicht aufmerksam werden, es sich in voller Länge zu Gemüte führen und so aus ihm lernen - sowohl inhaltlich als auch praktisch. Meine Interpretation: eine Art und Weise, mit dem Gedicht umzugehen und von ihm zu lernen; möglicherweise als Beispiel für andere an Gedichten Interessierte.

    Oder soll der Satz bedeuten, daß Schillers Gedicht als ein "Kommentar" an dem antiken Kassandra-Mythos aufzufassen ist, so daß er das Wesen, die Essenz desselben "verwässert"? Weil dem Dichter selbst nichts Eigenes mehr einfällt, vergreift er sich an alten Stoffen und schadet ihnen, weil er den ursprünglichen Geist derselben abschwächt?

    Wenn dem so sein sollte, dann hätte auch Shakespeare keine "Intuition" gehabt, denn fast alle seine Werke haben historische Vorlagen. Ich denke, die "Intuition" liegt gerade darin, diese "alten" Stoffen wieder zu neuem Leben zu erwecken, in ihnen einen neuen Sinn zu entdecken. Ein gutes Beispiel hierfür ist Schillers Bearbeitung der alten Vorlage in seiner Ballade "Die Bürgschaft".

    Für Schiller war gerade der Rückgang zur Antike ein Quell der Inspiration, ein neuer Anfang unserer Kultur, auf den er besonders stolz war. Siehe z.B. "An die Freunde"

    und (daß) einem Dichter das Lob wohl am egalsten ist, das(s) ihn als Meister darstellt, wo (?) das Thema nur seiner Herzlichkeit zu verdanken ist
    Abgesehen davon, daß man "egal" sprachlogisch nicht steigern kann, verstehe ich die ganze Aussage nicht.

    Generell hat die deutsche Geschichte meines Erachtens nach Menetekelcharakter und Schiller hat sich diesem Thema deshalb so ausgiebig zugewandt
    Ob Schiller so gedacht hat, weiß ich nicht zu sagen. Sicherlich jedoch hat ihn die französische Geschichte, insbesondere der Verlauf der noch jungen französischen Revolution geschockt, aus welchem Grund er auch sein weltberühmtes Gedicht Das Lied von der Glocke geschrieben hat.

    Den Bezug zu Christa Wolfs Kassandra habe ich eigentlich nur deswegen in meine Interpretation aufgenommen, um ihre (feministische) Kritik an Schiller zu entkräften.

    Mit lieben Grüßen

    Friedrich

  6. #6
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    Ein alter prophetischer Stoff ist doch so langweilig wie die Zeitung von gestern. Es sei denn man hat generelle Bedenken gegen die Zukunft, welche sich in diesem Vergleich durch die ganzen Klasiker quälen muss, um überhaupt noch Sternenlicht atmen zu können. Und die ganze Untergangsstimmung soll doch nur Wichtigkeit vorgaukeln um sich nicht mit der ganzen Bandbreite einer Realität zu beschäftigen die auch bei Troja nicht durch den Feuerschein symbolisiert wird, sondern den Priamos als Vater der Kassandra, wobei man die Facetten kennenlernen kann, was innerhalb der menschlichen Familie wichtig ist. Nämlich nicht das Widerkäuen sondern die Akzeptanz allen Geschehens wie man an der Rückgabe Hektors an ihn sehen kann. Botschaften zu haben, bedeutet noch gar nichts, Friedrich.

    LG RS
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  7. #7
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    Hallo Robert Schulz,

    Ein alter prophetischer Stoff ist doch so langweilig wie die Zeitung von gestern.
    Für Dich vielleicht! Die Zeitung von gestern ist doch nur für denjenigen "langweilig", der sie gestern bereits gelesen hat. Eine Zeitung aus dem Archiv kann weitaus spannender sein als die von heute. Wer sagt denn eigentlich, daß die Leute heutzutage "alte Stoffe" jeweils bis ins Detail kennen, so daß eine "Neuauflage" nichts Interessantes mehr zu bieten hätte? Zu Schillers Zeiten kannten die gebildeten Leute sich in der griechischen Mythologie besser aus als die meisten Germanistikstudenten heutzutage, von den Gymnasiasten ganz zu schweigen. Letztere mögen "alte Stoffe" langweilig finden, doch dies aus ganz anderen Gründen; vielleicht deswegen, weil sie keinen Zugang dazu finden.

    In Schillers "Kassandra" ist der Untergang Trojas bzw. die "Untergangsstimmung" weniger wichtig als die Person Kassandras, und das ist, so weit ich das beurteilen kann, etwas Neues. Wenn Kassandra auf der Bühne steht, dann sieht sie der Zuschauer von außen, das heißt als eine Figur unter anderen. In dem Gedicht erfährt der Leser, was in Kassandra vorgeht; Schiller läßt sie in Apollos Hain "Persönliches" sagen, etwas das sie in ihrer Funktion als Priesterin oder Seherin auf der Bühne nicht sagen kann. Solches "Verstehen", - und da folge ich Schiller in seiner Ansicht -, hat bildenden Wert.

    Die Lemminge rennen in Massen zur steilen Klippe und denken möglicherweise, sie seien unterwegs ins gelobte Land. Ist das nicht "süßer Wahn"? Und wenn Dir das Bild mit den Lemmingen zu blöd ist, dann fällt mir noch der Kinderkreuzzug von 1212 ein. Wie lebt es sich angesichts eines drohenden Unheils? Jemand, der den Tod vor Augen hat, den eigenen oder den von anderen, mag die Sorglosen beneiden, für andere sind diese nichts als "bétail heureux", glückliches Vieh.

    "Alter prophetischer Stoff" ist alles andere als langweilig. Er ist im Gegenteil für die Phantasie höchst anregend, und das nicht nur für den Dichter, der ihn aufgreift und neu "bearbeitet", sondern auch für den Leser, dem Vorlage und Neubearbeitung "zu denken geben".

    Botschaften zu haben, bedeutet noch gar nichts, Friedrich.
    Wenn Du das auf Schiller und seine Dichtung beziehst, dann muß ich Dir widersprechen: Botschaften zu haben, bedeutet alles, Robert Schulz!

    Mit liebem Gruß

    Friedrich

  8. #8
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    Und Sachen zu behaupten, beweist noch lange nicht, dass sie richtig sind. Aber Hauptsache man kann sein perfektes Verständnis jemandem beibringen, der noch nicht so weit ist, weil ja Bildung Opfer braucht, was an dieser ganzen Klassikmanie nur zeigt, wie einfallslos man eigentlich ist, im Erkennen des hinter dem Stück stehenden Musters, was ich versucht habe in die Diskussion einzubringen, welche du gar nicht wolltest.

    LG RS
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  9. #9
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    Hallo Robert Schulz,

    eine prompte Antwort fürwahr! Allerdings wünschte ich mir, Du würdest Dir etwas mehr Zeit nehmen und Dich klarer ausdrücken, dann müßte ich nämlich nicht so viel raten, was gemeint sein könnte.

    Und Sachen zu behaupten, beweist noch lange nicht, dass sie richtig sind.
    Wer, Schiller oder ich, behauptet welche Sachen? An sich ist der Satz ja richtig, nur ohne Bezug ist er nichtssagend.
    Aber Hauptsache man kann sein perfektes Verständnis jemandem beibringen, der noch nicht so weit ist,
    Wer ist "man"? Perfektes Verständnis wovon? Wem beibringen?

    weil ja Bildung Opfer braucht
    Verstehe ich nicht!
    was an dieser ganzen Klassikmanie nur zeigt
    Wo gibt es denn heute eine "Klassikmanie"?
    wie einfallslos man eigentlich ist, im Erkennen des hinter dem Stück stehenden Musters,
    Wer ist "man"? Du gehörst bestimmt nicht dazu.
    Im übrigen sind mir einfallsreiche "Muster 'hinter' den 'Stücken'" relativ gleichgültig, solange mir die Stücke etwas zu sagen haben, und so lange sie mich zu weiteren Einfällen anregen, zum Nachdenken bringen.
    was ich versucht habe in die Diskussion einzubringen, welche du gar nicht wolltest
    Wenn ich die "Diskussion" nicht gewollt hätte, hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, diese mit Dir zu führen.

    Man kann über Schiller, Bildung und Klassik doch durchaus verschiedener Meinung sein; warum sich nicht darüber austauschen?

    Mit liebem Gruß

    Friedrich

  10. #10
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    Stimmt man kann auf jedem Niveau rezipieren. Wie trennst du denn das Stück vom Muster? Per Definition oder darf man gewisse Sachen nicht vergleichen? An die Klarheit zu glauben ist auch ein verstecktes Vorurteil, um sich selber Respekt zuzufächeln, was jeder Dichter, auch Schiller mit seinen Werken mehr oder minder geschickt macht. Und klare Sprache ist auch ziemlich billig der alltagssprache entlehnt und untauglich für ein dichterischen Schlagabtausch, es sei denn man will mit der Tür ns Haus fallen. ansonsten wärst du mir ja kaum mit den Lemmingen gekommen, obwohl du das selber für blöd hältst.

    Wie lebt es sich angesichts eines drohenden Unheils?
    Wenn Kassandra nicht mehr Fragen aufwirft , solltest du dir klarere Texte suchen. Du kannst aber auch mal versuchen die Verzweiflung zum Stilmittel zu erheben, wie Schiller das u.a. auch bei Kassandra gemacht hat. Aber viel besser kommt das bei Thekla rüber.

    LG RS
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  11. #11
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    Hallo Robert Schulz!

    Stimmt man kann auf jedem Niveau rezipieren. Wie trennst du denn das Stück vom Muster? Per Definition oder darf man gewisse Sachen nicht vergleichen?
    Ich "rezipiere" auf meine Art und Weise und da brauche ich nicht umbedingt "Stück von Muster" zu trennen. Und dabei denke ich, daß meine Art Gedichte zu interpretieren gar nicht so schlecht ist, sie ist weder besonders akademisch noch überhaupt "professionell", gut genug jedoch, so scheint mir, daß andere davon profitieren können.

    Ich lese z.B. Schillers Gedichte und bemerke, daß mich "Kassandra" zum Denken anregt. Und weil ich seit nunmehr fünf Jahren diesem Forum angehöre, mache ich mir die Mühe, das Ergebnis meines Nachdenkens anderen gründlich und verständlich mitzuteilen. Warum gerade Schiller? - Er ist nicht der einzige, dessen Werke ich kommentiert bzw. interpretiert habe; andererseits ist er für mich der deutsche "Shakespeare", von dem man eine Menge lernen kann: inhaltlich, sprachlich und vor allem menschlich.

    Dein Kommentar zu "Kassandra" hat mich ein wenig überrascht. Ich hatte eher erwartet, daß User angeregt würden, thematisch etwas zu sagen, so zum Beispiel über "Irrtum und Wahrheit", oder über Walther Rathenau, der schon "wußte", daß Deutschland ein neuer Vernichtungskrieg ins Haus steht, noch ehe in der Welt ein Gefreiter namens Adolf Hitler bekannt war.

    Wie dem auch sei, Schiller selbst war eine Art von "Kassandra". In seinem Gedicht Das Lied von der Glocke führt er den Leuten vor Augen, was passierte, wenn es in Deutschland zu einer Revolution wie die französische von 1789 käme. Vielen Leuten erginge es dann wie den "Aufständischen" aus der Vendée, die eigentlich nichts anderes wollten, als ihren Glauben, ihre Priester und ihre damit verbundene "heile Welt" zu bewahren.

    Und trotz allem, trotz Fürstenwillkür, Revolution und Napoléon ist Schiller "Optimist" geblieben, ein leuchtendes Beispiel dafür, was Voltaire den Deutschen (Dichtern und Philosophen) in seinem Candide spöttisch vorwirft.

    Ein Grund, weshalb ich mich im Rahmen dieses Forums für unsere Sprache engagiere, ist, weil ich glaube, daß diese in ihrem Niveau wenn nicht gar in ihrem Bestand bedroht ist. Die Deutsche Sprachwelt (AUSGABE 23 - Frühling 2006) zitiert den damaligen Ministerpräsident von Baden Württemberg, Günther Oettinger, folgendermaßen:

    „Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber Englisch wird die Arbeitssprache.“ Jeder Deutsche müsse Englisch verstehen und sprechen. „Das wird die entscheidende kommunikative Aufgabe nächsten Jahres sein. Deswegen haben wir in Baden-Württemberg, ab der Grundschule, 1. Klasse, Englisch eingeführt.“
    Der deutschen Sprache wird ein Schicksal gleich dem des Elsässischen vorausgesagt, das in Straßburg schon niemand mehr öffentlich spricht und das in vielen Teilen des Elsaß schon "in Vergessenheit" geraten ist. Verschwörungstheorie? Nur kein "Kulturoptimismus"! Wenn es Geheimes hinter den Kulissen der Politik gäbe, dann hätte unsere "freie Presse" es sicher längst aufgedeckt und unsere Demokratie dem Treiben längst ein Ende gesetzt! Wie kommt ein Mann wie Oettinger, der selbst ein schauerliches Englisch spricht, dazu, solche "Prophezeiungen" zu wagen? Wie kommt es, daß ein so mittelmäßiger Mensch einen so mächtigen Kommissarsposten in Brüssel erhält? (Kommissare werden nicht demokratisch gewählt, sondern "ernannt"!) Allerdings würde ich Oettinger nicht im vollen Sinne eine "Kassandra" nennen, da ihm der Untergang unserer Sprache - und damit auch unserer Kultur - nicht zu Herzen geht; er leidet nicht darunter.

    Doch gleichviel! Die Aufgabe, etwas für seine geliebte Sprache zu tun, bleibt - ob man "Unkenrufen" nun glaubt oder nicht - dieselbe: Jeder sollte sich seine Sprache bestmöglichst aneignen und gebrauchen und sie damit am Leben erhalten. Möglicherweise kann er auch einen kreativen Beitrag zu ihrer Förderung liefern. Dieses Forum ist ein guter Rahmen dafür; und wenn ich zeige, daß man bei den "alten Meistern" etwas lernen kann, dann geschieht dies auch aus diesem Grunde.

    Mit liebem Gruß

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (08.09.2013 um 22:25 Uhr)

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